Jaroslavas Melnikas

Warum werde ich nicht müde zu leben?
Power_nap__nobody_called_the_cops__medium
Power Nap © Lina Theodorou
Von Jaroslavas Melnikas Aus dem Litauischen von Bronislava Lipschis und ihren Schülern vom Litauischen Gymnasium Lampertheim (siehe "Mehr über die Übersetzer")

1.

Die Korpen schliefen – in Betten, wie Menschen, vom Personal ernährt und gewaschen, sauber und wohlriechend. Ich ging an einer langen Reihe von Betten, (ungefähr hundert Meter) auf die glücklichen Gesichter der Tiere starrend, entlang. Eigentlich waren sie weder Menschen noch Tiere, einfach Korpen – Wesen, die wie zwei Wassertropfen den Menschen ähnlich waren. Mit einem Gehirn ohne Vernunft.

Sie lagen auf verschiedene Weise, aber die meisten auf dem Rücken, nackt, auf schneeweißen Laken, unterschiedlichen Alters und Geschlechts, alle weiß, wie wunderbare Gottesblitze ragten junge Brüste der Weibchen empor. Das Alter der Korpen schwankte zwischen zehn und zwanzig Jahre, und sie alle hatten meine Blutgruppe und meinen Rhesusfaktor. In diesem Saal.

Ich wartete immer erregt auf die Besuche im staatlichen Zentrum der zweiten Geburt – so hieß der ärztliche Betrieb, in dem die Gehirnverpflanzungs-operationen durchgeführt wurden. Der Betrieb konnte auch das Zentrum der Neugeburt heißen, denn auf der Erde lebten schon Menschen, die zehn oder mehrere Körper gewechselt hatten. Ich selbst, wie es scheint, wechselte sieben, näherte mich Adams Alter. Jedoch in jenen damaligen Zeiten, vor dreitausend Jahren, als die Medizin (ohne zu wissen, wie und mit welchen psychologischen und sozialen Folgen es enden würde) einen plötzlichen Sprung machte, ähnlich dem, der auf dem Gebiet der Elektronik stattfand, und man mit den ersten vorsichtigen Gehirnverpflanzungen zu praktizieren anfing – niemand konnte auch denken, dass es auch möglich sein würde, weiter zu schreiten: von der zweiten zur dritten, vierten Geburt... Allen schien es, dass das Zentrum der zweiten Geburt – ein ausreichend klarer, an sich unwahrscheinlicher, Begriff sei, ein Schrecken für Jahrzehnte.

Wer hätte denken können, dass der Erfolg irgendeiner kleinen Wissenschaftlergruppe am Institut für Gehirntransplantation (es führte Experimente mit Affen durch) die Grenzen der Heilmedizin überschreiten und bald die Zivilisationsfundamente ändern, durchaus eine neue, unmögliche Welt, dem Menschen noch unbekannte Gefühle und Beziehungen, erschaffen würde?

Wenn ich heute an unsere Vorfahren denke, die auch Menschen waren und bis zum Großen Sprung lebten (wie Zivilisationshistoriker ihn heute nennen) und mit 70 – 80 Jahren starben, ergreift mein Herz eine schmerzhafte, unerklärliche Sehnsucht. Ja, sie waren Menschen, aber uns fast durch nichts ähnlich, vielleicht nur dadurch, dass sie das gleiche Aussehen und den gleichen Verstand besaßen.

- Hier sind sehr gute Vorführobjekte, sie haben eine starke Schultermuskulatur.

Mein Begleiter, der Assistent des Chirurgen, führte mich durch einen langen Korridor, mir bei der Auswahl helfend.

- Danke, lassen sie mich, wenn möglich, allein.

- Wenn sie mich brauchen, – rufen sie mich.

Er gab mir einen kleinen Ring, den man nur leicht drücken musste, um den Begleiter zu rufen.

Als er ging, näherte ich mich dem mir gezeigten Korp und tastete seine Schultern ab: Sie waren wirklich mit aufgeblähten Muskeln umspannt. Bizepse, sogar entspannt, behielten von der Schulter bis zum Ellbogen immer ihre schöne Form. Einen athletischen Körperbau hatte ich schon, wie es scheint, ab der dritten Geburt. Aber damals hatte ich starke Bein- und Bauchmuskeln. Damals waren starke untere Körperteile in Mode.

Ich bückte mich und sah mir die männliche Beschaffenheit des Korps genau an. Auf dem liegenden eindrucksvollen Geschlechtsorgan waren zwei große dunkle Muttermale.

Ich erinnere mich, als ich zum ersten Mal das Zentrum besuchte, achtete ich auf solche Kleinigkeiten mangels Erfahrung nicht. Und später – nach der Narkose – als ich im neuen Körper aufwachte, erstaunte ich unangenehm: Ich war kleiner als zuvor, auf der Brust sprossen zu viele Haare, die Nägel waren kurz und nicht schön... Sogar eine kaum bemerkbare Narbe auf dem linken Arm (später erfuhr ich, dass der Korp sich in der Kindheit verletzt hatte) ärgerte mich viele Jahre...

Immer wieder ging ich an den Betten entlang, schaute mir die Körper an, wenn ich mich für einen interessierte, fasste ich ihn an und betastete.

2.

