Interview mit Tatjana Jambrišak

Interview mit Tatjana Jambrišak
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Bulb beach © Lina Theodorou
Zusammengestellt von Tatjana Jambrišak Aus dem Kroatischen von Sanja Budak-Zemljić

Als eine der wenigen erfolgreichen SF-Autorinnen mit deutlichen feministischen Zügen, haben Sie eine Erklärung dafür, warum dieses Genre für Autoren interessanter ist als für Autorinnen?

Es stimmt nicht ganz, nach einigen Untersuchungen und hinsichtlich des Anteils, den Autorinnen an der Anthologien "30 Jahre Science-Fiction in Kroatien, Ad Astra" haben. Ein Viertel der Beiträge stammt von Frauen. Etwa ebenso viele Frauen gibt es auch in Fandom. Mir scheint es eigentlich recht viel, gemessen daran, dass wir 1987, als ich mich dem Sfera (Science Fiction Verband) anschloss, nur drei Frauen waren. Als wir mit den Sammlbänden anfingen, waren wir auch drei bis vier Autorinnen. Jetzt ist diese Zahl viel größer. Und was das Interesse für die spekulative Fiktion betrifft, so besteht die Leserschaft hauptsächlich aus Frauen, aber vielleicht erzählen und kommentieren die weniger miteinander als die Männer.

Stilistisch variieren Sie mitunter zwischen dem kärglichen Cyberpunker-Utilitarismus (häufiger in den Erzählungen) und einem zärtlichen, musikalischen, fast hypnotischen poetischen Stil, der allein in Ihrer Lyrik Anwendung findet.

In den Erzählungen schreibe ich aus der Sicht einer Frau, so dass die Erzählungen reich an fein porträtierten Frauengestalten sind, die ich im Unterschied zu den männlichen Kollegen als wirkliche Frauen behandele, ich schreibe über Computerhackerinnen, die auf die schiefe Bahn gerieten, über Zagreber (und Cyber-) Ereignisse der Hellseherin/Detektivin Una Razum und über gewöhnlichen Frauen in ungewöhnlichen Liebeslagen.

Für die Qualität Ihrer Erzählungen spricht das Lob der SF-Experten. Tomislav Šakić, Redakteur der neuen SF&F Zeitschrift Ubiq, sagte etwa in seinem Interview für „Booksa“ (Literaturklub): „Wenn Sie eine Novelle von Tatjana Jambrišak und Darko Macan lesen, das ist etwas, was im, oder vor dem Trend ist, bzw. im Sinne dessen, was in den modernsten und avantgardistischsten SF-Kreisen in Amerika entsteht.
Ihre Kreativität tritt auf verschiedene Weise zu Tage. Nicht nur, dass Sie schreiben, übersetzen und redigieren, sondern Sie sind auch die Urheberin beeindruckender Computergrafiken. Haben Sie jemals ein großes Projekt angedacht, für das Sie auf alle Ihre Talente zurückgreifen würden? In der internationalen Belletristik und im Comic-Bereich nehmen SF&F-Themen einen
großen Anteil ein. Und haben Sie angesichts des nur geringen Interesses der breiteren heimischen Öffentlichkeit an der SF-Produktion schon einmal daran gedacht, eine Ihrer eigenen Sammlungen zu übersetzen, zu digitalisieren, schön zu verpacken und großen ausländischen Verlagen anzubieten?

Zwei meiner Erzählungen wurden ins Spanische übersetzt und in Argentinien veröffentlicht, bzw. im Internet und in der internationalen Anthologie "Grageas". Im Moment werden zwei andere Erzählungen ins Englische übersetzt. Meine Website mit 3D-Grafiken ist auch auf Englisch. Einige meiner Illustrationen befinden sich auf Buchcovern, einige zieren fremde Webseiten. Das Internet ermöglicht auch verschiedenartige Kontakte, unter anderem geschäftlicher Natur. Bisher übersetze ich die Erzählungen anderer Autoren ins Englische, und jetzt habe ich die Gelegenheit, meine eigenen Erzählungen zu übersetzen und zu veröffentlichen, sobald ich nicht mehr im Schreibrausch bin. Bisher habe ich fremde Worte übersetzt, nun kann ich meine eigenen Werke auf Englisch veröffentlichen. Es wird auch auf meiner Webseite gearbeitet. Ich plane, „ein Schatzkästchen“ einzurichten, einen Raum für neue Texte zu schaffen und sie regelmäßig zu übersetzen. Ich glaube, dass das am Ende doch bemerkt wird.

Was übersetzten Sie aus dem Englischen?

