Rui Zink

Die Zone
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Plan B © Lina Theodorou
Von Rui Zink Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler Originaltitel: O Destino Turístico

ES GAB KEINE PROBLEME AM FLUGHAFEN

Er landete am frühen Morgen, hatte den Nachtflug genommen, es gab keine Probleme am Flughafen. Oder anders: Er hatte mehr Ärger erwartet, die Probleme, die er erwartet hatte, waren nicht aufgetreten – also, es gab keine Probleme.
Er hatte ein Visum, sein Pass war gültig bis zu Methusalems Geburtstag. Im Flugzeug waren nur wenige Leute gewesen. Nur Irre reisten heutzutage hierher, Selbstmörder, Glücksritter, Waffenhändler oder Journalisten mit mehr Geltungsdrang als grauen Zellen. Und doch ging es nur langsam voran am Einreiseschalter. Ein Passagier, der aussah, als würde er sich auskennen, ein Geschäftsmann vielleicht, brummte: Scheiß Bürokraten.
Und er hatte Recht. Jeder wusste, das Land war am Ende, war schon kein Land mehr, sondern eine Art Zone, Todeszone, Jagdrevier, verroht und brutal, wozu also spielten sie sich hier noch als Gralshüter der Ordnung auf? Der Abfertigungs­schalter passte dazu: Ein pompöses Portal voller Arabesken, Schnörkel & Verzierungen, das ins Nirgendwo führte und noch immer so tat, als nähme es schlicht nicht zur Kenntnis, dass der Palast, dem es einst als Eingang gedient haben mochte, längst vom Antlitz der Erde getilgt worden war. Ein guter Einstieg eigentlich, diese Grenzkontrolle. Adieu Welt hier draußen. Hallo Hölle, da hinten.
Ein Geschäftsmann, in dessen Koffer eine halbautomatische Waffe entdeckt worden war, regte sich auf:
„Heißt das, ich darf nicht bewaffnet einreisen? Ich darf nicht bewaffnet einreisen? Soll das ein Witz sein?“
Müde, routinierte, zynische Wachen.
„Sicherheitsbestimmungen, Sir.“
„Sicherheitsbestimmungen? Das ist als würdet ihr mir verbieten, mit hohen Absätzen in eine Diskothek zu gehen!“
„Es sind die Regeln, Sir.“
„Schauen Sie mal. Ich habe einen Waffenschein. Ich habe sogar die Lizenz zum Töten. Ihr macht euch über mich lustig, sonst nichts.“
„Wir tun nur unsere Pflicht, Sir.“
„Scheißbürokraten!“
„Diese Ausdrucksweise ist nicht angebracht, Sir.“
„Nicht angebracht? He, du Affe, ich zeig dir was nicht angebr  …“
„Bitte folgen Sie uns, Sir.“
Was stellten sie wohl mit dem Mann an, wenn sie außer Sichtweite waren? Verpassten Sie ihm eine Tracht Prügel, damit er lernte, dass man die Staatsmacht nicht ungestraft beleidigt? Oder ließen sie ihn nur etwas zappeln, nach Vorschrift, hielten ihn für ein paar Stunden in einem fensterlosen Raum ohne Toilette fest und setzten ihn dann in das nächste Flugzeug in Richtung Zivilisation? Vermutlich konfiszierten sie nur seine Waffe und ließen ihn dann unbehelligt seiner Wege ziehen. Das Land brauchte Devisen, und nicht einmal eine Bande uniformierter Psychopathen würde ein Huhn töten, das goldene Eier legt.