Die ersten Patienten Dilenrems im Institut für Gehirnverpflanzung (dieser Mensch verpflanzte ehemals erfolgreich zum ersten Mal ein Gehirn) waren unheilbare, hoffnungslose Kranke. Dilenrem war Schüler von Gergoiz, der als erster das Problem formulierte: Der Mensch ist nicht die Nieren, nicht die Leber, nicht die Augen, nicht das Herz, sondern – das Gehirn. Alle Organe, außer dem Gehirn, sind Instrumente, die man austauschen kann. Einige Jahrtausende tauschte man sie auch aus, verlängerte das Leben auf zwanzig, fünfzig Jahre. Die Historiker behaupten, dass ein Mensch, dem das Herz dreimal, die Nieren fünfmal und die Augen viermal verpflanzt wurden (und noch drei seiner wichtigen Knochen wurden durch künstliche ausgetauscht), lebte dreihundert Jahre lang. Das war aber eine Ausnahme, die letzte Grenze.

Gergoiz, der zur sogenannten Schule des enzephalitischen Endes gehörte, verfolgte einen ganz anderen Weg: Den verbrauchten Körper soll man nicht reparieren, in dem man das Leben des Menschen in unendliche Operationsserien verwandelt, sondern auf den Müllhaufen schmeißen! Den ganzen Körper. Gergoiz wurde für verrückt erklärt, doch schon sein Schüler Dilenrem rettete mit Hilfe dieser wahnsinnigen Methode den ersten Menschen, dessen Leben durch ein künstliches Herz, eine künstliche Lunge und Nieren aufrechterhalten wurde. Doch der Patient überlebte im neuen Körper nur wenige Monate. Die Weltbevölkerung, die Dilenrems Versuche als rein klinische Experimente auffasste, hat sich noch nicht vergegenwärtigt, was geschieht.

Hundert Jahre sind vergangen, als die ersten Draufgänger, deren Gehirn gesund, aber der Körper am Ende war, freiwillig auf die OP-Tische stiegen. Doch sie waren keine hoffnungslosen Patienten. Mit dem transplantierten Gehirn konnte der Mensch mehrere Jahrzehnte überleben. Es bestand die theoretische Möglichkeit, das Gehirn nochmals zu transplantieren.

Als die Menschen nach hundert Jahren zu Dilenrems Instituten schwärmten, als er seine Filialen auf der ganzen Welt eröffnete, erzitterte die Menschheit, weil sie ihr Ende erahnte. Es begann eine bittere Kampagne für das Verbot solcher Operationen, da sie, laut Zeitungen,„die Begriffe ‚Mensch’ und ‚Menschenleben’ zerstörten“.

In der Tat wurden die Menschen mit psychologischen und anderen Problemen konfrontiert. Ich versuche es an meinem eigenen Beispiel zu erklären. Ich war ein kränklicher und sensibler Junge und wuchs in einer wohlhabenden Lehrerfamilie auf. Ich war insbesondere an meine ruhige und herzensgute Mutter gebunden, die für mich ihr ganzes Leben unaufdringlich sorgte. Als die Ärzte ihren Organismus gründlich prüften (zwei Herzinfarkte, Leberzirrhose), empfahlen sie ihr eine Gehirntransplantation. Meine Mutter überlegte nicht lange. Damals war der Schock, der die ersten Transplantationen des Gehirns begleitete, schon vorbei. Natürlich war eine solche Operation für die Menschen immer noch ein überwältigendes Ereignis, aber in der Vorstellung etwas Natürliches.

Wie heute erinnere ich mich noch an meine alte herzensgute Mutter (sie war ungefähr achtzig Jahre alt) auf den Korridoren des Zentrums. Ich verabschiedete mich von ihr im Empfangsraum der Chirurgie (ein Patient, der für die Operation vorbereitet wurde, durfte nicht besucht werden).

- Alles wird gut, mein Junge.

Sie küsste mich auf die Stirn wie in meiner Kindheit – gebeugt, sich am Stock stützend.

Nach zwei Wochen wurde mir mitgeteilt, dass die Operation erfolgreich war und dass ich den Körper abholen und begraben kann. Ich begriff es mit meiner Vernunft, dass meine Mutter nicht tot war, dass sie lebt und noch lange leben wird, dass ich sie treffe, sobald sie sich erholt hat. Aber ich war sehr aufgeregt, als ich in einen dunklen, mit weißen Fliesen ausgelegten Keller kam, wo auf eisernen, mit irgendwelchen Plastikplanen bedeckten Tischen stumme Körper lagen. Der Angestellte fragte noch einmal nach meinem Namen (und nach dem meiner Mutter).

- Hier, - sagte er, auf einen am Tisch befestigten Zettel deutend.

Ich kam näher heran, der Angestellte riss die Bettdecke vom Leib.

- Ist sie das?

- Ja.

Meine Mutter – winzig, mager, runzelig – lag, wer weiß warum, mit einer schmerzhaften Grimasse im Gesicht. Ihre Stirn war mit einem feinen Band verbunden – direkt über der Naht. Ich sah meine Mutter, die ich viele Jahre kannte, wieder. Nur ohne Gehirn.

Ich küsste ihre kalten Lippen, das letzte Mal, und staunte über die Tränen, die aus meinen Augen kullerten. Mit meinen Tränen weinten die Generationen meiner Vorfahren, für die dieser Kuss in der Tat der letzte war.

- Hat ihre Familie ein Mausoleum?

- Ja, ich habe bereits die Anordnungen getroffen. Gleich holt sie jemand ab.

- Gut, - antwortete der Angestellte und ging fort.

Ich blieb allein. Es schien mir, dass ich verrückt werde.

- Mutter, – flüsterte ich. – Mutter, wach auf. Mutter.

