Lidija Dimkovska

Umgekehrte Perspektive
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Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann

Dem Schicksal ist es endgültig recht gemacht worden:
Ich habe es in einer Thermoskanne von Moulinex eingeschlossen,
die seine Frische und seinen Geschmack bewahren wird,
ohne daß dabei die Karmas schal werden. Befreit von mir selbst
bewege ich mich durch die Vorhersagen, die sich nicht erfüllt haben,
wie durch das Highlife. Wichtig ist es, mit den Hüften zu wackeln.
Du hast Lippenstift auf den Zähnen, Honey. Ich weiß, einzig der Honig
geht direkt ins Blut. Und in mir
löst sich nur – Großmutter Vetka.
Schwester Aura weiß, daß ich jedes tiefgefrorene Huhn
zuerst einmal über die Herdplatte hielt
in Erwartung, daß es wieder lebendig wird,
erst dann, gedemütigt von den Aposteln,
warf ich es ins Backrohr von Silvia Plath.
Als Zeichen des Protests begannen die Athosmönche,
Jesuslatschen zu tragen.
Oh, wie schön du mir die Blasen auf meinen
Fersen küßt, A., diese Simulacra des Gesichtsorgans
in diesem Metaleben. Jetzt, wo Geschäfte existieren,
in denen man alles für nur einen Dollar kaufen kann,
mußt du entscheiden, ob du einen roten Schal um den Hals
tragen willst als Zeichen deiner Achtung vor den Aborigines,
so wird es ein Leichtes sein, ein Stipendium zu bekommen
für meine atavistische Akademie. Und dann wird es noch leichter:
Die Silva–Methode wäscht auch die dunkelsten Flecken
aus dem Trinkspruch zwischen den kulturellen Unterschieden,
unterbrochen nur durch den Gestank aus der Küche.
Die Gäste haben sich selbst aus der Thermoskanne mit Schicksal bedient,
und jetzt kochen sie mich in ihren Därmen wie einen Brei!
Ich weiß, daß es schrecklich unangenehm ist,
aber jemand von ihnen könnte mich wie eine Fäkalie auswerfen
mitten hinein in dein erotisches Chakra. Versuche – solange du
an das heilige, apostolische Häutchen der Kultur glaubst,
gewürzt mit Basilikum und knackig wie die Geschichte –
mich in eine Naturerscheinung zu verwandeln.
Nur, sei vorsichtig. Vielleicht führt jemand Tagebuch.




Aloe Vera
Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann

Wir haben das Gesicht des Toten eingeschmiert
mit einer Feuchtigkeitsmaske für trockene Haut,
und seine Nichte kniete sich vor den Sarg
und betete so: Los, Aloe Vera,
mach die Wangen von Onkel rosig, und du,
Mandelmilch, kitzle ihn um die Lippen herum,
ich weiß, daß ihn das auch aus dem tiefsten Schlaf erwecken wird,
eine Nachbarin warf ein, daß Aloe Vera Wunder bewirke,
ja sehe man es denn nicht an ihrer Haut,
wie die eines Babys, sagte sie, und sie geht schon auf die Fünfzig zu.
Alle drehten wir uns zu ihr um und vergaßen,
daß die Maske bei einem lebenden Menschen sieben Minuten einwirken soll,
bei einem Toten aber nur drei, das Gebet seiner Nichte endete,
die Maske zerbrach, wir begruben den Taxifahrer
ohne sein Gesicht, aber innerlich erfrischt. Auf dem Rückweg
stellte sich uns eine Frau im Umhang in den Weg,
mit einem Tablett voller roter Äpfel.
Es gibt so viele Wahrheiten wie Äpfel, sagte sie, bitteschön, bedient euch,
ist es denn nicht so, ihr Frischvermählten, daß das Überleben in dieser Welt
einzig abhängt von den erstmals Verliebten auf einer Mole
voll nicht wiederverwerteter Romantik? Sie muß verrückt sein,
dachte er sich, aber die Braut begann aus voller Kehle zu rufen:
„Siehst du? Und du läßt hundert Mal meine Hand los!“
und sie ließ sich von der Frisur scheiden, deretwegen sie das ganze Leben
unter einer Trockenhaube verbracht hatte, und das Begräbnis, von dem sie zurückkamen,
roch für sie nach dem Ozonloch. Der Tote steckte seine Hand in die Tasche,
und niemals wieder holte er sie in der Welt Einsteins hervor.
War das ein Begräbnis oder eine Hochzeit, Aloe Vera?
Wer traute wen? Wer begrub wen?