*

Draußen ein gleißendes Licht, Staub, eine öde Fläche mit trockenen Flecken, die wohl mal Schlammpfützen gewesen waren. Oder Krater, Fußspuren eines riesigen Reptils. Was, wenn auch unwahrscheinlich, nicht ganz ausgeschlossen war. In der Broschüre hatte er eine pittoreske Geschichte aus der einheimischen Folklore gelesen. Seit ein paar Jahren gab es offenbar Berichte (ob glaubhaft oder nicht, war schwer zu sagen), über ein solches Monster. Plötzliche Angriffe aus dem Nichts, Leute verschwanden, rätselhafte Fußspuren. Wahr oder falsch (besser noch falsch oder falsch), auf jeden Fall eine gute Geschichte. Es gab zwei Theorien: Ein ausgestorbener Dinosaurier sei durch Mutation aufgrund jahrelanger Einwirkung von Strahlung und einer Mischung aus chemischen Substanzen wieder zum Leben erwacht; und die andere, poetische, das Monster sei schon immer da gewesen und habe nur ein wenig länger überwintert – so an die 65 Millionen Winter. Eine Kleinigkeit.
Vom logischen Standpunkt gesehen war ein nicht erbrachter Beweis der Existenz solcher Monster zumindest kein echter Beweis ihrer Nicht-Existenz. Ein Gedankengang, der andernorts auch auf Massenvernichtungswaffen angewandt wurde, und man wollte die Zone doch nicht geringer schätzen als andere? Es wäre sehr ungerecht, Katatstrophenparadiese hierarchisch zu ordnen.
Andererseits: Das Leben ist ungerecht.

