Goce Smilevski

Gespräch mit Spinoza
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Aus dem Mazedonischen von Will Firth

Das Leben oder das, was man Leben nennt, und was der Anfang des Sterbens ist, begann für mich an einem Punkt. Davor habe ich auch existiert, aber ich lebte nicht, denn das Leben beginnt mit dem ersten Zeichen des Todes, und dieses Zeichen war für mich eben dieser Punkt. Davor, vor dem Zeichen des Todes, waren Gerüche und Geschmäcker da, Geräusche und Berührungen, auch Formen und Farben, doch sie waren nicht miteinander verbunden, sie wanden und schlängelten sich so dahin, in einem Kreis, der endlose Dauer ankündigte – aber keinen Abschnitt mit Anfang und Ende.

Bevor dieser Abschnitt begann, und während ich noch im Kreis existierte, passierten Dinge, die andere bezeugen können, an die ich mich aber nicht erinnere. Auf diese Welt kam ich am 24. November 1632; acht Tage nach der Geburt gab man mir den Namen Bento, später nannte man mich Baruch und Benedictus, aber alle drei Namen haben die gleiche Bedeutung – gesegnet; obwohl zu meinem Leben vielleicht besser mein Nachname passt, der sich vom portugiesischen Wort espinosa ableitet: Dorn. Ein gesegneter Dorn also, oder ein Gesegneter in den Dornen, gesegnet seien die Dornen oder: Ab in die Dornen mit dem Gesegneten!

Meine Mutter hieß Hana Debora Núñez. Ihren Geburtsort kenne ich nicht. Ich weiß, dass sie in Portugal geboren wurde, vierundzwanzig Jahre bevor sie mich gebar, und vor mir hatte sie Isaak und Miriam auf die Welt gebracht.

Abends, vorm Einschlafen, lauschte ich der warmen Stimme meiner Mutter, die Psalmen sang. Das waren meine ersten Erinnerungen: wie sie am Fenster steht und wie das Licht, das von draußen hereindringt, ihrer Figur eine silberhelle Kontur verleiht, und wie ihre Stimme etwas singt, was ich nicht verstehe. Dann erinnere ich mich, wie ich schon Fragen stellen konnte und fragte: Was ist Blut, und was ist ein Tempel, und was ist Jerusalem, und was sind Diener?, und Mutter erklärte es mir. Ich fragte: Was ist Babylon, was ist eine Weide, was ist eine Harfe? Langsam, durch diese Stimme, kommt der Schlaf, und an der unbestimmten Grenze zwischen Traum und Wachsein höre ich Mutters Stimme von den Heiden singen, die in Gottes Erbe einfielen, den Heiligen Tempel entweihten und Jerusalem dem Erboden gleich machten, und ich beginne im Traum zu sehen, wie die Heiden die Leichname der Gottesdiener den Vögeln unter dem Himmel zum Fraß vorwerfen und die Körper der Heiligen den Tieren auf dem Felde; ich träume, dass vor Jerusalem ihr Blut vergossen wird; in einer anderen Nacht singt Mutters warme Stimme von den Flüssen Babylons und ich träume wieder, ich sehe Männer, Frauen und Kinder an den Flüssen Babylons sitzen und weinen, während sie ihre Harfen in die Bäume hängen; dann wandelt sich die Wärme ihrer Stimme zur Wärme eines Versinkens, eines Falls ins Bodenlose, der gleichzeitig ein Auftauchen ist in eine sich grenzenlos nach oben dehnende Weite, ich verwandle mich in meinem Traum in diese Weite, in einen Raum ohne Grenzen.

