Rumena Bužarovska

Nora
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Photo by Obsessive Possessive Aggression
Aus dem Mazedonischen von Will Firth; Erstveröffentlichung in: OSTRAGEHEGE, Zeitschrift für Literatur und Kunst, Dresden, Heft III/2007, S. 61-63; Mit der freundlichen Genehmigung von OSTRAGEHEGE und Will Firth


Nora war kein besonders attraktives Wesen. Das stellte ich schon fest, als ich ihr zum ersten Mal begegnete, im Treppenhaus. Sie ging hinauf und nickte mir zum Gruß abrupt zu. Ich lächelte, erwartete aber nicht, dass sie auch lächeln würde, dafür war sie zu grob. Ich erkannte sofort, dass sie es ist, die stundenlang Klavier spielte. Denn sie klopfte gegen ihre Beine während sie lief, als würde sie schwierige Akkorde spielen. Sie wohnte eine Etage über mir und den ganzen Tag lang musste ich mit anhören, wie sie übte. Etwa eine Woche lang klimperte sie herum, bis sie ein Stück gelernt hatte. Dann war ich glücklich, weil auch ich Chopin und Rachmaninow mag und ihr gerne beim Spielen zuhörte. Aber die Klimperei davor brachte mich aus der Fassung, besonders nachmittags um vier, wenn ich die Neigung zu einem Nickerchen verspürte. Ich konnte mich nicht überwinden nach oben zu gehen und zu sagen, man solle aufhören, weil ich immerhin ein paar Mal in der Woche die Musik genoss. Daher entschied ich mich, das Geklimper zu erdulden. Ich hatte mir einen exzentrischen pickligen Jüngling vorgestellt. Als ich nun Nora auf der Treppe sah, wie sie gegen ihre Schenkel klopfte, war ich etwas enttäuscht.

Sie war wirklich ungewöhnlich hässlich. Ihre dicke gewundene Haarmasse loderte rot wie eine Flamme, wirbelte in alle Richtungen und klebte an ihrer Stirn. Später fiel mir auf, dass sie das Haar kürzt, damit es nicht stört, aber je mehr sie es kürzte, desto unbändiger wurde es und glich einem riesigen wilden Busch. Das rote Haar war nicht verführerisch, wie es hätte sein sollen, vielmehr strahlte das Rot bösartig und gefährlich. Die Locken verfilzten sich und wurden rau wie Seil. Außerdem passte das Haar überhaupt nicht zur Farbe ihrer Haut. Diese war fast tot, weil es keinen Fleck gab, kein bisschen Rosa, sondern nur etwas Durchsichtiges, wie bei einer Leiche, die lange im Wasser gelegen hat. An den Wangen wuchsen Pickel, die sie mit ihrem Haar versteckte, aber ab und an ragten auch welche aus ihrem weißen Kinn hervor. Augenbrauen hatte sie gar nicht, was nur betonte, wie winzig ihre Augen waren: Blau, klein, fast zusammengekniffen – ein Wunder, dass sie überhaupt etwas sah. Ihre Nase war unscheinbar, weil die Aufmerksamkeit des Betrachters auf ihren Mund gelenkt wurde. Dieser war wie entstellt: Eine Oberlippe gab es so gut wie nicht, die Unterlippe hing herunter wie ein steiler Hang, eine Naturkatastrophe. Wenn sie sprach, öffnete sie schamhaft den Mund, man sah die schiefen, kleinen Zähne, aber nur im Unterkiefer, weil sich nur die Unterlippe bewegte. In den Mundwinkeln bildete sich weißer Schaum, den sie von Zeit zu Zeit mit ihrer blutroten rauen Zunge sammelte. Unter dieser Spucke musste sie, mussten alle um sie herum leiden, weil sie beim Sprechen wild durch die Gegend geiferte. Sie sprach nicht viel, aber wenn sie es tat, war sie meist zynisch und übellaunig und dann redete sie schnell und konfus, als liefe ihr die Zeit weg und als müsse sie diese mit der Zunge einholen. Ganze Batzen Spucke entflogen ihrem Mund und landeten auf ihrem Gegenüber, auf dem Spiegel, auf dem Buch, in das sie gerade sprach, oder auf den Tasten des Klaviers. Einmal berührte ich die Tastatur – sie war ganz klebrig, sie roch sogar alt und mufflig.

