PROSA: "Versteckte Kamera" von Lidija Dimkovska (Mazedonien)

Versteckte Kamera
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Piece 17 von Seçil Yaylali
Auszug aus dem gleichnamigen Roman, Aus dem Mazedonischen von Will Firth

Gegen fünf Uhr nachmittags traf der Pakistaner ein. Er wurde von Klaus, unserem Koordinator, gebracht, der noch an der Tür erklärte, er müsse zurück zum Flughafen, in anderthalb Stunden komme die Fotografin aus Tirana. So mussten sich Lila und Joseph selbst bekannt machen. Gott sein Dank brauche ich derartige Kennenlernrituale nicht, die können doch jedem normalen Menschen eigentlich nur auf den Nerv gehen! Joseph war ein eher kleiner Dreißigjähriger mit dunkler Haut, sanften Rehaugen und dicken Lippen. Er trug eine graue Hose mit Bügelfalte, die nach der langen Reise etwas zerknittert war, und ein kurzärmliges Hawaiihemd. Die Hose wie bei meinem Vater, das Hemd wie bei meinem Onkel! ging es Lila durch den Sinn. Die Hand, die er ihr entgegenstreckte, war die wärmste, die sie jemals gedrückt hatte, obwohl sie auch anderen Asiaten und Afrikanern die Hand geschüttelt hatte, und Afrikaner haben mit Sicherheit die heißesten Hände der Welt. Dieser kurze Händedruck erinnerte sie jedenfalls an Larry aus Ghana, der mit ihr zusammen einen Rumänischkurs in Bukarest besucht hatte; seine Hand war groß gewesen, heiß und feucht wie die Hände des weißen Wohlstandskinds in dem Zeichentrickfilm über Apartheid, das gerade aus einem Albtraum erwachte. Jetzt starrte sie Josephs Hand an, wie sie sechs Monate lang heimlich (und ich offen) Larrys Hand angeschaut hatte, die immer halb geöffnet über dem Pult in der Luft hing, jederzeit bereit zu gestikulieren, besonders wenn Larry die rumänischen Deklinationen nicht einleuchten wollten. Seine Hand hatte etwas Elementares, das an die schöpferische Allmacht Gottes erinnerte. Lila riss sich schnell zusammen und half dem Neuankömmling, seine zwei grünen Reisetaschen mit Blumenmuster und zahllosen Reißverschlüssen hineinzutragen. „Das ist aber schön hier!“, rief er aus, als wir ins Wohnzimmer gingen, und noch begeisterter war er beim Betreten des Zimmers, das seins werden sollte. „Zu Hause sind wir zu siebt, vier Brüder und drei Schwestern, ich hatte nie ein eigenes Zimmer.“ „Ich auch nicht“, sagte Lila, obwohl wir beide wussten, dass das nur die halbe Wahrheit war: In Skopje wurde das Zimmer unsers, nachdem ihre Schwester geheiratet hatte; von den sechs Jahren in Bukarest verbrachten wir zunächst vier in einer Garçonnière und danach zwei in einer Wohnung, wo allerdings auch A. immer halber Mitbewohner war. Hier würde es super werden, meinte Joseph, die Österreicher seien bestimmt gute Menschen, und dann fragte er Lila unvermittelt, als sei es das Natürlichste der Welt, ob sie einen Freund habe. Nein, antwortete sie, ich habe einen Mann. „Ach so. Na gut.“ Sie lächelte, und ich dachte: „Dezente Zurückhaltung? Fehlanzeige. Der fragt gleich zu Anfang nach solchen Dingen!“ So hatte sich Lila das Treffen mit dem Sänger aus Pakistan wahrlich nicht vorgestellt. Er sagte, er sei müde, er werde sich für ein, zwei Stunden hinlegen. Dann würden wir sehen, was mit der Fotografin aus Albanien sei. Sie kam zwei Stunden später, wieder mit Klaus, der sagte, er müsse zurück in die Stiftung, um die notwendigen Unterlagen für sie alle zu holen; die Direktorin habe ihn per Handy informiert, sie schaffe es nicht, vorbeizuschauen, deshalb komme er gleich allein zurück. Lila und Joseph starrten die Neue an, ich fokussierte direkt auf ihre Augen. Sie war mittelgroß und schlank, hatte große grüne Augen, eine leicht schiefe Nase und ein weißes Gesicht, das schnell errötete; sie trug eine rosa Windjacke und „Joghurtjeans“ – Bluejeans, die so aussahen, als wären sie mit Joghurt bekleckert. (So wie auch bei uns die Albaner!, dachte Lila und musste fast lachen. Solche Jeans entsprachen nämlich genau der stereotypen Vorstellung, die die Mazedonier sich von ihren albanischen Mitbürgern machten.)