Reife
Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann

Wie konnte der Blitz, bevor er vom Regen in die Traufe einschlug,
für immer den Spiegel im Badezimmer vernebeln?
Soviel Vertrauen in das Thermometer hinter der Tür,
soviel Zweifel am nationalen Fernsehen,
und als der Boiler in kleine Stückchen zersprang,
war der Installateur auf einer nationalen Feier,
im einen Lautsprecher knurrten die Därme der Moderatorin,
im anderen rief das Feuerwerk einen Jojo-Effekt hervor,
als die schwangeren Frauen nach Hause zurückkamen, paßten sie in keine einzige
Duschkabine mehr. Die Überschwemmung ist eine Reife der Trockenheit,
so wie der Tod eine Reife des Lebens ist.
Damit ich nicht vor dem großen Wasser in die Knie gehe,
lege ich mich nachts mit Ellenbogen- und Knieschonern hin,
die Fabe der Träume hängt vom Materieaustausch ab,
mit einem stacheligen Bällchen fahre ich die Spuren des morgigen Tages nach.
Habe ich denn vergeblich feierlich den Zahnstein
als Grundstein für die Museumsgarderobe gelegt?
In ihr hängen Mäntel, die den Shakespeareschen Sturm durchlassen.
Bevor ich A.-national wurde, zog auch ich die Rettungsweste
über den Kopf, und jetzt über einen Helm.
Mein Körper ist eine Wechselstube im alten Geschäftsviertel von Skopje,
vor ihr steht ohne Schirm ein Riese von einem Mann mit tätowierten Muskeln,
der mich nicht hineinläßt, um nach einer Rechnung zu verlangen,
und mit dem Geld, das ich eintausche für eine Pause ohne Träume,
kauft er den geistigen Führern Schuhe aus Teufelshaut.
Einige halten in ihnen einen Gottesdienst ab, andere bewahren sie fürs Fernsehen auf,
unser aller Füße sind naß, als hätte Maria Magdalena sie gewaschen.
Im Opferkelch hatte auch dieser Morgen nur blutleeres Plasma,
die Babies saugten Finger eingetaucht in stinkendes Wasser
für Akkumulatoren und Bügeleisen, das Herz von A. ist mal eine Kirsche in der Marmelade,
mal eine Weichsel in Schnaps. Wenn ich nicht länger als drei Stunden mit mir selbst spreche,
wird die Welt zum Cocktail an der Bambusschaukel inmitten des kostenpflichtigen Strandes,
und nach einigen Schlucken sieht man das Meer nicht mehr, sieht man das Meer nicht mehr.




Erinnerung
Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann

Meine Erinnerung ist eine Soldatenkonserve mit Pastete
und unbegrenztem Haltbarkeitsdatum. Ich kehre an Orte zurück,
die ich mit nur einer Zunge im Mund betreten habe,
und den Einheimischen verrühre ich Eigelb für eine gute Stimme,
im Schnee aus Eiweiß liegt Jesus wie zum Scherz gekreuzigt,
für einen französischen Kuß sind zwei Zungen notwendig,
jetzt wo ich einige habe, bin ich nicht länger eine Frau, sondern ein Drache.
Auch ich habe wie der Heilige Georg nie gelernt,
künstlich zu beatmen, meine Nase ist seit Jahren verstopft,
und selbst atme ich durch fremde Nasenlöcher, die EU bezahlt.
Aha, an deiner Arbeit ist was faul, an deiner Arbeit ist was faul!
rufen hinter mir die gefallenen Engel,
die Altpapier und Plastik sammeln,
am liebsten habe ich sie, wenn sie ihre Betten in den Korridor
hinaustragen, um die DNS auszulüften,
dann legen A. und ich uns auf ihnen hin, jeder zu einer Seite,
und in einer genau ausgedachten Liebesumarmung
brechen uns alle Porzellanzähne ab,
unsere Gaumen verwandeln sich in weit aufgerissene Augen,
vor ihnen stellen sich die Zungen in der Dunkelheit ein Bein,
sie wiehern, winseln und stöhnen, aber wir haben weder Angst, noch tut es uns leid.
Meine Erinnerung ist eine Blackbox aus einem abgestürzten Kampfflugzeug
mit unbegrenztem Heimlichkeitsdatum. Ich kehre zu Orten zurück,
die ich nur mit einem Blut unter der Haut betreten habe,
den Einheimischen streiche ich die fruchtbaren Tage im
kleinen Kalender für Namenstage und Schutzheilige des Hauses durch,
die Haustiere sehnen sich nach wilden, die wilden nach gezähmten.
Wie ein jüdisches Paar an Fastentagen und Monatszyklen
so schlafen auch ich und Gott seit Jahren in getrennten Betten.