Das Auffallendste an Nora war aber ihr schlaffer, sich wellenartig bewegender Körper. Dieser war weiß wie Käse, aber auf ungesunde Weise, weil aufgedunsen. Die pralle Haut wirkte wie ein aufgepumpter Ball, aus dem ein klein wenig Luft entwichen war. Auf der Haut sah man kein einziges Haar, keinen Fleck, der auch nur ein Anzeichen von Leben gegeben hätte, keine Pore: Durchsichtig und gespannt war die Haut des weichen und wogenden Körpers. Aus den kurzen blauen Hosen, die sie regelmäßig trug, hingen ihre Beine schlaff wie zwei Keulen Fleisch aus der Metzgerei. Nora glich genau dem, was sie aß: Weißes Brot mit weißer Mayonnaise, weiße Wurst und weiße Milch. Jeden Tag trank sie zwei Liter Milch und es sah aus, als würde diese gänzlich in ihren Schenkeln bleiben. Nach oben führte aus dem kantigen Becken ein walzenförmiger Torso, an dem kleine schlappe Arme angebracht waren. Die Finger hingen von den Händen herab. Hängen sage ich deshalb, weil ich bis dahin nie etwas dermaßen Elastisches und Lebloses gesehen hatte, dermaßen Blasses und Ungesundes, ohne Spur von Knochen und Gelenk. Eigentlich sahen sie aus wie Maden, bewegten sie sich auch, als hätten sie keine Knochen. Manchmal schaute ich mir ihre Finger an und staunte, dass sie überhaupt damit spielen konnte. In Wirklichkeit sahen nicht nur ihre Finger wie Maden aus; sie selbst war formlos und schwabbelig wie eine Made, weiß und durchsichtig wie eine Made, hässlich wie eine Made und ebenso unheimlich.

Je mehr ich mir Nora ansah, umso schrecklicher wurde sie mir. Wir hatten nicht viel miteinander zu tun, aber ich fing an, zu ihr zu gehen, um ihr beim Spielen zuzuhören, und dann redeten wir über Chopin und sie sagte mir, was sie als Nächstes üben würde. Wir kamen uns etwas näher und sie begann mir zu erzählen, wie sehr sie die Menschen hasst. Über jeden hatte sie etwas Schlechtes zu sagen, wahrscheinlich auch über mich. Alle wären furchtbar hässlich und dumm, oberflächlich; die Gesellschaft wäre eine Farce, die Schulen wären Schrott; den Staat sollte man vernichten und die Menschen ins All schießen, damit sie dort aussterben. Ich hörte zu und steuerte jeweils eine böse Bemerkung bei, worauf sie hysterisch in kurzen Zügen auflachte, wie ein kleines Tierchen. Dabei kniff sie die Augen zu Schlitzen zusammen. Ich hatte Angst, sie anzuschauen, drehte mich weg, aber sie kicherte nur wie eine Hyäne. Ich war immerhin froh, dass ich sie auf irgendeine Weise beglücken konnte, auch wenn nur durch solche Bösartigkeit. Ich tratschte meinerseits über Mitschüler, Lehrer und Nachbarn, ich zog über das Fernsehen, die Medien, die Politik und deren Reformen her, auch die Regierung und die Opposition kriegten ihr Fett weg. Wir spuckten auf die moderne Kunst und belächelten alle einheimischen Künstler, die wir kannten: Alle wären unfähig und untalentiert. Wenn wir die gleichen Bücher lasen, fanden wir Makel heraus, lachten und lästerten darüber, wie absolut begrenzt die Schriftsteller sind. Dabei saß Nora die ganze Zeit auf dem Klavierhocker und klopfte auf ihre Schenkel; ich saß mit gekreuzten Beinen auf der Couch, die ganze Zeit aufgewühlt, vollgespuckt, aber auch von Schadenfreude getragen. Die Gespräche mit ihr wurden sehr anstrengend wegen des ständigen Wettstreits, das Gehässigste über andere zu sagen, möglichst über erfolgreiche Menschen. Eigentlich weiß ich nicht, warum ich mich mit ihr unterhielt, wenn ich ihr doch auch durch die Wände beim Spielen zuhören konnte.

Dann wurde Nora eine Zeit lang sehr schweigsam. Ich ging zu ihr, sie spielte mir einen Walzer oder eine Polonaise herunter und dann schwieg sie. Es wurde unerträglich, weil ich jetzt die Einzige war, die Schlechtes über die Welt redete. Sie schwieg und lächelte auch nicht mehr wie früher. Sie wollte auch kein normales Gespräch führen. Ich fühlte mich absolut unwohl und wollte sie fragen, was sie hat. Dann überlegte ich es mir anders und entschied mich abzuwarten, was passieren würde.

Es passierte nichts. Dann hörte ich auf, zu ihr zu gehen. Einige Tage später hörte ich keinen Chopin mehr durch die Wände, und da mich mein Gewissen plagte, entschied ich mich, ihre Mutter zu fragen, was los war. Ich klingelte an der Tür, aber niemand machte auf. Ich versuchte es einige Tage hintereinander, immer ohne Erfolg. Nach einiger Zeit fingen die Nachbarn an, mich seltsam anzuschauen. Eines Tages beim Mittagessen sagte mir meine Mutter, man hätte Nora in ein Krankenhaus gebracht. Erfahren hätte sie das von der Nachbarin in der sechsten Etage. Ich ging fragen, wo denn Noras Mutter geblieben sei. Sie wäre mit Nora mitgefahren, hieß es, käme aber bald wieder.

