Interview mit Fflur Dafydd

Interview mit Fflur Dafydd
Robbit_medium
Robbit © Lina Theodorou
Das Interview führte Robin Grossmann Aus dem Englischen von Andreas Jandl

Viele Romane, die in der Zukunft spielen, thematisieren eine Gesellschaft, die sich im Übergang befindet. Dazu gehören das Spiel mit Autoritäten und die Erweiterung technischer Möglichkeiten, in diesem Fall im Hinblick auf Literatur und Kultur. Wie war Ihr Verhältnis beim Schreiben dazu? Hatten Sie das Gefühl, sich selbst im Übergang zu etwas anderem zu befinden?

Der Roman sollte in der nahen Zukunft spielen – weit genug in der Zukunft, um nicht mit gesellschaftlichen oder politischen Realitäten zu kollidieren, aber nah genug, um noch plausibel zu erscheinen, um sich innerhalb realistischer Grenzen abzuspielen. In dieser Hinsicht stellt der Roman natürlich einen Übergang dar. Wir können uns zu den Figuren verhalten, obwohl sie in einer anderen Welt leben, weil sie wesentliche Merkmale mit uns teilen, weil sie immer noch Menschen sind und ihre Fehler haben, unabhängig von der Zeit, in der sie leben. Dasselbe gilt für die anderen fiktionalen Freiheiten, die ich mir genommen habe. Die technischen Fortschritte sind nicht gerade enorm: E-Books, Überwachungskameras, elektronische Ausrüstung, all das gehört bereits zu unserem täglichen Leben. Der Unterschied liegt in der Dominanz, die sie im Roman erlangt haben. Dort befindet sich die Gesellschaft vielleicht in einem Übergang, weil sie ihren Fokus und ihr Verhalten geändert hat. Aber alles, was diese Gesellschaft weiterhin zusammenhält, ist geblieben wie früher. Das Buch ist vor allem eine Satire auf das Verhalten einer Minderheit. Ich glaube, dass sich die walisisch-sprachige Gesellschaft nicht fundamental ändern wird. Sie wird trotz aller technologischen Fortschritte, die es in der Welt gibt, absurd, witzig, engstirnig, verlässlich, bizarr und wunderbar bleiben. Ob wir Fortschritte oder Rückschritte machen, spielt dabei keine Rolle: Unserem Wesen entkommen wir nicht. Aber auf kreativer Ebene ist dieser Übergang von Bedeutung, weil er Skurrilitäten ermöglicht, die uns zeigen, dass wir uns nicht in einer völlig „realen“ Welt befinden. Die merkwürdigen Zwillinge, das Verhalten des Bibliothekars und des Pförtners Dan, der mit einem übergewichtigen Koch und einem Albino-Küchengehilfen über den roten Teppich läuft, Eben, der auf Knien suchend durch die Bibliothek robbt: all diese kleinen Einzelheiten kennzeichnen eine Welt, die doch sehr anders ist als unsere.

Ihr Roman Y Llyfrgell hat großes Lob erhalten für die gelungene Balance zwischen dramatischer Erzählung, Satire und schwarzer Komödie. Inwiefern war das beabsichtigt? Gab es eine Art „Moral“, der Sie während des Schreibens gefolgt sind?

Dazu muss ich sagen, dass meine Vorstellung vom Jahr 2020 in keiner Weise den Anspruch erheben sollte, visionär zu sein. Ich wollte eine Geschichte mit interessanten Figuren erzählen, die Fragen aufwirft, und zwar ohne erhobenen Zeigefinger. Ich würde zum Beispiel nie sagen: „Nehmt euch in Acht vor dem digitalen Zeitalter, es wird uns zerstören“. Ich sehe mir nur an, welche möglichen Entwicklungen die Welt in der Zukunft nehmen kann und was daraus folgt. Der Roman handelt von Menschen und von ihrer Art und Weise, mit den Dingen umzugehen. Vieles daran ist natürlich komisch. Ich würde sagen, ich reagiere mit dem Roman auf die Absurdität unserer Kultur. Ein wichtiger Stoff für das Buch war die schwache Qualität der walisischen Kritik und Berichterstattung, was in der Figur des Eben satirisch gespiegelt wird. Er gehört zu jener Art von Kritikern, die Schriftsteller persönlich angreifen, anstatt ihre Werke zu analysieren. Und er meint, damit den Autor in den Selbstmord zu treiben. Das ist natürlich schwarzer Humor. Aber seltsamerweise ist mir die Figur, die mir für die Satire am geeignetsten schien, am meisten ans Herz gewachsen. Was beweist, dass eine Art von „Moral“, wie Sie sagen, einem Roman Stoff bieten, aber ihn nicht tragen kann. Das finden Sie erst im Prozess des Schreibens heraus. Man muss versuchen, die eigene Wut zu kanalisieren und in Humor umzuwandeln. Am Ende stellt sich heraus, dass es für den Tod des Autors einen anderen Grund gibt, so dass Eben nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann. Ich glaube nicht, dass ich das schon von Anfang an im Sinn hatte, sondern dass Eben während des Schreibens immer realer für mich wurde und ich feststellen musste, dass er vielleicht doch nicht so ein schlimmer Bösewicht war, wie ich anfangs dachte. Es kann durchaus vorkommen, dass einem der Schreibprozess dabei hilft, die Dinge zu verstehen, gegen die man eigentlich anschreiben wollte.