Die Neue hieß Edlira und fragte gleich, woher die anderen kämen. Aus Lahore, sagte Joseph, und beide Frauen nickten und taten so, als hätten sie schon von der Stadt gehört; na ja, vielleicht hatten sie ja tatsächlich Fernsehbilder davon gesehen, aber ich wusste, dass sie nur so taten. Und als Lila sagte, sie sei aus Skopje, kam wie aus der Pistole geschossen: „Aus Shkupi? Ach, da habe ich vor zwei Jahren meine Tante besucht, sie wohnt im Stadtteil Gazi Baba. Kennst du bestimmt. Ganz viel Kaffeesatz habe ich fotografiert, überall in Shkupi“. Das brachte Lila natürlich auf hundertachtzig. Wie hätte sie denn eurer Meinung nach reagieren sollen, wenn die Neue ihr Skopje so dreist albanisierte? Sich ins Zimmer zurückziehen, wie sie es im ersten Moment vorgehabt hatte? Oder so tun, als sei alles in Ordnung, als tangiere sie diese sprachliche Penetranz gar nicht, die ihr immer eher politisch als linguistisch erschien? Anfangs hatte die Frau gar nicht nationalistisch ausgesehen (wie sieht denn eine Nationalistin aus?!), außerdem hatte sie etwas sehr Interessantes gesagt: dass sie Kaffeesatz fotografiert! „Ja, das ist meine Spezialität“, erklärte sie, „ich fotografiere nur Kaffeesatz, aber in den verschiedensten Tassen, Töpfchen, Gläsern, Untertassen – das gibt unglaublich schöne Fotos! Zum Glück trinkt man auf dem Balkan immer noch türkischen Kaffee und liest immer noch im Kaffeesatz. Ich weiß nicht, wie das hier ist. Du trinkst bestimmt normalen Kaffee, oder?“ Nichts weckt Lila morgens besser als ein türkischer Kaffee, aber zugegeben, mittags trinkt sie schon seit einigen Jahren Nescafé. Und zwar nicht weil das Zeug besonders gut schmeckt, sondern weil A. Nescafé trinkt und es für sie einfacher ist, Wasser für zwei aufzusetzen und je einen Löffel Nescafé in die hohen, modernen grün-gelben Tassen zu geben, die ihnen Olivera geschenkt hat, umrühren, einen Schuss Milch dazu und fertig. Hand aufs Herz, Nescafé-Tassen sind auch leichter zu spülen, als welche mit türkischem Kaffee; wenn du da den Wasserhahn über der Tasse aufdrehst, spritzt der Kaffeesatz in alle Richtungen und du musst immer die Fliesen abwischen und das ganze Spülbecken säubern. Aber schön, immerhin hatte Edlira den Gegenstand ihrer Kunst gefunden; sie bat Lila, solange sie in Wien zusammen wären, morgens die Kaffeetasse nicht zu spülen, sondern möglichst auf den Kopf zu stellen, so dass der Bodensatz in die Untertasse laufen kann, und dann würde sie sehen, was für schöne Fotos das ergab und wie sehr sie ihre eigene Persönlichkeit darin erkennen würde. Nach so vielen Jahren Erfahrung mit allen möglichen Kaffeesatzbildern verschiedenster Menschen hatte Edlira auch gelernt, darin zu lesen. Ich hoffe, in Lilas Kaffeesatz ist keine Spur von mir zu erkennen. Joseph sagte, er könne Edlira leider nicht helfen, weil er nur Tee trinke. Er habe noch nie im Leben Kaffee getrunken, nicht einen Schluck, und er glaube nicht, dass er diese in der pakistanischen Kultur tief verwurzelte Gewohnheit ablegen könne. Dann stellte er ihr die gleiche Frage, mit der er Lila konfrontiert hatte: „Hast du einen Freund?“. Edlira war zunächst verwirrt und wurde rot, aber dann lächelte sie und sagte, sie habe einen gehabt, aber jetzt nicht mehr. „Ach so, na gut“, erwiderte er. Ich konnte nicht fassen, dass jemand es fertigbrachte, eine solche Frage zweimal innerhalb von zwei Stunden zu stellen.