Lebende und Tote
Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann

Meine Nase juckt mich immer, wenn ich zum Friedhof komme.
Die Toten sind endgültig ruhig, aber nicht auch die,
die ihre Namen tragen. Die Nachfahren
wühlen zuerst in den Särgen mit Grundbriefen und einer trockenen Blume,
und danach trinken sie Zuckerwasser und öffnen die Fenster.
Was heißt da, dieses Geld ist nicht mehr gültig?
Den Klageweibern wird Kaffee serviert und ein Antiseptikum für den Hals.
Auch meine rechte Hand juckt mich, aber die Kerzen aus der Stadt
können nicht von selbst waagerecht tropfen.
In jedem Haus mit Großmutter restauriert ein Kind in den Ferien
die Heiligen aus dem Kalender voller Wachstropfen,
in jedem Haus mit Großvater werden Eierschalen auf dem Erinnerungsalbum abgelegt.
Nicht ein Mann aus meinem Volk ist an meiner Adresse gemeldet.
Obwohl ich von klein auf in einem Barbierladen zum Haareschneiden ging
und auf der Straße einen Onkel um den Kamm aus seiner Hosentasche hätte bitten können,
wenn um mich herum die Tanten Sets mit Haarbürsten und einem kleinen Spiegel öffneten.
Manche bekommen nie Läuse, anderen wurden die Köpfe geschoren.
Im Taufschein der Abtrünnigen führte der Priester das Bleichen des Haares ein,
bevor er es abschnitt. Einige Tage lang schickten wir massenhaft Mittel
für die alleinerziehende Mutter mit fünf an Epilepsie erkrankten Kindern,
aber als sie herauskam, um sich zu bedanken, hielten wir es nicht aus und riefen
„Sammeln wir etwa Geld, damit du dir die Haare färbst?“
Die Kinder hatten einen gleichzeitigen Anfall, sie strampelten neben der Mutter mit Wella 05
in verlangsamter Bewegung. Bei den Hip-Hop-Partys fließt aus den Wasserhähnen
nur heißes Wasser. Ich mußte den Wasserstoff austrinken. Die Toten
abspülen. Die aufgemuntert werden müssen wie die Erstkläßler im September:
„Das ganze Leben liegt vor dir, damit du alles lernst, was du wissen mußt“.
Das ganze Leben. Im Tod ist die Zeit ein Beutel mit Sportausrüstung für die Turnstunde.
Und bald wird es kein Kind mehr geben ohne T-Shirt Keep Dry und Turnschuhe Keep Fast.
Und bald wird es keinen Toten geben, der nicht mein sein wird.