Ich litt wie ein Schwachsinniger, obwohl ich wusste, dass meine Mutter lebt. Ich litt, als ob sie wirklich tot wäre.

Nach einem Monat begegnete ich ihr – einem schlanken, attraktiven Mädchen, zweimal jünger als ich (ich war ungefähr fünfzig Jahre alt). Konnten meine Nerven es ertragen? Die Angehörigen der ersten so operierten Menschen wurden in solchen Situationen verrückt. Später wurden psychologische Hilfsdienste gegründet, die sich im Voraus um die „psychologische Anordnungsumstellung“ kümmerten. Und doch litten die Menschen immer noch unter einem großen Stress.

Das Mädchen – mir völlig unbekannt (obwohl ich davor im Psychozentrum ihr Aussehen auf dem Foto und auf dem Video analysiert hatte) – saß vor mir an einem Tisch in einem sich nicht weit vom Klinikum befindenden Café, und ich schaute aufgeregt in ihr Gesicht, das Jugend und Vitalität ausstrahlte.

"Mutter", meine Stimme zitterte.

"Ja, Söhnchen", das Mädchen reichte ihre Hand über den Tisch, berührte meine Handfläche.

"Bist du es?"

"Ja, das bin ich."'

Wir saßen eine Weile nicht wissend, was wir sagen sollten. Gleich brachte die Kellnerin Kaffee und Kognak.

- Wir trinken auf dich, - sagte ich. – Damit es dir in diesem Körper gut geht.

- Danke, - antwortete das Mädchen: es sah so aus, dass sie sich meiner schämte.

- Dein Körper ist schön, - sagte ich.

- Gefällt er dir wirklich?

- Sehr.

- Er sollte mit den Augen in Einklang stehen.

Ich sah in ihre Augen: sie waren himmelblau wie der Himmel im Sommer. Die Augen meiner Mutter waren braun.

Und so vermag ich mich nicht an das neue Aussehen meiner Mutter zu gewöhnen. Wir trafen uns manchmal, sprachen über dies und das. Aber wir beide haben irgendwas verloren. Verloren für immer. Ich fühlte nicht mehr – wie früher – ihre Liebe, ihr Interesse an allem, was mit mir zu tun hatte. Sie liebte das Leben zu sehr, mir fiel ihre für sie nicht übliche Fröhlichkeit auf, ich würde sogar sagen – Empfindsamkeit (das hat mich immer mehr und mehr gestört). Selbstverständlich, ein junger, absolut gesunder Körper rief ein anderes Lebensgefühl hervor. Es blieb nur das Bewusstsein meiner Mutter, nur der Verstand, der sagte, dass ich ihr Sohn bin. Ich begriff auch nur mit dem Verstand, dass sie meine Mutter ist.

Um die Wahrheit zu sagen, sie war ab jetzt nur bedingt meine Mutter: Den Körper, der mich gebar und mit dem ich eine gemeinsame Blutverbindung hatte, gab es nicht mehr. Er verfaulte irgendwo tief im Mausoleum der Familie. Und ich konnte das Gefühl nicht loswerden, dass meine Mutter tatsächlich tot war, zusammen mit diesem Körper. Ich besuchte manchmal sogar ihr Grab (am häufigsten – nach dem Treffen mit dem Mädchen – der Mutter) und nur dort mit geschlossenen Augen, stellte ich mir das Bild der ruhigen, gebeugten alten Frau, mit der ich mich im Empfangszimmer der Chirurgie verabschiedete, wieder her.

Bald heiratete meine Mutter einen Kerl ihres Alters, gebar Zwillinge. Für sie, als Zwanzigjährige, fing in Wirklichkeit ein neues Leben an. Und als wir uns immer in einem Café trafen, merkte ich den Kampf der Gefühle in ihrem Gesicht. Sie brauchte mich nicht mehr, doch sie hatte Angst es zuzugeben. Um wieder ein vollwertiges Leben zu führen, musste sie ihr voriges vergessen – es in einen Traum verwandeln, in etwas Irreales. Dem stand ich im Wege.

Nach dem Körpertausch wurde die frühere Bindung schwächer, sie verfiel, - und man konnte nichts dagegen tun: Die Gesellschaft zahlte einen hohen Preis für die relative Unsterblichkeit. Ich verlor meine Mutter aus meinen Augen, als ich ungefähr siebzig Jahre alt wurde, hörte sogar auf, an meine Mutter als eine lebende Person zu denken. Sie war eine junge, schöne Frau, lebte ein stürmisches Leben, ich wurde immer gebrechlicher und wartete auf das große Konsilium, das früher oder später meinen Körper für abgenutzt erklären und mir eine Gehirntransplantation vorschlagen sollte. Damals war die Gehirnverpflanzungstechnik immer noch kompliziert und teuer, darum musste ich noch zwanzig Jahre warten (zu dieser Zeit wurde mir ein neues Herz und eine Niere verpflanzt), bis man mich – schon im „abgewrackten“ Zustand – in das Transplantationszentrum aufgenommen hatte. Zu dieser Zeit hatte meine Ehefrau, Mutter von drei Kindern, ihren Körper schon längst ausgetauscht, weil sie als Vierzigjährige unter einen LKW geraten war und von ihrem Körper nur Fleisch- und Knochenhaufen übriggeblieben war. Ihr Gehirn wurde dank eines Wunders gerettet und sie war jetzt genauso alt wie meine Mutter.