In den nächsten vierzig Minuten bis Klaus mit einem dicken Ordner mit der Edding-Aufschrift „Artists in residence“ wieder erschien, waren wir alle beschäftigt: Joseph und Edlira packten ihre Taschen aus und räumten ihre Kleider und Sachen in ihren Zimmern ein, Lila wirbelte im Wohnzimmer herum und bot den beiden durch die offenen Türen ihre Hilfe an, und ich machte Aufnahmen von der weiß-grau gepünktelten Decke, die wahrscheinlich zum Schachmuster des Teppichs passen sollte. Joseph reichte Lila eine bunte Plastiktüte, die sie in die Küche bringen sollte: seine Mutter habe ihm vor der Abreise (gestern früh) traditionelle kleine Fladenbrote als Reiseproviant gebacken, die Schwestern hätten ihm Kichererbsen- und Reisgebäck eingepackt, aber das Essen im Flugzeug sei so gut gewesen, dass er alles übrig behalten hatte. Edlira hatte auch etwas aus Tirana mitgebracht, etwas Spezielles, sagte sie: Blätterteig mit Weißkohl. Lila konnte sich nicht zurückhalten: Krautstrudel machen wir auch! In Rumänien machen solchen Strudel interessanterweise nur die Walachen. „Stimmt, jetzt wo du’s sagst, fällt es mir auch wieder ein“, errötete Edlira, „aber in Shkupi habe ich nur Burek mit Käse gegessen“. Schon wieder Shkupi! Eines Tages wird Lila ihr sagen müssen, wie sehr sie das nervt. Ihre Stadt soll Skopje genannt werden. Ich befürchte, sie wird ausfällig, bevor es zu einer Aussprache kommt, denn sie ist sehr reizbar. Eigentlich ist Zeit genug dafür – die beiden wissen ja noch nichts voneinander –, und es wäre schade, wenn sie sich zerstritten, bevor sie sich richtig kennen lernten.

