Prosa: Clare Azzopardi, Versunken & Die grüne Linie (siehe unten)

Versunken
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© Gilbert Calleja
Originaltitel: Rasi ġo l-ilma, Aus dem Englischen von Martina Reinecke

Ich hatte Nachtschicht mit Martin dem Perversen und Pawlu, auch Flapper genannt. Wir waren unterbesetzt an dem Tag, da Konrad einen Krankenschein hatte und Denis versetzt worden war. Wir tranken Kaffee, als der Perverse loslegte...

Wie siehts aus, besteht Aussicht, dass dein Schwesterchen demnächst ihre Hacken unter meinem Bett parkt?
Halts Maul, kapiert!
Na immer mit der Ruhe, Gordon, werd auch schön brav sein —
Warum versuchst du nicht mal, deine Alte rumzukriegen?
Abgemacht, Alter. Du kriegst meine Mutter, ich deine Schwester. Hab gehört sie spricht nicht, dein Schwesterchen. Ich steh auf die stillen Typen.
Pass auf, warum verpisst du dich nicht und —
Meinste, dass sie stöhnen würde?
Es reichte. Ich sprang vom Stuhl auf und griff ihm an die Gurgel. Ich riß ihn zu Boden und wäre ihm auch an die Wäsche gegangen, wenn der Flapper nicht dazwischen gegangen wäre. Er meinte, wir sollten uns verpissen, beide, also verdrückte ich mich und latschte auf Block A zu. Der Perverse folgte mir aus dem Zimmer und haute ab in Richtung Block B.

Im Vorbeigehen warf ich einen Blick über meine Schulter zum Offizierszimmer. Der Flapper stand nicht mehr in der Tür. Gut. Ich rannte zu den Zellen, wo die Immigranten eingesperrt waren. Ihr Geschnatter verstummte, als sie mich sahen. Ich ging wieder raus. Der Perverse, der neben der Alarmanlage stand, gab mir ein Zeichen, dass er sie abgestellt hatte. Noch ein Blick zum Offizierszimmer. Der Flapper nirgends zu sehen. Also ging ich zum Zellenblock zurück und öffnete die Metalltüren, eine nach der andern. Keiner rührte sich. Dann ging ich zurück nach draußen. Der Perverse stand Wache. Zehn Uhr. Mittlerweile hatte der Flapper sich wahrscheinlich schon einen Harem schöner Frauen zusammengeschnarcht.

Ich ging zurück in den Zellenblock und gab ihnen ein Zeichen, dass sie aus den Zellen kommen sollten, langsam. Sowie sie an mir vorbeizogen, rannte ich zur hinteren Metalltür. Winta wartete draußen im LKW. Als ich die Tür öffnete, verließen sie den Zellenblock. Der LKW gehörte Nosejoy, der ihn aber nicht mehr benutzte, nicht seit er paar neue und noch größere Lastwagen gekauft hatte. Nosejoy hing in Wied iż-Żurrieq herum und wartete, dass der LKW eintraf. Innerhalb von zehn Minuten waren die Häftlinge in den Wagen geklettert, alle hundertundzwanzig. Winta ließ den Motor an, und weg waren sie. Unwahrscheinlich, dass sie groß Aufsehen erregen würden, der LKW war einer dieser Uraltteile, die wie die alten Linienbusse aussehen. Obwohl er nicht mehr in Gebrauch war, war er in keinem schlechten Zustand. Aber ohnehin sah man diese Modelle noch hin und wieder auf der Straße. Unvorstellbar, was passieren würde, wenn sie erwischt würden.