Seltsam, aber trotz des unterschiedlichen Alters wohnten wir weiterhin zusammen in einer Wohnung. Vielleicht ist es nur ein Beweis dafür, dass sie austauschbar war? Kaum liebte ich sie mit der einzigen Liebe, die in einem Menschen das zu lieben erlaubt, was die Individualität ausmacht. Als sie von dem Zentrum zurückkam und in der Tür stehen blieb, fragte ich: „Zu wem möchten Sie?“ Sie nannte ihren Namen. „Du bist es! – schrie ich auf. – Ich habe dich nicht erkannt. Komm rein.“ Ich erinnere mich, sie ging sofort in die Küche, räumte auf, spülte das Geschirr, bereitete das Essen zu. Ich hörte bekannte Geräusche, nahm bekannte Gerüche wahr, die aus der Küche kamen, und wusste, dass sie es ist, meine Frau, dieselbe. Es hat sich nur die Zeitspanne verändert, die sie für irgendwas brauchte (sie war schnell und geschickt), auch ihr Verhalten im Bett. In ihrem alten Körper fühlte sie ihr Geschlecht nie so scharf – sie erinnerte vielmehr an einen gefühllosheißen Körper, in dem ich wie im Meer immer versank, jedoch nicht an irgendwas Persönliches oder Getrenntes, das gegen mich ankämpfte. Nachdem sie sich ausgetobt hatte (früher hat sie es nie getan), vergaß sie mich sofort und schlief, süß ermattet, ein.

Morgens war sie wieder diejenige, die ich kannte. Recht schnell gewöhnte ich mich an ihr neues Aussehen und erinnerte mich kaum, dass ihr Gehirn in einen anderen Körper verpflanzt war.

Ich verlor sie, als ich zum zweiten Mal geboren wurde. Ich kehrte nach Hause als ein zwanzigjähriger Kerl, sie war schon ungefähr sechzig Jahre alt: Ihr junger Körper starb bei einem Autounfall und sie war zum ersten Mal alt – es fiel ihr schwer zu gehen (in den letzten Jahren entwickelte sich bei ihr Artrose) und ihr großer, ekelhaft runzeliger Bauch (ihr zweiter Schoß gebar mir noch drei Kinder) hing herab. Mich reizte die Jugend, ich war voller Hoffnung und Licht – vor meinen Augen öffnete sich noch einmal ein langes und spannendes Leben. Und meine Ehefrau verlor ihre frühere Leidenschaft, hat immer öfter geseufzt, klagte über Gelenkschmerzen. Und das Wichtigste: Sie hat sich nie an mein neues Aussehen gewöhnt. Ab dem ersten Tag schaute sie mich irgendwie ängstlich, wie einen unbekannten, wer weiß, woher in ihrem Haus erschienen jungen attraktiven Mann an.

- Aber ich bin dir doch nicht fremd, Lora. Hörst du? Was hast du?

Als ich sie, sechzigjährig, zu küssen versuchte, schämte sie sich wie ein Mädchen – und im Bett verhielt sie sich anders: Sie lag erfüllt von einer unbegreiflichen Angst, nahezu von irgendwelchem Schreck ergriffen, einfach da.

- Ich weiß, dass es du bist.

Aber das war bloß die Stimme der Vernunft. Andere Gefühle überwältigten sie, Gefühle, die uns auseinander brachten.

Als sie achtzig Jahre alt wurde, und ich – vierzig, ließen wir uns scheiden: Ich sagte ihr, dass sich alles ändern wird, sobald sie in ihren dritten Körper umzieht. Sie wird wieder jung sein und unsere gute Beziehung wird sich wieder einstellen. Aber sie, ohne Zähne, lispelnd, auf den Tisch gestützt, antwortete mir: „Schon jetzt erinnere ich mich an deinen ersten Körper nicht mehr.“

Sie hatte Recht. Verfluchtes menschliches Gedächtnis – es war nicht für tausend Jahre vorgesehen. Ihre Kraft siechte dahin. Einmal, als ich auf das Ende meines zweiten Lebens hinsteuerte, traf ich auf der Straße eine verführerische, dreißigjährige Frau (Minirock, entblößte Brust) mit einem Kind und Ehemann, mir völlig unbekannt, die mich zur Seite nahm und sagte:

- Du bist doch Dio? Dio Kopereik?

- Ja.

- Ich bin deine Mutter.

- Ah?!

Ich stand da, als wenn ich irgendwo versunken wäre, vielleicht mit dem dümmsten Gesichtsausdruck.

- Erinnerst du dich noch an mich?

- Ja.

- Irgendwie habe ich verstanden, dass du es bist.

Wieso kam sie auf mich zu? Sohnesliebe? Nichts Derartiges fühlte ich für diese Frau, die mich mit ihrer nackten Brust verführte (das war zu dieser Zeit „in“). Die Frau sprach auch mit einer gänzlich gefühllosen Stimme – so wie ich aussah, war ich für sie ein ganz unbekannter Mensch. Als wir jedoch beschlossen, uns zu verabschieden, schien mir, dass ihre Stimme zitterte:

- Tschüss.

- Tschüss.

Und das war meine Mutter?“ – fragte ich mich und schaute zu, wie der Mann im gleichen Alter wie sie ihre schmale, schöne Schulter umschloss und sie wegführte.

