Somaya El Sousi

Die Stadt
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© Florence Aigner
Von Somaya El Sousi Aus dem Arabischen von Jessica Siepelmeyer Deutsche Erstveröffentlichung in LISAN 9/2010 "Palästina - der Altag" www.lisan.ch

Was kann dir diese traurige, schweigende Stadt geben, die sich über das alte Meer beugt, auf dem die Zeit lastet? Sie kann dir vieles geben, wenn du es verstehst, dem Klang ihrer nächtlichen Stimme zu lauschen, die zwischen dem Rascheln der Bäume und dem Rauschen der Wellen erklingt. Doch niemand versucht, jene engelsgleiche Stimme zu vernehmen ...

In dieser zerstörten Stadt hören alle nur ihre eigenen Stimmen und sind damit beschäftigt, sich selbst zu suchen. Oft habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, wenn die Geografie nicht so intelligent wäre und der Stadt weitere Kilometer an der Küste und über ihre gegenwärtigen Grenzen hinaus gewährte. Wie sähe deine Küste aussehen, Gaza? Welche Schiffe würden dich erreichen? Wie erginge es deinen Bewohnern, die erfüllt sind von Fremdheit, Lärm und Angst?

Vielleicht hat mich die Idee, aus den Grenzen der Stadt herauszutreten, schon immer beherrscht, oder anders gesagt die Vorstellung, dass meine Stadt ohne diese Grenzen existierte, die sie so völlig isolieren. Wer die Stadt betritt, ist verloren. Wer sie verlässt, auf den wartet ein neues Leben.

Jetzt gibt es weder Hinein noch Hinaus. Eine Gefängnisstadt, die ihre Bewohner auffrisst. Alle wollen fliehen. Genauer gesagt: sie wollen nicht vor der Geografie des Ortes fliehen. Sie möchten finden, was sie verloren haben. Sie wollen ihre Freiheit zurück, die ihnen so unerwartet und unter ganz unvorstellbaren Umständen genommen wurde. Jeden Tag wurde die Stadt weniger und jedes Jahr wurden ihr neue Beschränkungen auferlegt. Während sie einst der Außenwelt gegenüber ganz offen war, wurde die Stadt nun selbst für die Träume ihrer Bewohner zu eng. Wie soll sie aber auch offen sein, wenn die widersprüchlichen Wünsche alle Lebensversuche zerstören? Wie können Liebe und Tod in ein und derselben Straße leben? Wie kannst du dem Mörder deines Bruders die Hand schütteln oder ihm auf seinen morgendlichen Gruß antworten?

Bevor Gaza zu einer anderen Stadt wurde, nahm ich einmal an der „Biennale de Paris“ für Dichter teil. Es überraschte mich damals, wie verblüfft die Leute dort reagierten, als sie erfuhren, dass ich aus Gaza kam.

Gaza ist dort ein magisches Wort. Sobald es jemand hört, schaut er mich mit großer Verwunderung an und beginnt, all die Fragen zu stellen, die ihn seit dem Tag beschäftigen, an dem er zum ersten Mal von der Existenz dieser Stadt und ihren alten und neuen Problemen gehört hat. Und so werde ich von einer Künstlerin, die mit mehr als 30 anderen Dichtern an der Biennale teilnimmt, zur Vertreterin des palästinensischen Volkes und der Bewohner dieser unbekannten, geheimnisvollen Stadt, die nicht verschwinden will aus den täglichen Zeitungsmeldungen der Welt.

Die Neugier der Menschen und ihr Versuch zu verstehen, was bei uns geschieht, waren größer als meine Fähigkeit zu antworten. Und als ich wieder nach Hause zurückgekehrt war, verspürte ich eine seltsame Sehnsucht, noch einmal dorthin zu fahren. Vielleicht gefiel mir diese Stadt jetzt besser, weil ich diese Leute getroffen hatte, und vielleicht wollte ich auch noch einige andere ihre vielen Facetten kennenlernen.

Bei meiner Rückkehr musste ich überrascht feststellen, dass die Stadt uns nicht mehr gehörte. Alles, was früher geschehen war, schien nur eine Übung für das gewesen zu sein, was noch kommen sollte. Innerhalb kürzester Zeit hatte es einschneidende Veränderungen gegeben und wir alle sollten nun das Geschehene verarbeiten und so weiterleben, als sei nichts geschehen.

