Träume von Literatur: Katalanische Erkundungen

Träume von Literatur: Katalanische Erkundungen
Astronauts_2_medium
Astronauts 2 © Lina Theodorou
Von Víctor Martínez-Gil Deutsch von Andreas Jandl Gekürzte Fassung des Vorworts zu "Els altres mons de la literatura catalana. Antologia de narrativa fantàstica i especulativa (Die anderen Welten der katalanischen Literatur: Eine Anthologie der Fantastik- und Fantasy-Literatur, Barcelona, Galàxia Gutenberg / Cercle de Lectors, 2004)", ISBN 84-672-0920-8

Cercle de Lectors www.cercle.cat

Galàxia Gutenberg www.galaxiagutenberg.com

Die Katalanen und die fantastische Literatur

Im Gegensatz zu anderen weit verbreiteten literarischen Genres, die in der Vergangenheit in der katalanischen Literatur von Bedeutung gewesen sind (Fortsetzungsromane, romantische Literatur, Räubergeschichten und die früher auch pit i cuixa (Titten und Ärsche) genannten Erotikromane), hat die fantastische Literatur in Katalanien trotz jüngster Versuche bisher noch keinen wirklich autonomen Korpus herausgebildet. Lovecraft wies in seinem Essay Supernatural Horror in Literature (Das übernatürliche Grauen in der Literatur) darauf hin, dass sich der französische Schöpfergeist eher für finsteren Realismus eigne als für Geisterfantasien, die zu erspüren es des Mystizismus nördlicher Völker bedürfe. Lässt sich dasselbe vielleicht über katalanische Vorlieben sagen?

In der Tat bewegt sich die katalanische Literatur in den selbstgesteckten Grenzen der dunklen Welt des Fantastischen. Jedoch wurden diese Grenzen immer wieder durchbrochen, vor allem in der Romantik und der Moderne.

Vielleicht lässt sich die Einzigartigkeit unserer Fantastik- und Fantasy-Literatur gerade mit diesem Wechselspiel von Imagination und Grenzsetzung erklären. Doch sind diese Grenzen nicht unsere eigenen, sondern sie hängen auf europäischer Ebene vom historischen Moment und seiner Beziehung zum Irrationalen ab.

In der Wissenschaft gibt es Stimmen, die darauf pochen, die katalanische nicht-realistische Literatur als ein Genre zu umfassen. Als Erster (und darauf wurde oft genug hingewiesen) hat Joan Fuster in einem Artikel in Serra d’Or, der im März 1969 unter dem TitelCiència-ficció“ (Science-fiction) erschienen ist, Vorläufer der katalanischen Science-fiction postuliert, und zwar die Romane Homes artificials (Künstliche Menschen, 1912) von Frederic Pujulà i Vallès, L’illa del gran experiment. Reportatges de l’any 2000 (Die Insel des großen Experiments: Reportagen aus dem Jahr 2000, 1927) von Onofre Parés und Retorn al sol (Rückkehr zur Sonne, 1936) von Josep Maria Francès.1 Im Gefolge dieser ersten Schritte führte, angeregt durch Fuster und vom wachsenden Interesse beflügelt, auf das dieses Genre in den 1970er und 1980ern mit den Texten von Manuel de Pedrolo zunehmend stieß, Antoni Munné-Jordà als Historiker der katalanischen Science-Fiction eine Untersuchung durch, die neben sieben Artikeln, in der Anthologie Narracions de ciència-ficció. Antologia (Science-Fiction-Geschichten: Anthologie, 1985) gipfelte. Aus dieser Arbeit erwuchs ebenso seine Veröffentlichung mit dem Titel Futurs imperfectes. Antologia de contes de ciència-ficció (Inperfekte Zukunft: Anthologie von Science-Fiction-Geschichten, 1997).2 Auch Emili Olcina stellte seine Antologia de narrativa fantàstica catalana (Anthologie von katalanischer Fantastischer Prosa) mit der Absicht vor, „einen kleinen, wenig beachteten Auszug der Geschichte der katalanischen Literatur" zu präsentieren und ein Beispiel für „eine ganz eigene Dimension literarischen Schaffens in katalanischer Sprache"3 zu liefern.

