Nikola Madzirov

Bevor wir geboren wurden
Bollocks_by_opa_medium
Bollocks by OPA
Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann

Die Straßen waren asphaltiert,
bevor wir geboren wurden und
alle Gestirne bereits formiert.
Das Laub faulte am Rand
des Gehsteigs vor sich hin.
Das Silber lief auf der Haut
der Arbeiter schwarz an.
Jemandes Knochen wuchsen
die Länge des Schlafs hinunter.

Europa vereinte sich
bevor wir geboren wurden, und das Haar
eines Mädchens breitete sich ruhig
über die Oberfläche
des Meeres aus.




Die Schatten ziehen an uns vorüber
Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann

Eines Tages werden wir einander begegnen,
wie ein Papierschiffchen und eine
Melone, die im Fluß kühlt.
Die Unruhe der Welt wird
mit uns sein. Mit den Handflächen
werden wir die Sonne verdunkeln und
mit Laternen aufeinander zugehen.

Eines Tages wird der Wind
seine Richtung nicht ändern.
Die Birke wird ihr Laub ausstreuen
in unsere Schuhe vor der Schwelle.
Die Wölfe werden den Spuren
unserer Unschuld folgen.
Die Schmetterlinge werden ihren Staub
auf unseren Wangen hinterlassen.

Jeden Morgen wird eine alte Frau
im Wartezimmer von uns erzählen.
Auch was ich hier sage, ist bereits
gesagt: wir warten auf den Wind
wie zwei Flaggen an einem Grenzübergang.

Eines Tages werden alle Schatten
an uns vorüberziehen.




Zuhause
Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann

Einst lebte ich am Ende der Stadt
wie eine Straßenlampe, deren Glühbirne
niemand wechselt.
Das Spinnennetz hielt die Wände zusammen,
der Schweiß unsere verbundenen Hände.
In den Metamorphosen der ungeschickt
zusammengemauerten Steine versteckte ich
den samtenen Teddy, um ihn vor dem Traum retten.

Tag und Nacht belebte ich die Schwelle, indem
ich zu ihr zurückkehrte wie eine Biene, die
immer wieder zur vorhergehenden Blüte zurückkehrt.
Es war Frieden, als ich mein Zuhause verließ:

Der angebissene Apfel war noch nicht dunkel geworden,
auf dem Brief klebte eine Marke mit einem alten verlassenen Haus.

Von Geburt an bewege ich mich auf die stillen Räume zu,
und unter mir haften Leeren
wie Schnee, der nicht weiß, ob er zur
Erde oder zur Luft gehört.




Getrennt
Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann

Ich trennte mich von jeder Wahrheit über die Anfänge
der Stämme, Flüsse und Städte.
Ich habe einen Namen, der eine Straße von Trennungen sein wird,
und ein Herz, das auf Röntgenbildern erscheint.
Ich trennte mich auch von dir, Mutter aller Himmel
und Häuser der Sorglosigkeit.
Jetzt ist mein Blut ein Flüchtling, der zu mehreren
Seelen und offenen Wunden gehört.
Mein Gott lebt im Phosphor eines Streichholzes,
in der Asche, die die Gestalt des gefällten Baumes bewahrt.
Ich brauche die Karte der Welt nicht, wenn ich einschlafe.
Jetzt bedeckt der Schatten von Weizenähren meine Hoffnung,
und mein Wort ist so wertvoll
wie eine alte Uhr, ein Erbstück, das die Zeit nicht mißt.
Ich trennte mich von mir selbst, um deine Haut zu erreichen,
die nach Honig und Wind duftet, deinen Namen,
der eine Unruhe bedeutet, die mich besänftigt,
die die Tore der Städte öffnet, in denen ich schlafe
und doch nicht lebe. Ich trennte mich von der Luft, vom Wasser, vom Feuer.
Die Erde, aus der ich geschaffen bin,
ist eingemauert in mein Heim.




Die Zeiger der Uhr
Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann

Erbe die Kindheit aus dem Album.
Übertrage die Stille, die sich
weitet und zusammenzieht wie
ein Vogelschwarm im Flug.
In den Handflächen bewahre
den unregelmäßigen Schneeball
und die Tropfen, die die
Lebenslinie hinunterrinnen.
Sprich das Gebet
mit geschlossenen Lippen:
Die Worte sind ein Samen, der in einen Blumentopf fällt.