Was für ein Widerspruch!! Ich stand nicht wirklich unter Schock, ich änderte mich nicht und ich verstehe bis jetzt noch nicht, was da eigentlich passiert war! Wir kehrten in den Alltag zurück, den wir kannten, nur um festzustellen, dass sich das Leben von Grund auf verändert hatte, die Dialoge und Gespräche, die Zeugenberichte, alle hatten etwas zu sagen und alle blieben stumm. Es gibt mehr Tote als nötig. Zahllose Träume wandern in den Köpfen der Bewohner dieser vergessenen Stadt umher, die in der politischen Berichterstattung immer wieder breiten Raum einnimmt. Niemand versucht wirklich zu verstehen, was hier geschieht, und niemand will damit beginnen, etwas zu verändern. Vielleicht ist es das Unglück dieser Stadt, dass sich jene, die in ihr leben, eine seltsame Eigenschaft zulegen, nämlich die Fähigkeit, zu ertragen und zu verstehen, womit man eigentlich nicht leben kann. Sie beschweren sich nicht und sie schreien nicht; schweigend akzeptieren sie jede neue Situation, als seien sie für sie erschaffen worden. Dieses Anpassungsvermögen hat mich immer erstaunt, weil es im völligen Gegensatz zum Charakter der Menschen steht, die in dieser Stadt leben. Aber sie bleiben weiterhin stumm und ich höre nicht auf, mich zu wundern.

Wie aber kann man nun weiterleben und jeden Morgen mit einem Lächeln auf dem Gesicht aufwachen und auf einen neuen, hellen Tag hoffen?

Es gibt ein kleines Geheimnis. Wenn du es kennst, kannst du einfach so weitermachen. Für das Leben in Gaza musst du dir deine geheime Welt schaffen. Eine schöne Welt, in der es nur dich gibt und jene, die so sind wie du. Jene, die kleine Träume haben, wie etwa an einem Wintertag durch den Regen zu laufen oder bis spät in die Nacht beim Klang von Musik mit Freunden zusammenzusitzen. Da im Gesetz von Gaza diese Dinge zu verbotenen Dingen werden, musst du sie suchen, und du wirst sie sicherlich auch finden. Dann solltest du dein kleines Geheimnis sorgfältig hüten. Genieße es, so gut du kannst, um deine Zeit etwas anders zu gestalten. Du wirst ganz andere Dinge in dein Tagebuch schreiben, als man sie täglich in den Nachrichten lesen kann. Diese sind voll von Tod, Armut und sinnlosem Töten, das nichts ändert. Oder von den Raketen, die zwar viel Lärm machen, aber nicht einmal eine Katze verletzen können. Du bleibst dann in deiner wunderschönen Isolation, dein äußerster Wunsch besteht darin, billigere Zigaretten auf dem Markt zu bekommen, und du denkst darüber nach, wie du die Neujahrsnacht außerhalb deiner vier Wände verbringen kannst.

Tagebuch einer zerrissenen Stadt

Auf dem Nachhauseweg werde ich Zeuge verschiedener Szenen, die ich inzwischen gewohnt bin und schon auswendig kenne.

Traurige Gesichter, die nach einem Stückchen Hoffnung suchen. Das Elend auf den Straßen, die überfüllt sind von Bewaffneten. Ich kann mir nicht erklären, wo die alle herkommen. In zahllosen Rundfunk­sendern ertönt immer wieder dieselbe absurde Symphonie, vermischt mit Nachrichten von Toten, Blut und gegenseitigen Anschuldigungen, die ich nicht verstehe. Das blutige Theaterstück geht weiter und niemand ist in der Lage, es zu beenden. Wände mit Bildern, Slogans und Werbeplakaten, die übereinander geklebt sind und denen man nicht mehr entnehmen kann, wozu sie eigentlich aufgerufen haben. Das einzige Geräusch, das ständig zu hören ist, sind die Gefechtsschüsse, die man plötzlich von allen Seiten vernimmt.

