Igor Isakovski

Der Tod des Fuchses
Photo_by_obsessive_possessive_aggression_3_medium
Photo by Obsessive Possessive Aggression
Auszug aus dem Erzählband Песочен часовник (Sanduhr); aus dem Mazedonischen von Benjamin Langer; mit der freundlichen Genehmigung von TRADUKI (www.traduki.eu)

Es war eine Winternacht. Die Lüftung funktionierte nicht. Sehr oft fiel der Strom aus. Leute traten ein, linsten durch die Tür, sahen, dass drinnen wenig los war und machten die Tür wieder zu. Es war Mitte der Woche. Mittwoch. Einer der Skopjer Wintermonate. Skopje hat viele Wintermonate. Die Kneipe wirkte traurig; gelbes Licht dominierte. Das war gut. Wie Rettung vor dem Nebel. Genauer gesagt, wie etwas, das aussah wie eine Rettung vor dem Nebel, denn es gibt keine Rettung vor dem Skopjer Nebel. Das Licht konnte diesen Eindruck höchstens vortäuschen. Manchmal genügt auch das. Ich trank Bier, schlich um die Musikanlage herum, begann einige hohle Gespräche mit den Leuten drinnen und rauchte wie ein zum Tode Verurteilter. Mitten in der Mitte der Woche.

Wir waren wie Flüchtlinge: Keiner wollte aus der Kneipe weggehen, obwohl es mehr als klar war, dass die Nacht an jedem x-beliebigen anderen Ort höchstwahrscheinlich besser verliefe. Sogar bei dem Nebel draußen. Es war klar. An jedem x-beliebigen anderen Ort. Daheim? „Mehr als klar“ bedeutet eine Klarheit, die der Intensität von Lampen über einem Operationstisch nahe kommt. Wie eine Erleuchtung, von der du dir sicher bist, dass sie keine ist. Wir dämmerten dort vor uns hin, und einige von uns versuchten, sich zu amüsieren. Ich glaube, dass ich am meisten lachte...

„Los, fahren wir nach Ohrid!“, sagte jemand.

Die anderen begannen laut durcheinander zu reden. Eigentlich hatte niemand vor, wohin auch immer zu gehen. Ja. Aber – tja, jemand hatte das erwähnt und da hast du eine Geschichte... Ich stand mit einer Freundin am Tresen, vernichtete Bier, als gäbe es kein Morgen, und schaffte es einfach nicht, mich abzufüllen, aber das Gespräch floss dahin und ich sagte:

„Los, fahren wir.“

Sie lachte und fragte:

„Wer wir?“

„Naja, weiß nicht“, sagte ich. „Wer will. Ist egal, oder?“, sagte ich.

„Na dann“, sagte sie.

Wir stießen mit den Gläsern an.

„Hast du ein Auto?“, fragte ich.

„Hab ich“, sagte sie.

„Wann fahren wir los?“, fragte ich.

„Lass mich das hier austrinken“, sagte sie.

Wir standen dort und tranken weiter. Wir tranken, als hätten wir nirgendwohin fahren wollen.

Ihr fahrt wirklich?“, fragte einer. Der ist in Ordnung, aber das tut jetzt nichts zur Sache.

„Ja, und du?“

„Ich fahr, mit noch einem.“

„Habt ihr Platz im Auto?“

„Nein. Wir bringen ein paar Besitztümer nach Ohrid.“

Genau so sagte er das: „Besitztümer“. Er sagte nicht „Sachen“.

„Gut. Wo treffen wir uns?“

„Am Hafen?“

„Am Hafen.“

„Tschau.“

„Gute Fahrt! In zwei Stunden sind wir dort.“

Wir tranken wieder. Als hätten wir nicht fahren wollen. Wir brachen auf.

„Hör mal, Vampir“, sagte sie, „irgendwie hab ich keine Lust, mit meinem Auto zu fahren...“

„Hä?“

„Bisher hab ich noch nie so ne Strecke gemacht. Ich bin nicht viel gefahren.“

Egal. Lassen wir es.“

„Sei nicht enttäuscht, bitte.“

Scheiß drauf. Es wär gut gewesen, wenn wir gefahren wär’n. Ich brauch’n bisschen Luftveränderung.“

...“

...“

„Ich hab ne Idee...“

„Ja?“

„Möchtest du, dass wir mit ’nem Taxi fahren?“

„Verarsch mich nicht. Wo soll’n wir denn das Geld herhaben?“

„Mach du dir mal keine Sorgen wegen Geld. Magst du?“

Wir stritten uns noch ein bisschen übers Geld und brachen auf. Der Nebel war dicht und schwer wie Muttermilch. Wenn man so will.