Eines Tages hörte ich Schritte auf der Treppe und lief zur Tür. Durch den Spion sah ich den Rücken von Noras Mutter, die die Treppe hinaufging. Einen ganzen Tag brauchte ich, um den Mut aufzubringen, hoch zu gehen. Als ich an der Tür klingelte, hörte ich Schritte und spürte, dass mich jemand durch den Spion anschaute und überlegte, ob er die Tür aufmacht. Ein seltsames Gefühl ist das. Ich bat darum, dass man mir aufmacht, schaute dabei gespielt locker nach oben, als wüsste ich nicht, dass ich beobachtet werde. Dann ging die Tür auf und Noras Mutter ließ mich in die Wohnung. Ich fühlte mich in ihrer Gegenwart nicht wohl, hatte Angst, sie anzusehen. Sie bat mich in die Küche, wir sollten uns dort hinsetzen, ich ließ mich wortlos auf einem quietschenden Stuhl nieder. Es war das erste Mal, dass ich überhaupt einen anderen Raum der Wohnung betrat; sonst hatte mich Nora immer direkt ans Klavier geführt.

Kaum hatten wir uns gesetzt, brach ihre Mutter in Tränen aus. Nora hätte wegen einem bösen Traum ins Krankenhaus gemusst, sagte sie. Von Nora selbst hätte sie nichts Genaues erfahren, dafür vom Arzt, der Nora Medikamente verabreichte, wonach diese zu murmeln begann. Nachts würde sie von Maden träumen. Sie redete nur von Maden, heulte Rotz und Wasser, faselte davon, dass Maden sie fressen und sich dann, jede mit einem Stück von ihr im Inneren, zu einer Riesenmade vereinen, und dass sie selbst eines Tages zur Made würde. Ihre Mutter zitterte am ganzen Leib und weinte, mein Hals wurde trocken und mit heiserer Stimme sagte ich ihr, dass es vorbeigehen würde, bestimmt hätte irgend etwas ihrer Tochter einen Schreck eingejagt, die Ärzte wüssten schon, was geschieht, Nora käme bald zurück, nichts Schlimmes würde passieren. Ich glaubte das alles nicht, aber ich belog sie trotzdem, so wie ich Nora belogen hatte, als ich tat, als würde ich Harms hassen, als wäre Berg für mich eine Null oder als ich behauptete, ich würde Igor für einen Schwachsinnigen halten und die Opposition für genauso bescheuert wie die Regierung. Ich sagte ihrer Mutter, ich würde Nora auch gerne besuchen, um ihr eine Freude zu machen.

Eine Woche später fuhren wir hin. Das Krankenhaus lag inmitten einer großen Brache. Ringsherum gab es nichts außer einem herumstreunenden räudigen Hund und Dohlen mit offenen Schnäbeln. Drinnen stank es nach Medikamenten und schmutzigen Fliesen, nach Desinfektionsmitteln, es herrschte Totenstille. Nur in einem Raum mit abgenutzten Polsterstühlen saßen einige Ärztinnen in schmutzigen Kitteln und rauchten. Den einen oder anderen Arzt gab es auch, der mit seinen Kolleginnen flirtete; die Ärztinnen schrieen vor Gelächter und schlürften Kaffee. Ich ging mit Noras Mutter hinein, wir wurden lächelnd empfangen. Gleich würden sie uns hinbringen, hieß es. Eine halbe Stunde später führte uns eine Frau mit rötlichen, zu Tode gefärbten Haaren, die am Haaransatz schwarz hinauswuchsen, durch einen langen, übel riechenden Gang mit vielen Türen. Unsere Schritte hallten wider, von irgendwoher kam ein Murmeln. Wir kamen an ein Zimmer, die Ärztin holte den Schlüssel hervor. Noras Mutter blieb draußen und sagte, ich solle als erste hineingehen, sie würde warten.

Als ich hineinging, sah ich etwas weiß Eingewickeltes in einer Ecke. Ich trat näher heran, konnte Nora aber nicht erkennen. Ihre Haut war gleichmäßig gespannt, nur erschien alle zehn Zentimeter eine Falte. Aufgequollen war das Gesicht, die Beine waren zusammengeschmolzen, die Arme an den Körper angewachsen. Die Finger klebten zusammen, gewunden, dick und schlaff. Die Haare waren jetzt welk und farblos, hatten sich gelegt und an den Haarwirbel geklebt, an den rund gewordenen weißen Kopf. Nora sah aus wie eine riesige weiße Made. Sie schaute mich mit glänzenden, fast schwarzen, kleinen Augen an und bewegte die Lippen ein wenig, ich hörte aber nur ein feuchtes Schmatzen und dann, glaube ich, fiel ich um.







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