Ich übersetze vielerlei Dinge, Tausende Seiten, am meisten freue ich mich immer auf die Übersetzung von Comics, Graphic-Novels und Literatur. Ich habe das Glück, gute Lektoren und Redakteure zu haben, die darum bemüht sind, mir mit jedem Übersetzungsauftrag eine Freude zu bereiten. Ich begann Comics zu übersetzen, indem ich die Szenarien von Darko Macan für ausländische Herausgeber lektorierte, und ich habe auch einige internationale Klassiker der Comicliteratur übersetzt: From Hell von Alan Moore (auch sein Halo Jones) und Eddie Campbell, Maus von Art Spiegelman, Love and Rockets von Brüdern Hernandez, Der bewegte Mann von Ralf König, wie auch zeitgenössische Romanciers und die Pulitzerpreisträger The Road und Blood Meridian von Cormac McCarthy, Olive Kitteridge, Amy and Isabelle und Abide with Me von Elizabeth Strout.

Inwiefern hilft Ihnen Ihre eigene literarische Erfahrung bei dieser Arbeit – denn Sie haben ja bereits zwei Kurzgeschichtenbände, zwei Lyrikbände und weitere literarische Texte veröffentlicht? Oder ist diese Erfahrung eher hinderlich? Bekommen Sie manchmal Lust, den Ausgangstext zu korrigieren? Sollte man dieser Lust widerstehen?

Meine literarische Erfahrung hilft mir. Indem man die eigenen Texte ändert, zusammenfasst, die Satzstruktur ändert, die Worte wählt, gewinnt man an Sicherheit in der eigenen Sprache. Das hilft bei jener nochmaligen Umformulierung und Kodierung von Inhalt und Sinn vor dem Tippen des übersetzten Textes. Es geht vor allem darum, am zu übertragenden Inhalt und Sinn möglichst wenig zu ändern. Manchmal ist es nötig, auch eine grammatische Änderung zu machen, die Struktur zu ändern, wenn man auf diese Weise den Sinn besser übertragen kann. Und meiner Meinung nach ist das der Sinn von Übersetzung, auch im Comic-Bereich: den Gedanken des Autors in das Bewusstsein der Leser einer anderen Sprache zu übertragen. Kompromisse sollte man möglichst wenige eingehen, sollte aber weder Angst vor ihnen haben, noch seine eigene Fassung schreiben. Ich sagte schon vorher, dass die Sprecher von zwei verschiedenen Sprachen nicht in gleicher Weise denken. Absolute Treue zu irgendeinem Text bringt hier wenig, sondern man soll die Umstände, das Gefühl und die Bilder übertragen, die die ursprüngliche Gestalt dazu bewegt haben, den Mund aufzumachen.

Und worin besteht die Freude am Schreiben und Übersetzen? Fallen Ihnen lustige Begebenheiten ein, die Sie in all diesen Stunden vor dem Computer erlebt haben, an die Sie sich gern erinnern, einige Übersetzungs-Lösungen, auf die Sie besonders stolz sind?

Natürlich, ich freue mich auf jeden neuen Titel! Wenn ich keinen Spaß hätte, würde ich vielleicht lieber Nachhilfestunden geben. (lacht) … Ralf Konig zum Beispiel schreibt oft Verse. Das Deutsche ist wegen der kleinen Anzahl der verschiedenen Suffixe und der Morphologie eine wunderschöne Sprache für Reime. Und er ist auch komisch. Das kleine Gedicht über den Neandertaler in strengem Reim und strenger Metrik, machte mir viel zu schaffen, aber ich hatte auch Spaß. Wie auch die sauer-zynische Weihnachtsode über kaputte Star-Wars-Spielsachen in Box Office Poison von Robinson. Auf der anderen Seite ist das Beispiel von Maus mit dem schwierigen Themenbereich Holocaust und dem Leben danach, das vom Leser und besonders vom Übersetzer verlangt, sich in die Geschehnisse einzuleben, „dort zu sein“, zu erleben. Es gibt aber auch heitere Themen, in die wir uns hineinversetzen können, zum Beispiel die Geschichte über die lustige Prostituierte Clara, die ich allen Frauen empfehle. Wie auch Love and Rockets oder Halo Jones, in die ich mich beim ersten Lesen verliebte, und später das Glück hatte, sie übersetzen zu können. Gute Comics und gute Literatur, bzw. alle Kunst, zeichnet sich damit aus, auf irgendeine Weise, mit irgendeinem Mittel beim Rezipienten ein Gefühl zu erwecken. Wenn Sie sich von der Stelle bewegen, in Ihrem Inneren Wärme oder Unbehagen spüren, Gänsehaut bekommen, wenn Sie einen Text lesen oder die Bilder betrachten – dann ist es das Richtige. Und dieses Gefühl sollte man auch mit der Übersetzung erreichen. Dasselbe gilt für gute Literatur. Das Gefühl ist der Schlüssel.

Während in den 1980ern die Lesekultur florierte, ist heute die Situation trotz der Anregungen für das Erscheinen zahlreicher Zeitschriften ganz anders. Wenn wir uns die neusten Trends im Internet betrachten, ist die Zukunft der Literatur überhaupt noch an den Printmedien gebunden?