Wir nahmen Bier und etwas zu essen mit und fanden einen Taxifahrer, der bereit war, uns nach Ohrid zu fahren. Er nannte eine Summe, ich nannte eine andere, und so einigten wir uns.

Als wir an Gostivar vorbeifuhren, begann der Nebel, sich zu lichten. Die Nacht war sehr kalt, im Auto spielte eine der Kassetten, die ich in der Kneipe geklaut hatte, das Bier war gut und meine Freundin und ich sprachen über dies und jenes, während das Auto durch die kalte Nacht Richtung Ohrid hetzte. Das war, wie wenn du ein Lied hörst, das du schon lange hast hören wollen. Da, das Lied ist da, es füllt jeden Teil des Raumes aus, du hast das Gefühl, dass du in ihm schwebst und nicht es um dich herum. Als die Kassette zu Ende war, hörte ich dem Dieselmotor zu. Auch das war ein Teil des Liedes, das ich schon lange hatte hören wollen. Alles war gut. Ich war unterwegs und fühlte, wie die Kilometer unter mir die Räder des Wagens küssten.

In Kičevo hielt uns die Polizei an. Routinekontrolle. Der Taxifahrer nahm unsere Personalausweise und stieg aus. Ein Stück kalte Winterluft kam in den aufgeheizten Wagen, bevor er die Tür schloss. Er stand mit den Polizisten draußen, ich und Luna tranken vom Bier. Ich zündete eine Zigarette an. Sah den Widerschein der Glut in der Scheibe rechts von mir. Dann sah ich, dicht an der Scheibe, einen Polizisten. Er lächelte mich an. Ich lächelte zurück.

Isakovski?“, sagte es von der Seite der kalten Nacht her.

Ja“, sagte ich im Automobil und öffnete die Tür.

Guten Abend, Herr Isakovski“, sagte der Polizist.

Damit wir uns verstehen: Ich hatte im letzten Jahrzehnt viele Begegnungen mit Polizisten, aber nicht einer der mazedonischen Polizisten hatte sich auf diese Weise an mich gewandt. Es gab ein sanftes Lächeln in diesem „Guten Abend“ und ich war verwirrt. Ich war daran gewöhnt, dass sie mich untersuchten, dass sie kaltblütig meine Papiere verlangten, dass sie mich zu Gesprächen vorluden... Das hier war etwas völlig Neues. Ich erwartete Ärger...

Guten Abend“, sagte ich.

Gott muss schlafen, wenn er schon Kriege, Atombomben, Politiker, Bullen und all die übrige Kacke zulässt“, sagte der Bulle.

Jetzt hab ich verschissen“, dachte ich und lächelte. Niemand hätte mich davon überzeugen können, dass irgendein Bulle meine Erzählung liest. Und dass er sich dann daran erinnert... Nein, natürlich nicht. Aber da stand er vor mir, einen Kopf kleiner, mit blondem Haar unter der Mütze und mit Pistole und Schlagstock am Gürtel. Und zitierte mich Wort für Wort. Ich bin kein Typ mit gutem Gedächtnis; ich erinnere mich an fast nichts, was ich geschrieben habe. Vielleicht deshalb bin ich baff, wenn jemand meine Texte besser kennt als ich. Ich bin angenehm baff.

Scheint so, dass er schläft“, sagte ich.

Wie geht es Ihnen, Herr Isakovski?“

Gut, danke! Wie geht es Ihnen?“

Tja, noch ein paar Stunden, dann fahren wir nach Hause.“

...“

Und, in Ohrid? Haben Sie dort etwas zu tun?“

Nein... Ich hatte die Schnauze gestrichen voll von Skopje.“

Im gleichen Moment tat es mir leid, dass ich so ungehobelt gewesen war; der Bulle hatte das nicht verdient. Aber so bin ich eben...

Verstehe“, sagte er und lächelte.