Das Haus, von dem der orangefarbene Anstrich blättert – das ist unser Haus. Vor ihm steht eine Reihe Robinien, wie auch vor den anderen Häusern in unserer Straße. Im Frühling und im frühen Sommer wachte ich im Duft der Robinien auf, weil wir Kinder in einem der Zimmer unterm Dach schliefen, zu dessen Fenstern sich die Äste des blühenden Baums hinüberbeugten. Mutter zog die Zweige durch das Fenster in unser Zimmer und pflückte die Blüten, aus denen sie uns im Winter Tee zubereitete. Im Winter schliefen wir alle in einem der Räume im Erdgeschoss, wo sich neben dem großen roten Himmelbett mit Vorhängen, in dem Mutter und Vater schliefen, der Kamin befand; oft blieb Vater vor dem Kamin stehen und ließ in einem wunderbaren Spiel die langen Schatten seiner Finger an der Wand tanzen; mal inszenierte er den Kampf von David und Goliath, mal die Leiden des gerechten Hiob, aber am besten gefiel uns das Schattenspiel von der Sintflut, von der Verkündung durch Gott, über den Bau der Arche, die paarweise Rettung alles Lebenden, den Regen und die Flut, die Suche nach Land, bis hin zur Ankunft und Rettung am Ararat. Vater war unter anderem im Holzhandel tätig – ich erinnere mich, wie Kähne die beschnittenen Baumstämme die Amsterdamer Kanäle entlang schleppten, anhielten, und Männer das Holz in das Geschäft mit der Aufschrift „Michael Spinoza“ trugen; es lag an der Straße, die zum Fischmarkt führte. Später gab Vater diesen Handel auf, weil es, wie er sagte, einfacher sei, Dörrobst, Gewürze und Wein zu verkaufen.

Anfangs blieb ich lieber in dem Zimmer unterm Dach; ich ging nie mit den anderen Kindern hinaus, um vor den Häusern zu spielen: Ich liebte es zu schauen, zu beobachten. Abends, wenn ich durch das Bellen eines Hundes oder durch einen unruhigen Traum wach wurde (und in der Kindheit weckten mich oft Träume, in denen Mutter und Vater sich von mir entfernten, vor mir wegliefen, und als ich sie einholte, erkannten sie mich nicht), stand ich leise auf, ohne Miriam, Isaak und Rebekka zu wecken, öffnete das Fenster und sah lange zu den Sternen hinauf. Ich wünschte mir, sie wären Öffnungen, durch die man in einen anderen Himmel eintreten könnte, um von dort, von der Höhe des anderen Himmels, eine andere Stadt zu sehen und einen anderen Bento, der sich danach sehnte, aus dem Fenster seines Zimmers zu einem Stern zu gelangen. Der Gedanke, ich würde mich selbst beobachten, erschien mir anziehend und abstoßend zugleich. Ich erinnere mich, wie der große Spiegel, der eines Tages ins Haus getragen und neben dem Kamin aufgestellt wurde, mich völlig vom Fenster abbrachte; anstelle von anderen begann ich mich selbst zu beobachten. Ich blieb verwirrt vor dem Spiegel stehen, und vom Ausdruck meiner Verwirrung wurde ich noch verwirrter, ich grinste, und dann lachte ich, und wenn mein Lachen vergangen war, begann ich, mein Gesicht zu berühren und das Gesicht, das sich auf der glatten Oberfläche abbildete. Mutter lag auch tagsüber auf dem Himmelbett, weil sie oft krank war; sie sah mir zu und sagte, ich solle doch lieber mit den anderen Kindern spielen gehen. Aber nein, ich stand vom Wachwerden bis zum Einschlafen vorm Spiegel, bis Mutter eines Tages sagte, er könne mich fangen, verschlingen, und dann bliebe ich für immer darin gefangen. Von da an hielt ich vor dem Spiegel immer nur kurz inne, im Vorbeigehen, nur so lange, bis ich mich vergewissert hatte, dass es mich gab, aber zu kurz, um für immer hinter der Scheibe zu verschwinden.

Ich erinnere mich auch an meinen ersten Besuch in der Synagoge, die in zwei aneinandergebauten Häusern untergebracht war: Im ersten Raum gab es einen Wasserhahn, wo wir uns die Hände wuschen; ich erinnere mich, wie die Frauen sich von uns entfernten und die Stufen hinaufstiegen, um sich auf die Galerie zu setzen, ich erinnere mich, wie ich versuchte, sie zu sehen, als wir den Raum betraten, und wie Vater mir ein Buch in die Hände legte und sagte, ich solle nicht nach oben sehen; alle trugen weiße Tücher über ihren Käppchen, die Enden fielen ihnen bis auf die Schultern, und in den Händen hielten sie Bücher. In der Mitte des Raumes saßen vier Männer auf einem Podest, drei Fuß höher als der Fußboden, auf dem wir saßen. Ihre Namen lernte ich erst später: Rabbi Morteira, Rabbi David Pardo, Rabbi Menasseh ben Israel und Rabbi Isaak Aboab.