Das Gedächtnis und die Gefühle konnten noch ein oder zwei Leben gegen das Vergessen ankämpfen. Aber schon der dritte, vierte, fünfte Körper erlebte nur unklare Empfindungen, ein Durcheinander: Mutter, Ehefrau, Tochter, die zweite, die dritte Ehefrau, die zehnte Tochter, die jetzt schon dreimal älter ist als du... Die Psyche des Menschen passte zu Dilenrems Erfindung nicht.

Die Zivilisation hat die Begriffe nach und nach vergessen, mit denen sie ihre Lebensweise begründete: Familie, Nähe... Verwandtschaft, Tod, Inzestverbot... Die Familie gab es, aber für den Mensch, der wusste, dass im nächsten oder übernächsten Leben unweigerlich ein anderer neben ihm auftauchen wird (später noch andere), hatte sie den tieferen Sinn nicht mehr. Wie doch die Kurzlebigkeit des Menschen und der Tod (der echte Tod) das Leben unserer entfernten Vorfahren veredelte und stärkte. Dieses einzige Leben machte sie „einmalig“ für einander. Manchmal sehne ich mich nach der Tragik eines solchen Lebens, die von alleine verdampfte, nachdem das Nur-Begraben des Körpers zum Symbol, zur Parodie des Todes wurde. Eine Parodie der echten Tränen und echter Trauer. Jetzt schmeißen die Menschen ihren ausgedienten Körper immer öfter auf den Müllhaufen, wie verbrauchtes Zeug, den sie durch einen neues ersetzen werden.

Ich werde niemals meinen ersten natürlichen Körper vergessen – ich überließ es niemandem und beerdigte ihn selbst in der dunklen, mit weißen Fliesen bedeckten Halle, wo ich meine Mutter abholte. Jetzt lag ich da, gerade aus dem Kühlfach gezogen, mit einem blauen Band um die Stirn gebunden. Es war ein merkwürdiges Gefühl seinen eigenen Leichnam anzusehen. Solche Dinge konnten meine Vorfahren nur in Alpträumen sehen. War ich das, war es mein Körper? Ein neunzigjähriger Greis, vertrocknet wie ein Span (die Haut war an manchen Stellen durchsichtig) lag abstoßend nackt da, und es schien, dass die in meine Richtung ausgestreckte Hand nach mir greifen wollte. Ich, ein Neunzehnjähriger, stand daneben. Zum letzten Mal schaute ich die mir so schmerzhaft bekannten Muttermale an, die Warzen und Operationsnarben. Ein Greis.

Meine anderen Körper lösten keine tiefen Gefühle mehr in mir aus, vielleicht deswegen, weil die Körper nur relativ zu mir gehörten: nicht von der Geburt an, sondern ab dem Moment, als mein Gehirn verpflanzt wurde. Es waren schon sieben, die nebeneinander im Familienmausoleum lagen. Es lagen hier, schien mir, neun Körper meiner Mutter, sieben meiner ersten Frau und sechs meiner ersten Tochter. Wir entfernten uns voneinander im Ozean der Zeit, manchmal kam es vor, dass ich im Mausoleum eine junge Frau traf, die lautlos vor einem Grab stand. Ich fragte: Wer bist du? Nachdem sie ihren Namen genannt hatte, stellte sich heraus, dass sie meine erste oder die zwanzigste Tochter war, die erste, oder die zweite Frau, oder sogar - noch „schöner“ - meine Mutter. Dann sagte ich leise, wie zu einer alten Bekannten, als wäre es eine selbstverständliche Sache sie zu treffen, „Oh, du bist es. Hallo! Das wievielte Leben lebst du?“ – „Das sechste“, antwortete meine Mutter, oder wer weiß die wievielte Tochter.

Der Begriff Inzest verschwand auch aus der Sprache und aus dem Bewusstsein. Viele Männer waren mit ihren Müttern, Schwestern und Töchtern verheiratet, denen sie zufällig, nach Laune des Schicksals, nach 100 Jahren begegneten. Bei weitem nicht alle bewahrten im Laufe der Zeit ihre Namen, Nachnamen, sie zählten nur ihre Körper... Es ist nicht leicht, seine Vergangenheit ewig mit sich herum zu schleppen. Andererseits, kann es keinen Inzest zwischen den Körpern geben, wenn keine Blutsverbindung besteht (wir hatten doch alle fremde Körper)...

Einmal begegnete ich im Mausoleum einem etwas älteren Mann, und als ich ihn fragte, wer er sei, sagte er, dass er meine Tochter sei. Ich wunderte mich nicht, ich selbst war eine Frau im vierten Leben. Den Medizinern war es schon lange egal, in welche Körper das Gehirn verpflanzt wurde, ob Frau oder Mann. Die ersten ethischen Proteste verschwanden in der weit zurückliegenden Geschichte, nur wenige haben deren Sinn verstanden. Ich wollte eine Frau sein, wollte fühlen, wie es ist, einen Mann in sich aufzunehmen, befruchtet zu werden, wie es sich anfühlt, ein Kind in seinem Bauch zu tragen, es gebären, mit seiner eigenen Milch zu füttern. Mein Frauenleben war bis jetzt das Einzigste, das sich mir eingeprägt hatte und das ich nicht mit den anderen Leben verwechselte. Mein Ehemann war groß, ein starker junger Mann, den ich so sehr liebte, wie ein weibliches Wesen einen männlichen Körper nur lieben kann. Er wusste gar nicht, dass ich in meinem früheren Leben ein Mann war.