In der Zwischenzeit gingen der Perverse und ich los, um die Kanister mit Kerosin zu holen, die wir in unseren Spinden versteckt hatten, und wir fingen an, es in den Zellen auszugießen, in denen die Flüchtlinge eingepfercht gewesen waren. Ein Streichholz flammte auf. Wir warteten eine Weile, so dass sich die Flammen ausbreiten konnten, dann sprinteten wir rüber zu der Baracke, in der Pawlu immer noch vor sich hin schnarchte, nichtsahnend. Ich schwitzte wie ein Schwein und pisste mir in die Hosen... ehrlich, ich war außer Kontrolle. Dann schüttelte der Perverse den Flapper einmal kräftig und mit einem Ruck wachte er auf...

Wasisslos? Wapassiert? Wa?
Feuer.
Wa?
Der Block.
Was zum Teufel —
Breitet sich überall aus... lass uns bloß abhauen!
Und der Alarm, iss nich angesprungen —
Wir gingen raus und endlich kam auch der Flapper zur Besinnung.
Ruf die Feuerwehr. Und die Häftlinge?
Keine Ahnung.
Was soll das heißen, keine Ahnung?
Da schien sich keiner rumzutreiben, als wir geguckt haben.
Ja, und dann ging die ganze Bude in Flammen auf, also sind wir losgerannt, um dich zu warnen.
Und ihr beide, wo wart ihr?
Weißt du, Flapper, Kumpel... ich hab immer noch mein Glück bei seinem Schwesterchen versucht, sozusagen.

Ein faules Schwein, der Flapper, nichts bringt den aus der Ruhe. Über die Immigranten hat er sich keine großen Sorgen gemacht, ob die da drinnen in der Falle saßen, zu Asche verbrannten oder mit heiler Haut davongekommen waren. Was ihn betraf, war es ein Unfall, und wenn es ein Unfall war, dann war er aus dem Schneider. Den Perversen interessierte nur das Geld. Das war auch der Grund, warum Nosejoy mit von der Partie war. Ein ganzer Haufen Geld in der Tat, zum Teil geklaut, zum Teil von den Häftlingen selbst gesammelt.

Als die Feuerwehr eintraf und die Krankenwagen und die Polizei hatten sie zwanzig Minuten Vorsprung. So nehme ich mal an, dass Winta reichlich Zeit gehabt haben müsste, um nach Wied iż-Żurrieq zu kommen, und Ibrahim, der vor der Küste auf Throatys Boot wartete (für Throaty hat sich die Sache auch gelohnt), hatte wahrscheinlich den Motor laufen und nahm die Immigranten an Bord. Ich stelle mir vor, dass Ibrahim zu dem Zeitpunkt, als die Feuerwehrleute vom Block A wiederkamen, um uns mitzuteilen, dass sie dort niemanden gesehen hätten, schon unterwegs war, und Nosejoy, der in Żurrieq wohnt, schon den LKW auseinandernahm. Aber gleichviel, als nächstes kamen die Fragen — eine Menge Fragen — und eine sechsmonatige Suspendierung. Sie konnten uns jedoch nichts anhängen. Ich hab keine Ahnung, ob Ibrahim es bis nach Sizilien geschafft hat. Und vielleicht hat Winta ihren Onkel ausfindig machen können, vielleicht auch nicht. Was die anderen hundertzwanzig angeht... tja, weiß der Teufel.

Heute ist der Perverse immer noch pervers, und bei der Armee ist er auch noch. Mit meiner Schwester allerdings — daraus ist nie was geworden. Und ich, ich hab noch ein paar Monate gearbeitet, nachdem die Suspendierung aufgehoben worden war, dann hatte ich die Nase voll. Nosejoy hatte nicht nur Zeit gehabt, den alten Lastwagen auseinanderzunehmen, er ist auch die neuen losgeworden und hat sich noch ein paar weitere dazu gekauft. Der Flapper ist überall gut angeschrieben. Ich frag mich, ob er überhaupt je verhört wurde. Er geht immer noch auf Nachtschicht und schnarcht immer noch die meiste Zeit durch. Ein Eimer Kaffee würde den nicht wachhalten. Und ich, ich guck den Möven zu, ohne eine Träne zu vergießen.