Vom Volksmärchen zum Geisterschloss

Das erste große Unter-Genre der zeitgenössischn fantastischen Literatur war das Gothic Novel. 1764 begründete Horace Walpole mit The Castle of Otranto (Das Schloss von Otranto) eine Erzähltradition, die - auch wenn sie sich mit der Zeit verlor - bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts andauerte. Das Gothic Novel begann sich mit dem historischen Roman zu vermischen und Sir Walter Scott inspirierte sich oft genug bei den geheimnisumwitterten, mittelalterlich anmutenden Schauplätzen. In Frankreich wusste Victor Hugo auch guten Gebrauch davon zu machen, obwohl er deutlich mehr Gefallen an ihren düsteren Seiten fand, als an den übernatürlichen Elementen.

In katalanischer Sprache veröffentlichte Antoni de Bofarull, beeinflusst von Scott und Hugo sowie Alessandro Manzoni, L’orfeneta de Manargues o Catalunya agonisant (Das Waisenkind von Menargues oder Sterbendes Katalanien, 1862) in welchem er den historischen Hintergrund mit melodramatischen Elementen verquickt, etwa verhinderter Liebe oder kleinen Waisenkindern in Gefahr, doch war dies weit entfernt von den Schrecken mit denen die Autoren des Gothic Novel aufwarteten. 1877 näherte sich Josep Martí i Folguera mit seinem Buch Lo caragirat (Der Abtrünnige) dem historischen Roman, gespickt mit düsteren Elementen wie Hexen und bösen Flüchen.

Die Einbindung von Floklore und Legendenerzählung – die zum Teil in den oben genannten Werken mitschwingt – war sehr viel erfolgreicher bei der Einführung fantastischer Elemente in die Literatur der Renaixença.5 Antoni de Bofarull und insbesondere Víctor Balaguer, der Verfasser von Amor a la patria (Vaterlandsliebe, 1858) und Cuentos de mi tierra (Geschichten aus meinem Land, 1864), bereiteten den Weg für Legenden und Figuren, die später zu großer Bedeutung kommen würden, wie etwa Comte Arnau (Graf Arnau), die einzige Gestalt aus dem Fantasiereich der katalanischen Legenden, die es zu literarischem Ruhm gebracht hat. Jedenfalls waren Volksdichter wie Francesc Pelagi Briz, der mit La panolla (Der Maiskolben, 1873) und La roja (Die Rote, 1876) bekannt wurde, wie auch Francesc Maspons i Labrós und seine Schwester Maria del Pilar (die unter dem Pseudonyms Maria de Bell-lloc schrieb) die Schriftsteller mit den umfassendsten Sammlungen wunderhafter und fantastischer Geschichten und Legenden in katalanischer Sprache.

Wissenschaft und Spukgeschichten

Autoren wie Antoni Careta i Vidal, Martí Genís i Aguilar, Narcís Oller und Víctor Català bauten hybride Geschichten die irgendwo zwischen Geheimnisgeschichte und Wissenschaft anzusiedeln sind.6 Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts entwickelte sich im Fahrwasser von Jules Vernes in Katalanien eine kleine Theatertradition mit humoristischen Titeln wie De la terra al sol (Von der Erde zur Sonne) von Narcís Campmany und Joan Molas, L’any 13.000 (Das Jahr 13.000) von Manuel Figuerola i Aldrofeu, und Quinze dies a la lluna (Zwei Wochen auf dem Mond) von C. Gumà (Juli-Francesc Guibernau).7 Modernisten wie Apel·les Mestres führten mit ihrer „weißen“ Linie der Fantasiegeschichte diese Tendenz fort, während andere Schriftsteller, zu denen auch Joaquim Ruyra, Diego Ruíz und Víctor Català gehörten, sich der Wiedergeburt der romantischen Geschichten widmeten, Geschichten dunklen, rätselhaften Ursprungs, eine Strömung, die von Autoren wie Santiago Rusiñol in ihren orphischen Aspekten aufgegriffen wurde. Politisch motivierte Schreiber wie Pompeu Gener arbeiteten zunehmend in Annäherungen und Anlehnung an die Fantastik von H. G. Wells und anderen Erneuerern des utopischen Genres, wenngleich sie sich oftmals an humoristischen Vorlagen des 19. Jahrhunderts orientieren, wie es etwa bei Nil Maria Fabra im Spanischen der Fall ist.