Münzgeklimper mischte sich mit den Düften von Zimt, Trockenfeigen, Datteln, Pfeffer, Äpfeln und Quitten, und die Stimme eines Mannes, der nach algerischen Pfeifen fragte, mischte sich in mein halblautes Lesen, während ich in einer Ecke von Vaters Geschäft saß. Wenn keine Kunden im Laden waren, setzte sich Vater zu mir auf den Boden und sagte:

„Du wirst Rabbiner. In zwei Jahren kommst du in die Schule und eines Tages wirst du Rabbiner.“

Ich wendete die Seiten, las langsam, aber besser als mein Bruder Isaak, der jeden Tag in die Talmud-Tora-Schule ging und mir die Zeichen erklärt hatte.

„Du wirst Rabbiner“, wiederholte Vater jeden Tag. Einer der Rabbiner, Morteira, kam oft in unser Geschäft und kaufte Senfkörner, Pfeffer und Tabak, lauter herbe Dinge. Ich lief um ihn herum, betrachtete ihn von allen Seiten, wie er seinen Bart zwischen Daumen und Zeigefinger zwirbelte und mich musterte. Ich wollte wissen, wie ich wohl eines Tages als Rabbiner aussehen würde.

Auf einmal begann sich der Punkt anzukündigen, der meine Existenz unterbrechen sollte und den Beginn meines Lebens bedeutete. Es begann damit, dass meiner Mutter das Atmen schwer fiel, dass sie im Dunkel der Nacht, wenn sie dachte, wir Kinder würden schlafen, mit erschöpfter Stimme dem Vater zuflüsterte:

„Ich habe Angst, einzuschlafen. Ich habe Angst, dass ich dann vergesse zu atmen.“

Aber ich hörte es doch. In dem Augenblick verloren Traum und Schlaf für mich jede Süße und ich glaubte, wenn ich nicht schliefe, würde ich Mutter helfen, nicht einzuschlafen; ich hatte Angst, dass, wenn ich einschliefe, auch sie einschliefe und zu atmen vergäße. Diese Angst war so stark, dass ich mit kurzen Nickerchen über Tag auskam, während Mutter kochte oder einkaufen ging, und wenn sie vom Markt zurückkam und sagte: „Dieses Jahr haben die Robinien nicht geblüht“, öffnete ich langsam die Augen und vergaß, was ich geträumt hatte, und dieses Vergessen des Geträumten verfolgte mich wie ein hungriger Hund, fast bis zu meinem Tod.

Dann hörte Mutter auf zu kochen und zum Markt zu gehen; den Haushalt übernahm Miriam, die sich außerdem um Mutters Pflege kümmerte: Sie kochte ihr Tee, legte ihr warme Wickel auf Stirn und Brust. Nach einigen Monaten bemerkte ich, dass sich ein Schatten des Alterns auf Miriams neunjähriges Gesicht gelegt hatte. Neben Mutter und dem Haushalt hatte sie auch den gerade geborenen Gabriel zu versorgen.

„Dieses Jahr haben die Robinien nicht geblüht“, wiederholte Mutter zwischen zwei Hustenanfällen, zwischen zwei Schläfchen auf dem hohen Federkissen, zwischen zwei Bissen von in Milch eingeweichtem Brot. Und dann begann sie in eine Art Ohnmacht zu fallen und auch wenn sie wach war, schien sie zu schlafen, ihre Pupillen ruhten nicht, sondern zitterten ganz seltsam, als würden sie ein am Horizont aufgehängtes Pendel sehen und dessen Bewegungen folgen – links, rechts, links, rechts. Ihre Ohnmacht weckte in mir eine seltsame Sehnsucht, ich spürte ein scharfes Stechen in der Brust und wollte aufweinen wie wenn ich beim Laufen fiel und mir das Knie aufschlug oder wenn ich mir beim Essen auf die Zunge biss, aber es war, als hielte eine unbekannte Macht meine Tränen und meine Stimme zurück. Ich drückte mich dauernd um das große rote Himmelbett herum, auf dem sie lag, ich versuchte zu lächeln, obwohl mein Mund zitterte, und heute wundere ich mich ein wenig, was ich als sechsjähriger Knirps alles unternahm, wie ich versuchte, sie aufzuheitern, indem ich ihr Abschnitte der Tora ins Ohr flüsterte, oder wie ich versuchte, sie zumindest zu ärgern, indem ich sie in die Hand zwickte oder am Kopfende des Bettes kräftig auf den Boden stampfte, aber sie blieb einfach reglos liegen (Regung zeigten einzig und allein ihre Pupillen, die kaum merklich zitterten und deutlich machten, dass sie nichts sah). Eines Morgens, nach Tagen des Schweigens und nachdem Miriam ihr zu essen gegeben hatte, öffnete Mutter leicht den Mund und fragte:

„Haben die Robinien geblüht?“

„Es ist zu spät, dieses Jahr blühen sie nicht mehr. Es schneit schon“, sagte Miriam mit einem Blick aus dem Fenster, und als sie sich Mutter wieder zuwandte, bemerkte sie, dass die Pupillen, das einzige Zeichen des Lebens in Mutters Gesicht, erstarrt waren, wie im Gesicht einer Toten. „Mama!“ rief sie aus und versuchte, Mutter zu Bewusstsein zu bringen, indem sie ihre Hand schüttelte und ihr ein wenig Wasser ins Gesicht spritze. „Ich hole Vater, du bleibst hier“, befahl sie mir und lief aus dem Haus.

Seit ich denken kann, verspüre ich das Bedürfnis, mein Inneres anderen nicht zu zeigen, es so zu verbergen, dass es niemand sehen kann, indem ich ein anderes Gesicht zeige, ähnlich wie ein Maler mit neuen Schichten Farben überpinselt, die er unüberlegt aufgetragen hat, wie das Licht der Sterne sich ändert, auf dem Weg von ihnen zu uns. Solange Miriam noch im Zimmer war, beobachtete ich alles mit einer gewissen Gefasstheit, beinahe mit Desinteresse, aber sobald sie aus dem Zimmer lief, lehnte ich mich zitternd an Mutters Seite, legte meinen Kopf an ihre Brust, um mich zu vergewissern, dass sie atmete, und ich dachte, ihr Leben würde nicht enden, solange ich auf ihren Atem lauschte. Es war ein seltsames Geräusch, wie eine langsames Zerrieseln, ein leises unaufhaltsames Absterben, und auf einmal verschob sich etwas in diesem tödlichen Rasseln, ich hörte ein Anschwellen, ein Geräusch, das sich in Mutters Brust ausweitete und mir Angst und Hoffnung zugleich einflößte. Ein gewaltiges Geräusch, in dessen Kraft sich die Ankündigung eines Endes und das Verlangen nach Dauer mischten. In dem Augenblick schien es mir, als hörte ich Mutter meinen Namen flüstern; niemals werde ich wissen, ob ich diese beiden Silben wirklich hörte oder es mir nur wünschte. Ich weiß, dass ich den Kopf hob und sah, dass sich Mutters Lippen blau zusammenkrampften, während ihre Augen versuchten sich zu öffnen. Ihre rechte Hand machte eine kaum wahrnehmbare Bewegung, zumindest erschien es mir so, eine Bewegung, mit der sie mich zugleich heranzuwinken und zu vertreiben schien. Dann entstieg das seltsame Geräusch ihrer Brust, wurde zu einem Husten, der mehr in ihr verharrte, als dass er sich löste, denn ihre blauen Lippen blieben aufeinandergepresst. Ihre Augen öffneten sich einen Spalt weit und der Blick, der unter den dunkel gewordenen Augenlidern hervorschaute, jagte mir einen kalten Schauer über den ganzen Körper, von den Fersen bis zum Scheitel; ich erkannte ihren Blick nicht, er war mir unendlich fremd und die Angst, die er mir einflößte, war noch größer, denn in Mutters Pupillen konnte ich sehen, dass ich ihrem Blick ebenfalls fremd war, dass er mich nicht erkannte. Während die blauen Lippen dem stärker werdenden Husten nachgaben, dachte ich, dass dieser Körper auf dem Bett mit dem dunkel gewordenen Gesicht, seiner Unfähigkeit zu sprechen und dem feindseligen Blick unmöglich der Körper meiner Mutter sein konnte. Aus seinem Mund schleuderte der Husten nun Blut, das auf die Brust fiel. In dem Blut, das sich von Mutters Blässe abhob, schien mir ein Stück Seele zu bleiben, und ich streckte meine Hand nach dem Rot aus, nahm ein Tröpfchen zwischen Daumen und Zeigefinger und hob es vor meine Augen; ich starrte auf diesen Punkt (mir war, als würde er zwischen meinen Fingern pulsieren), als wäre er das Letzte, worin ich Mutter noch sehen konnte. In dem Moment spürte ich, wie etwas Kaltes nach meinem Arm griff, aber ich blickte nicht dorthin, wo ich die Berührung spürte, sondern sah in den Spiegel, und dort traf mein Blick den toten Blick meiner Mutter – er starrte in den Spiegel und sah von dort zu mir. Ich erinnerte mich an Mutters Worte, der Spiegel könne mich fangen und verschlingen und richtete den Blick schnell auf den Tropfen Blut zwischen meinen Fingern, auf das Letzte, das noch von Mutters Leben zeugte, dann blickte ich zu ihr, in ihre toten, halbgeöffneten Augen, die auf den Spiegel gerichtet waren, bis mir erneut der kalte Griff um meinen Arm bewusst wurde: Ich sah auf mein Handgelenk – Mutters tote Finger hielten es fest umklammert. In dem Augenblick verwandelte sich meine ganze Angst in einen Schrei – einen Schrei, der laut und durchdringend wie kräftige rote Farbe begann, dunkler wurde, während mein Blick ein Dreieck beschrieb: von Mutters Augen zu ihren Fingern, die mein Handgelenk umklammerten und mich nicht losließen bis zu dem Flecken Blut zwischen meinen Fingern; und mir war, als würde sich in diesem nachdunkelnden Schrei etwas losreißen, von mir entfernen. Ich wusste nicht, was das war; nur die Farbe meines Schreis, die beim Verhallen schwarz wurde, kündigte mir einen unwiederbringlichen Verlust an, und ich ahnte, dass der Körper, der leblos vor mir lag und mich fest im Griff hielt, nur ein Teil des Verlusts war.

