Lyrik: Antoine Cassar

Pass [Auszug]
Gilbert_calleja_2011_10_supermedium_medium
© Gilbert Calleja
Aus dem Maltesischen nachgedichtet von Francis Kirps

[…]

Er ist für dich
dieser Pass
für alle Völker, mit seiner Regenbogenfahne, und dem Emblem einer Graugans, die rund um den Globus
   kreist
,
mit allen Sprachen, die du willst, offiziell oder nicht
,
mit seinem Einband, blau wie das Meer, oder rot wie getrocknetes Blut, oder schwarz wie
   Kohle, bereit zum Brennen, du hast die Wahl
,
nimm ihn mit, wohin du willst, der Durchgang ist sicher und steht weit offen, das Tor ist aus den Angeln gehoben
,du kannst kommen und gehen ohne Angst, niemand hält dich fest,
niemand überholt dich in der Warteschlange, niemand schickt dich nach hinten, es gibt keine
   Wartezeiten
,
niemand bellt
Ihre Papiere! und lässt dein Herz schneller schlagen, mit seinem bleichen
   Zeigefinger,
niemand reißt die Augen weit auf oder kneift sie zusammen, je nachdem wie hoch das
   Bruttosozialprodukt ist, des Landes, das du hinter dir lässt,
niemand nennt dich Ausländer, Alien, Verbrecher, Asylant oder Nicht-EU-Bürger, niemand ist
   zuviel,

n
iemand nennt dich Zecke, Fidschi, Nigger, Gringo, Paki, Jugo, Schlitzauge, Kanake, Kartoffel
   oder Polack,
niemand richtet eine
Kalaschnikow auf dich, niemand hetzt die Hunde auf dich, damit sie sich
   in dein Fleisch verbeißen,
niemand zwingt dich, dich gegen eine Mauer zu bücken, um seine feuchten Hände von hinten in
   dich hineinzustecken und dich in aller Ruhe zu durchwühlen,
niemand sperrt dich in eine eiskalte Zelle, um dich nach drei Nächten voller Alpträume
   wieder hinauszuwerfen, während dir das Blut noch am Arsch klebt

[…]




Leb wohl, meine Liebe
Gilbert_calleja_2011_7_medium_medium
© Gilbert Calleja
Aus dem Maltesischen nachgedichtet von Michael Apweiler

Langsam, entspannt, der Kuss ein Fest, Lachen in Sonnenfarbe, im Traumland auf Tour, Regenbogen, wie bist du schön!, zwei Körper, ein Schatten nur, meine Zunge schmilzt, ich schließe die Augen, verschweig den Rest…

aber, ja, zuviel geweint! Ende Mai ein Sturm, unausweichlich, das Unglück, die Liebe verloren, alt und kalt, die Seele bezahlt, die Säume der Träume verhallt, und das Herz seziert, unterm Mikroskop wie ein Wurm.

Oh wie schlecht, Recht hatt’ ich nicht, mache ein Gottesgericht, Rose ist Rose, doch du in verheirateter Pose, ich werd vergessen, vergessen den Duft deiner Haut, die ich kose…

Falter im Januar, lassen wir ihn, das war’s, colorín colorado, aus mit Bravado*, vorbei, mein Freund, ich danke ab, fort wie ein Tornado.

* Der Refrain eines spanischen Kinderreims.







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