Interview mit Atef Abu Saif
Interview mit Atef Abu SaifAtef Abu Saif wurde bereits zwei Mal nach Manchester eingeladen, einmal im Januar 2009 zur Teilnahme an einem Workshop mit dem Titel Kunst & Konflikt, der von Literature Across Frontiers als Teil des Projekts Cross Border Art organisiert wurde (weitere Informationen finden Sie unter: www.lit-across-frontiers.org), und das zweite Mal für einem Auftritt mit Bernard McLaverty beim Manchester Literature Festival. Beim ersten Mal wurde ihm das Visum aufgrund der britischen Visumsbestimmungen für Künstler und Akademiker verwehrt (siehe auch Manifesto Club Campaign), beim zweiten Mal wurde er daran gehindert, Gaza zu verlassen, da er im Anschluss ein Stipendium in den USA antreten wollte.
Anmerkung
von Alice Guthrie:
Kreatives
Arbeiten in Palästina – zu diesem Thema entwarf Mahmoud Darwish
sein berühmtes Bild von den „Gefangenen, die in ihrem Gefängnishof
Blumen ziehen“; Somaya El Sousi, die Verfasserin von Gedichten und
Kurzgeschichten aus Gaza, deren Texte wir in dieser Ausgabe von
Transcript
vorstellen,
spricht über Menschen, die auf der „irrsinnigen“ Suche nach
einer „magischen Lösung“ zum Schreiben kommen. Atef Abu Saif
erzählte mir kürzlich, dass viele junge Palästinenser sich just
dann mit dem kreativem Schreiben beschäftigen, wenn die Lage am
schlechtesten ist, und als Nicht-Palestinenserin fasziniert mich
diese kreative Antwort auf Gewalt und Traumata. Mit größter
Verwunderung sehe ich, dass Menschen angesichts der Probleme, mit
denen sie in allen Lebensbereichen zu kämpfen haben, überhaupt
irgendetwas zu Papier bringen können. Ich hatte mich sehr darauf
gefreut, Atef zusammen mit Bernard MacLaverty im Rahmen des
Manchester Literature Festival über dieses Phänomen
und viele andere Aspekte seiner kreativen Arbeit zu befragen. Wie
vorherzusehen war, durfte er Gaza für diese Veranstaltung
bedauerlicherweise nicht verlassen. Allerdings konnte Atef auf
wunderbare Weise trotz der technisch
buchstäblich schlechtesten Bedingungen der Welt (in Gaza ist der
Anteil an Haushalten mit Stromversorgung geringer als in jeder
anderen Stadt) das folgende Interview mit uns aufzeichnen.
Interview mit Atef Abu Saif bei Youtube (1. Teil, in englischer Sprache)
Interview mit Atef Abu Saif bei Youtube (2. Teil, in englischer Sprache)
Lesung: "An Exclusive Morning" von Atef Abu Saif (in englischer Sprache)
Lesung: "The Portrait Years" von Atef Abu Saif (in englischer Sprache)
Diese Aufzeichnungen entstanden mit der Unterstützung von Literature Across Frontiers im Auftrag des Manchester Literature Festivals, in dessen Rahmen sie im Oktober 2009 der Öffentlichkeit präsentiert wurden.
Atef Abu Saif im Interview mit Alice Guthrie, aufgenommen im Medienzentrum von Gaza Stadt, spät in der Nacht des 22. Oktober 2009, einem Dienstag, während einem der kurzen und seltenen Momente mit Strom in dieser Woche. Unser Dank gilt der Pal Media Company für die Bereitstellung der Technik, Samir Bougie für die filmische Aufzeichnung und Ibrahim Abu Seif für das stundenlange nächtliche Hochladen der Videos zum Versand nach Großbritannien.
Wir bedauern sehr, dass Sie nicht hier bei uns in Manchester sind. Können Sie uns erklären, warum sie momentan in Gaza festsitzen?
Hallo. Hier ist Atef Abu Saif – in Gaza, immer noch. Es tut mir Leid, dass ich nicht bei Ihnen in Manchester sein kann. Ich durfte Gaza nicht verlassen, weil wir uns im Belagerungszustand befinden: die Grenzen sind zu, und ich komme aus dem Streifen nicht heraus. Ich hoffe, dass ich ein andermal zu euch kommen kann, aber die Ausreise aus Gaza ist schwierig. Es ist ein Wunder, wenn man Gaza in der aktuellen Lage verlassen kann, da muss sich in diesem heiligen Land schon Gott selber einmischen... was bei mir aber nicht passiert ist.