Der erste gemeinsame Abend in Wien war auch der anstrengendste, weil Klaus, bequem im Sessel zurückgelehnt, sie über ihre bisherigen Projekte, Erfolge und Aktivitäten befragte und alles bis ins kleinste Detail wissen wollte. Er stellte Fragen wie: „Sind Sie angesehen? Sind Sie eine mediale Persönlichkeit? An welchen Veranstaltungen im Ausland haben Sie schon teilgenommen? Sind oder waren Sie politischer Verfolgung ausgesetzt? Welcher Religion gehören Sie an? Wie ist Ihr familiärer Hintergrund? Was hat Sie bewogen, nach Wien zu kommen?“, und jede Menge anderer Fragen, die lange und ausführliche Antworten verlangten, aber Klaus konnte immer eine knappe, konkrete Antwort herausfiltern und notierte alles in seinem ledergebundenen Notizbuch. Bloß gut, dass ich nicht in ihrer Haut steckte! Das nennt man einen virtuosen Koordinator, dachte Lila, die wie eine Schülerin auf der großen Sechsercouch saß, je einen Meter von Edlira und Joseph entfernt. Er wird uns echt kaputtkoordinieren. Aber an jenem Abend erfuhren sie nolens volens viele bedeutende Dinge voneinander, die Klaus teils zufriedenstellten, teils nicht. Weniger zufrieden war er, zum Beispiel, mit Lilas Grund für ihre Übersiedlung nach Slowenien – die Liebe zu A. –, denn von einer Balkanschriftstellerin erwartet man a priori einen Hang zum Exil, das die Welt der Kunst allerdings nur anerkennt, wenn es politisch ist. Wenn ich doch bloß Dissidentin wäre, dachte Lila, und Mazedonien wegen politischer Unterdrückung verlassen hätte (dazu zählt freilich nicht die Unterdrückung eines Volkes durch unfähige und korrupte Regierungen), wäre ich doch nur vor der albanischen UÇK geflohen oder zumindest vor Armut und Arbeitslosigkeit, dann hätte sich ein ganz anderes Fluidum zwischen dem „Wohltäter“ und mir, dem „Schützling“, entwickelt; aber so, wegen der Liebe zu A.?! Klar, Klaus wusste nicht, dass auch die Liebe eine Art Exil ist, die manchmal schwerer wiegt als das politische Exil, weil sie nicht nur die Standpunkte und Gedanken eines Menschen berührt, sondern auch das Empfindlichste in ihm – seine Gefühle. Er war auch nicht zufrieden, als er hörte, was Edlira mit roten Wangen und niedergeschlagenem Blick hervorbrachte: dass ein Großvater von ihr, na ja… enger Mitarbeiter Enver Hoxhas gewesen sei; deshalb wohnten sie im sogenannten „Palast“ im Zentrum Tiranas zusammen mit Familien anderer Angehöriger des kommunistischen Regimes. Nach 1989 hatten die Demokraten ihren Großvater verurteilt und ins Gefängnis gesteckt, wo er vor zwei Jahren auch gestorben war, aber die Fünfzimmerwohnung hatte man der Familie nicht weggenommen. „Ich war damals ein Kind“, sagte sie, als wolle sie sich rechtfertigen, „eigentlich hatte ich keine Ahnung von alledem; mein Großvater war ein strenger, aber guter Mann“. Joseph berichtete, dass einer seiner Brüder als Dissident in Frankreich lebte, weil er vor sieben Jahren zusammen mit einer französischen Journalistin, die nach Pakistan gekommen war, ein Buch über das Verhältnis der herrschenden muslimischen Strukturen zu den pakistanischen Christen schrieb, ein Verhältnis, das Joseph so beschrieb: „Wenn man zum Beispiel in einen Laden geht, mustert einen der Verkäufer und fragt, ob man Muslim ist, und da wir Christen in Pakistan sehr gläubig sind und keine Judasse sein möchten, antworten wir Nein, und dann sagt er Wir verkaufen nicht an Christen und ruft seine Leute herbei, und dann macht man sich besser vom Acker, bevor fünf oder sechs seiner Leute einen in die Mangel nehmen“. Das Buch ist