Sie haben davon gesprochen, dass für Sie als Schriftstellerin die Spannung zwischen (imaginären) dramatischen Ereignissen und der „friedlichen“ Atmosphäre der Bibliothek sehr wichtig war, weil sie Ihre Fantasie angeregt hat, als Sie angefangen haben, Ideen für den Roman zu sammeln. Was für eine Bedeutung hat diese Art von Spannung für Sie in künstlerischer Hinsicht? Hat sie mit Ihrer Art zu tun, über Literatur – und vielleicht auch über die Gesellschaft im Ganzen – nachzudenken?

Literarische Werke sind mir immer besonders dann in Erinnerung geblieben, wenn sie Orte beschreiben, die bis dahin unbeachtet geblieben sind. Ziel der Literatur ist es, dem Leser eine neue Sicht auf die Dinge zu vermitteln, seine Perspektive zu verändern. Es überrascht mich, dass bisher noch nie jemand einen Roman geschrieben hat, der ausschließlich in der Nationalbibliothek von Wales spielt. Das ist doch ein Nährboden für die Literatur! Dieses aufragende Gebäude, der rote Teppich, die unzähligen Türen und Flure, von denen niemand genau weiß, wo sie hinführen – das riecht doch nach Roman noir! Deshalb braucht aber natürlich ein Roman, der in einer Bibliothek spielt, unbedingt Spannung und Tempo. Eben alles, was eine Bibliothek in den Augen des Lesers nicht hat. Das ist die Herausforderung, der sich jeder Schriftsteller stellen sollte: den Raum zu transformieren, über den er schreibt. Dasselbe gilt meiner Ansicht nach für Bardsey Island, wo ich 2002 Writer in Residence war. Es gab über die Insel so gut wie keine belletristischen Werke, die aus heutiger Sicht geschrieben sind, weder auf Walisisch noch auf Englisch. Daher habe ich mich dazu entschlossen, selbst darüber zu schreiben [in Atyniad und Twenty Thousand Saints]. Auch in diesen Büchern ging es mir darum, den Raum durch Fiktion zu transformieren. Beide Orte faszinieren mich, und ich bin froh, sie den Lesern nähergebracht zu haben.

Zwei der Hauptfiguren, die eineiigen Zwillinge Ana und Nan, machen auf ihre Kollegen zunächst einen harmlosen Eindruck. Der ganze Roman dreht sich aber letztlich um ihre Gewalttaten. Haben Sie während des Schreibens Empörung oder Unwillen empfunden? Oder hatten Sie das Gefühl, in eine Sphäre der Verdrängung einzutauchen?

Die Zwillinge sind ganz klar die seltsamsten Figuren des Romans, und wahrscheinlich auch die unsympathischsten. Zwillinge haben mich schon immer fasziniert, sie gehören zu meinem Stoff, seit ich schreibe. In diesem Buch hatte ich endlich die Gelegenheit, sie zu literarischem Leben zu erwecken. Und sie schienen in die Geschichte zu passen. Die Namen sind natürlich Palindrome, man hat also wiederum das Gefühl, dass sie nicht so ganz real sind. Der Begriff Empörung geht allerdings in die falsche Richtung. Es handelt sich eher um den Versuch, den bestehenden Stereotypen des Roman noir etwas anderes entgegenzusetzen. Das Genre scheint mir allzu sehr von Männern dominiert zu sein. Die Bösewichte sind immer Männer mit Knarren oder, wenn es Frauen sind, betörende Schönheiten. Ana und Nan sind weder das eine noch das andere. Sie sind ganz normale ältere Bibliothekare. Und plötzlich halten sie völlig unvermittelt in der Bibliothek ihre Knarren in die Luft. In diesem Fall wird also der Raum durch die Figuren verändert. Andererseits, wenn man sich überlegt, mit welchem Blick Bibliothekare einen manchmal anschauen, könnte man denken: Wenn hier irgend jemand überschnappt und etwas Unvernünftiges tut, dann sie...

Welche Rolle spielt Dan, der Pförtner? Beruflich in einer Sackgasse, ein heimlicher Rebell, dessen Zukunftsaussichten nur Spott und Hohn für ihn bereithalten. Er wirkt wie ein Porträt oder eine Provokation für einen großen Teil unserer modernen Gesellschaft...

Der Typus, den Dan verkörpert, spielt mehr oder weniger in allen meinen Romanen eine Rolle. Im Grunde die Skizze eines Mannes, der keine Orientierung hat und unterdrückt wird, der aber trotz all seiner Fehler auf eine seltsame Weise faszinierend ist. Er ist ein Einzelkämpfer. Ihm wurde die Beaufsichtigung der Bibliothek übertragen. Das ist das Einzige, was er zu tun hat, und er hält es für eine ziemlich einfache Aufgabe. Bis er sich eines Tages selbst ausschließt. Ich hatte die Szene von Anfang an im Kopf: wie der Wachmann vor diesem riesigen Gebäude steht, das er eigentlich schützen soll, und er hat keine Ahnung, wie er wieder hineinkommt. Um diese absurde Szene herum habe ich dann die Figur des Dan entwickelt.