Sie sind der Autor von Belletristik und von Essays. Sie sind Journalist. Sie dozieren kreatives Schreiben und Politikwissenschaften, auf Arabisch und auf Englisch, und Sie haben nebenher eine kleine Familie. Wie bekommen Sie alle diese Dinge unter einen Hut? Und warum verfolgen Sie parallel mehrere intellektuelle Laufbahnen?
Ja,
es stimmt, ich schreibe Romane und Geschichten, arbeite gleichzeitig
als Journalist und unterrichte außerdem Politikwissenschaften und
kreatives Schreiben an der Universität hier in Gaza... Ach, wissen
Sie, diese vielen Pfade sind wohl mein persönlicher Versuch, mich
selbst zu finden – denn es geht hier in dieser Konfliktzone vor
allem darum, sich selbst zu finden. Ich wollte von Anfang an
schreiben, zu schreiben war eine Art Botschaft an mich und steht in
starkem Zusammenhang mit meiner eingenen politischen und persönlichen
Geschichte, meiner Familiengeschichte... ich wollte schon schreiben
als ich noch klein war und die Geschichten meiner Großmutter hörte,
wenn sie aus ihrer Kindheit in Jaffa erzählte, aus der Zeit vor dem
Krieg von 1948, und wie sie gezwungen war, diese schöne Stadt zu
verlassen und in einem Flüchtlingslager zu leben – ich wollte
diesen Schmerz einfach irgendwie erfassen. Und ich glaube, dieser
Schmerz ist immer noch da – also meine Großmutter starb zwar vor
15 Jahren, und doch ist der Schmerz noch da, umgibt mich im
Flüchtlingslager, in der Stadt, hier draußen in Gaza, falls Sie die
Stadt hinter mir sehen können... Also ich glaube, ich wollte diesen
Schmerz zum Ausdruck bringen – ohne zu wissen, ob mir das gelungen
ist, aber wenigstens habe ich es probiert!
Als
ich zur Universität gehen wollte, hatte ich nicht vor, Literatur zu
studieren, denn meine wichtigste Lehrerin in Literatur war meine
Großmutter Aisha, glaube ich: Sie war großartig im Erzählen von
Geschichten, und ich hoffe, dass ich am Ende meines Lebens auch so
erzählen kann, wie sie... und als ich nach etwas suchte, von dem ich
leben könnte, einfach irgendwie überleben, da studierte ich
Politikwissenschaften, denn das war etwas, das ich mochte und für
das ich mich interessierte. Es stimmt was Aristoteles sagt, der
Mensch ist ein politisches Tier – aber in Gaza ist alles politisch,
glauben Sie mir! Sogar die Esel und die Hunde sind politisch, denn
wir leben in einer hochgradig politisierten Gesellschaft und Region
im allgemeinen – natürlich geht es da nicht allein um Gaza. Wenn
ich meine Studenten unterrichte, versuche ich ihnen beizubringen, wie
das Leben besser sein kann, verstehen Sie, denn die Menschen in Gaza
sind deprimiert und haben keine Hoffnung mehr. Sie haben viele
Probleme, Probleme an Brot zu kommen, Probleme ausreichend Gas zum
Kochen zu haben, irgendwie Strom zu beziehen – das ist wirklich
jeden Tag ein Problem ... doch ich glaube immer noch, dass wir den
Menschen immer noch die Botschaft übermitteln können, sogar meinen
Studenten, dass trotz all dieser Konflikte das Leben lebenswert ist,
dass wir immer irgendwie durchkommen.
Wie Sie schon sagten, Sie haben nur selten Strom, sehr schlechte Telefonverbindungen, überall Straßensperren, allerlei logistische Schwierigkeiten, ganz zu schweigen von der Gewalt und den Gefahren, die Sie umgeben. Wie schaffen Sie es, mit der äußerst beschränkten technischen und logistischen Ausstattung, alle diese verschiedenen Dinge zu tun?