Inmitten der Einzelheiten dieser täglich wiederkehrenden Szenen erwache ich aus meinem Gang durch die Stadt, als ich die Haltestelle für Sammeltaxis erreiche, von wo aus ich schließlich nach Hause gelange. Dort höre ich von all dem nur wenig und kann mich hinter einer Wand verstecken, die zwar nicht verhindern wird, dass etwas von der Außenwelt zu mir hereindringt, mir jedoch ein scheinbares Gefühl von Sicherheit und Freiheit gibt, die aus den Straßen der todmüden Stadt verschwunden sind.

Ich schaue in das Gesicht meiner Tochter, die sich vergewissern will, ob mein Nachhauseweg sicher war und ob ich die letzten Neuigkeiten darüber gehört habe, was gestern und heute passiert ist oder morgen passieren wird. Ich habe Mitleid mit ihr und einer Kindheit, die sie und all die anderen Kinder in ihrem Alter verloren haben, während sie schon Experten in gängigen Waffenarten sind, Schussgeräusche voneinander unterscheiden können und anhand von Gang und Kleidung erkennen, zu welcher politischen Abteilung ein bewaffneter Kämpfer gehört.

Sie haben keine Zeit, Kind zu sein, denn sie wachsen in einer Stadt auf, in der die Menschen ohne Alter und ohne Gesichtszüge sind. Sie verbergen ihre Angst hinter ihren Schreien, die nachahmen, was sie sehen. Und in ihren kleinen Träumen stürzt alles auf sie ein, was passiert ist. Sie versuchen zu verstehen, was geschieht. Sie fragen und fragen, aber niemand antwortet, denn die Fragen haben ihre Bedeutung verloren und die Antworten können nichts mehr beschreiben oder erklären. Wir flüchten vor ihren Fragen und ihren Augen, die unsere Unfähigkeit widerspiegeln, sie zu beschützen und ihnen die Zeit zu geben, wie andere Kinder normal groß zu werden; aufzuwachsen ohne all diese Widersprüche und nicht schlaflos zu sein, weil sie sich Gedanken darüber machen, was morgen geschehen wird.

Andere Kinder in Kampfkleidung lieben diese Gewaltspiele und die Logik der Herrschaft und stolzieren blutrünstig durch die Straßen: Sie folgen einem geheimen Ruf, der sie ins Unbekannte entführt und am Ende in die Leichenhalle bringt, und so werden sie zu neuen Opfern dieser unsicheren Lage und des Chaos‘ der Waffen.

Wie jeden Tag fällt der Strom aus, um aufs Neue meinen Stolz zu brechen. Ich führe einen endlosen Dialog mit mir selbst: In dieser Stadt gibt es für nichts mehr Platz. Alle Türen sind verschlossen und keiner hört den anderen.

Ein absurder Krieg zerstört uns alle restlos und vernichtet, was noch übrig ist von einem Volk, das müde ist von Kämpfen und Blockaden. Es ist, als wäre es zu viel von uns verlangt, wie normale Menschen in einer sicheren Gesellschaft zu leben, als weigerte sich der Lärm von Zerstörung und Raketen, uns zu verlassen. Wir scheinen ihn zu vermissen und bringen ihn gehorsam zurück, diesmal tun wir es, mit unseren eigenen Händen, nicht unsere Feinde. Als wären der Geruch und die Farbe von Blut zu einer Würze des Alltags geworden, an die wir uns so sehr gewöhnt haben, dass wir nicht mehr zwischen dem Blut des Bruders oder Freundes und dem Blut des Feindes unterscheiden.

Wir haben viel, viel verloren. Zuallererst uns selbst.

Die Heimat ist keine Heimat mehr und die palästinensische Sache ist nicht mehr, was sie einmal war. Wir schämen uns zu sagen, dass wir Söhne und Töchter dieses Landes sind.

Im normalen Alltag ist heute alles erlaubt, selbst das Blut oder die Heiligkeit des Landes sind niemandem mehr heilig.

Wir zählen weiterhin täglich unsere Toten und zerstören unsere Stadt wieder und wieder. Hat auch nur einer von uns je versucht, in sich hineinzuschauen und einen kleinen Rest jenes Menschen zu finden, der geboren und aufgewachsen ist im Heiligen Land und erfüllt von Opferbereitschaft? Wo ist all dies hin? Welche Interessen und Begierden führen uns immer weiter an den Abgrund?







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