*

Ein Taxi zu bekommen, war nicht schwer. Er musste nicht einmal feilschen. Er ging davon aus, dass nur ein sehr dummer Fahrer versuchen würde, einen wesentlich höheren Preis als die Konkurrenz zu verlangen. Was ihn im Übrigen auch nicht gestört hätte, denn Geld hatte er. Selbst zum Sterben ging man nicht ohne Geld. Und außerdem war Geld ja zum Ausgeben da, weil das Leben sowieso jeden Tag teuer wurde, außer man investierte in sichere Aktien wie Öl, Nahrungsmittel, Nanotechnologie.
Die Inflation, Geißel der Menschheit. In normalen Ländern war das Leben schon fast unbezahlbar – interessant nun zu wissen, was hier in der Zone für den Tod verlangt wurde. Die Zone sei ein Mikrokosmos, in dem alle Werte in ihr Gegenteil verkehrt worden seien, behaupteten die Moralisten hartnäckig, wenngleich auch schon recht resigniert, noch resignierter, als Moralisten ohnehin schon sind. Wenn das Leben hier wenig bis gar nichts wert war, galt der Tod vielleicht mehr als sonst üblich. Und er war bereit zu bezahlen, was auch immer verlangt wurde.
Panzer rechts und links der Straße, aufgereiht, ihre 120-Millimeter-Kanonen (wie gekreuzte Säbel) schräg nach oben gerichtet, wachten darüber, dass die Straße zwischen Flughafen und Stadt nicht von Aufständischen eingenommen wurde.
„Sehen Sie, wie sich unsere Regierung um Ihre Sicherheit sorgt, mein Herr?“ Ob Spott in der Stimme des Fahrers lag, konnte er nicht erkennen.
„Nicht zu übersehen“, sagte der Fahrgast.
„Nicht dass die Rebellen die Kraft dazu hätten“, fuhr er fort, „oder auch nur daran interessiert wären.“
Und er erklärte, was sein Fahrgast allerdings bereits wusste: dass viele der Banden eigentlich davon lebten, dass sie Touristen entführten. Wenn der Flughafen nicht mehr funktionierte, würden auch sie ihre wichtigste Einkommensquelle verlieren.
Der Fahrgast hatte keine Ahnung, ob er sich in einem offiziellen, registrierten Taxi befand oder nicht. Er wusste noch nicht, wie Taxis dort aussehen mussten, welche Farbe sie hatten, wie sie rochen, woran man sie erkannte, ob sie Taxameter hatten oder einfach nur nach Kilometern abrechneten. Höchst wahrscheinlich war dieses hier illegal – eines von vielen Privatautos, die findige Menschen als Taxis nutzten, andererseits lehrte ihn die Erfahrung, dass eine Regierung, je inexistenter sie war, umso mehr versuchte, alles zu kontrollieren.
„Wenn Sie wollen, stehe ich Ihnen in den nächsten Tagen weiter zur Verfügung. Billig, mein Herr, billig. Ich fahre Sie, wohin Sie wollen. Durch unser schönes Land.“
„Ich überlege es mir“, antwortete der Fahrgast.
Der Fahrer musterte seinen Fahrgast im schmutzigen Rückspiegel.
„Sind Sie Amerikaner?“
„Nein.“
Der Fahrer verstummte und wartete. Als hätte sich das Gespräch in dieser einen Frage erschöpft.
Nach ein paar Minuten seufzte der Fahrgast und log:
„Schweizer.“
Der Fahrer schien erleichtert:
„Ah, die Schweiz. Schönes Land. Nicht, dass ich es kennen würde. Aber soviel ich weiß, ein schönes Land. Berge und Tunnel und Schnee, nicht wahr? Und neutral, oder?“
Der Fahrgast nickte:
„Neutral, ja.“
Der Fahrer nickte zustimmend:
„Das ist gut. Neutral ist gut. Und Sie, wie heißen Sie?“
Der Fahrgast schaute zur Seite. Sie fuhren durch eine Art schmutzige Wüste, braun, hin und wieder ein Haus, Hütten vor allem, ein paar Menschen in der leeren Weite mit Paketen auf dem Kopf, andere schauten unbeweglich zu, wie das Leben vorüber ging. Ein Hirte, alt und verhärmt, fast nackt, den Hirtenstab in der Hand, mit einer heruntergekommenen Herde. Und Schrott, viele Wracks, die einst wohl einmal Fahrzeuge gewesen waren. Ausgeweidete Karosserien von Panzern, Jeeps, SUVs, Kleinbussen, normalen Autos, sogar Helikoptern. Ein Friedhof aus Metallgerippen, zu Kohle geworden – und nichts deutete darauf hin, dass man in dieser Kohle je auf Diamanten stoßen würde.
Was machte es schon, wenn er seinen Namen nannte? Welche Bedeutung hatte es, wie einer hieß, oder der andere, wenn sich zwei Fremde unterhielten? Er konnte ganz offen die Wahrheit sagen. Oder auch weiter lügen. Wie dieser griechische Held, Ulysses. Ein Lügner wie er im Buche steht, der gute Ulysses. Der Zyklop fragt ihn, wie er heißt, und er sagt: Mein Name ist Niemand. Und als das Monster sich bei seinem Vater ausheult, was ihm der Grieche angetan hat – ihm nämlich sein einziges Auge auszustechen – und der wütende Gott fragt, wer denn der Unhold gewesen sei, antwortet die tumbe Kreatur: Niemand Papa, Niemand war’s. Niemand, Ulysses … zwei gute Namen. Und welchen anderen Namen, außer denen der zwei Griechen konnte er noch annehmen?
Aber klar doch. Natürlich.
„Greg“, log er. „Mein Name ist Greg.“
„Guereg?“
„Nein. Nur Greg.“
„Guereg. Schöner Name. Ich bin Amadu, zu Ihren Diensten.“
„Angenehm, Amadu.“
„Ganz meinerseits, Herr Guereg. Ganz meinerseits.“
Amadu sprach englisch, was schon einmal nicht schlecht war. Alle, hatte man ihm zumindest im Reisebüro gesagt, sprachen hier Englisch. Fast wie eine zweite Landessprache. Oder dritte, oder vierte, aber auf jeden Fall sprachen sie Englisch.
Die armen Leute, so schien es, hatten ein besonderes Sprachtalent. Irgendwie genetisch oder so. Auch für Greg war Englisch nicht Muttersprache. Aber es schockierte ihn, ja es schockierte ihn wirklich, wenn jemand überhaupt kein Englisch oder wenigstens Hindi oder Mandarin konnte. Das war dort, Gott sei Dank, kein Problem. Zumindest Englisch wurde gesprochen. Mein Gott, danke, hätte Greg beinahe ausgerufen, šukran, gracias, xie xie, vielen Dank, dhaniavaad, spassiba, djecui, samalat po, barak brigadu dafür, dass es in dieser gottverdammten Gegend der Welt Leute gibt, die Englisch sprechen.
„Glücksritter, Herr Greg?“
Amadu war vielleicht kein großer Chauffeur, aber man konnte nicht behaupten, er sei nicht hartnäckig. Vielleicht sollte er ihn tatsächlich für ein paar Tage engagieren. Wie eine Ehe auf Zeit. Bis dass der Tod uns scheidet.
„Nein.“
„Geschäftsmann?“
„Nein.“
Amadu hatte ein Auge auf die Straße, das andere auf seinen Fahrgast gerichtet. Das linke schaute auf die ausgebleichte, staubige Welt außerhalb des Autos, das rechte überwachte den Rückspiegel an der Innenseite der Windschutzscheibe. Er schien es aufgegeben zu haben, der arme Teufel, den Beruf seines edlen Fahrgastes zu erraten.
Na, ein letzter Versuch noch:
„UNO?“
Und Greg entschloss sich, den Schleier zu lüften. Das Geheimnis preiszugeben, das gar kein Geheimnis war:
„Tourist.“
„Ah.“ Es ist nicht übertrieben, wenn man behauptete, in Amadus Augen ward Licht.
Nur Greg schien das nicht zu begreifen, denn er wiederholte:
„Tourist, ja.“
Amadu lachte, und sein Fahrgast stellte erstaunt fest, dass er noch alle Zähne besaß. Vermutlich war er jünger, als er aussah. Genau betrachtet, also nun, da Greg ihn mit anderen Augen sah, war er tatsächlich jünger, als er wirkte. Nicht vierzig, nicht einmal dreißig, sondern eher in den Zwanzigern. Eigentlich wirkte selbst der Schnurrbart wie angemalt. Gutes Zeichen. Gut, gutes Zeichen.
Amadu nickte und lächelte weiter.
„Tourist also? Das dachte ich mir. Tourist. Willkommen also in unserem kleinen Land, Tourist Guereg!“