Ja, wissen Sie, in Gaza ist man froh, wenn man mal 24 Stunden am Stück Strom hat! (lacht). Und mit noch mehr Glück gibt es sogar eine Telefonverbindung, ein wenig Empfang mit dem Mobiltelefon und eine funktionierende Internetverbindung – Ich glaube nichts in Gaza funktioniert, alles ist marode, man kann sich auf nichts verlassen, man kann nicht sagen, morgen werde ich das tun und übermorgen das... man kann auch nichts versprechen zu tun... und was mich betrifft, mich persönlich, wenn ich Seminare vorbereiten muss, Zeitungsartikel zu schreiben habe, an meinem Buch arbeiten und gleichzeitig Emails beantworten muss usw... dann fühle ich mich vom Rest der Welt abgeschnitten: In Gaza leben ist wie hinter dem Monde leben, man fühlt sich abgeschnitten, aber gleichzeitig hat man auch keine andere Wahl: Man muss weiterleben, denn ich muss meine Kinder ernähren und manchmal muss ich Seminare für meine Studenten vorbereiten und muss meinen wöchentlichen Artikel schreiben und mich um das politische Magazin kümmern, das ich herausgebe. Tja, manchmal braucht man in Gaza ein Wunder, aber ich glaube nicht an Wunder, da bleibt einem nur der eigene Antrieb, und ich glaube, es ist einfach eine Frage, wie man sein Leben organisiert, aber manchmal ist es schwierig und manchmal, glauben Sie mir, bin ich sehr deprimiert. Beispielsweise durfte ich Gaza seit drei Jahren nicht verlassen. Ich wurde 17 Mal eingeladen, aus Gaza rauszukommen, und heute hätte ich eigentlich in Manchester sein sollen und hätte dann einen Stipendienaufenthalt an der Brown University in den USA anschließen können, ein Autorenstipendium, und ich durfte es nicht. Ich fühle mich wie in einem Gefängnis. Ich meinte einmal zu meinem Freund Mohammed, Gaza sei ein einziges großes Gefängnis. Er sagte darauf, ein Gefängnis ist und bleibt ein Gefängnis, egal wie groß oder klein es ist. Und er hatte Recht, denn nur weil es ein 350 km langes Gefängnis ist, ist es immer noch ein Gefängnis, und man kann nicht raus!
Wir sprachen kürzlich über die Sitzblokaden der Familienangehörigen von Gefangenen, die sich jeden Montag Morgen vor dem Roten Kreuz einfinden, wie Sie es in Ihrer Geschichte The Portrait Years beschreiben, und Sie erwähnten dabei den Begriff der „hoffnungslosen Hoffnung“. Könnten Sie diese besondere palästinensische Dichotomie etwas genauer erklären?
Ja. Das ist schon seit 1949 so, mein ganzes Leben lang habe ich sie dort sitzen sehen: Die Familienangehörigen der Gefangenen sitzen vor dem Hauptquartier des Roten Kreuzes in Gaza Stadt – diese alten Frauen mit den Fotos ihrer Kinder, alles Gefangene natürlich – und sie sind wirklich jede Woche da! Jeden Montag von 10 bis 11 Uhr sieht man dieselben Gesichter... die Zeit vergeht, und die Gesichter werden älter, aber sie haben immer noch die Hoffnung, dass ihre Kinder (für sie sind es natürlich noch Kinder) eines Tages frei kommen werden. Und sie demonstrieren gegen die israelischen Inhaftierungen ihrer Kinder und gegen das Besuchsverbot – einige von ihnen haben ihre Kinder seit 10 Jahren nicht gesehen... Diese Fähigkeit zu Hoffen fasziniert mich: egal wie deutlich es ist, dass das Rote Kreuz ihre Kinder nicht befreien wird, egal wie deutlich es ist, dass ihre Kinder durch die Friedensabkommen nicht freikommen, oder dass sie ihre Kinder auch durch Demonstrationen und Sitzblokaden nicht frei bekommen – haben sie trotzdem noch immer diese Hoffnung. Das nenne ich die „hoffnungslose Hoffnung“: dabei handelt es sich gar nicht so sehr um eine Dichotomie, sondern vielmehr um die Fähigkeit zu hoffen, auch wenn es keine Hoffnung gibt.
In Ihrer Geschichte An Exclusive Morning beschäftigen Sie sich auf satirische Weise mit der beleidigenden Art, wie in den Medien über das regelmäßige Gemetzel in Gaza berichtet wird. Sie nannten das kürzlich ein „Ausschlachten“ des persönlichen Leids der Menschen. Wie funktioniert das Ihrer Meinung nach? Was ist die Haltung der internationalen Medien gegenüber dem persönlichen Leid, das ihre Landsleute vor den Augen der Öffentlichkeit durchleben? Wie könnte die Medienberichterstattung verbessert werden, angemessener und wahrheitsgetreuer sein und auf die Leute in Gaza nicht so zudringlich und voyeuristisch wirken?
