Katica Kulavkova
Ansprache
1. Teuflischer Zusammenhang
Du
isst, schlingst, nagst, schluckst
immer hungrig, für immer
bettelnd
glotzend. Dein Absolutes ist unbegreiflich.
Hier
bin ich auf einem Karussell-Ball
selbstgefällig, goldgierig,
machtgierig,
versuche, nicht ohne Mühe, dich zu
begreifen!
Geschichten, Mythen, Historien denke ich mir aus
um
dich zu benennen: ich gebe dir Namen, wende mich an dich
gestalte
dein Abbild, dein Spiegelbild, deine Verkörperung
und gestehe,
alles bisher von mir Geschriebene
wendet sich an dich:
auf Wasser, Luft, Äther, Erde
rudern
deine Sprache lernen
deinem Weg folgen.
Dem Weg,
sogar wenn
ich dich teile, dich spalte, dich zerreiße
kürze,
kappe, schneide, aufschlitze
rede ich mir ein – dich in den
Händen zu halten!
ich bringe dich in Bücher ein
gedenke
deiner, dieses Gedächtnis gebe ich weiter
es wandert von den
einen zu den anderen
ich verschönere, verbessere, vergebens
Zeichen, allerlei Formen
damit du mir irgendwas sagst,
trotzdem
habe ich dich nicht!
Die große Mutter
„Ich bin sie.
Ruhe im
Schneidersitz
meine Hüften tragen die Last der
Lebensschöpfung
sind derart breit geworden
dass sie sich von
mir abgetrennt haben
und nicht mehr nur meine sind und nicht nur
hier.
Die ganze Welt mein Zuhause.
Ebenso:
ich habe die
Macht
zur selben Zeit an mehreren Orten zu sein.
Ständig
im Austausch mit der Erotik
um eine lebendige, aber sterbliche
Welt zu schaffen
- werde ich zum Buch der Veränderungen
ich
wechsle meinen Namen, tausche die Symbole
und die Sagen aus, lege
die Menschen ab
ändere das Casting
die Rollen aber bleiben
gleich!
Ich bin diejenige, die mit dem Geistigen spricht,
der
das Weltliche entspricht:
Erde und Meer, Luna und
Himmelsgewölbe!
Oh, welcher Widerspruch:
eine Frau zu sein,
das Haupt der Fruchtbarkeit
und dabei ein negatives,
passives
Vorzeichen zu tragen, ein archetypisches
Minus
rhythmische Ausschnitte
aus dem Tod und dem Leben!
Wer
soll denn geben, außer dem, der hat?
Wer soll denn verlieren,
außer dem,
der etwas zu verlieren hat?
Ich, Matrix,
Mutterleib, Gebärmutter,
müde, mündige, muntere Matrone
aus
der Anderen Welt
(nein, diese war mir nie genug!)
trage dir
an:
geh ins Meer
denk nicht an die Ohnmacht
denn du weißt
nie
wie lange du durchhalten kannst
im Schmerz wie auch im
Genuss
schwimm soweit du sehen kannst
und sieh weiter,
immer weiter
ich bin’s, auf dem Hügel nachdenklich erzählend
in
meiner Muttersprache sprechend
(oh, welche Erleichterung, welche
Gemütlichkeit!)
und dir die Kraft
und nicht den Trost
gebend!
Später wirst du über meinen Rissen rätseln
über
der unterbrochenen Schicksalslinie,
zusammengefasst in den 64
Hexagrammen des Änigmas
und er wird dem Rebus
einzelne
präzise, parallele, prosaische,
positive Striche
hinzufügen.
Eine männliche Synopsis!“
Membran
Für dich ist die innere Welt
wichtig:
Der Ursprung, das Gift, die Gestalt
Scheinbar
formlos
veränderst du dich beständig
du bist glatt, bist
geschmeidig, bist das Ersehnte
du gleitest uns aus den
Händen
während wir die Unvermeidlichkeit deuten
und das Feuer
auf uns selbst eröffnen
und du, von Natur aus andauernd
durchsichtig,
machst uns aufmerksam auf dich,
stellst uns die
Grundfrage
aber uns, uns interessieren nicht
die
Details
als wir dich berührten
lief
uns das Wasser im Mund zusammen
so dass wir nicht verbergen
können, dass wir Menschen sind
dass wir die Vollkommenheit
lieben
sowohl in dir als auch außerhalb.
Vorzeitiges Erwachen
Du erwachst nicht mehr in demselben
Zimmer.
Und das Unsichtbare ist nicht mehr dasselbe.
Sogar das
gewohnte Erwachen zeigt Veränderungen.
Die Gegenstände, mit
denen du dich identifizierst,
erscheinen dir nicht gleichermaßen
fremd.
Jedes Gestalten braucht ein besonderes
Bewusstseinsabschütteln.
Erkenntnishunger ist ein offener
Vorgang:
Finnegans Wake.
Das Obst auf einem gewöhnlichen
Plakat
bewegt den Grund unter der Luftröhre
es lässt sie
sanft und unaufhaltsam gleiten
und versetzt dich in die Kindheit
-
als ob diese auf dem einen,
und du am anderen Ende wärest
als
ob ihr ohne einander geblieben wäret
ihr, diejenigen, die das
nicht dürfen –
du erlebst die Erregung aufs Neue
des
Auges und des Stiftes
als du Trauben, Birnen und Äpfel
gezeichnet
und dem Gespräch gelauscht hast
zwischen der
Vorstellung und der Hand
in die der zukünftige Eros mündete.
Die
Kindheit kehrt an die geheime Tür zurück
und entdeckt einen
Überfluss an Leben und Vergangenheit:
das, worauf du nicht
verzichten kannst.
Und du fragst dich nicht mehr, warum
die
Wirklichkeit nicht ausreicht, um zu träumen
und was das ist, was
man im Wachen nicht sieht
das es aber dennoch gibt!
Beichte eines Kindes
„Ich weiß nicht warum
habe ich
das komische Gefühl,
jeder Tag könnte mein
Schicksalstag
sein
und bekomme eine Gänsehaut vor Furcht
und läuft mir
ein Schauer über den Rücken
und verwickle ich mich wie ein
langer
sehr langer und abgenutzter Faden
voller Knoten und habe
keine Geduld
ihn abzuwickeln!
Dann komme ich unbewusst zu
mir
kehre mit der Zeitmaschine
in die virtuelle Wirklichkeit
zurück
und kann dann weiter spielen
weiter schwärmen
denn
wie könnte ich sonst überleben
Mama,
- das weiß ich nicht!“