Als Miriam, Rebekka und Vater ins Haus gelaufen kamen, war mein Schrei bereits verhallt, mir war, als hätte ich keine Stimme mehr, um „ja“ oder „nein“ zu sagen. Miriam und Rebekka begannen neben Mutters Körper zu weinen, Vater versuchte Mutters tote Finger von meinem Handgelenk zu lösen und schrie dabei, ich sei ja ganz blau angelaufen und atme kaum und Blut hätte ich auf der Handfläche und an den Fingern; er beschwor mich, doch einen Laut von mir zu geben, während er versuchte, mich zu befreien, doch Mutters Finger hielten mich zu fest; aber in dem Augenblick, als ich mir wünschte, für immer so umklammert zu bleiben, als ich mir wünschte, diese Verbindung möge ewig halten, weil der Verlust dann nur ein teilweiser wäre, sah ich, wie es Vater gelang, Mutters Finger so weit zu lösen, dass ich meine Hand herausziehen konnte. Ich floh in die Ecke des Zimmers, kauerte mich dort zusammen und fiel in einen tiefen, bewusstlosen Schlaf.

Mutters Begräbnis habe ich nicht miterlebt. Ich habe nicht gesehen, wie man sie in den Sarg legte, den Sarg auf einen Kahn brachte und ihren Körper zum jüdischen Friedhof fuhr, noch habe ich gesehen, wie man sie in die Erde hinabließ. Als ich nach zwei Tagen Schlaf aufwachte, waren mein Daumen und Zeigefinger immer noch fest zusammengepresst. Ich öffnete sie und betrachtete den getrockneten roten Fleck, den ich von da an in einem Taschentuch immer bei mir trug. Mit diesem roten Punkt war der Kreis der endlosen Existenz unterbrochen, und das Leben verwandelte sich in einen Abschnitt mit Anfang und Ende. Durch das Fenster sah ich, dass Vater die Robinien vor unserem Haus gefällt hatte. Einen Augenblick lang hatte ich vergessen, dass Mutter tot war, und dachte, dass sie nun, wo es die Bäume nicht mehr gab, nie wieder Robinienblüten sammeln würde, um im Winter Tee daraus zu machen. Ab da begann ich jeden Winter schon in den ersten Novembertagen abends schwer und schnell zu atmen, so wie wenn einem etwas genommen wird, wenn man einen unwiederbringlichen Verlust erleidet. In meiner Erinnerung blieb von Mutter nur wenig: ihre Hand, die mir Essen reicht, ihre Gestalt, die durch das geöffnete Fenster in die Robinienzweige greift und Blüten pflückt, ihr Fuß, der versehentlich das Milchschälchen umstößt, das sie für die Katze an die Haustür gestellt hatte. Ich habe vergessen, wie es war, als sie mir aus der Tora vorsang, mir die Wörter erklärte und worin der Unterschied zwischen Traum, Vorstellung und Wirklichkeit besteht; vergessen, wie sie mich warnte, der Spiegel könne