in Frankreich erschienen, aber als man in Pakistan Wind davon bekam, griff eine islamisch-fundamentalistische Gruppe die katholische Kirche in Lahore während der Sonntagsmesse an und tötete fünf Menschen, vierzig Weitere wurden verletzt, einschließlich Kinder. „Mein Bruder kam mit einer gebrochenen Rippe davon“, fuhr Joseph fort. „Gleich danach verließ er das Land und ging nach Frankreich. Ganze sieben Jahre habe ich ihn nicht gesehen, aber jetzt in Europa werden wir uns endlich treffen“. Ich glaube, Josephs Geschichte hat Klaus gefallen, obwohl er noch wissen wollte, was Joseph persönlich unter diesen Bedingungen gemacht hat und ob er vielleicht auf die eine oder andere Weise engagiert gewesen sei, aber Joseph sagte nur: „Ich habe bloß gesungen. Ich singe im Kirchenchor, und wir treten an Feiertagen und zu Konzerten und Ausflügen auf. Wissen Sie, wir haben eine christliche Jugendgruppe: wir versammeln uns einmal pro Woche im Haus des Priesters und singen Lieder über Jesus. Das, was ich solo mache, Ethno-Jazz, ist etwas vollkommen anderes, aber in Pakistan hat avantgardistische Musik eines Christen keine Chance. Um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeite ich in einer Großtischlerei. Ich habe zwei Monate unbezahlten Urlaub genommen, um hierher zu kommen“. Aus allem, was wir hörten, ergab sich, dass Edlira die Jüngste war; sie hatte mit ihrer Fotografie schon drei Einzelausstellungen in Albanien bestritten und an zwei Gruppenausstellungen teilgenommen, in Budapest und Mailand; wir erfuhren, dass Josephs Aufenthalt in Wien sein allererster Besuch in Europa war, dass er bisher nur eine CD aufgenommen habe, gesponsert von der Kirche in Lahore, aber Material für mindestens noch drei besaß, weshalb er hoffe, in Wien noch mindestens eine CD aufnehmen zu können; Lila hatte die meisten Festivals und Veranstaltungen im Ausland besucht, dazu ihre zahlreichen Umzüge – das Auslandsparadigma definierte sie auf der ganzen Linie, als Mensch und als Schriftstellerin. Das Gleiche hat auch der Astrologe in Skopje zu mir gesagt! dachte Lila: Das Ausland ist dein Weg. Durch Lila wurde es auch zu meinem Weg, aber wen interessiert das? Edlira erwähnte, sie könne Deutsch, und sofort erhellte sich Klaus‘ Gesicht, er verzieh ihr ihre Familiengeschichte und testete ihre Sprachkenntnisse; offenbar zufrieden sagte er ihr die freie Nutzung eines Fotostudios drei Tage in der Woche zu, in dem sie ihre Filme entwickeln könne und wo die drei Künstler später in einer Ausstellung die Ergebnisse ihrer Projekte vorstellen würden. Joseph bekam ein Tonstudio mit Begleitband, um seine CD aufzunehmen, und Lila sollte ein Buch über „das Ausland in ihrem Leben“ schreiben. O-Ton Klaus: „Schreiben Sie ein Buch über das Ausland in Ihrem Leben oder über Ihr Leben im Ausland. Das interessiert uns sehr. Eine Art Lebenstagebuch, nicht in der Art von Bridget Jones, natürlich, aber auch nicht wie Dostojewskij. Eher eine Art autofiktives Tagebuch, wie Sie selbst in der Stipendiumsbewerbung geschrieben haben. Eine versteckte Kamera der Erinnerungen“. Als ich „versteckte Kamera“ hörte, wäre ich beinahe aus meiner Halterung gerutscht. Wie konnte er das wissen? War er hellsichtig? Ermittelte der österreichische Nachrichtendienst gegen uns Balkanesen mit balkanischen Methoden? Aber ich hatte keine Zeit, an mich zu denken, ich musste Lila folgen, die in diesem Moment philosophisch wurde: Ich weiß nicht, warum alle auf dem Wort „Ausland“ bestehen, obwohl ich es selbst auch gebrauche; wahrscheinlich