Zwischen Archetypen und Skeptizismus

Die philosophischen und literarischen Erschütterungen der Jahre des Ersten Weltkriegs hatten auch Auswirkungen auf die fantastische Literatur. Vertreter des Noucentismus8 wie Josep Carner und Erben dieser Bewegung wie etwa Àngel Ferran, Francesc Trabal und Pere Calders waren an fantastischer Literatur interessiert und nahmen den magischen Realismus umgehend auf (Bontempelli wurde ins Katalanische übersetzt). Auch hier labten sich Schriftsteller wie Joan Santamaria, der Verfasser der Narracions extraordinàries (Außergewöhliche Geschichten, 1915-1921), Ernest Martínez Ferrando, Domènec Guansé, Elvira-Augusta Lewi und Salvador Espriu an der Quelle des Expressionismus, stellten die störenden und erotischen Elemente der Geistergeschichte besonders heraus, auch wenn die Wirkung von Lovecrafts Welt erst in den Nachkriegsjahren bei Joan Perucho in ihrer Gänze spürbar wurde. Letztlich versuchte sich die katalanische Literatur, verkörpert von Joaquim Nadal, an der wissenschaftlichen Spekulation in Form von Erzählungen und sogar Romanen: Neben Homes artificials (Künstliche Menschen, 1912) von Pujalà i Vallès erschienen die beiden besagten Werke von Joan Fuster. 1927 veröffentlichte Onofre Parés, inspiriert durch die Utopien Bellamys und anderer, L’illa del gran experiment, eine Übersicht über die Wunder der Wissenschaft, währenddessen Josep M. Francès, ein in den 1920ern und 1930ern recht bekannter Autor, Retorn al sol (1936) herausbrachte, die Geschichte einer in erster Linie von Wells inspirierter Dystopie. In den Augen der Kritik beschäftige sich der erste der beiden Romane mit der modernistischen Ideologie des Individuums, der zweite sei als Antwort auf die sozialistische oder marxistische Ideologie zu verstehen, während der dritte eine leicht anarchistisch angehauchte republikanische Ideologie vertrete.9

Wiederaufbau nach der Bombe

Nach dem Zweiten Weltkrieg genoss die Science-Fiction unter dem starken Einfluss amerikanischer Literaten und Filmemacher in Katalanien eine Zeitlang große Beliebtheit. Grund dafür dürften nach dem Wurf der Atombomben auf Japan vor allem gewisse Befürchtungen hinsichtlich der Naturwissenschaften gewesen sein.