mich fangen und verschlingen, vergessen, wie sie starb; und zwar nicht etwa mit Absicht, weil ich es vergessen wollte. Nein, das alles war nach den zwei Tagen Schlaf schlicht meinem Gedächtnis entfallen; so wie ein schwerer Stein durch eine löchrige Hosentasche durchfällt; und es blieb fast bis zu meinem Tod verloren. Nach Mutters Tod hörte ich auf zu träumen und erst mit dem Näherrücken meines eigenen Todes begann ich mich wieder an meine Träume zu erinnern.

Im Winter nach dem Tod unserer Mutter weinten Miriam und Rebekka dauernd. Es reichte, dass eine von ihnen in eine Schublade griff und dass ihr ein Taschentuch von Mutter in die Hand fiel – oder dass Rebekka der Topf mit der Rosenmarmelade, die Mutter so gerne gegessen hatte, aus den Händen glitt und zerbrach –, und schon flossen die Tränen. Manchmal hielt ich es nicht aus, mit ihnen im gleichen Zimmer zu sitzen, weil vor meinem geistigen Auge Mutter vorbeiging, Robinienblüten pflückte, mir Essen reichte, das Milchschälchen mit dem Fuß umstieß; ich lief hinaus, über die Brücken der Amsterdamer Kanäle. Seitdem verachtete ich Tränen, ich habe nie geweint. Abends schlief ich weiterhin nicht, blieb wach und sah Vater zu, wie er gegen sich selbst Schach spielte, oder ich erfand Geschichten und erzählte sie mir selbst, so leise, dass mich niemand hören konnte, und wenn ich doch einschlafen wollte, drückte ich meinen Kopf kräftig ins Federkissen und lauschte dem Klopfen in meinen Schläfen wie Schritten des Schlafs, der auf mich zukommt.

Um mir die Zeit zu vertreiben, sah ich aus dem Fenster oder in den Spiegel. Ich hörte auf, mich vor ihm zu fürchten, weil ich vergaß, dass Mutter mir gesagt hatte, er könne mich fangen und ich würde für immer darin bleiben; und wenn sich außer mir niemand im großen Erdgeschosszimmer aufhielt, blieb ich vor der glatten Oberfläche stehen und betrachtete meine Gestalt. Ich war jetzt weder verwirrt, dass es mich noch einmal gab, noch lachte ich; ich beobachtete nur meinen Gesichtsausdruck – jene stille Sehnsucht, die sich in einem Beben äußerte, das erst nach langer, aufmerksamer Beobachtung wahrzunehmen war, einem Beben, das unmerklich am Kinn begann, sich über die sanft abfallenden Mundwinkel fortsetzte und an den Augenbrauen endete. Unter den Brauen befanden sich die einzigen Ruhepole meines Gesichts – die Augen. Aber ihre Ruhe, die sich über die Iris bis zu den Pupillen ausbreitete und sich tief in sie hinein fortzusetzen schien, unterstrich noch den Eindruck von Sehnsucht, den mein Gesicht hinterließ.

