Tatjana Jambrišak
BELLA PROXIMA
Wie schön.
Ganz rund. Ausnehmend grün unter dem Gewölbe der Atmosphäre und vom All aus betrachtet herrlich blau. Mit flockigen Wolkenflecken, die darüberwandern. Wie bei mir.
Mein Zwilling. Mein einziger.
Meine Planetenjäger haben ihn mit ihrem Teleskop gefunden. Er liegt verborgen hinter seinen kleinen roten Sternen. So nah und doch so fern; nur zwanzigtausend Lichtjahre von meinem Sonnennest entfernt.
Meine armen Wesen sind noch nicht durch die Sterne gefahren. Nur ein paar von ihnen waren schon einmal von den Kräften entbunden, mit denen ich sie bei mir halte. Aber sie versuchen es. Sie schicken Maschinenaugen in den Orbit, um Licht von fernen Sternen zu bündeln. Manchmal träumen sie davon, durch die dunklen Hallen des Universums zu reisen, von einem Schein zum nächsten. Aber die Zeit ist noch nicht gekommen. Sie wissen nicht wie. Aber sie werden es lernen. Bald.
Denn sie haben ihn für mich gefunden. Und ich bebe vor freudiger Erwartung in meinem tiefsten Inneren. Und ich habe einen Plan. Ich werde ihm die Sporen meiner Wesen schicken. Vielleicht sind sogar seine Sporen schon auf dem Weg zu uns. Ich habe keinen Zweifel: Wir müssen uns treffen. Mein Verlangen hallt durch den leeren Raum wie eine hungrige Klage über menschenleere Schluchten.
Wie schön. Wie groß. Wie prachtvoll.
Ja, er ist größer als ich, fünfmal großzügiger. Und göttlich warm. Die neuesten meiner Wesen, die Hoffnung und Fortschritt bringen, sagen, er ist wie ich. Warm genug zum Leben. Das Wasser hier, der Quell möglichen Lebens, ist flüssig und lebendig; so sehe ich ihn in meinen blinden Träumen. Von hier aus kann ich ihn weder sehen noch seinen Atem hören. Aber ich spüre die Freude und den Stolz bei jeder neue Dateninformation, die es über ihn gibt.
Und ich träume davon, Kontakt aufzunehmen.
Als Erstes die Heliosphäre seiner Zwergsonne. Der Bordcomputer wird meine Kinder aus ihrem kalten Schlaf rütteln, wenn sein Sternenglanz auf die externen Sensoren fällt. Sie werden einen aufgeregten Brief nach Hause schreiben, Mitteilungen senden, die lange reisen werden. Aber ich werde es schon wissen. Ich bin in ihnen und in ihrem Schiff; all diese Teile erzittern über die Sternweiten in ein und derselben Frequenz, meiner Frequenz, unangetastet von den Gesetzen des Kontinuums.
Ich werde also mit ihnen reisen.
Und dann, näher. Langsam. Seine Anziehungskraft wird uns einnehmen und in eine stabile Umlaufbahn ziehen. Um mich zu erfühlen, ganz nah und vertraut.
Und wir tanzen, und tanzen.
Ich sehne mich nach seinen hämmernden Windstürmen und Gewittern. Das Zittern von flüssigem Metall, das in seinem Schoß von tektonischen Platten verschoben wird. Seine subtilen Vibrationen im Äther. Und Wellen, die in der ewigen Dämmerung des roten Tageslichts gegen die Klippen branden. Inseln im Unendlichen, einsam und öde, wie wir es waren.
Und vielleicht, hoffe ich, vielleicht begrüßen uns auf seiner Nachtseite Galaxien funkelnder Städte. Helle schlafende Wesen. Seine Kinder und meine. Der Samen unserer Zukunft.
Sein Name ist Gliese 581 C.
Und ich nenne ihn mein Glück.