*

Greg wusste nicht, ob der Taximann – ob Amateur oder Profi – ihm zu viel abgeknöpft hatte. Es war auch egal. Er wusste sowieso nicht, wie lange er hier in der Zone bleiben würde, hoffentlich nicht allzu lang. Er hatte eine Woche gebucht, Halbpension. Doch wenn alles gut lief, brauchte er nicht länger als zwei, drei Tage. Deswegen war er hergekommen – weil dieses Land den (hoffentlich berechtigten) Ruf hatte, dass man nie lange auf das warten musste, was man bestellt hatte.
Sie erreichten die Stadt. Verfallene, bröckelnde, heruntergekommene Häuser, von denen schwer zu sagen war, ob sie erst halb fertig oder schon wieder halb eingestürzt waren. Ohne Dächer, viele, andere mit halbem Dach, und wieder andere nur noch Ruinen oder Skelette aus Stahl und Beton. Ein paar Backsteinbauten. Die Straßen allerdings waren nur Staub und Abfall und Plastik, am Boden und in der Luft.
Und alles in blindes Licht getaucht. Blindes Licht klingt paradox, war es aber nicht – jedenfalls nicht hier. Es war tatsächlich ein so, aber wirklich dermaßen gleißendes Licht, dass man fast nichts mehr sah.
Im Fahren erkannte Greg (weniger als dass er sie wirklich sah) ein paar Verkehrsinseln, Läden, ein paar Menschen, die sich auf der Straße herumtrieben. Hier und da einen schwarzen Krater, und er meinte den Schatten eines Cafés oder einer Pizzeria ausmachen zu können, wenngleich von alldem, unter einer dicken Staubschicht, kaum mehr zu erkennen war, als ein plötzlicher dunkler Moment in einem ansonsten hellweißen Licht. Verdeckt oder verdreckt, weiß der Teufel.
Der Teufel? Ja, der kannte sich hier aus, wohnte schon hier. Der Teufel war, wenn nicht gar Eigentümer, so zumindest Einwohner honoris causa der Zone. Und genau deswegen (weil es die Hölle war), hatte Greg sie, oder das was von ihr noch übrig war, als Reiseziel gewählt. Weil der Teufel sich in diesem ehemaligen Paradies bereits eingerichtet hatte.
Kein Zweifel, Greg war hier, um zu sterben. Und von einer plötzlichen Euphorie übermannt hätte er beinahe gejubelt. Er war voller Hoffnung, Ewartung, Vorahnung, mehr noch als das. Er spürte, hier war er richtig, richtig gewichtig, bingo gringo, fandango, will you do the tango, for me, for me, for me.
Nach einem Leben mehr oder weniger aufs Geratewohl, das auf brutale Weise zum Gerateübel geworden war, würde sein Tod nun wenigstens etwas Sinn ergeben – weil er ihn gesucht und bestellt, Ort und vielleicht sogar den Zeitpunkt selbst bestimmt hatte, für die letzte (oder erste, da gingen die Meinungen auseinander) Begegnung mit Gott dem Schöpfer. Oder der Schöpferin.

