PROSA: "Das Dritte" von Siân Melangell Dafydd (Wales)

Das Dritte
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"Ground" von Nurdan Hatipoğlu
Auszug aus dem Roman "Y Trydydd Peth", aus dem Walisischen von Marion Löffler

Der neunzigjährige George Owens hat schon sein Leben lang eine besondere Beziehung zum Wasser. Ohne es lernen zu müssen, kann er von frühester Kindheit an schwimmen, und ist sich sicher, dass er nur im Wasser wirklich in seinem Element ist. Darum bemüht er sich, jenes geheimnisvolle Dritte zu finden, das Wasserstoff- und Sauerstoffmoleküle zusammenführt, um Wasser entstehen zu lassen. Vor allem aber zieht es ihn zum Fluss Dyfrdwy – dem Dee – dessen kurvenreichen Lauf er in einer Vene seines Arms wiederfindet. Instinktiv weiß er, dass Besitz und Schutz des Flusses seine Geburtsrechte sind, und er findet dafür sogar Beweise in einem mittelalterlichen walisischen Gesetzestext. Um diesen Besitzanspruch zu bestätigen beschließt er, den gesamten Fluss herunterzuschwimmen, vom ländlichen Meirionnydd bis zu seiner Mündung in der englischen Stadt Chester.

Sich dem Lebensende nähernd, doch immer noch schwimmend, wird er sich der zunehmenden Entfremdung von seinen erdverbundenen Verwandten und Nachbarn bewusst. George sinniert über die Impulse, die ihn immer wieder in den Dyfrdwy zurücktreiben – der ihm gefühlsmäßig sogar näher steht als seine bodenständige Ehefrau – und die ihn weiterhin dem geheimnisvollen Dritten nachjagen lassen.

Georges Erzählung nimmt ihren Lauf und ändert ihr Tempo so wie der Fluss, zuweilen sanft wandernd und entspannt, dann wieder einem Ziel zubrausend, ohne sich mit Abschweifungen aufzuhalten. Stimme und Stimmung des Erzählers sind Rhythmus und Akzent der Landschaft, in der seine Reise begann, entlehnt und wechseln so zwischen intensiver Gefühlsäußerung und verschmitztem Humor, Lyrizismus und einnehmender Wärme. Siân Melangell Dafydds preisgekrönter Roman ist außergewöhnlich und zauberhaft.

Erster Teil (S. 9-12)
Ich habe einen sehr schlechten Geschmack im Mund. Er hat mich wachgehalten. Und einfach so im Bett rumzuliegen macht doch keinen Sinn. Irgendwann gegen drei bin ich nach unten gegangen und habe mir einen Tee und ein Marmeladenbrot gemacht. Um Viertel vor sechs stand ich dann wie immer auf und machte mir etwas zum Frühstück. Dann schlief ich wieder, in meinem Stuhl, bis elf ungefähr. Tja, da war mir dann etwas schwummerig. Wisst ihr, was ich gemacht hatte? Ich hatte den Frühstücksspeck roh gegessen.

Ich war gerade halb den Berg hoch, da fiel mir ein, dass ich ihn nicht gebraten hatte. Ich bin mir fast sicher...
Dieser schlechte Geschmack ist immer noch da. Als ob meine Zunge schwarz wäre. Als ich noch in der Schule war, hieß es immer, dass wer lügt eine schwarze Zunge bekommt.

Ich erzählte den Ärzten und den Leuten vom Amt, die hier vorbeikommen, von so Sachen wie vom rohen Frühstücksspeck. Man muss sie provozieren. Und dann sagen sie: „Aber Mr. Owens, haben Sie denn keinen Unterschied geschmeckt?“, als ob davon die Welt unterginge.
Sie kommen hierher, um Beweise dafür zu finden, dass ich den Verstand verliere. Sie fragen: „Was haben Sie am soundso vielten über den Dyfrdwy herausgefunden?“ Solche Sachen. Ich soll ihnen ins Netz gehen. Sie drücken überall an mir herum und fragen mich nach der Farbe meiner Kacke – 'Stuhl' nennen sie das. In der heutigen Welt geht nichts ohne Beweise. Wie Frettchen schnüffeln sie nach Beweisen dafür, dass ich alt bin, verrückt und gefährlich. Von mir kriegen sie ganz andere Beweise.

Ich sage ihnen, dass ich schwimme, dass ich fit bin, dass ich in meiner Badehose zum Dyfrdwy gehe, um meinen Körper generalzuüberholen.

„Wann genau?“, fragen sie.

„Wenn niemand guckt.“, sage ich . Ich warte nur noch darauf, dass mich irgend so ein Blödmann beschuldigt, ich sei gemeingefährlich.

Sie sagen mir, dass ich kein öffentliches Ärgernis sein soll. Mich zurückziehen soll. Ich würde mich nicht beliebt machen, wenn ich so lebte. Aber so mancher ist schon ohne Liebe ausgekommen – kein einziger ohne Wasser. Darüber habe ich in letzter Zeit viel nachgedacht. Aber was habe ich je anderes getan, als Schwimmen und für das Gute kämpfen?