In der Geschichte An Exclusive Morning untersuche ich die Art und Weise, wie die Medien über die Ereignisse in Gaza berichten. Wie Sie schon sagten, neigen die Medien normalerweise dazu, das persönliche Leid der Leute hier auszuschlachten. Ich weiß noch, wie ein befreundeter Journalist mir einmal sagte – wir saßen übrigens hier, im Mediengebäude von Gaza – und er sagte mir „Stell dir vor, eine Rakete kommt und schlägt in das Gebäude da drüben ein“ – und zeigte dabei auf ein entferntes Gebäude, das wir von hier aus sehen konnten – „Und dann stell dir vor, ich wäre der, der das Foto knipst, exklusiv.“ Er hatte keinen Sinn mehr für die vielen hundert Menschen, die sterben würden, er dachte nur noch an seine Berichterstattung! Und ich glaube, die Art und Weise, wie die Medien und Gaza zusammen funktionieren ist, dass Gaza natürlich eine Nachrichtenquelle ist, ein Ort, an dem Nachrichten gemacht werden. Ich erinnere mich an einen Freund aus der Zeit, als ich in Italien an der Uni für meine Doktorarbeit geforscht habe – der wollte von mir wissen, wie es sich anfühlt, in Gaza zu sein. Ich sagte ihm, man fühlt sich wie eine Nachrichtenmeldung auf zwei Beinen. Und in Gaza sein bedeute ja tatsächlichen in einer Nachrichtenfabrik zu sitzen. Was aber so schlimm daran ist, ist die Entmenschlichung der Menschen, die durch die Berichterstattung entstehen kann. Wenn ich mir eine Nachrichtensendung über Gaza anschaue, dann wird aus meiner Sicht viel über die Politik gesprochen, viel über die Wirschaft und manchmal auch über militärische Aspekte und die Gewalt, aber es gibt nichts über das persönliche Leid der Menschen, und darüber wie das Leben hier wirklich ist – das ist die Ausgangsidee von An Exclusive Morning: Die beiden italienischen Ladys wollen, dass er schauspielert, sie haben nicht verstanden, dass er nicht so tut als ob, sondern weint, weil er Schmerz und Trauer über den Tod der kleinen Kinder aus der Nachbarschaft empfand. Und sie wollen, dass er das noch einmal wiederholt, wissen Sie, es geht also um ein Nachspielen von Trauer und Schmerz, darum, den Moment zurück zu holen, wissen Sie, also eigentlich um das Wiedererzeugen von Trauer und Schmerz, das Zurückholen des Augenblicks, und das ist eine ganz schöner Hammer, denn das ist hier keine Unterhaltungsshow, wissen Sie, Trauer ist ewas Persönliches.
Ihr eigenes Haus ist von fünf verschiedenen Minaretten umgeben, wodurch Sie in jedem Raum der Wohnung einen anderen Gebetsruf hören können. Einige Ihrer Geschichten behandeln die zunehmend klaustrophobe islamistische Präsenz im täglichen Leben Ihrer Figuren. Könnten Sie uns dazu etwas erzählen, vielleicht darüber, wie es sich mit der Anwesenheit der zionistischen Bewegung im täglichen Leben in Gaza verhält?
Ich weiß nicht, Religion gehört zu einer Gesellschaft dazu, und wenn man die Veränderungen in der palästinensischen Gesellschaft betrachtet oder von Gesellschaften in Nahost im Allgemeinen, dann gibt es eine Art Islamisierung, eine zunehmende Tendenz zur Ausübung der Religion. Da wo ich lebe – in der siebten Etage im Nasri Viertel in Gaza Stadt – stehen fünf Minarette um das Gebäude herum, und aus jedem Fenster kann ich eines sehen. Natürlich lebe ich in einer islamischen Gesellschaft, da ist es normal, dass man den Ruf zum Gebet hört, aber worauf ich hinaus will ist, dass es mir die zentrale Rolle der Religion im Nahostkonflikt ins Gedächtnis ruft; das ist also nicht auf Gaza beschränkt, in Israel ist es natürlich dasselbe, und ich glaube, das ist der Grund, warum es so schwer ist, eine Lösung zu finden, weil es so dargestellt wird, also ob es hier um den Konflikt zwischen zwei Religionen geht. Aber wenn es wirklich um die Auseinandersetzung zwischen zwei Religionen ginge, wissen Sie, dann würden zwei Götter gegeneinander kämpfen! Ich persönlich glaube, es geht um nationale Fragen. Für mich als Palästinenser ist dies ein Konflikt zwischen zwei Staaten, der bis in die Zeit meiner Großmutter Aisha zurückgeht. Und wir alle hier, von ihr bis zu meinem kleinen Sohn, waren und sind weiterhin auf der Suche nach nationaler Unabhängigkeit.
