Zu dieser Ausgabe

Neue Stimmen aus der arabischen Welt
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© Florence Aigner
„Geschichten kennen keine Grenzen, sie reisen um die Welt auch ohne Pass und Visum.“ Elif Shafak im Interview

Zum Jahrestag der Militäroffensive im Winter 2008-2009 präsentiert Transcript in dieser Ausgabe die Texte junger Schriftsteller aus Gaza - einem Ort, der mehr für seine schrecklichen Nachrichtenbilder bekannt ist als für Kunst und Literatur.

Gaza ist nur ein schmaler Streifen Land, doch mit seiner sinnbildlichen Bedeutung für die Gewalt im Nahen Osten, lastet es uns schwer auf dem Gewissen. Gaza wird mit Bildern von Verwüstung assoziiert und ist ein Sinnbild für die verlorene Hoffnung auf ein friedliches Miteinander in der Region: zerstörte Gebäude und Fahrzeuge, Trauerzüge, aus denen Demonstrationen werden. Die humanitäre Lage in Gaza ist brenzlig und verfahren. Durch die fortdauernde Abschottung des Gebietes durch die Nachbarnländer leiden die Menschen dort Mangel an allem, was wir im täglichen Leben für selbstverständlich halten: von der Versorgung mit Baumaterial und Lebensmitteln bis hin zu Medikamenten und Strom. Dennoch geht inmitten von Leid und Zerstörung das Leben weiter und damit, vor dem Hintergrund des irrationalen Teufelskreises der Gewalt, auch das menschliche Bedürfnis, in einem sinn- und zweckentleerten Dasein doch einen Sinn zu suchen.

Die lyrischen und prosaischen Texte von ausgesuchten jungen Schriftstellern aus Gaza, die hier vorgestellt werden, bieten Einblicke in die äußeren und inneren Lebenswelten und materiellen Einschränkungen, mit denen die Einwohnern von Gaza leben müssen. Die eingeschränkte Freiheit und Beweglichkeit sowie der fehlende Kontakt zur Außenwelt führten zu Phänomen der „hoffnungslosen Hoffnung“, wie Atef Abu Saif es im Interview mit seiner Übersetzerin Alice Guthrie beschreibt.

Die zeitgenössische arabische Literatur wird dank der Anstrengungen von Verlagshäusern wie der American University of Cairo Press und Zeitschriften wie der in London ansässigen Banipal oder dem deutschsprachigen Magazin Lisan auch bei europäischen Lesern immer bekannter.

Trotz der beschränkten Möglichkeiten erfreuen sich Autoren aus Gaza einer wachsenden Leserschaft und werden auch außerhalb der Mauern, in denen sie gefangen sind, immer bekannter. Wir stellen unter anderem zwei junge arabische Romanciers vor, deren Texte sich mit den Sorgen und Gedanken ihrer Generation und der arabischen Mittelschicht auseinandersetzen. Beide sind als Autoren der Pop-Literatur zuzuordnen. Ihre Romane haben gemein, in einer Welt voll mit heutigen Konsumgütern und elektronischer Kommunikation zu spielen, und beide wurden zu Bestsellern: Rajaa Alsaneas saudisch geprägter populärer Frauenroman, The Girls of Riyadh (Die Girls von Riad), erzählt von einer Gruppe von Freundinnen, deren Geschichten man aus E-Mails erfährt, und wurde in verschiedenen arabischen Ländern verboten. Ahmed El-Aidi hingegen hat mit Being Abbas al-Abd (In der Haut von Abbas al-Abd) eine mäandernde Erzählung in arabischer Umgangssprache verfasst, durchsetzt mit Einschüben auf Englisch, Sms und mit Lippenstift gemalten Graffitis an öffentlichen Toilettentüren, den sein Schriftstellerkollege Youssef Rakha als “den ersten wirklich bekannten Roman seit den 1950ern” bezeichnet… die arabische Antwort auf den Kultroman – etwas, woran anspruchsvolle Autoren, die lange Jahre keinen zählbaren Erfolg bei der Leserschaft hatten, nicht gedacht hätten”.

Des Weiteren präsentieren wir in der englischen Ausgabe das vom Hay Festival of Literautre ins Leben gerufene Projekt Beirut39: Im Rahmen der Feierlichkeiten zu “Beirut Welthauptstadt des Buches” werden die Texte von neununddreißig jungen Schriftstellern unter neununddreißig vorgestellt.

Außerdem zeigen wir Ihnen in unserer Ausgabe über Gaza die Fotografien der belgischen Künstlerin Florence Aigner, die im Rahmen eines grenzüberschreitenden Kunstprojekts auf einer Gaza-Reise im Sommer 2007 entstanden sind.

Alexandra Büchler







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