Preisausschreiben
Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann

Auf die Preisfrage in der Macedonian Times:
„Was tun Sie, wenn Selbstmordgedanken Sie überkommen?“,
zu gewinnen ein siebentägiger Urlaub für zwei in Ohrid,
ein Wochenende für zwei in Disneyland in Paris
und weitere 50 Trostpreise,
bekamen wir genau 2479 Briefe und Postkarten,
und die beiden Hauptpreise
sprachen wir folgenden Antworten zu:
„Wenn mich Selbstmordgedanken überkommen,
stecke ich meinen Kopf in den Inhalator
und atme mit weit geöffnetem Mund tief ein,
bis meine Nase mit Echinacea verstopft ist
und die Sekrete ihre eigene Dialektik erleben,
danach trinke ich die erkaltete Mixtur bis auf den letzten Tropfen aus
und lebe mein Leben ohne Schleimhäute, aber mit schönen Gedanken weiter.“
(Kuzman Markovski, Dorf Budim, Kreis Prilep)
und
„Wenn mich Selbstmordgedanken überkommen,
ist für gewöhnlich die Katze eingesperrt und die Kartoffeln sprießen,
ein Gott mit den Maßen 90-60-90 treibt mich dazu, meine Hand in die Tasche zu stecken
in der Garage mit dem Notarztwagen,
während meine Frau aus der Küche aus voller Kehle ruft:
„Hörst du!!! Ich will ein runderneuerter Reifen sein,
ich will in der Autobörse beworben werden!“ Einen Augenblick wird mir schwarz vor Augen,
aber sofort darauf erscheint mir ein unendliches Licht.
Ich lasse die Katze raus, und aus den Kartoffeln binde ich einen Strauß,
aber meine Frau liegt schon seit drei Tagen auf dem Küchenboden
und rührt sich nicht,
nicht einmal dann, als ich ihr sage, daß ich sie nach Paris zur Alten Hexe mitnehmen werde“
(Kole Stojkovski, Pechčevo)
Wir, die anderen, die die Trostpreise gewonnen haben
(XXL T-Shirts mit der Aufschrift Das Leben ist schönund Schlüsselanhänger mit Notrufnummern),
haben eine Gesellschaft für geschädigte Bürger gegründet
und den Herausgeber der Macedonian Times verprügelt.
Seither haben ihn keine mehr befallen,
weder Selbstmord-, noch Mordgedanken.
„Nie wieder Preisausschreiben!“, sagte er sich,
„bei denen sind nur Kreuzworträtsel eine sichere Sache“.




Nagelknipser
Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann

Seit ich versehentlich den Nagelknipser
meiner Familie ins Ausland mitgenommen habe,
wachsen ihre Nägel unkontrolliert und ungleichmäßig,
zügellos werden ihre Finger und Zehen länger
und stoßen durch die Schuhe und die Händedrücke mit Fremden,
sogar die entsetzten Nachbarn belauschen sie nicht mehr.
Ich rufe sie aus der Ferne an, und als das Geschrei eine Pause macht,
will ich sie besänftigen, indem ich ihnen beliebte neukomponierte Volkslieder vorsinge,
ich bitte sie um Vergebung mit den großen Gedanken kleiner Nationen,
was sind denn schon lange Nägel verglichen mit meinem Durst nach Wahrheit,
seht ihr denn nicht, daß ihr bereits unsterblich werdet,
fällt euch das denn so schwer?
Der Nagelknipser starrt mich mit offenem Maul vom Nachttischchen aus an,
auch er ist nicht mit dem Ortswechsel einverstanden,
das ist Wahnsinn, schreie ich, ich werde ihn euch mit der Post schicken,
aber dann kreischen alle auf, diesseits und jenseits der Leitung:
„Auf keinen Fall! Nagelknipser werden vom Zoll beschlagnahmt!“
Und als ich selbst die Grenze überschritt, versteckte ich ihn in meinem rechten Turnschuh.
Meine Familie drohte, sie würden sich die Nägel mit der Küchenschere schneiden,
wie dem auch sei, sie lasten auf meinem Gewissen wie eine Halskrause aus Gips,
die ganze Nacht träumte ich von ihnen, mit blutigen Fingern und ohne Besinnung,
am nächsten Morgen erwachte ich mit Hämorrhoiden,
und Ausweglosigkeit verstopfte meinen Geist.
Die Klaustrophobie ist stärker zwischen den Zacken eines Nagelknipsers
als unter Menschen, die Gott vergessen haben.
Der bunte Pfau auf dem Messerchen
murmelte mit menschlicher Stimme:
„Das Leben ist eine Auswahl an Nägeln, Haar und Haut,
ihre Pflege hingegen ist eine Auswahl an Göttlichkeit. Das ganze Leben lang kaust du Nägel,
aber aus Trotz hast du mich hierher gebracht. Bring mich zurück, egal wie,
du gottlose Nagellose, oder hol deine Familie her,
damit sie sich die Nägel wie Menschen schneiden“. Und sie kamen,
mich schauten sie nicht einmal an, sie machten es sich auf dem Bett bequem
und schnitten und konturierten sich die Nägel mit dem Nagelknipser,
warfen sie auf den Boden und lächelten den Pfau zufrieden an:
„Noch ein bißchen, und wir gehen nach Hause“.