Gäbe es nicht diese lächerlichen und unmenschlichen Grenzbestimmungen, denen Sie als Bewohner von Gaza untergeordnet sind, würden Sie hier an meiner Stelle sitzen und mit Bernard MacLaverty sprechen. Er sieht das kreative Schreiben als eine Art Erwachsenenvariante des kindlichen Spielens mit der Phantasie, dem „Erfinden einer Welt, in der Leute hin- und herbewegt werden können, und bei dem man laut erzählt, was die unterschiedlichen Menschen oder Tiere gerade tun, während sie es tun“. Er hat auch gesagt, dass es für ihn vielleicht eine Möglichkeit ist, „in einer schwierigen Welt einen Sinn sehen zu können“. Können Sie da einen Zusammenhang zu Ihren eigenen Erfahrungen mit dem Schreiben herstellen?
Ich stimme ihm zu – das Schreiben ist der Versuch, in dieser komplizierten Lage einen Sinn zu sehen. Nordirland ist eine Konfliktzone und Gaza vielleicht eine noch schlimmere... Mich faszinierte vor allem die Art und Weise, wie meine Großmutter Aisha uns die Geschichten aus ihrer schönen Jugend in Jaffa erzählte, zumindest so wie sie sich daran erinnerte. Und wie sie dann gezwungen war, fortzugehen, aus Jaffa zu fliehen, zu Fuß, um den Rest ihres Lebens im Gabalia-Flüchtlingslager hier in Gaza zu verbringen. Und daher glaube ich, dass es mir vor allem darum geht, diesen Schmerz zu erfassen – zumindest in dem Roman, an dem ich gerade schreibe, über die post-Nakba-Zeit, also die Zeit nach 1948, als die Palästinenser gezwungen waren, ihr Land zu verlassen. Für mich ist das die Botschaft von Literatur: Ich will nicht die Rolle der Literatur in der Gesellschaft konzeptualisieren, aber sie spielt auf jeden Fall eine Rolle. Wenn Leute meine Geschichten lesen, oder auch die von irgendeinem anderen Schriftsteller, fragen sie als erstes „Worum geht es da?“ Weil sie ihr Leben in diesen Geschichten betrachten wollen. Und ich glaube, dass Menschen, normale Menschen, sich gerne ihr Leben, ihre eigenen Geschichten, in Geschichten anschauen. Und das ist der Grund, weshalb der Roman in einem Kontext wie hier in Palästina so eine wichtige Rolle hat, weil er einem nämlich diese Geschichten erzählen kann. Gleichzeitig ist es nicht meine Aufgabe, die Geschichte meiner Landsleute aufzuschreiben – ich bin kein Historiker, bin kein Soziologe, bin kein Politikwissenschaftler, der über das Leben der Leute schreibt – nein, eigentlich versuche ich nur, ein paar Details aus den Leben, die mich umgeben, neu darzustellen, und ich sage nicht, ich sei dem Ort, an dem ich aufwuchs, besonders loyal, aber wissen Sie, ich wurde von den Geschichten auf jeden Fall berührt. Ich hörte die Leidensgeschichten der Flüchtlinge, ihre Erinnerungen und natürlich auch ihre Träume. Ich werde sogar von den Träumen meiner Studenten tief beeindruckt und berührt. Und dann habe ich nebenher natürlich noch mein Privatleben, in dem ich unter diesem Konflikt zu leiden habe, und meine eigenen Träume: Ich darf nicht reisen, ich saß wegen dieser nationalen Angelegenheit eine Zeitlang in einem isralisischen Gefängnis, und dann ist auch noch, na ja.... mein Bruder in diesem Jahr gestorben....