In Katalanien gab es trotz des Verbots der katalanischen Sprache durch das Franco-Regime weiterhin Schriftsteller, die sich mit dieser populären Form des Genres auseinandersetzen und das Ziel verfolgten, für eine breitere Leserschaft eine eigene katalanischsprachige Literatur aufzubauen, die sich mit wissenschaftlichen und fantastischen Themen beschäftigte. Bemerkenswert sind in dieser Hinsicht die Arbeiten von Antoni Ribera: Der Ufologe und Herausgeber geheimer Zeitschriften veröffentlichte Llibre dels set somnis (Buch der sieben Träume, 1953) sowie Llibre dels retorns (Buch der Rückkehrer, 1957). In diesen und folgenden Arbeiten adaptierte Riber die Literatur des „goldenen Zeitalters“ der amerikanischen Science-Fiction, die im spanischen Milieu in den 1950ern über die argentinische Zeitschrift Más Allá bekannt wurde, wofür 1968 eine Sammlung von Texten in der New Dimension zeugt, die in Barcelona bis in die 1980er verlegt wurde. Laut Munné-Jordà, repräsentiert Antoni Ribera neben Sebastià Estrade und Màrius Lleget den „Kern der ersten Generation katalanischer Science-Fiction-Autoren, da allen drei gemein ist, anspruchsvolle Werke wie auch populärere Bücher für die breite Masse verfasst zu haben, um eine größere Leserschaft für das Genre gewinnen zu können.“10 Fèlix Cucurull, der 1952 Els altres mons (Die anderen Welten) veröffentlichte, ein Buch mit Gedichten über mögliche Treffen mit Außerirdischen, könnte dieser Kerngruppe auch hinzugerechnet werden. Die Tradition fiktiver Debatten über wissenschaftliche und humanistische Themen kann als Erklärung dafür dienen, warum Zeitschriften wie Tele/estel von 1966 bis 1970 und Ciència in den 1980ern Texte des fantastischen Genres veröffentlichten. Außerdem setzten sich Autoren wie Ferran Canyameres in El misteri de Clara (1962), einem Text über künstliche Befruchtung, und Rosa Fabregat in Embrió humà untracongelat núm. F-77 (Tiefgefrorener menschlicher Embrio Nr. F-77, 1984) sowie Pel camí de l’arbre de la vida (Auf dem Pfad des Lebensbaums, 1985), die in der Folge unter dem Titel La dama del glaç (Die Eis-Dame, 1997) gemeinsam in einem Band veröffentlicht wurden, mit dem Themenbereich der Gentechnologie auseinander.

Neben dem eher popularisierenden Interesse am fantastischen Genre zeigten einige Nachkriegsautoren zudem den Hang, sich seiner mehr für metaphysische Zwecke zu bedienen. Pere Calders schrieb, dass mit seinen Cróniques de la veritat oculta (Chroniken der verborgenen Wahrheit, 1955) die Tradition des magischen Realismus fortgesetzt würde, während Jordi Sarsanedas mit seinen Mites (Mythen, 1954) an die surrealistische Strömung der fantastischen Erzählung anknüpfte. Besonders hervorzuheben unter den Nachkriegsautoren ist Joan Perucho, der 1956 die Geschichte Amb la tècnica de Lovecraft (Nach Lovecrafts Methode) verfasste und somit den Schöpfer der Cthulhu Mythen in unsere Literatur einführte. Perucho erzählt dicht und nuanciert. Er hat sich zu gleichen Teilen sowohl dem Interesse am Okkulten als auch der Lust am Spiel mit dem Genre verschrieben und setzt somit diesen sehr selbstbewussten Trend im Europa zwischen den Weltkriegen fort. Mit Les històries naturals (1960)11 gelingt ihm ein Meisterwerk der Vampir-Literatur.12