Anerkennung 8
Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann

Wie schwarz deine Füße sind, A.,
ich kann Basilikum auf ihnen pflanzen,
sogar ein Rübe würde Wurzeln schlagen,
nur, wenn es geht, die Poren bitten mich darum,
ohne Zucker und Konservierungsstoffe. Gesundes Essen
für eine gesunde Familie, eine Bedingung ausbedungen im virtuellen Vertrag,
und niemand fragt uns, ob wir zu Hause Kakerlaken haben,
und wenn wir welche haben, ob es Intellektuelle sind, oder
ob auch sie wie das Stilleben im Garten
den Amateurmalern Modell stehen.
Farben, die sich hinter der Vorstellung von ihnen verstecken,
eine paranormale Konfuguration,
aber du, A., deine Füße sind so schwarz,
daß sogar die Kräuter aus dem Schulherbarium
angehängt an ihre website auferstehen würden.
Nichts wäscht die mittelalterlichen Statuen,
und auch nicht die Erinnerungen an die Nacht in der U-Bahn,
als der Zwerg unter das Kleid des Mannequins schlüpfte
und sie nur auf die Uhr sah,
ihre „Elle“ aus der Tasche hervorholte und zu lesen begann,
als sei sie sich des fremden Körpers zwischen ihren Idealmaßen nicht bewußt,
nun, damals, A., überschlug sich die Geschichte wie die Gondel
im Vergnügungspark, die Hüte fielen herunter,
die Bürgerkriege und die öffentlichen Entschuldigungen,
alle starrten auf deine Füße aus schwarzem Marmor
auf der weißen Karte der untergegangenen Königreiche,
ein Priester sagte: Bruder, laß mich deine Füße waschen,
aber ich kam noch rechtzeitig, um ihm das Mal zu zeigen,
das du seit deiner Geburt an der rechten Hüfte trägst:
Alle Rechte vorbehalten.
Auch dieses Jahr ist der Sommer die Saison, in der die Stechmücken
das Unterbewußte mit Malaria infizieren,
und es kann nicht schaden, wenn auch ich Basilikum pflanze
auf deinen schwarzen Füßen aus natürlichen Proteinen,
mit einem grünen Apfel als umweltfreundlich klassifiziert,
nur du bist irgendwie dagegen, du weißt nicht, wie es ist, ein mobiler Garten zu sein,
und ich sage dir, mein Lieber, sogar die Gräber sind mobil,
ganz zu schweigen von einem Garten mit Basilikumwurzeln,
die zuerst in meinem Leben Wurzeln schlugen, aber aus deinen Füßen
saugen sie nur die Stärke, die sich ihrer eigenen Stärke nicht bewußt ist:
Zuerst ist es ein Zwerg, dann ein Mannequin und zuletzt – die Geschichte selbst.