*

Im Hotel gab es einen Swimmingpool. Greg wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Das Hotel hatte einen Pool.
Die Zimmer waren nicht alle belegt, trotzdem war einiges los im Foyer. Viele Geschäftsleute, manche geschäftig, am Handy oder auf Sofas nach vorne gebeugt in leidenschaftliche Diskussionen vertieft. Ein Typ mit zurückgekämmten, vor Gel schmierigen Haaren fuchtelte wild mit den Händen. Eine große Frau in einer Kaki-Weste mit vielen Taschen und mit langen Stiefeln, die ein wenig an Lara Croft (die Schauspielerin, nicht die Figur aus dem Videospiel) erinnerte, gab einem ungekämmten Mann, der eine Kamera auf den Knien balancierte, Anweisungen. Eine Gruppe Philippinos folgte einer einheimisch aussehenden (aber auf ihre Weise doch hübschen) Frau, die wie ein Verkehrspolizist mit einem Fächer wedelte. Dann nur noch Philippinos überall. Immer im Pulk – schlimmer als die Japaner.
Amadu konnte Greg nicht mit dem Gepäck helfen, es tat ihm leid, aber Taxifahrer durften das Hotel bedauerlicherweise nicht betreten. Es hatte da ein paar Probleme gegeben, vielleicht haben Sie davon gehört, Herr Guereg. Die Hotelleitung betrachtete es offenbar als dem Renomée des Etablissements wenig zuträglich, wenn Gäste direkt in der Lobby in die Luft gesprengt wurden, was nicht nur lästig sondern vor allem recht stillos war. Dafür gab es doch die Zone da draußen, nicht wahr? Das hier war ein Ort der Ruhe, der Erholung, so luxuriös und sicher wie nur, den Umständen entsprechend, möglich.
Greg nahm Amadus Karte, vereinbarte aber erst einmal nichts. Später vielleicht. Ein Gepäckträger begleitete ihn zur Rezeption, wo er seinen Namen buchstabierte, den Pass vorlegte und seine Kreditkartennummer. Um, dachte Greg, wie üblich, später die Getränke aus der Minibar, Telefonate oder die Ausgaben im Health Club abzurechnen, doch der Mann an der Rezeption musterte ihn über die Brille hinweg, wie ein Bibliothekar einen Leser, der ein Buch verspätet zurückbringt.
„Wir dachten, Sie wüsste es. Wir berechnen immer eine Woche im Voraus, für eventuell anfallende Krankenhauskosten, Notarztwagen, Liebesdienste, Entgiftung, Prothesen, Kasino …“
„Im Voraus?“
Der Mann hinterm Tresen verzog fast unmerklich sein Gesicht, was bedeuten konnte, dass es ihm a) leid tat, oder aber er b) die Ahnungslosigkeit des Gastes bedauerte.
„Wie Ihnen sicher bekannt ist, mein Herr, sind die Risiken hier in der Zone durch keine Versicherung gedeckt. Daher sind wir, so leid es uns tut, gezwungen, im Voraus zu kassieren.“
„Ach, Sie kassieren im Voraus für Dienste, die ich noch gar nicht in Anspruch genommen …“
„Sie können sicher sein, dass, falls am Ende Ihres Aufenthaltes ein Überschuss zu Ihren Gunsten entsteht, wir Ihnen diesen mit (uns leider zu selten gegönntem) Vergnügen auszahlen werden.“
Greg beschloss, sich zu fügen. Wozu einen Krieg anzetteln, wenn es eh egal war.
„Gut, also das sind die Hausregeln …“
„Und die gute Nachricht ist, dass die Benutzung des Pools sowie des Hammam kostenlos ist. Falls Sie etwas vergessen haben sollten, Badehosen oder Badelatschen oder Schwimmbrille, was auch immer, so können wir Ihnen gern gegen ein bescheidenes Entgelt aushelfen.“
„Nun sagen Sie bloß noch, dass es Tennisplätze gibt, in Ihrem Hotel.“
„Es ist uns eine Freude, Ihnen dies bestätigen zu können. Allerdings ist die Benutzung an eine Warteliste gebunden und vorbehaltlich einer eventuellen Verunreinigung durch Granatsplitter, was allerdings in letzter Zeit relativ selten vorgekommen ist.“
„Ihr Hotel überrascht mich …“
„Wir hoffen doch positiv, mein Herr. Wir sind vielleicht nicht das größte und gewiss nicht das älteste Hotel der Zone, aber wir versuchen stets unseren verehrten Gästen nur das Beste zu bieten. Unser Motto lautet: Die Zone mag barbarisch sein, aber wir sind ihre Oase.“