Ja. Die neuen Medien dienen zur Kommunikation, und obwohl viele von uns Technikfreaks sind, mögen die meisten doch gleichzeitig diesen Atavismus: das Papier, das Buch. Im Internet tauchen wir unter, verirren uns, und die Bücher stehen im Regal, werden gelesen, geborgt, aufbewahrt. Das ist nicht das Gleiche.

Hinsichtlich der SF-Produktion können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, dass die alten SF Klassiker ganz besondere Visionäre waren. Manchmal scheint es, als ob sie Erkenntnisse über die Zukunft der Erde gehabt hätten. Als Science-Fiction-Autorin und somit gut informierte Gesprächspartnerin antworten Sie uns bitte aufrichtig auf die Frage: Wann kommt es endlich zum ersten Kontakt?

Ich bin kein X-Files-Fan, sondern Sagan-Fan. Wenn man alle Sterne mit den jeweiligen Planeten in allen Galaxien zusammenzählen würde, kommt es mir absolut unmöglich vor, dass nur auf unserem Planeten Leben entstanden sein soll. Ich glaube nicht, dass sich ETs unter uns verstecken, aber es ist möglich, dass sie uns beobachten und neugierig unsere weitere Entwicklung abwarten: Werden wir uns selbst und unsere Technologie überleben? Was mich selbst betrifft, bin ich schon seit langer Zeit auf den ersten Kontakt vorbereitet.

Sie befassen sich auch mit den Szenarien für Comics. Erst kürzlich wurde eine Horrorgeschichte von Ihnen veröffentlicht, und regelmäßig geben Sie eine Comic-Seite in einer Kinderzeitschrift heraus. Zeichnen Sie auch selber?

Nein. Zeichnen sollen die, die das besser können. Mich interessiert die Geschichte in welcher Form auch immer, und ich mache auch keinen Unterschied zwischen Kurzgeschichte, Novelle, Fortsetzungs-Comic, Gedicht oder einzelnen Comic-Seiten. Was monatlich erscheint, sind Texte der Gedichte, die ich nur ein bisschen dem Alter der Leser anpasste. Für mich ist aber sehr aufregend, dass der Zeichner immer etwas findet, was mir nie einfallen würde, und es schafft, dass das fertige Produkt mehr als eine Dimension hat. Meistens mehr.

Sie redigieren Texte und Sammlungen anderer Autoren, nehmen an Schreibwerkstätten teil, studierten zwei große Weltliteraturen. Inwiefern ist es wichtig, eine anerkannte Ausbildung in Literaturtheorie, ein abgeschlossenes Literaturstudium, und ein gewisses Verständnis der Theorie zu haben?

Eine anerkannte Ausbildung und Theorie sind, auch wenn sie bei jungen Schriftstellern unpopulär sein mögen, eine äußerst wichtige Hilfe für das Verständnis von Literatur. Es ist viel leichter, wenn Sie erkennen, was und wie die Schriftsteller bearbeitet haben. Es ist selbstverständlich, dass nicht alle Schriftsteller Literatur studieren müssen, es ist durchaus möglich, Autodidakt zu sein. Sehr selten aber wird ein Genie geboren, das auf Kenntnisse von Theorie und vorherigen Leistungen verzichten kann. Wie ist es möglich, sich unserer Originalität sicher zu sein, wenn wir nicht wissen, was es vorher schon gab? Wie in jedem Metier geht es auch hier darum, Fertigkeiten zu erwerben, und wer das nötige Talent hat, schafft es schneller. Meiner Meinung nach ist beides nötig und wichtig. Wie auch Schreibwerkstätten, weil es kein besseres Training für das Schreiben gibt, als zunächst die Fehler in fremden und dann in eigenen Texten zu erkennen. Außerdem ist die Rückinformation doch die schnellste. Und deswegen halte ich das Schreiben im Internet für eine Art Werkstatt. Wie auch das Lesen, Lesen, Lesen der anderen Schriftsteller.

Und zum Schluss möchten wir Sie zu ihren nächsten Projekten befragen, und zu Ihrer Bescheidenheit. Im letzten Jahr veröffentlichten Sie drei Sammelbände, in diesem Jahr bereits einen. Woran arbeiten Sie zur Zeit?

Ich bin wieder viele verschiedene Texte angegangen; ich habe Interesse an vielen verschiedenen Dingen und nehme mir auch gerne die Freiheit, viele Texte zu kommentieren. Ich bin bemüht, möglichst viele Erzählungen zu schreiben, aber kurze. Ich habe gemerkt, dass ich diese kurze Blog-Form am liebsten mag, dass sie mir leicht von der Hand geht. Ich habe einige hundert kürzere Texte verfasst: Tratsch über die Geschlechtsunterschiede, Reiseberichte, Überlegungen zu Werken aus anderen Bereichen der Kunst, aus Medien, Musik, Bildender Kunst und Film. Sie warten nur noch auf die Herausgeber und los geht's.







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