Ich schwieg.

Schreiben Sie an etwas Neuem?“, fragte er.

Ja, ich schreibe immer. Nur veröffentlichen tu ich selten.“

Naja, selten. Sie haben doch schon drei Bücher!“

Vier“, sagte ich. „Jetzt wird es gedruckt, in diesen Tagen.“

Hervorragend!“, sagte er. „Prosa?“

Nein, Lyrik. Alle mögen meine Prosa.“

Er lächelte.

Ich dachte, dass Sie wenigstens einhundert Kilogramm wiegen und dass Sie ein sehr grober Mensch sind“, sagte er.

Wir sprachen noch eine Weile so, bis mir einfiel, dass ich im T-Shirt draußen stand, in der mittleren Mitte der Winternacht. Wir verabschiedeten uns, drückten einander fest die Hand, und ich stieg ein. Der Fahrer ließ den Motor an. „Zum Teufel, Isakovski“, sagte ich zu mir, „du wirst dich noch vor Berühmtheit erkälten!“ Der Bulle klopfte an die Scheibe.

Entschuldigen Sie... Können Sie mir hier unterschreiben?“

Das war schon zu viel. Ich habe bisher ein paar Autogramme verteilt, aber die Tatsache, dass fast alle weiblichen Namen gewidmet waren, spricht genug für sich. Ich unterschrieb.

Du bist Schriftsteller?“, fragte der Fahrer.

Scheint so“, sagte ich.

Luna lächelte.

Wir reisten durch die Nacht, hetzten Richtung Ohrid. Ich hatte es nicht eilig. Ich wollte unterwegs sein, ewig den Aufenthaltsort ändern, auf Leute stoßen. Auch wenn sie nicht so nett wären wie der Bulle vorhin.

Ich lehnte meinen Kopf an den Sitz, lauschte dem Lied, das ich seit langem hatte hören wollen, und blickte in den Himmel über uns. Da waren wir hier irgendwo, wir drei, und brachten die Reihenfolge der Ereignisse durcheinander, so wie wenn ein Stern sich von seinem Platz verschiebt. Plötzlich gab es draußen einen Knall und der Fahrer hielt an. Er saß da wie versteinert. Dann drehte er sich zu uns um.

Ich hab was überfahren“, sagte er.

Was?“, fragte Luna.

Weiß nich... Was wie’n Hase... Was mach ich’n jetz?!“

Wart hier“, sagte ich und stieg aus. Er stellte den Motor ab. Manchmal tut ein erschrockener Mensch wirklich unnötige Dinge.

Es war kälter als in Kičevo. Wir waren auf freier Strecke.

Ich ging zehn Schritte zurück und sah ihn. Er lag dort, als schliefe er... Ich ging zu ihm hin, beugte mich über ihn, legte die Finger an seinen Hals. Ich hatte gesehen, dass man die Leute so überprüft. Im Film. Er war warm. Nichts bewegte sich unter meinen Fingern. Er war tot. Sofort getötet.

Komm her“, sagte ich zum Fahrer.

Er fuhr das Auto zurück und stieg aus.

Ein Fuchs“, sagte er, als er näherkam.

Er ist schön“, sagte ich. „Sogar so.“

Blut begann auf den Asphalt zu fließen. Aus seinem Kopf.

Was mach’n wir’n jetz?“, sagte der Fahrer und kratzte sich am Kopf. Das tun sie immer.

Mach den Kofferraum auf.“

Er gehorchte.

Ich leg ihn rein, ich bin sowieso schon ein bisschen blutig...“

Er schaute den Fuchs an, dann schaute er mich an, ich blinzelte ihm zu und legte den Fuchs hinein. Langsam, zärtlich. Als wäre er noch immer lebendig. Das menschliche Mitleid ist seltsam.

Nimmst du’n mit, wenn wir da sind?“, fragte er.

Nö. Was soll ich damit?“

Und ich? Was mach ich’n damit?!“

Nimm ihn zum Kürschner und bring deiner Frau ’nen Fuchspelz mit.“

Er grinste.

Danke“, sagte er.

Keine Ursache. Du hast ihn umgebracht. Gib mir mal Wasser, damit ich mich abwasche.“

Er goss und ich wusch das Fuchsblut von meinen Händen.