Einer der Teilbereiche, der sich in den 1960ern und 1970ern (und darüber hinaus) immer weiter entwickelte, war die politische Fiktion bzw. die Dystopie. Neben einer eher auf jugendliche Leserschaft abzielenden Strömung – 1966 veröffentlichte Sebastià Estradé Més enllà no hi ha fronteres (Dort draußen gibt es keine Grenzen), Pere Verdaguer El cronomòbil (Das Chronomobil) und Joaquim Carbó La casa sota la sorra (Das Haus unterm Sand) – erwärmten sich für das Genre auch Schriftsteller wie Maria-Aurèlia Capmany und Josep Maria Benet i Jornet (mit La nau, Das Schiff), das 1970 uraufgeführt wurde und das eine Verbindung zwischen der Theaterwelt und der Science-Fiction erneuerte, einen Pfad, den auch Els Joglars mit seiner Trilogie M7 Catalonia, Laetius und Olimpic Man Movement von 1978 bis 1981) beschritten hat, wie auch Avel·lí Artís-Gener (ein Autor inchronischer Werke, in denen amerikanische Ureinwohner Europa entdecken, etwa in Paraules d’Opoton el Vell (Worte des Ältesten Opoton, 1968) und L’Enquesta del Canal 4 (Die Umfrage von Kanal 4, 1973)), Manuel de Pedrolo, Víctor Mora, Montserrat Julió (mit Memòries d’un futur bàrbar (Erinnerungen an eine barbarische Zukunft, 1975)) und Llorenç Villalonga (mit Andrea Víctrix, das 1974 erschien).13 Mit seinen Romanen Mecanoscrit del segon origen (Manuskript des zweiten Ursprungs, 1974), Aquesta matinada i potser per sempre (Früh an diesem Morgen und vielleicht für immer, 1980) und Successimultani (Simultanereignis, 1981), und den Geschichten der Trajecte final (Letzten Flugbahn, 1975) bewegt sich Pedrolo zwischen den Vertretern des klassischen „goldenen Zeitalters“ und den neuen Science-Fiction-Autoren der 1960er im angelsächsischen Bereich – zu denen etwa Philip K. Dick und Ursula K. le Guin gehören – die gemeinsam als „neue Welle“ Bekanntheit erlangten. Dem vorausgegangen war, dass Pedrolo mit Totes les bèsties de càrrega (Alle Bestien der Hölle, 1967) ein allegorisches Oeuvre geschaffen hatte, das irgendwo zwischen Kafka und der Science-Fiction anzusiedeln war, und das in Zeiten der Franco-Diktatur auf das Interesse von Schriftstellern stieß, die das Genre für die Behandlung gesellschaftlicher Themen zu nutzen gedachten. Vielleicht beruhte dies auf der Annahme, man konnte in einem nicht-realistischen Genre einfacher die Zensur umgehen.

Zwischen Rebellion und Engagement

Einige der oben genannten Schriftsteller, beispielsweise Benet i Jornet, umrahmen die sogenannte „Generation der Siebziger“. In der katalanischen Literatur verkörpern diese Autoren den Generationswechsel, der durch den Spanischen Bürgerkrieg unterbrochen schien. Es sind Autoren, die mit populären Kinofilmen, Comics und Fernsehen großgeworden sind, und für die das fantastische Genre und die Science-Fiction äußerst wichtige Bezugspunkte darstellen. Genau genommen sind ihre Arbeiten in einem ersten Aufkommen des Postmodernismus von Massenkultur durchtränkt. In einigen Fällen, wie bei Jaume Fuster, erfüllt das Genre – wie auch der Kriminalroman – weiterhin eine politische Mission, ohne dass jedoch der Humor zu kurz treten muss, wie es in der von Tolkein inspirierten Trilogie mit L’illa de les Tres Taronges (Die Insel der drei Orangen, 1983), L’anell de ferro (Der eiserne Ring, 1985) und El jardí de les palmeres (Der Palmengarten, 1993) offensichtlich wird. Ebenso ergeht es Autoren wie Josep Albanell. Bei dem Versuch, die Anliegen der Schriftsteller aus den 1970ern weiterhin zu vertreten, gedachte die Gruppe Trencavel eine Genreliteratur in katalanischer Sprache zu erschaffen, während das Kollektiv Ofèlia Dracs die Bände Lovecraft, Lovecraft! (1981) und Essa Efa (Es Ef, 1985) mit dem Ziel veröffentlichte, darin ausschließlich Bezüge zu Werken der Fantastik herzustellen. Nach dem Vorbild Manuel de Pedrolos betrachteten die Mitglieder der Ofèlia-Dracs-Gruppe das Genre als Chance, die katalanische Literatur ins Gesichtsfeld des Massenkonsums zu rücken.