Mit anderen Menschen sind noch unglaublichere Dinge passiert. Nicht selten kamen, - nach einigen Generationen, - ehemalige Ehepartner zusammen, aber jetzt jeder eines anderen Geschlechts. Es kam vor, dass Mütter, nun im männlichen Körper, lebten, ohne zu ahnen, mit ihren Söhnen, die jetzt zu Frauen geworden waren. Väter, die einen weiblichen Körper erhalten hatten, teilten ein Bett mit ihren Söhnen, die ihrem natürlichen Geschlecht treu geblieben sind und nicht wussten (nicht selten vergingen immerhin 1000 Jahre), mit wem sie lebten, wen sie liebten.

Unsere „Dilenrem - Zivilisation“, wie man sie öfter nannte, war wahnsinnig und unvorstellbar für unsere fernen Vorfahren. Aber gab es denn unter ihnen keine Irren, die Kriege führten und sich gegenseitig wie wilde Tiere ermordeten, und sogar vor langer Zeit unseren Planeten mit Thermonuklearomben beinahe vernichtet hatten?

3.

Ich betastete den Ring in meiner Tasche, den mir der Führer durch die Chirurgie gab, und drückte ihn leicht. Er erschien hinten im Saal – jung, groß, in einem weißen Kittel.

- Haben Sie sich schon entschieden, mein Herr? – fragte er mich beim Näherkommen.

- Ich würde die Korpen gerne lebendig sehen.

Der Führer warf einen Blick auf die große Uhr über der Tür:

- Sie wachen in einer halben Stunde auf. Sie haben Zeit im Park einen Spaziergang zu machen.

- In Ordnung.

Langsam, gestützt auf meinem Stock, ging ich bis zur Tür, die nach draußen führte. Es war Sommer und ich suchte mir eine Bank im Schatten einer alten Eiche aus. Auf dieser Bank saß ich schon mal, lange her, vor ungefähr fünfhundert Jahren. Nur die Eiche war eine andere, die alte, die erste, war schon lange eingegangen. Es war ein seltsames Gefühl, länger als ein Baum zu leben.

Ich beobachtete lustige Vögelchen, die im Gebüsch tobten. Die Sonne drang durch die dichten Blätter und warf durchsichtige helle Flecken auf den Asphalt und den Rasen. Welches Jahrhundert haben wir? Wie viele Jahre lebe ich schon? Der Mensch lebt noch so lange, wie er lebt, wie er es mag, so zu sitzen und die Vögelchen anzuschauen. Und während er sie beobachtet, auf all das Grüne schaut, nimmt er, wie die Zeit, die er lebt, nicht wahr.

In der warmen, angenehmen Nachmittagssonne wartete ich, bis die Korpen aufwachten. Die Korpen waren die zweitwichtigste Erfindung nach Dilenrems Entdeckung. Anfangs wurden die Gehirnverpflanzungsoperationen durchgeführt, sobald ein Körper - Donor gefunden wurde, also - selten. Denn für die Operation brauchte man gesunde Körper, deren Gehirn nicht mehr funktionierte, außerdem mussten noch viele medizinische Parameter übereinstimmen, das eingepflanzte Gehirn musste zum neuen Körper passen. Das DKI, das Donor –Körper – Institut, fing an, Körper für das Transplantationszentrum zu entwickeln und zu züchten. Der Gründer des DKI, Ozarol, schuf eine eigentümliche Transplantations-Ethik, die der Ethik der Transplantationsgegner, die die Schließung des Instituts verlangten, widersprach. Im Laufe der Zeit verstanden die Menschen aber, dass diese bedingte (vielleicht auch absolute) Unsterblichkeit es wert ist, auf die „menschlichen Prinzipien“ zu verzichten. Die Korpen, so wurden sie von den Menschen genannt, waren keine Menschen – es waren Wesen mit einem menschlichen Körper. Sie wurden in speziellen Anstalten gehalten, aber wenn sie auch von dort geflohen wären, hätte man sie gleich an ihrem tierischem Verhalten und der Unfähigkeit zu sprachen als Korpen erkannt.

Nach dem Entschluss, eine Gehirntransplantation machen zu lassen, konnte man aus Hunderten von unterschiedlichen Körperarten wählen. Der Ausgewählte wurde dann gemäß den Hauptparametern (A, B, C Gruppe usw.) mit seinem Gehirn abgestimmt.

Ich sah sie bereits schlafend und jetzt wollte ich sie in Bewegung sehen. Wenn mein Vorfahre mich aus seiner Vergangenheit gesehen hätte, hier auf einer Bank unter einer hundert Jahre alten Eiche sitzend, was hätte er dann gedacht? Ich wäre in seinen Augen in jeder Hinsicht ein Monster – ihm überhaupt nicht ähnlich.

Ich habe das Wichtigste noch gar nicht erwähnt: Unsere Zivilisation unterschied sich von der alten durch ihre Ratio. Wir – sogar die Blödesten – sind Montblancs verglichen mit unseren sterblichen Vorfahren. In einem sterblichen Leben wird nur ein sehr kleiner Teil der Gehirnzellen benutzt: Das Gehirn wurde für Tausende, vielleicht Zehn-, Hunderttausende von Jahren zum Leben vorgesehen, aber der Körper, der das Gehirn ernährte, lebte nur hundert Jahre.