klingt es schöner und exotischer als das Wort „Zuhause“; aber ich verwandle jedes Land, das ich für drei-vier Tage besuche und auch jedes Land, in dem ich mich länger aufhalte, in mein Zuhause. Ohne die sofortige Akzeptanz und Anpassung eines Landes an die eigenen Bedürfnisse und der eigenen Bedürfnisse an ein Land bleibt das Ausland die „Fremde“, fremd wie der Mond und kann mir gestohlen bleiben; ich jedenfalls glaube, dass mich die göttliche Vorsehung in ein bestimmtes Land führt." Das Thema war eine Nummer zu groß, alle waren müde und Klaus musste gehen, deshalb nickte er nur und zog die weißen Briefumschläge mit den je 900 Euro Stipendium für den ersten Monat hervor plus einen Haufen Dokumente, die alle drei zu seinem Erstaunen ungelesen unterschrieben. Das ärgert mich an Lila am meisten – sie würde einen Hypothekenvertrag unterschreiben oder das eigene Todesurteil oder etwas noch Schlimmeres: die Einwilligung zu einer Operation am großen Zeh des rechten Fußes. Und dann wäre es aus mit mir. Nur weil sie es hasst, Verträge durchzulesen, würde sie mich und sich selbst aufs Spiel setzen! Aber ich stellte fest, dass die anderen beiden, was das anging, keinen Deut besser waren. A. hingegen, würde einen Vertrag immer erst durchlesen, bevor er ihn unterschreibt. Als wir wieder unter uns waren, zog sich jeder in sein Zimmer zurück, und bis spät in die Nacht hörte man die Dusche rauschen; das Badezimmer wurde nach einer unausgesprochen, aber einvernehmlichen Regelung belegt: zuerst Joseph, dann Lila, gefolgt von Edlira. Eine echt balkanische (aber auch asiatische) Rangfolge, lächelte Lila: zuerst ist der Mann dran, egal, ob Held oder Flasche, danach die älteste Frau und zum Schluss die jüngste. Ich duschte sowieso immer mit Lila zusammen. Respekt durch natürliche Selektion – das nennt man Volksweisheit, dachte sich Lila. Während wir unter der Dusche standen, und sie wie gewohnt mit zusammengekniffenen Augen ohne Kontaktlinsen versuchte, den Etikettentext auf den Duschgelflaschen zu lesen (Joseph benutzte Seife mit Johanneskrautaroma und ein Zitronenshampoo, sofern man das am Bildchen erkennen kann, denn die Aufschrift ist nur auf Urdu, und Edlira hatte ihre Waschsachen noch nicht auf das kleine Regal in der Duschkabine gestellt) dachte sie an A.; sie liebte es, mit dem Finger Wörter und Sätze auf seine feuchte Haut zu schreiben und ließ ihn solange raten, bis er herausfand, dass es sein eigener Name war, und er ihr zuflüsterte: „Noch nie hat jemand meinen Namen kyrillisch geschrieben“.

Das gemeinsame Leben in der Künstlerwohnung in Wien nahm seinen Lauf. In den ersten Tagen wurde Lila als erste wach (wofür ich ihr dankbar war, denn obwohl ich die Schlaflosigkeit genieße, ziehe ich es vor, „auf den Beinen“ zu sein); sie kochte Kaffee für sich und Edlira und machte für Joseph Tee (schwarz und so stark, dass sein Duft den des Kaffees überlagerte), aber Joseph stand erst gegen Mittag auf, wenn Edlira bereits die Wohnung verlassen hatte und der Tee fast kalt war. Als er sich an die europäische Zeit gewöhnt hatte, begann er um fünf Uhr früh aufzustehen, als müsse er in die Tischlerei, knallte die Türen und polterte mit Gegenständen; und da Lila und Edlira ihm nicht die geringsten Vorwürfe machten, fing er sogar an, um sechs Uhr den Fernseher einzuschalten, den Kühlschrank zu öffnen, zu duschen und sich so zu verhalten, als wäre später Vormittag. Ich freute mich über diese Geräusche, denn Leben bedeutet schließlich Action, oder? Lila verging das Frühaufstehen und in