Wir fahren gleich los, ich pinkel nur mal eben...“

Okay“, sagte er und stieg ins Auto ein.

Ich stand dort, irgendwo auf halber Strecke zwischen Ohrid und Kičevo, pinkelte und blickte zum Himmel. Er war sehr weit, sehr klar. Viele Sterne. Wie Fingerspitzen, die den Himmel aufreißen.Von meinen Füßen stieg Dampf auf. In diesem Augenblick dachte ich nicht an den Fuchs; ich blickte zum Himmel, knöpfte die Jeans zu und zitterte vor der Kälte des mazedonischen Winters.

Meine Frau hatte vor’n paar Tagen Geburtstag“, sagte er, als ich einstieg. „Ich hatte kein Geld für’n Geschenk... Darüber wird sie sich echt freuen“, sagte er.

Grüß sie von Vampir und Luna“, sagte Luna.

Etwa um zwei Uhr morgens kamen wir in Ohrid an. Wir stiegen am Hafen aus; ich half ihm, Wasser und Öl nachzufüllen, und er brach auf. Wieder bedankte er sich für den Fuchs.

Wir standen am Hafen und warteten darauf, dass die aus Skopje ankämen. Es war ausgemacht, dass wir in ihrer Wohnung schlafen würden.

Sie kamen nicht. Es war kalt. Der Himmel über Ohrid war wie ein ernteschweres Baumwollfeld. An den wenigen abgeernteten Stellen gab es auch den einen oder anderen Stern. Wenn ich die Augen schloss, sah ich den Himmel so, wie er an dem Ort ausgesehen hatte, wo der Fuchs gestorben war. Es war kalt: Aus unseren Mündern kam Dampf und der Dampf gefror und fiel vor unsere Füße wie ein silbernes, durchsichtiges Blatt.

Sie kamen nicht. Wir gingen los, um ein Zimmer zu suchen. Es war nach zwei Uhr morgens.

Beim Urania-Museum gibt es ein paar Häuser, in die ich gerne gehe. Es war nicht die Uhrzeit, um ein fremdes Haus zu betreten. Aber ich musste an irgendein Tor klopfen. Um jemanden aufzuwecken, damit er mich aufnimmt. Ich sah Licht in einem Fenster und blieb darunter stehen und rief. Ein strubbeliger Kopf erschien.

Wer ist da?“, fragte der Strubbelige.

Igor“, sagte ich.

Welcher Igor?“

Vampir.“

Du bist es?! Ich komm sofort runter.“

Du hast dir ja eine Zeit ausgesucht, um zu kommen“, sagte er, als er uns aufmachte. „Eine vampirische! Hahaha!“

Wir lachten alle.

Hallo Goran“, sagte ich.

Hast du keine Unterkunft?“

Mm.“

Ich bin mit meiner Frau nach oben gezogen. Hier hab ich ein Zimmer für euch.“

Wir traten ins Zimmer. Es war ein gutes Zimmer; es gab ein Bett, in dem wir genug Platz hatten, und Kissen und viele Decken. Ein gutes Zimmer. Daneben war ein Bad. Dorthin ging Luna, dann ich, und als ich ins Zimmer zurückkam, war Goran gegangen und Luna war unter den vielen Decken eingemummelt und lächelte, als ich mich zu ihr legte. Ich gab ihr einen Gute-Nacht-Kuss und hörte, wie der See unter uns ans Ufer schlug. Ich tauchte in die Tiefen des Traums ein. Die stärkeren Schläge des Sees klangen wie der Schlag des Autos gegen den Fuchs. „Du hast ihn umgebracht“, sagte ich zu ihm. „Du hast ihn umgebracht...“ Vielleicht hatte ja auch mein Wunsch, zu verreisen, irgendwie mit all dem zu tun...

Vampir?“, sagte sie sanft.

Mmm.“

Schläfst du?“

Nein...“

...“

...“

Denkst du etwas?“

Mmm...“

...“

An den Fuchs.“

Es war traurig.“

... Traurig.“

Sie drehte sich im Bett herum und drückte sich eng an mich, wie ein kleiner Welpe. Ich fand sie süß. Küsste ihre Stirn.