Schweigen lernt man im Mutterleib.

Versuche, geboren zu werden
wie ein großer Zeiger nach Mitternacht,
und schon überholen dich die Sekunden.




Wenn jemand fortgeht, kommt alles Erschaffene zurück
Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann

                                                    für Marjan K.

An der Umarmung hinter der Ecke wirst du erkennen,
daß jemand fortgeht, irgendwohin. Es ist immer so.
Ich lebe zwischen zwei Wahrheiten
wie eine Neonröhre, die in einem leeren
Hausflur flackert. Mein Herz sammelt mehr
und mehr Menschen, weil sie nicht mehr da sind.
So ist es immer. Ein Viertel des Wachseins
verbringen wir mit Blinzeln. Die Dinge
vergessen wir, noch bevor wir sie verlieren –
das Schönschreibheft, zum Beispiel.
Nichts ist neu. Der Sitz
im Omnibus ist immer warm.
Die letzten Worte werden wie schiefe
Eimer zu einem gewöhnlichen Sommerbrand getragen.
Morgen wird sich dasselbe aufs neue wiederholen –
bevor das Gesicht von der Photographie verschwindet,
wird es zuerst seine Falten verlieren. Wenn jemand fortgeht,
kommt alles Erschaffene zurück.




Es wird uns folgen
Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann

Eines Tages wird jemand unsere Wolldecken zusammenlegen
und sie zur chemischen Reinigung schicken,
damit man aus ihnen auch das letzte Körnchen Salz entfernt,
er wird unsere Briefe öffnen und sie chronologisch ordnen
statt danach, wie oft wir sie gelesen haben.

Eines Tages wird jemand die Möbel im Zimmer verschieben
wie Schachfiguren bei der Eröffnung eines neuen Spiels,
er wird den alten Schuhkarton aufmachen, in dem
wir die abgefallenen Knöpfe der Pyjamas aufbewahren,
die halbvollen Batterien und den Hunger.

Eines Tages kehrt der Schmerz in unsere Wirbelsäule zurück,
verursacht durch das Gewicht der Hotelschlüssel und
das Mißtrauen, mit dem man uns an der Rezeption
die Fernbedienung gibt.

Das fremde Mitgefühl wird uns folgen
wie der Mond einem verirrten Kind.




Ich weiß nicht
Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann

Weit entfernt sind alle Häuser, von denen ich träume,
weit entfernt ist die Stimme meiner Mutter, die mich
zum Abendbrot ruft, doch ich renne auf die Weizenfelder zu.

Weit entfernt sind wir wie ein Ball, der das Tor verfehlt
und zum Himmel hinauffliegt, lebendig sind wir
wie ein Thermometer, das nur dann genau ist, wenn
wir zu ihm hinsehen.

Die weit entfernte Wirklichkeit fragt mich täglich aus
wie ein fremder Reisender, der mich auf halber Strecke weckt
mit der Frage „Ist das der richtige Bus?“,
und ich antworte mit „Ja“, denke aber „Ich weiß nicht“,
ich weiß nicht, wo die Städte deiner Vorväter sind,
die alle bekannten Krankheiten und die Gebete
hinter sich lassen wollen.

Ich träume von einem Haus auf dem Berg unserer Sehnsüchte,
um zuzusehen, wie die Wellen des Meeres das Kardiogramm
unserer Niederlagen und Lieben zeichnen,
wie die Menschen glauben, um nicht unterzugehen,
und schreiten, um nicht in Vergessenheit zu geraten.

Weit entfernt sind alle Hütten, in denen wir uns vor dem Regen versteckten
und vor dem Schmerz der Rehe, die vor den Augen der Jäger starben,
deren Einsamkeit größer war als ihr Hunger.

Der weit entfernte Augenblick stellt mir täglich eine Frage,
„Ist das das Fenster? Ist das das Leben?“, und ich sage zu ihm
„Ja“, und eigentlich „Ich weiß nicht“, ich weiß nicht, ob
die Vögel zu sprechen beginnen werden, ohne „Himmel“ zu sagen.







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