Sie haben gesagt, der Roman würde „vielen Lesern auf die Füße treten“. Mussten Sie sich an bestimmten „riskanten“ Stellen zurückhalten oder über sie hinweggehen, um nicht in die satirische Falle zu tappen?
Einige Aspekte des Romans waren sicher für bestimmte Leser ein gefundenes Fressen, zum Beispiel wenn die Vorherrschaft von Frauen in der Politik verstanden wird als ein kritisches Porträt des Fortschritts im Feminismus. Sind die Schlüsse, die Ihre Leser ziehen, für Sie eher entmutigend oder erfreulich?

Jede Reaktion, die ein Buch auslöst, zeigt, dass es seinen Sinn erfüllt hat! Ehrlich gesagt hat es nicht halb so viel in Bewegung gesetzt, wie ich gehofft hatte. Viele Leser hat vorrangig interessiert, wie ich die Frauen in dem Roman gezeichnet habe. Einige halten das für Feminismuskritik. Aber es hat niemand Stellung genommen zu dem satirischen Porträt der Männer, zu dem Club der literarischen Jungen, die untereinander Ränke schmieden, um sich gegen die Frauen zu behaupten. Schriftstellerinnen werden in Wales immer noch ziemlich snobistisch behandelt, vor allem wenn sie auf Walisisch schreiben. In unserer männerdominierten Welt gibt es Männer eines bestimmten Alters, denen es nicht gefällt, wenn Frauen – besonders junge Frauen – neue Ideen einbringen und das Ruder übernehmen. Insofern kann man den Roman als Protestroman verstehen und das Verfassen eines Roman noir durch eine junge Frau als einen politischen Akt. Das Buch wurde für den Wettbewerb „National Eisteddfod’s Prose Medal“ unter Pseudonym eingereicht, und die Juroren haben es als das Werk eines etwas frechen älteren Mannes mit antifeministischer Haltung gelesen – also genau jenes Charakters, der Gegenstand meiner Satire ist!

Gab es beim Schreiben bewusst oder (im Nachhinein) unbewusst andere Bücher, die Ihnen als Modell oder als Prüfstein gedient haben?

Ich habe natürlich viele Bücher über Bibliotheken gelesen: Die Bibliothek bei Nacht von Alberto Manguel, Library Confidential von Don Borchert, Der Schatten des Windes von Carlos Ruiz Zafón. Großen Einfluss auf mich hatte auch Bel Canto von Ann Patchett, wegen der Schönheit und Zärtlichkeit, mit der sie diese Geiselhaft beschreibt. Aber als ich vor vielen, vielen Jahren angefangen habe, über den Roman nachzudenken, wollte ich vor allem die absurde Atmosphäre aus Delicatessen nachempfinden. Ein wunderschöner skurriler Film. Oft weiß ich schon, bevor ich anfange, einen Roman zu schreiben, wie er sich „anfühlen“ soll. Dieser sollte etwas Europäisches haben, er sollte walisische Themen auf eine unwalisische Art und Weise behandeln.

Glauben Sie, dass Sie bestimmte Aspekte des Romans in Ihrer zukünftigen Arbeit vertiefen werden? Und würden Sie einen Roman noch einmal in der Zukunft spielen lassen?

Über die Zukunft zu schreiben, ist nicht ganz so leicht, und ich bin froh, dass es in diesem Fall aufgegangen ist. Aber ich glaube, ich werde es vorerst dabei belassen. Was mich weiterhin fasziniert, ist das Thema Gedächtnis/kollektives Gedächtnis. Ich bereite gerade einen Roman vor, dessen Hauptfigur eine Gedächtnisstörung hat, die sein Leben völlig durcheinanderbringt. Auch mit Satire und verschiedenen Elementen walisischer Kultur werde ich mich sicher in Zukunft weiter beschäftigen. Ich glaube, dass darin meine Besonderheit als Autorin liegt, und es ist auch einer der Gründe, weshalb ich schreibe. Außerdem handelt es sich dabei sozusagen um eine innere Angelegenheit, gerade wenn man in seiner eigenen Sprache schreibt, weil man über sich selbst lacht und nicht über andere. Wenn ich auf Englisch schreibe, verhält es sich ein wenig anders. Dann geht es mir eher darum, positive Aspekte der walisischen Kultur aufscheinen zu lassen – wie in meinem letzten Roman Twenty Thousand Saints – denn die guten Seiten einer Kultur lassen sich am besten aus der Entfernung erforschen, mit einer gewissen Distanz. Aber ich arbeite auch an einem anderen spannenden Projekt: einer Bearbeitung der walisischen Erzählung Culhwch und Olwen aus dem Mabinogion für die Mabinogion-Reihe des Seren-Verlags.







© University of Wales, Aberystwyth 2002-2009       Home  |  @ Kontakt  |  Zurück zum Seitenanfang
site by CHL