In den 1980ern wurden die fantastischen Genres dank der Durchsetzung von Schriftstellern wie Pere Calders und Joan Perucho, dank der immerwährenden Vorbilder Franz Kafka und Julio Cortázar, einem der meistgelesenen Autoren in Katalanien, zu einem Teil der katalanischen Mainstream-Literatur, oftmals mit einer ironischen und deutlich postmodernen Brechung. Quim Monzó, Sergi Pàmies und jüngere Autoren, die in den 1980ern und 1990ern bekannt wurden (Josep M. Fonalleras, Màrius Serra, Julià Guillamon, Jaume Subirana, Òscar Pàmies, Sebastià Roig, Vicenç Pagès Jordà, Pere Guixà und Manel Zabala), bedienten sich fantastischer Elemente als Teil ihrer literarischen Bezüge. Diese Entwicklung wurde durch die Veröffentlichung einiger Anthologien verstärkt, auf dem Gebiet der Science-Fiction beispielsweise mit Sis temps (Sechs Zeiten, 1987), die in Zusammenarbeit mit Manuel de Pedrolo entstand, und 2001: l’odissea continua (2001: Die Odyssee geht weiter, 2001) vom Autoren-Kollektiv 21x21, und auf dem Gebiet der Horror-Fiktion mit El triangle de les set punxes (Das siebeneckige Dreieck, 1990).

In den 1990ern wurde der Versuch unternommen, einen Typ katalanischer Literatur zu erschaffen, der eindeutig dem fantastischen Genre angehörte, sich jedoch deutlich von bereits vorliegenden Texten für das jüngere Publikum oder von Texten mit humoristischem Einschlag abgrenzte. Nach den 1980ern erschienen Sammlungen wie „L’Arcà“ (herausgegeben von Laertes), die mittlerweile vergriffene Sammlung „2001, Pleniluni ciència-ficció“ (1984–1991) von Pleniluni, und die noch lieferbare, von Munné-Jordà herausgegebene „Ciència-ficció“-Serie aus dem Verlagshaus Pagès. Neben Jordi Solé i Camardons ist Munné-Jordà der Initiator einer neuen Sichtweise in der katalanischen Fantastik, die in der Tradition von Jack Vance, Robert Silverberg, Ursula K. Le Guin und Orson Scott Card mit Sprachtheorien spielt. Jordi Solé i Camardons eröffnete mit seinem Llibre de tot (Buch über alles, 1994) ähnlich wie Munné-Jordà mit Els silences d’Eslet (Eslets Stille, 1996), seinem Essay Les paraules del futur (Worte der Zukunft, 1995), dem ersten katalanischen Beitrag zur Soziolinguistik der Science-Fiction, und La síndrome dels estranys sons (Das Syndrom der geheimnisvollen Geräusche, 2003), einem Roman, der von allegorischen Texten wie denen von José Saramago inspiriert wurde, ein literarisches Feld, das sich bei den textuellen Experimenten der 1970er inspirierte, ohne sich jedoch dem Cyberpunk anzunähern, einen Trend, der Gedankenexperimente zum Cyberspace und zur virtuellen Realität anstellt und in den 1980ern und frühen 1990ern in der angelsächsischen Science-Fiction alles bisher Dagewesene verdrängte. Die Auslobung des Jules-Verne-Preises für Science-Fiction in Andorra unterstützte diese Position, wie auch die 1997 gegründete Katalanische Gesellschaft für Science-Fiction und Fantasy.14 Der Manuel-de-Pedrolo-Preis, der nach verschiedenen Altersklassen vom Stadtrat von Mataró vergeben wird, ist ein weiteres Beispiel für Initiativen zur Entwicklung der katalanischsprachigen Science-Fiction-Literatur. Die Fortführung dieser Linie hängt allerdings größtenteils von der Einrichtung und fortdauernden Sicherung von Publikationsreihen nach Art der Serie im Verlagshaus Pagès.15