Anerkennung 9
Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann

Du hast sogar in den Welten Orientierungssinn,
in denen du noch nie gewesen bist, A.
Du weißt, welches persönliche Unglück ein künstlerisches Werk hervorbringt,
das um die Welt gehen wird wie der Verstand eines Idioten.
Aber welcher Idiot wird zurückkehren aus dem Niemandsland, und welcher nicht.
Deshalb verweilst du im Geschäft für Devotionalien und kirchliche Bücher
mit einer offenen Bibel in der Hand,
um zu lauschen, wie eine Sängerin im Radio einen Orgasmus vortäuscht.
Austausch von Ideen, nicht wahr? Bevor sie fertig wird, gelingt es
dem Mönch, die Kassette mit den Gesängen der Athosmönche zu finden,
aber die Käufer sind schon auf dem Weg nach draußen. Encore une fois.
Ich muß dir sagen, daß in den osteuropäischen Ländern
die schönsten Männer die Mormonen sind: Ihr Seitenscheitel
strahlt vor erster Verliebtheit, etwas in ihrem Gang
erinnert an glamouröse Modenschauen. Hast du mir diesen Witz
erzählt: „Weißt du, in wessen Kreationen sich Lady Di
jetzt kleidet? Ich weiß es nicht. Na, in denen von Versace“.
Die Mormonen haben Muskeln aus Meeresschaum.
Sie schweben über dem Obskurantismus in Wellen wie echte Balkanophile dahin.
Und wie die einzigen. Ich versuche, dir zu sagen,
daß man die pensionierte Lehrerin dabei erwischt hat, wie sie im Viertel
Drogen verkaufte, und zusammen mit all ihren früheren Schülern
rutschte das Straßenpflaster über Nacht in den Fluß,
aber du hörst mir nicht zu.Warum wiederholst du die ganze Nacht im Schlaf
„Flambée ... flambée ... flambée ...?“ Sollen wir zu einer flambée gehen?
Das Kind ... das Kind aus dem Haus, das Feuer fing, verbrannte in meinen Händen,
ich rannte sogar zum Krankenhaus, aber als ich ankam, war es schon zu spät.
Der Arzt sagte: Uff, es ist flambiert. Jetzt weiß ich
wie man Bulimie bekommt. Und nur aus Angst,
daß ich nicht die Gläser zerbreche, die du mir zum Geburtstag gekauft hast,
schüttete ich mir das Gift in einen Plastikbecher
(mein Großvater bewahrte in genau so einem sein Rasiermesser und den Pinsel auf),
aber mir stieg der Geruch von sich zersetzendem Bart in die Nase, und ich warf ihn ins Meer.
Er wird sich unter Mühen einige tausend Jahre lang zersetzen,
und ich werde vergeblich in Altpapier eingewickelte Babies kotzen.
Beschmutze es nicht mit Buchstaben, A. Buchstaben sind aus der Mode.
Verwandle es besser in einen FKK-Strand.
Eine Soziolinguistik für Narren, die dem Schweigen geweiht sind.




Post-Anerkennung
Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann

Es ist soweit, der Tag ist gekommen, um meine Eingeweide auf Lockenwickler aufzuziehen
und mich auf das große Geständnis vorzubereiten,
daß die Kunst nicht mehr ist, und sie sollte doch vor allem eine Massage sein,
sie sollte nach der zärtlichen Berührung des Sagenhelden Krali Marko riechen
und durch das Leben gleiten wie ein ätherisches Öl von Lavendel.
Was anderes soll ich jetzt tun, da ich im Widerschein der Büchervitrine
meine Muskeln messen, meine Kraft anspannen,
meine Seele mit einer Straffungscreme abhärten,
aber nicht in dem Gedicht untertauchen kann wie in einer Badewanne,
wenn sie zersprungen, verrostet und ohne reichlich Schaum ist?
Solche Zeiten sind angebrochen, daß der Witwer den Trauertag in schwarzen
Liebestötern zwischen weißen Laken verbringt
und sich eine Sendung über die ausgestorbenen Dinosaurier ansieht,
und könnte ich die Ära der Glockenhosen, die durch die Korridore der Musik flattern,
doch nur eine kulturelle Errungenschaft nennen.
Meine Brüder sind Retroflüchtlinge im neuen Exil des Asylantenheims,
ich bin ein Zwerg zwischen den Mannequins, mein Hauskleid ist ein Müllsack.
Ich wende mich mit „Mein Gott“ an den Heizstrahler,
ich frage ihn, wie ich durch das Schneegestöber weitergehen soll mit verhärtetem Leib,
mit einem Plastikkiefer, mit geronnenem Blut. Rotglühend und leidenschaftlich
leckt er mich hinter dem Ohr, dort, wo der Kern der Kunst versteckt ist:
„Finde einen irdenen Wasserkrug und einen Ehevermittler für eine männliche Muse“.
Selbst wenn er sich in einem Mikrochip offenbart, bleibt Gott altmodisch,
und die Kunst eine Fliege ohne Kopf. Alle sind wir einander Musen,
und wir haben Lockenwickler, aber keine Eingeweide. Mein Fleisch ist hart, A.,
aber mein Leib ist leicht wie eine Seite aus der Bibel.
Deine Haut ist nachts für mich ein Siebener in der Mazedonischen Lotterie,
der amerikanische Traum eines jeden Dudelsacks auf dem Balkan.
Ich werde mir daraus Handschuhe machen, die mich tagsüber liebkosen sollen
in den Stiftungen für zeitgenössische künstlerische Visionen,
und ich werde gestehen, daß die Kunst nicht ist, aber es sein sollte,
ein Genuß, ein Elixier, Kommunion, Massage, Homöopathie.







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