Zu verschiedenen Zeiten war ich schon Mathematiker, Astrologe, Komponist, Ozeanograf, Chemiker. In meinem Gehirn hat sich schrecklich viel Wissen angesammelt, in jedem neuen Leben kam etwas dazu. Denn der einzig sichtbare Sinn der immerwährenden Existenz war das Kennenlernen von neuen Geheimnissen. Darum fand im letzten Jahrtausend, als die Untersuchungen einiger Wissenschaftler schon mehr als tausend Jahre dauerten (nicht alle wollten wie ich Enzyklopädisten werden) – es fand ein solch unglaublicher Durchbruch in der Wissenschaft und der Technik statt, der sogar die bis jetzt bekannten unerwarteten Sprünge in der Wissenschaft in den Schatten stellte. Unsere Wissenschaftler beherrschen schon die Schwerkraft, die Sonne und haben schon das Geheimnis der mikroskopischen Welt und der Zeit vollständig fast aufgedeckt. Vielleicht ist bald die Gehirntransplantation nicht mehr notwendig. Obwohl sie jetzt so weit perfektioniert ist, dass es schon praktisch unmöglich ist zu sterben. Es sei denn, wir sprechen von irgendeiner naturkodierten, einige tausend Jahre alten Grenze (bald wird der älteste Mensch der Erde zweitausend Jahre alt sein). Aber auch für diesen Fall wird ein Programm entwickelt, das die neuronale Struktur des Gehirns mit neuen Teilchen bereichert. Das ist ein vielversprechendes Vorhaben, das im Moment hartnäckig angegangen wird. Das persönliche Bewusstsein kann theoretisch nach der Feststellung der konkreten neuronalen Gehirnstruktur erneuert werden...

"Sind sie eingenickt?"

Versunken in Gedanken, schien es, war ich tatsächlich eingenickt.

"Die Korpen sind im Gehege."

Ich folgte dem Chirurgen.

Die Korpen liefen nackt auf einer großen Wiese herum, einige saßen auf Ästen in den Bäumen in der Hausnähe, andere lagen auf dem Rasen.

"Ich würde mir gerne die Nr. 29 ansehen."

"Aber dieser Korp... ist weiblich", der Führer–Chirurg sah mich erstaunt an.

"Ja, ich möchte mal eine Frau sein", antwortete ich. "Ich bin erschöpft von der Tätigkeit. Ich will Kinder zur Welt bringen."

"Na dann – bitte gehen sie in das Besucherzimmer."

"Danke, mein Herr."

Ich habe sie ausgewählt als ich an den Betten entlang ging. Sie lag – jung, sonnengebräunt, mit dunklen Brustwarzen auf den kleinen, seitlich abstehenden Brüsten. Ich wollte ihre Augenfarbe sehen. Die von meiner Mutter war braun.

Als ich im Besucherzimmer auf sie wartete, erinnerte ich mich an die Begegnung mit meinem ersten Korp – es war vor tausend Jahren. Wir saßen voreinander – ich, ein grauhaariger Greis, der Korp - ein junger, breitschultriger junger Mann, und ich bat ihn in Gedanken um Verzeihung. Verzeihung dafür, dass ich mir seinen Körper aneigne: seine starken Beine, seine mit schwarzen Haaren bedeckte Brust, seine weißen, gesunden Zähne. Der Korp, ohne jegliches menschliches Bewusstsein, verstand natürlich nichts. Es war für mich auch nicht einfach – meinem zukünftigen Körper zu begegnen und den alten Körper zum Grabe zu begleiten.

Sie, gekleidet in einen kirschfarbenen mit zierlichen weißen Blüten gemusterten Kleiderrock, wurde nach fünf Minuten zu mir gebracht. Sie hatte knochige Schultern, lange gebräunte Arme und große saubere Handflächen (sie wurde gerade geduscht). Der große Ausschnitt entblößte ihre Milchdrüsen, die - wie lange, ovale Birnen – bis zur Hälfte zu sehen waren, wenn sie sich bückte.

- Ihre Name ist Ija.

- Ija..., – wiederholte ich.

- Sie wurde nach der dritten Kategorie dressiert.

Sie wurden alle von ihrer Kindheit an dressiert, damit ihre Körper ein einigermaßen menschliches Leben führen könnten (zum Beispiel essen, ihre Geschäfte erledigen und an zugelassenen Orten miteinander zu verkehren) und auch lernten, mit ihrem zukünftigen Herr auszukommen.

- Setz dich, Ija – sagte ich.

Der Chirurg-Führer verbeugte sich und ging. Wir blieben zu zweit.

- Ija...

Sie reagierte auf ihren Namen und schaute mich an. Einen Augenblick lang glaubte ich in ihren grünen Augen etwas wie den Verstand aufleuchten zu sehen. Nein, es war unmöglich: Die Korpen hatten kein menschliches Bewusstsein.

- Ija-a, - ich nahm ihre Hand und dehnte den Namen betont langsam.

Sie wurde angespannt, bereitete sich vor, verstand aber nicht, wozu, verstand nicht, wer ich überhaupt bin.

Ich betrachtete ihre großen Handflächen mit langen Fingern, dann küsste ich sie. Diese Handflächen und ihre Handgelenke – sie selbst – erregten mich. Nach ein paar Tagen werden es meine Handflächen, meine Hüften, meine Brüste sein.

Ich richtete mich ein bisschen auf und presste mein Gesicht an ihre heißen Brüste. Sie war bewandert, erfahren (auf diesem Gebiet unterschieden sich die Tiere durch nichts von den Menschen) und drückte mit Händen meinen Kopf an sich.

- Ija. – sagte ich, - meine Ija...

Sie zog selbst den Kleiderrock aus (darunter hatte sie sonst nichts an) und griff mit der Hand nach meiner Gürtelschnalle.