Der Erfolg eines Textes wie La pell freda (2002)16 von Albert Sánchez Piñol und Romane wie La triple mascara. Història d’una recerca fantàstica (Die dreifache Maske: Geschichte einer fantastischen Suche, 2003) von Glòria Sales, Vampíria Sound (2004) von Pep Blay und die Bücher von Sebastià Alzamora bringen uns in die Blütejahre des fantastischen Genres. Man könnte sagen, die katalanische Literatur habe seit Beginn des neuen Jahrtausends in dieser Sparte eine neue Ausdrucksform für die Obsessionen unserer Zeit gefunden, während sie auch internationalen Klassikern wie den Werken von Wells, Stoker, Joseph Conrad und dem großen Lovecraft zu neuem Glanz verhilft. Die Hybridisierung der Postmoderne wurde in diesen Fällen außenvor gelassen – allerdings ohne über Themenfelder wie die Anerkennung des anderen und die Dekonstruktion von Wissen hinwegzusehen – und es wurde der Versuch gestartet, Genres in ihrer Reinheit wiederzubeleben, die gewissen neo-modernen Aspekten der heutigen Wirklichkeit Genüge tun können. Sánchez Piñol und Alfred Bosch, die aus der Anthropologie und der Geschichte kommen, vermochten an eine gewisse katalanische Tradition der gesellschaftlichen Spekulation anzuknüpfen, die einst durch Avel·lí Artís-Gener vertreten war. Auch hier folgte Hèctor Bofill mit L’últim Evangeli (Das letzte Evangelium, 2003) in den Fußstapfen von Miquel de Palol und seinen Romanen El jardí dels set crepuscles (Der Garten der sieben Sonnenuntergänge, 1989) und Ígur Neblí (1994) den Schriftstellern, die das fantastische Genre in den Dienst von Philosophie und Soziologie gestellt haben.

Mit diesen Gedanken beende ich meine Betrachtungen zu einem in meinen Augen äußerst facettenreichen Panorama. Das letzte Wort hat jedoch der Leser, der seine Vorurteile gegenüber dieser literarischen Form, die allzu lange als minderwertig galt, hoffentlich ablegen kann.

1 Joan Fuster, „Ciencia-ficció“, Serra d’Or, Nº. 115 (15. März 1969), S. 37.

2 Beide Titel wurden in Barcelona von den Edicions 62 veröffentlicht. Munné-Jordà begann seine Geschichte der katalanischen Science-Fiction mit den Artikeln, die er für Ciència schrieb: Ciència, Vol. II, Nº. 16 (Mai 1982), S. 349 – 350, und „La ciència-ficció en la literatura catalana“ in Espill, Nº. 22 (Okotber 1985) S. 25 – 48.

3 Emili Olcina, Antologia de narrativa fantàstica catalana, Barcelona, Alertes, 1998, S. 9 ff und 269 (Kursivschreibung des Autors).

5 Eine Bewegung des 19. Jahrhunderts, die darauf abzielte, in der katalanischen Sprache und Kultur Strömungen der Romantik wiederzubeleben [Anmerkung des engl. Übers.].

6 Es wäre durchaus zulässig, wie A. Munné-Jordà anführte, in diesem Zusammenhang auch Jacint Verdaguers L’Atlàntida (Atlantis) mit den damaligen Strömungen in den Wissenschaften in Verbindung zu setzen. Zudem lohnt sich ein Blick in Vayreda i Vilas (et al.) La ciència a la Renaixença catalana (Wissenschaft in der katalanischen Renaixença, Figueres, Editora Empordanesa, 1981,) und Santiago Riera i Tuèbols Història de la ciència a la Catalunya moderna (Geschichte der Wissenschaft im Modernen Katalanien, Lleida, Pagès Editors /Eumo Editorial, 2003).

7 Auch das Fantastische im Film darf hier nicht vergessen werden, etwa in den Regiearbeiten von Segundo de Chomón nach 1903, die teils in Barcelona spielen und Georges Méliès Film Fantasy zum Vorbild haben.

8 Noucentismus war eine politisch-kulturelle Bewegung im städtischen Milieu Katalaniens zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das mit dem bürgerlichem Reformismus kooperiere und größtenteils als Reaktion auf die Kunst und Ideologie des Modernismus zu verstehen ist. Der Begriff wurde von dem Essayisten, Journalisten und Kunstkritiker Eugeni d’Ors geprägt. „Nou“ hat in diesem Zusammenhang eine doppelte Bedeutung: einerseits „neun“, was als Anspielung auf das soeben vergangene Jahrhundert verstanden werden kann, andererseits „neu im Sinne von 'Erneuerung' [Anmerkung des Engl. Übers.].