Ich begann Ecken zu mögen, sie übten eine ungewöhnliche Faszination auf mich aus. Mit wunderlicher Zärtlichkeit betastete ich die Ecken von Büchern, mit unerklärlicher Neugierde zogen mich Ecken neuer Räume an, die ich betrat; in ihnen fand ich Zuflucht. In einer Ecke fühlte ich mich ganz allein, ganz für mich, als könnte mir dort niemand etwas antun. Im ersten Herbst nach Mutters Tod kam ich in die Schule, und während die übrigen Kinder sich drängten, in den ersten Reihen zu sitzen, zog ich mich in eine der Ecken des Klassenzimmers zurück. Später fiel es allen auf, dass ich, wo immer es ging, zu dem Punkt strebte, in dem sich drei Linien treffen – auch im Garten der Synagoge, auch auf dem Schulhof; und das war der Grund, weshalb sie mich „Ecke“ nannten, obwohl ich in den Schulbüchern als Baruch eingetragen war. Wenn ich aus dem Fenster sah, sah ich nicht mehr aus dem Fenster, sondern an den Fensterecken entlang, ich wollte den Ausschnitt der Außenwelt sehen, den die Ecken bildeten. Ich beobachtete nicht mehr, wie sich die Wolken am Himmel bewegten, sondern wie sie sich einer der oberen Fensterecken näherten und hinter ihr verschwanden; ich beobachtete nicht mehr, wie das Wasser im Kanal vor unserem Haus floss, sondern wie der Kanal von der unteren rechten Ecke des Fensters durchtrennt wurde.

Meine Tage in der Talmud-Tora-Schule waren von einer seltsamen Bedrückung überschattet. Alles war in Ordnung, solange die Rabbiner uns unterrichteten, wie wir zu beten hatten, solange sie uns Auslegungen der Tora lehrten und solange wir übersetzten. Meine Bedrückung begann in dem Augenblick, wo die Stunde endete. Ich fühlte mich irgendwie anders als die übrigen Kinder, und sie spürten das; sicherlich konnten sie nicht erkennen, dass ich mich anders fühlte, dafür aber nahmen sie mich als anders wahr, und in dieser Andersartigkeit, in meiner Unfähigkeit, mit ihnen so zu sprechen, wie sie untereinander redeten, sahen sie gleichsam eine Sünde, ein Vergehen, das sie mit Verachtung und Hass bestraften. Nach dem Ende des Unterrichts um elf Uhr rannte ich daher immer sofort nach Hause, um dann mittags um Punkt zwei wiederzukommen, nur eine Minute vor Beginn des Nachmittagsunterrichts, aber auch in dieser Minute fühlte ich eine unendliche Verstimmtheit, spürte ihre Blicke, obwohl ich immer auf den Tisch vor mir starrte, auf die Ecken des Tisches; noch deutlicher hörte ich ihre Stimmen und die spöttischen Worte, die sie mir zuwarfen, und die mich dazu brachten, mich unwillkürlich weiter in die Ecke zu bewegen, obwohl es in die Richtung gar nicht weiter ging, denn ich klebte schon förmlich an der Wand. Was die Kinder aber am komischsten fanden, war, dass ich ab und zu mein Taschentuch herauszog, es von einer Hand in die andere warf, um es schließlich wieder in die Tasche zu stecken. Dann stießen sie sich gegenseitig an, drehten sich zu mir um und machten sich über mich lustig, wobei sie Acht gaben, nicht vom Lehrer bemerkt zu werden. Eines Tages versammelte sich ein Teil der Kinder aus meiner Klasse nach Unterrichtsschluss, zwei von ihnen packten mich, ein drittes zog mir das Taschentuch aus der Tasche und die anderen lachten. Sie reichten das Taschentuch von einem zum anderen und liefen vor mir weg, als ich versuchte, es ihnen wieder abzunehmen. Zum Schluss, an der Kanalbrücke vor der Schule angekommen, streckte Josef seinen Arm mit dem Taschentuch über dem Wasser aus. Ich versuchte, ihm das Tuch wegzunehmen, wollte vor Schmerz weinen, aber er stieß mich weg, trat beiseite und öffnete seine Hand. Mein ausgestreckter Arm senkte sich, aber es war zu spät. Während ich zusah, wie das Taschentuch unterging, dachte ich an den Teil von Mutters Seele in dem Blutfleck, der sich in diesem Augenblick mit dem Wasser vermischte.







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