ihren Traum wehte der Geruch der kleinen Fladenbrote hinein, die Joseph direkt auf der Herdplatte buk, so wie Lilas Mutter zu Hause in Skopje Paprikaschoten röstet oder altes Brot aufbäckt. Eines Tages versuchte Joseph, türkischen Kaffee für Lila und Edlira zu kochen, aber bis wir aufgestanden waren, hatte sich der Kaffee in ein kaltes, schwarzes Sorbet verwandelt, so dickflüssig, dass man es löffeln musste. „Fünf Löffelchen Zucker auf ein Löffelchen Kaffee“, sagte Joseph, „sonst kann man vom Kaffee einen Infarkt bekommen, so ungesund ist er!“. „Und was ist mit Zuckerkrankheit?“, witzelte Edlira. „Ich kann ihn leider nicht trinken, ich darf keinen Kaffee, ich koche ihn nur wegen der Fotos.“ Lila hatte inzwischen den Zuckerkaffee verputzt – sie ließ keine Gelegenheit aus, Süßes zu naschen –, der Zucker knirschte ihr zwischen den Zähnen wie damals, bei den kleinen Lutschern in Form eines Hahns, die man nur beim alten Onkel Pero im Stadtpark kaufen konnte (einen Augenblick lang dachte sie an Slavko Janevskis kleine Zuckersoldaten)1, dann reichte sie die Tasse Edlira, damit diese das Foto des Jahres „Zuckersüßer Morgen“ machen konnte. Joseph murmelte etwas und verzog sich in sein Zimmer, und zwei-drei Minuten später war ein leises Schluchzen zu hören, wie das Blöken eines Lamms. Er ist nicht normal, er weint, flüsterte Lila Edlira zu. Ich bekam Mitleid, die Frauen bekamen einen Lachkrampf: sie lachten lautlos, hielten sich den Bauch, und weinten Tränen, die Lila fast die Linsen aus den Augen geschwemmt hätten. Plötzlich krümmte sich Edlira am Boden, ihr Gesicht verkrampfte sich vor Schmerz. Was ist? Was hast du? schrie Lila, aber Edlira winkte nur ab und riss sich zusammen: „Nichts, alles in Ordnung, irgendwas hat mich im Bauch gezwickt, das ist alles“. Schon eine halbe Stunde später verließ sie die Wohnung auf der Suche nach ungespülten Kaffeetassen. „Ich habe einige Adressen von albanischen Restaurants und Cafés“, meinte sie, „ich gehe fragen, ob ich dort in der Küche ein paar Fotos machen darf, wer weiß“. Joseph kam mit roten Augen zurück ins Wohnzimmer, setzte sich auf die große Couch (sonst saß er immer im Sessel, den wir als nichtfeministische Künstlerinnen ihm als dem einzigen Mann im Haus selbstverständlich überließen; wir setzten uns immer auf die Couch: Edlira auf die eine, Lila und ich auf die andere Armlehne) und sagte zu Lila: „Möchtest du mein Album sehen? Das ist meine Mutter und das – mein Vater; ach ja, das ist mein Bruder, der jetzt in Frankreich lebt; das sind Rozi und Rahat, meine Zwillingsschwestern; das ist Nisan, die älteste Schwester, die schon seit zehn Jahren Nonne ist, und das sind Emanuel und Toni, meine beiden anderen Brüder“. Mein Gott, so schöne Menschen gibt es wahrscheinlich nur auf Fotos! Sein Vater, alt und ergraut, in einen weißen Kurta gekleidet, saß auf der Schwelle des kleinen, aber sehr schönen Hauses (Joseph strahlte über das ganze Gesicht, als er diese Worte aussprach) und wirkte wie ein weiser Schutzengel; eine solche Erscheinung flößt Respekt ein, selbst wenn der Mensch in Wirklichkeit ein großer Verbrecher wäre. Wie virtuell ist doch die Realität der Fotografie! Sie lässt Gefühle entstehen, die vielleicht keine Verbindung zur Wirklichkeit haben, und wenn doch, so nimmt das Leben in ihr Platz, wie in einem Model, und passt sich seiner Form an. Genauso wie ich, Lilas versteckte Kamera, ihr Leben und das der sie umgebenden Menschen in mich aufnehme. Josephs Mutter, eine füllige Frau im braunen Shalwar Kamiz, stand in