9 Vgl. Jordi Solé i Camardons „Einführung in Joseph M. Francès Retorn al sol (Lleida, Universitat de Lleida, 1998). Von den beiden anderen Romane gibt es jüngere Neuauflagen: Homes artificials erschien 1986 bei Alella, Pleniluni, mit einem sehr aufschlussreichen Vorwort von Joaquim Martí gefolgt von der Neuauflage der L’illa del gran experiment im Jahr 1999 bei Matriu / Matràs, Tiana, mit einer Einleitung von Pau Riba und Antoni Munné-Jordà.

10 A. Munné-Jordà, „Hi ha ciencia-ficció catalana?“ (Gibt es kantalanische Science-Fiction?), in I Encontre de ciencia-ficció en llengua catalana (Erstes Science-Fiction-Treffen in katalanischer Sprache), Barcelona, AELC, 1999, S. 26.

11 Veröffentlicht in der englischen Übersetzung von David H. Rosenthal unter dem Titel Natural History (Knopf Doubleday Publishing, 1988) [Anmerkung des engl. Übers.].

12 Siehe auch den unverzichtbaren Eassay von Julià Guillamon, Joan Perucho i la literatura fantàstica (Joan Perucho und die fantastische Literatur, Barcelona, Edicions 62, 1989) und die Einführung, auch von Guillamon, zu Joan Peruchos Algú a la nit, respira (Jemand atmet in der Nacht Valencia, Tres i Quatre, 1990).

13 Bezüglich Villalongas Roman vgl. Monika Zgustová, „Novel·la utòpica catalana i russa: Villalonga i Zamiàtin (Der katalanische und der russische utopische Roman: Villalonga und Zamyatin), Anuario de Filología, 6 (1980), S. 507-510 ff.

14 Siehe www.sccff.cat. Auch Autoren wie Jordi Font-Agustí und Carme Torras gehören dieser Gesellschaft an.

15 Besondere Erwähnung sollte hier der sogenannte „Wissenschafts-Roman“ finden, der sich vor allem in den frühen 1990ern dank der Reihe „Toc de Ficció“ des Verlagshauses La Campana und dem Preis der Katalanischen Forschungs-Stiftung für den Wissenschafts-Roman entwickelte und sich in der Folge in der Non-Fiktions ansiedelte. Diese Strömung mit Vertretern wie dem Autor Joan Rabasseda, Josep Tomàs Cabot, Marià Alemany, Daniel Closa und Josep Pla i Carrera, neben anderen wie Carles M. Cuadras mit seinem Report. Una narració científica (Report: Eine wissenschaftliche Geschichte, 2003) und Xavier Moret und seinem Dr. Pearson (2004), geht einher mit einer Literatur, die sich von der Science-Fiction abwendet und für die Carl Djerassi aufgrund ihrer realitäts- und geschichtsnahen Sichtweise die Bezeichnung „Science-in-Fiction“ geprägt hat. Zweifellos steht der Erfolg dieses Bereichs in Katalanien in Zusammenhang mit der landeseigenen Tradition der Vulgarisierung von Wissenschaft, wie sie jüngst recht erfolgreich von Autoren wie dem Essayisten und Romancier Xavier Duran sowie Jordi José und Manuel Moreno, den Verfassern von Física i ciència ficció (Physik und Science-Fiction, Barcelona, Edicions UPC, 1994) betrieben wurde. 

16 Auf Englisch unter folgendem Titel erschienen: Cold Skin, Canongate US, 2007, Übersetzung: Cheryl Leah Morgan [Anmerkung des engl. Übersetzers].







© University of Wales, Aberystwyth 2002-2009       Home  |  @ Kontakt  |  Zurück zum Seitenanfang
site by CHL