*

Greg wollte nur schnell seine Sachen aufs Zimmer bringen und dann eine Runde in der näheren Umgebung drehen. Er legte sich auf das frisch gemachte Bett, um ein Minütchen zu verschnaufen. Doch dann fiel sein Blick auf die alte, hohe Zimmerdecke, die ihn nicht nur wegen ihrer Höhe (an die vier Meter) sondern vor allem wegen der Verzierungen beeindruckte: Stuck-Arabesken, Pflanzen- und Meeresmotive, vielleicht Fische oder Aale. Die Aale irgendwo zwischen Schlangen und Fischen, die sich von Schlangen ja vor allem dadurch unterscheiden, dass man sich nicht ekelt, sie zu essen. Ineinander verschlungene Unterwasserwesen, die sich kreisend (sprialförmig? Rohrschach?) vom Leuchter in der Mitte bis in die vier Ecken der Zimmerdecke ausbreiteten.

*

Als er wieder erwachte, war er verwirrt. Wie immer, wenn man aus Versehen eingeschlafen ist. Er hätte den Jetlag nicht unterschätzen dürfen, und fast hätte er auf der Suche nach dem Lichtschalter die Nachttischlampe umgestoßen.
Geträumt hatte er nichts. Zumindest konnte er sich beim Erwachen an nichts erinnern, was ja letztendlich auf das gleiche hinausläuft. Also, er hatte nichts geträumt.
Er versuchte, das Licht einzuschalten, aber nichts geschah. Er stand auf, probierte alle Lichtschalter aus, selbst den im Bad. Nichts. Legte sich wieder hin, fast wäre ihm schlecht geworden. Nach einer langen Weile fiel ihm ein, dass der Mann an der Rezeption gesagt hatte, dass Stromausfälle vorkommen könnten. Außerdem hatte der Mann ihm gesagt, wo die Streichhölzer lagen … Ah ja, natürlich, in der Nachttischschublade.
Greg sah, dass es Kerzenleuchter an den Wänden gab, so ein bisschen wie die Öllampen und Fackeln in mittelalterlichen Schlössern, in Filmen über mittelalterliche Schlösser. Im Bad dasselbe. Die Stromausfälle waren scheinbar ein alltägliches Ärgernis.
Über das Waschbecken gebeugt ließ er sich Wasser übers Gesicht laufen, und was er dann im Spiegel sah, gefiel ihm gar nicht: Ein volles, wohlgenährtes Gesicht, aber die braunen Augen schon stumpf und verdächtige Flecken auf den leicht aufgedunsenen Wangen – wahrscheinlich die Leber. Das Gesicht eines Mannes, mehr jenseits als diesseits der Lebensmitte.
Er zog die Gardinen zurück. Alles dunkel. Also noch Nacht. Er legte sich wieder hin, versuchte zu schlafen, als ein orangefarbener Blitz über den Himmel fuhr. Dann noch einer und noch einer. Schwer zu sagen, wie weit entfernt. Wahrscheinlich nicht allzu nah, denn falls es Geräusche von Bombardements gab, wurden sie von den Doppelfenstern abgefangen. Hm. Interessant.
Gut gelaunt legte Greg sich wieder ins Bett. Anders als er erwartete hatte, schlief er gleich ein.
Diesmal träumte er. Von einem riesigen Dinosaurier. Einem Rex oder so, der grinste, wie Reptilien grinsen, trügerisch, mit riesigen Hinterbeinen, nichts als Muskeln, und dagegen ein paar grotesk winzige Vorderpfötchen mit denen der Tyrannosaurier … häkelte? Mit den Knochen seiner Beute häkelte? Söckchen aus Knochen für ein noch ungeborenes Baby?
Das Musterbeispiel eines erholsamen Traumes.