Lilas Vorstellung gleich in der Küche am Herd, röstete Fladenbrote für das Frühstück – zwei für jedes Familienmitglied – und legte sie zu einem einen halben Meter hohen Turm aufeinander. Auch seine Brüder sind schön, besonders der Dissident in Frankreich. „Er war schon verheiratet“, erzählte Joseph, „mit einem Mädchen, das mein Vater für ihn bestimmt hatte, aber die Ehe ging in die Brüche, weil sie nicht mit ihm schlafen wollte und sich auch kein Kind wünschte, also musste er sie verlassen. Ganz Lahore lachte über meinen Vater, als sich herumsprach, dass dem Mädchen die Liebe fremd war – ich weiß nicht, wie man das auf Englisch nennt“. Frigide, half ihm Lila. „Die Menschen lachten nicht über sie, sondern über meinen Vater, weil er für meinen Bruder eine solche Frau ausgesucht hatte“, fuhr Joseph fort. „Seitdem geht er nicht mehr in die Stadt und auch nicht in die Kirche. Er sitzt nur noch auf der Schwelle und schaut zu Boden. Jedenfalls hat mir mein Bruder geschrieben, er habe eine Französin gefunden und sie würden bald heiraten. Diese, meint er, sei in allem gut“. Am meisten beeindruckten Lila aber die Zwillingsschwestern, von denen es fast untertrieben war zu sagen, sie wirkten wie Engel, jede in ihrem lila Shalwar Kamiz mit wunderschöner gelber Stickerei und feiner, runder Spiegelarbeit. Haben sie etwa Spiegelchen an den Kleidern? wunderte sich Lila. „Ja“, antwortete Joseph, „die Spiegelchen werden in den Stoff eingearbeitet; einen solchen Shalwar Kamiz tragen nur junge Mädchen, die noch nicht verlobt sind; so können sie, wenn sie einem jungen Mann begegnen, herausfinden, ob er ihr Zukünftiger ist. Wenn sein ganzes Gesicht in den Spiegelchen erscheint, wissen sie Bescheid. Wenn sie aber nur einen Teil des Gesichts sehen, oder seinen Arm oder sein Bein, wissen sie, dass er nicht der Richtige ist. Dann müssen sie auf eine andere Gelegenheit warten.“ Verheiratete Frauen dürfen also keine solchen Kleider tragen? fragte Lila betroffen. „Nein, bei uns nicht, aber in Europa schon“, lächelte Joseph. Ich wusste, wie sehr Lila sich nach einem solchen Kleid sehnt, wie nach nichts anderem auf der Welt! Verheiratet ist sie, ja und? Auch verheiratete Frauen sollten in solchen Spiegelchen die Liebe prüfen, das Gesicht ihres Mannes suchen und sich ihre Wahl bestätigen lassen. Von hundert verheirateten Frauen, da bin ich mir fast sicher, würden maximal zwanzig in den Spiegelchen das Antlitz ihres Ehemanns sehen, und Lila hat das Glück, eine von ihnen zu sein, zumindest vorläufig. Na gut, ich muss einräumen, dass sie ein weiteres Kleid begehrt, von dem man sagen würde, das sei Sünde: ein Kleid wie das der Heiligen Nedelja auf der Ikone in der Sankt-Dimitrija-Kirche in Skopje, direkt im Eingangsbereich gegenüber dem kleinen Raum, wo Kerzen, Kalenderchen und Ikonen verkauft werden. Ein langes, orientalisches Gewand in einem sanften Orange mit gelblichen und braunen Tupfen, in einem Muster, das Lila an die „Uniformen“ der Stewardessen von Singapore Airlines erinnert, aber geschnitten wie eine Mönchskutte. Immer, wenn wir nach Skopje fahren, schleppt mich Lila zuerst in Sankt-Dimitrija, um die Heilige Nedelja zu sehen und sich an dem Kleid zu ergötzen, um es in Gedanken umzuschneidern, anzuziehen und mit ihm A. zu überraschen. Ich muss Ihnen wohl nicht sagen, welches Kleid ihm besser gefiele.

1Figuren aus dem Kindermärchen „Šekjerna prikazna“ (1952) des mazedonischen Schriftstellers Slavko Janevski (1920-2000).







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