Nun ist es Zeit, dass Sie mich richtig kennenlernen. Nicht durch irgendwelche Notizen: „Stuhl: weich, Haut: trocken“. Diese Informationen würden Sie nicht beglücken. Ich will mich richtig vorstellen. Ein Mensch trägt die wichtigsten Beweise mit sich herum. Sie stecken ihm in der Haut und in den Knochen. Sie zeigen unverwechselbar, wo er gewesen ist, was er getan hat, wie er geliebt hat, seine Geschichten – viel besser als all die anderen angeblichen Beweise über seine Vergangenheit. Aber die verdammten Ärzte interessieren sich nicht für die Hintergründe. Also dann, da bin ich: George Owens.

Ich bin kein Olympiaschwimmer oder irgend so was. Ich bin ziemlich groß, und war immer schon ein „Lulatsch“, wie manche sagen. Ich hatte immer die richtige Statur zum Schwimmen, schon seit dem Tag, als ich aus dem Mutterschoß gerutscht kam. Die Owens waren allesamt lange Babys. Meine Kinder und Kindeskinder sind alle ähnlich geraten. Ein bisschen Talent und eine Menge Energie. Und genug Eifersucht. Eifersucht auf die Fische. Oder auf die Fischotter, genau genommen. Sie sind Säugetiere wie wir, aber halb im Wasser, halb an Land, und können viel besser als wir von einer Welt in die andere wechseln. Man kann solche Geschöpfe nur bewundern, nicht wahr? So ausdauernd und doch verspielt. Wir sollten etwas von ihnen übernehmen können, mehr erfahren. Da ist es egal, wenn mir die Muskeln weh tun, oder ich mir am Felsen das Knie stoße beim Schwimmen. Einfach weitermachen. Und jetzt hört mal:

Wasser ist H2O, zwei Teile Wasserstoff, ein Teil Sauerstoff.
Aber da ist noch ein Drittes, das es erst zu Wasser macht,
und niemand weiß, was es ist.

Das habe ich vor Jahren mal von irgendeinem Patrick von der Universität Bangor gehört, in einer Preisrede hier in Llan in der Eisteddfod. Ich weiß nicht mehr, um wen es damals ging, weil ich zu sehr mit Zuhören beschäftigt war. Er sprach ganz wunderbar sanft und hatte eine besondere Art zu warten, bis alle ganz ruhig waren, bevor er anfing. Ein Glück, dass ihn niemand überredet hatte, Prediger zu werden, mit so einer Stimme.

Seitdem bin ich also auf der Suche nach den drei Zeilen zu diesem Dritten. In der Bibliothek von Bala habe ich gesucht – ohne Erfolg. Genauso in Dolgellau, Fehlanzeige. Auch die Bibliothekare konnten nicht weiterhelfen. Bis mir beim Umzug ins neue Haus eines von Nans Büchern herunterfiel und offen liegen blieb; da stand es plötzlich – D. H. Lawrence – und bot sich mir dar, auf der richtigen Seite. Tja, vielleicht hätte ich in all den Jahren einfach nur mal meine Frau fragen sollen.
Ich suche dieses dritte Ding. Ist das zu viel verlangt?

Aber zurück zu meiner Beschreibung von mir, damit Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben. Helle Haut, die schnell einen Sonnenbrand bekommt, dafür aber rabenschwarzes Haar, kein rotes, wie man bei meiner Haut vermuten könnte. Es gibt aber auch Rothaarige in meiner Familie. Auf mütterlicher Seite. Auf der anderen Seite der Berge. Da drüben waren sie alle Räuber, hieß es. Die rote Rotteund so weiter. Sie selber war aber rabenschwarz wie ich. Kein einziges weißes Haar, als sie uns verließ: Alles Weiß steckte in der Haut.

Ich habe Mutters Wimpern. Frauenwimpern. So lang, dass sie ständig gegen die Brillengläser stoßen, und es sich bei jedem Blinzeln so anfühlt, als säße ein Insekt zwischen Auge und Glas. Lang genug, dass Mädchen neidisch werden. Meine Tochter, all ihre Freundinnen, und einmal auch eine Frau im Bus nach Aberystwyth. „Diawch“, sagte sie, „was für ein Glück Sie haben“, als ob ich etwas wirklich Nützliches hätte: eine Nase zum Trüffelriechen oder Augen, die durch Wände sehen könnten. Und dann bot sie mir einen Colawürfel an, einen klebrigen, ganz unten aus einer alten Papiertüte, und schaute immer wieder hinter ihrer Zeitung hervor, wie um ganz sicher zu sein, dass die fantastischen Wimpern nicht verschwunden waren. Wenn ich ehrlich bin, dann fallen mir persönlich praktischere Dinge ein, die man erben kann.







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