In der Geschichte An Exclusive Morning, über die wir gerade sprachen, hofft der junge Palästienser, der das italienische Kamerateam begleitet, Ihre Figur Darwish dazu zu bringen, seine Trauer ein zweites Mal zu zeigen: Um dies zu erreichen, betreibt er eine Art emotionaler oder patriotischer Erpressung, indem er behauptet, es sei eine Tat für die „Sache der Palästinenser“. In ähnlicher Weise wird bei Bernard MacLaverty ein Kind in einer Geschichte dazu angehalten, seinem Vater bei einem Einbruch zu helfen, weil es heißt, dies eine „gute Sache für Irland.“ Empfinden Sie heute, oder empfanden Sie in der Vergangenheit einen vergleichbaren Druck bei ihrer Arbeit? Wie können Sie mit diesem Bewusstsein arbeiten und trotzdem in ihrer Kreativität frei sein und sich eine „Handelsspanne“ erarbeiten, wie Mahmoud Darwish es nennt, „die einem die Freiheit lässt zwischen dem Patriotischen, Politischen, Alltäglichen, Kulturellen und Literarischen“?
Es geht hier nicht um Heldentum, wissen Sie. Vielmehr soll klar werden, wie Konflikt und patriotische Gefühle auf die Figuren wirken. Es stimmt, dass meine Figur Darwish sich nicht darauf einlässt – sogar am Ende, als der junge Mann, der Journalist, all diesen Druck auf ihn ausübt – er weigert sich die Augenblicke seiner Trauer zu wiederholen oder zu schauspielern, wie er es nennt. Stattdessen sagt er ganz einfach, ich kann das nicht wiederholen, weil es etwas Persönliches ist. Aber der junge Mann versucht, ihn zu überzeugen, indem er ein heroisches Bild des Landes heraufbeschwört und die nationalistischen Reden anbringt. Dies ist eine Art Miniatur darüber, wie nationale Gefühle unser tägliches Leben beeinflussen können, ein in meinen Augen sehr wichtiges Thema. Menschen können sehr stark davon beeinflusst werden. Auch ich kann auf diese Weise bewegt werden, und es gab viele Situationen, in denen ich etwas nicht tun wollte, und mir dann jemand sagte „Es ist für Palästina“, wissen Sie. Und es stimmt, ich liebe mein Land, jeder liebt sein Land, weil wir unsere Erinnerungen lieben, unsere Eltern, unsere Familien, wir lieben den Flecken Erde, an dem wir geboren wurden, den Ort unserer Kindheit, und wir Palästinenser haben unsere unerfüllten Träume. Aber darum geht es gar nicht. Worum es geht, ist eine völlige Überhöhung des Nationalismus: Dies ist eine sehr wichtige Sache in unserem Menschendasein, weil wir unserer Nationalität sehr gerne eine überhöhte Bedeutung zuschreiben. Und ich glaube, wieder bezogen auf die Geschichte, da ist der Punkt, an dem der Schriftsteller ansetzen kann, weil man mit seiner Gesellschaft loyal sein möchte, ohne zum Politiker zu werden und ohne immer über Politik reden zu müssen! Ich möchte kein politischer Schriftsteller sein, wissen Sie, ich möchte keine Slogans schreiben oder Flugblätter entwerfen, ich möchte Geschichten schreiben, ich möchte schreiben, wie das Leben ist, und damit meine Geschichten die nötige Bodenhaftung haben, schreibe ich über das Leben auf der Straße.
Was sind die wichtigsten Dinge, die das Publikum hier tun kann, um seine Solidarität und Wut zum Ausdruck zu bringen? Was können wir für Sie tun, für die Leute in Gaza und die Palästinenser?
(lacht) Ich bin kein politischer Aktivist, der sagen wird, was die Leute tun können, um den Palästinensern zu helfen, aber ich glaube, die Palästinenser kämpfen für eine gerechte Sache, und das ist Grund genug. Die Palästinenser verlangen „kein Ding der Unmöglichkeit“, wie meine Mutter Amna immer sagte. Und das kommt in The Time of the Portrait zun Ausdruck: Sie wollte, dass ihr Kind aus dem Gefängnis kommt, wissen Sie, sie wollte nichts Unmögliches! Sie wollte einfach nur, dass ihr Kind entlassen wird, und aus diesem Grund war sie für den Frieden. Ich weiß nicht, ich werde den Leuten nicht sagen, was sie zu tun haben, aber ich glaube, dies ist eine gute Sache, und ich habe keine Antwort darauf, aber, ich glaube… die Leute wissen, was zu tun ist.