Der Morgen war stark. Sonnig stark. An den Fenstern gab es keine Rollläden, keine Vorhänge, es gab keinerlei Schutz vor den tödlich starken Schlägen der Sonne. Genau auf meinen Kopf... Der See schlug nicht ans Ufer.

Wir saßen mit den Alten zusammen und tranken Schnaps. Ich mochte diese Alten. Mochte die Art, wie sie scherzten, die Art, wie sie das Leben betrachteten. Sie sagten mir die alten Monatsnamen, behandelten mich wie einen Enkel, immer hatten sie Schnaps und ein warmes Wort für mich. Und einen Kuss, wenn ich fortging. Der Opa drohte ständig damit, dass er eine „neue Oma“ für sich finden werde. Die Oma sagte, dass sie sich von ihm befreien werde, endgültig. Sie konnten nicht ohne einander. Er war ein sehr hochgewachsener Mensch und die Jahre hatten ihn nicht niedergerungen. Er hatte silbernes Haar und riesige Brauen. Riesige schwarze Brauen, die seine Augen vor jedwedem Unwetter schützen konnten. Aber sie konnten ihn nicht vor den Jahren schützen. Er verlor das Augenlicht, und die Oma las die Zeitung immer öfter laut vor. Keiner der beiden sprach darüber; sie benahmen sich, als hätten sie ein neues Ritual eingeführt.

Wir saßen dort, drängten uns an den Ofen, die Müdigkeit schüttelte unsere Glieder, wir nippten am Schnaps, und der Opa erzählte von seinen Feldern, von den Apfelbäumen, von der Sonne in ihnen, von der Musik, die er hörte, wenn die Zeit ihrer Blüte gekommen war, vom Aufwachen mitten in der Nacht, wenn es ein Unwetter gab, wenn der Wind die Äste der Apfelbäume bog. Er sagte uns, wie man Schnaps macht, wie man Äpfel vorbereitet, um aus ihnen Schnaps zu machen. Guten Schnaps, mit einem Bläschenkranz auf der Oberfläche und mit Sonne in seiner Tiefe.

Ich geh zum See“, sagte ich ihnen, als ich hinaustrat.

Sie ließen meine Eltern grüßen, alle, die ich ihnen gegenüber früher erwähnt hatte. Sie kannten fast niemanden davon, am wenigsten meine Eltern, aber sie ließen sie grüßen. Ich erwähnte ihnen gegenüber den Fuchs, während ich vor dem Tor stand. Sie sagten, dass daraus Gutes erwachsen werde.

Wir saßen am Ufer, der See unter uns bildete Netzmuster, die Sonne war stark. Es war ein schöner Tag in Ohrid. Goce war bei uns. Seine Seele war voller Wintersonne. Er war glücklich, in dieser Stadt zu sein, er war sich des Segens bewusst, der ihm geschenkt worden war. Er erzählte Luna, wie wir uns kennen gelernt hatten; diese Geschichte erzählten wir immer, wenn sich jemand Drittes bei uns einfand. Es hatte nicht viel gefehlt, und wir hätten uns geprügelt, als wir uns das erste Mal sahen. Wir waren damals, vor ein paar Jahren, wie wütende Hunde gewesen. Einige Tage später war klar gewesen, dass wir einander wie Kriegskameraden verteidigen würden; die hinter uns liegenden Jahre hatten uns gelehrt, den Veteranengestank unserer Seelen zu respektieren. Wir waren wie Waffenbrüder. Luna lachte. Alle lachen, wenn sie diese Geschichte hören. Das ist gut.

Ich schloss die Augen. Seine Stimme. Ihr Lachen. Der Atem des Sees. Ein Schlag. Der Fuchs. Ob er wohl geschrien hat, als wir ihn überfuhren? Woran hat er in dem Moment gedacht? Wohin verreist er, hat er für sich einen Platz zwischen jenen Sternen gefunden, die wie Fingerspitzen den Himmel aufrissen? Warum musste ich mit Luna schlafen?

Der See unter mir spielte mit der Sonne über mir. Es gab kleine Wellen, das Licht tanzte auf der Oberfläche des großen Wassers. Die Sterne waren da, in Reichweite der Hand. Ich streckte sie nicht aus.







© University of Wales, Aberystwyth 2002-2009       Home  |  @ Kontakt  |  Zurück zum Seitenanfang
site by CHL