Ich tat alles, was meine Seele, mein Körper begehrten – und was in solchen Fällen von dem psychiatrischen Transplantationsinstitut empfohlen wurde. Die Eroberung des zukünftigen Körpers vereinfachte die Anpassung nach der Operation. Die ersten Menschen konnten sich nach der Transplantation jahrelang nicht an ihre neuen Hüllen gewöhnen. Erst später, mit Hilfe der frühzeitigen Psychotherapie, wurde der Schock nicht so stark – ich, zum Beispiel, gewöhnte mich an meinen neuen Körper und hörte auf, auf seine Eigenarten (erinnerte mich nicht mehr daran, dass es der neue Körper ist) zwei oder drei Monaten nach der Operation zu achten. So ähnlich, wie man sich an neue Zähne im Mund gewöhnt.

Die Gehirnverpflanzung in den Körper eines anderen Geschlechts verursachte eine stärkere psychische Umstellung. Darum empfahlen es die Psychiater dringend, was ich auch im Begriff war zu tun. Der Liebesakt war das Einzige, das noch vor der Operation den fremden Körper als eigenen spüren ließ.

Doch Schwierigkeiten bereitete das Alter. Der Korp war immer drei, viermal junger als der Mensch. Damals, als ich eine Frau war und in dieses Zimmer kam um einen jungen männlichen Korp, den Begatter, zu treffen, war das für mich einfacher. Ich lag und bewegte mich nicht, genoss den muskulösen beweglichen Körper, den ich zum ersten Mal kennen lernte und zum ersten Mal als meinen (der in mich hineindrang) – liebte.

Jetzt war ich alt, sehr alt (meine linke Hand zitterte) und Ija war erst zwanzig.

Ija lag auf dem speziell vorbereiteten Bett – wunderschön, anziehend wie ein Magnet, - und ich... ich war mit meinem hilflos herabhängenden Geschlecht höchst bedauernswert; ich begriff es, zitterte wie vor Kälte, wie vor Aufregung.

Ija erhob sich ein wenig, nahm mit der Hand mein Geschlecht und zog stark zu sich: Ich fiel auf sie, auf den warmen Bauch und die harten Brüste.

- Ija...

Sie dachte weder über mein Alter, noch über mein Aussehen nach – sie tat einfach das, was ihr beigebracht worden war.

Ich küsste Ijas rötlich überflutete Wangen, ihre jungen Augen.

Ich war wieder – zum letzten Mal – ein Mann: Ich hörte, wie sie, nachdem sie mein Geschlecht hart gemacht und ihn in sich gepresst hatte, fröhlich aufschrie.

- Ija...

Alles passierte schnell, unerwartet, so wie es den Alten passiert. Ija hielt mich an meinen Schultern wie eine alte, gebrochene Puppe, als mein Geschlecht krampfhaft zuckend, lebenswichtige Feuchtigkeit in die Tiefe ausschleuderte.

Der Chirurg-Führer sagte, dass Ija heute einen guten Tag hatte – sie kann schwanger werden. Ich wollte ein Kind von mir selbst haben. Ich wollte in diesem Körper noch irgendwas hinterlassen, nicht nur das Gehirn. Ich selbst zu sein und Ija, und auch dieses Kind. Vollkommenheit: Genau danach sehnte sich mein ganzes Wesen.

Als ich schon gehen wollte, - angezogen und ruhig, - streckte Ija, noch nackt, ihre Hände nach mir und sagte irgendwas Unverständliches.

- Was denn, Ija? – ich drehte mich um.

Sie sagte wieder irgendwas und ich sah in ihren Augen ein Gefühl: Sie spürte mich, meinen alten Körper und wollte nicht, dass ich, der schon ihr etwas bedeutete, gehe.

Sie streckte ihre Hände nach mir und ich bückte mich zu ihr, umfasste ihre Hände und drückte sie an mein Gesicht, sie waren warm, groß und zwanzigjährig.

- Verzeih mir, hörst du? – ich flüsterte wie ein Irrer (sie konnte doch nichts verstehen). – Verzeih mir alles.

Ich verabschiedete mich von ihr. Morgen, wenn ich nach der Narkose aufwache, werde ich schon allein sein, in ihrem – meinem Körper.

Möchte ich ewig leben? Nach neun Monaten bringe ich ein Baby zur Welt und erfahre diese Freude, diesen Schmerz, auf die ich so warte. Und ich werde mit meiner Brust ein kleines Körperchen füttern… Wie viele Male muss ich das noch erfahren? Hundert? Tausend? Wie viele Male kann ich mich noch über die Sonne, die Milch, den Samen und über das Leben freuen? Ich habe schon Hunderte von Kindern, von mir gezeugt oder geboren (ich weiß gar nichts über sie, sie leben in anderen Körpern, verloren in der Zeit). Ich zähle sie nicht – für mich ist nur dieser Augenblick wichtig: Warum werde ich nicht müde zu leben?

- Für sie – hier, - sagte der Chirurg-Führer, nachdem ich den Begegnungsraum verlassen hatte.

Ich blickte auf die von der Sonne beleuchtete Überschrift in der Ferne über der Tür: „Der voroperative Bereich.“

- Sie wird gleich abgeholt werden, - fügte er hinzu.

Ich nickte still und mich schwer auf meinem Stock stützend, tippelte mühsam zu dem in der Tür auf mich schon wartenden Chirurgen.







© University of Wales, Aberystwyth 2002-2009       Home  |  @ Kontakt  |  Zurück zum Seitenanfang
site by CHL