*

Am zweiten Tag begann er sich zu akklimatisieren. Noch verstand er die Straßennamen nicht, die Straßen waren ohnehin mehr Eselspfade als Straßen, soweit er das sah – und tatsächlich wimmelte es dort von Hirten mit ihren Schafen und Ziegen und Esel- oder Maultierkarren. Eine Frau hatte er vobeikommen sehen, vor ein paar Minuten, barfuß, mit einem Kind auf dem Arm, dessen Arme und Kopf herunterbaumelten. Hinter sich eine dünne Blutspur herziehend. Wo war sie hingegangen? Gab es ein Krankenhaus in der Nähe? Warum half ihr niemand? War es normal, dass eine Frau mit einem sterbenden Kind auf dem Arm durch die Straßen zog, so normal, dass schon niemand mehr sich die Mühe machte, ihr zu helfen? Aber wer würde sie auch ins Krankenhaus bringen können? Die paar Autos, die man sah, hatten wohl Wichtigeres zu tun, als diesen Umweg zu machen. Sprit war schließlich teuer … Und wer nicht irgendwas mit dem Krieg zu tun hatte, bekam wahrscheinlich überhaupt keinen.
Auf jeden Fall brauchte man Zeit und auch Lust, all die Straßennamen auswendig zu lernen, und von beidem hatte er nicht besonders viel. Weder Zeit noch Lust. Aber er sah, dass er sich wohl an die fünf Straßenzüge um das Hotel herum bewegen könnte, ohne sich zu verlaufen. Also falls man ihn alleine ließe. Was nicht der Fall war. Auf seinem kurzen Morgenspaziergang begleiteten ihn Sicherheitsleute des Hotels. Er hatte noch versucht, sie zu verscheuchen. Aber nein: „Wir haben unsere Anweisungen, Sir.“
Doch seiner guten Laune tat dies keinen Abbruch. Aus einem plötzlichen Impuls holte er sein Handy aus der Tasche, schaute, ob er ein Netz bekam – das funktionierte – und rief seine Frau an. Natürlich war die Mailbox dran. Klar. Aber er sprach mit ihr, als redete er mit seiner Frau:
„Weißt du, das ist super hier. Ja, du hast recht. Schmutzig, das auch, ein Chaos, auch, ja, aber … ein Chaos und ein Dreck, herrlich. Gerade eben ist eine Frau an mir vorbeigelaufen mit einem Kind in den Armen. Wie es aussieht, wurde der Junge von einer Cluster-Bombe getroffen. Weißt du, die Dinger die explodieren, bevor sie am Boden aufkommen, und nicht töten, sondern zerfetzen.“
Die Leitung brach zusammen. Er versuchte es nicht noch einmal, auch wenn er Lust hatte, weiter zu sprechen, mit nur zum Teil gespielter Begeisterung. Den Rest des Gesprächs dachte er sich aus: Ob sie sich vorstellen könne, wie schön diese Splitterbomben aufgebaut waren? Ja, so viel Fleisch wie möglich zerfetzen und tausende Nägel mit einem zapppp in der Gegend verteilen. Wie Harpunen, nein nicht für Wale, eher Sardinen, die (in jede beliebige Richtung) tausend Mini-Widerhaken verschießen, jeder einzelne auf der Jagd nach einer Sardine und … Makrelen. Naja, ich muss Schluss machen. Küsschen. Ja, ich habe einen Pullover dabei, mach dir keine Sorgen.

Bisher sind in der deutschen Übersetzung von Martin Amannshauser folgende Romane im Deuticke Verlag erschienen:  Hotel Lusitano, Apokalüpse Nau und Afghanistan. Alle Titel sind nach wie vor lieferbar.







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