Djego Grech
Sonntags tauchte er manchmal auf mit einem Zehner für mich und meine jüngere Schwester. Ich wusste, dass er Schulden hatte. Meine Schwester sagte nie einen Ton; sie war wie das abgestandene Wasser unten im Eimer, den jemand gefüllt und vergessen hat. Sie schaute ihn finster an und schnappte sich das Geld. Dann drehte sie sich blitzschnell weg und sah ganz kurz zu mir herüber. Ich warf ihr dann immer einen vielsagenden Blick zu, um ihr zu verstehen zu geben, dass sie das Geld behalten sollte. Ob es gestohlen oder geliehen war oder... na ja, wir konnten es gebrauchen, wir hatten nicht viel Geld.

Er setzte sich dann immer und wartete darauf, dass ich ihm einen schwachen Comforto Kaffee machte, den er mit ein paar Biskutelli runterkippte. Meine Schwester beschäftigte sich mit ihren Puppen und dem hellblauen Wischeimer mit ein wenig Wasser darin. Sie sprach nie mit ihren Puppen, aber es machte ihr Spaß, sie in den Eimer zu tauchen, wieder rauszufischen und ihnen das Haar zu kämmen. Er richtete kein einziges Wort an sie, aber mich fragte er nach der Schule und nach meiner Mutter — die nie da war, wenn er kam. Na, wo hurt deine Mutter heute rum? fragte er immer. Bei Oma, sagte ich. Besucht die andere Schlampe, oder? Ist zu ihrer Mutter gelaufen, was? Ich war zu der Zeit erst vierzehn. Meine Schwester war zwölf und spielte noch mit ihren Puppen.
Kristi spricht kein Wort.

Als ich zehn war und mein Vater noch bei uns wohnte, kam er manchmal mit einer Puppe für sie zurück. Die schnappte sie sich, ließ den Kopf auf die Brust sinken und hoppelte davon. Ich erinnere mich an eine Zeit, als er ihr immer etwas Besonderes versprach — Puppen, jede Menge — in der Hoffnung, sie würde mit ihm sprechen. Ich erinnere mich, wie er seinen Blick in ihre Augen versenkte, diese Augen wie ein offener Sarg, der blitzschnell zuklappen und in der Erde verschwinden konnte. Und dann packte ihn die Wut. Verdammt, du bist so abartig, schau hier, Kristi, schau deinen Vater an verdammt noch mal, schau... Mein Vater hatte nie eine geregelte Arbeit. Eines Tages, als dieses Theater der leeren Versprechen schon eine ganze Weile lief, hatte Kristi genug und brach in hemmungsloses Schluchzen aus. Mein Vater hielt es nicht aus — es waren erbärmliche Töne, wie das Kreischen von Möven, die frühmorgens über dem Meer kreisen. Ich würde wirklich gerne mal Möven sehen. Ich meine viele, echte Möven, wie die im Fernsehen. Ich würde mit ihnen zusammen heulen und mein Schluchzen würde untergehen in den Schreien hunderttausender Möven. An dem Tag begann mein Vater, wie eine Krähe zu krächzen (die waren auch im Fernsehen), und je mehr er kreischte, desto schlimmer wurde Kristis Weinen. Wenn sie weint, kommen keine Tränen, aber die Laute brechen einem das Herz. Mein Vater sah rot. Er öffnete die Wohnungstür und trat auf den Treppenabsatz, um eine zu rauchen. Ich bring dich um, stammelte er, ich nehm deinen Kopf und... Dabei trat er mit dem rechten Fuß mit voller Wucht gegen das Eisengeländer. Ich hatte Kristi ins Schlafzimmer gebracht und ihr versprochen, ihr selber eine Puppe zu besorgen. Als ich rauskam, flogen zwischen meinem Vater und Pawlu, der gegenüber auf der Etage wohnte, die Beleidigungen hin und her. (Keine Ahnung, ob ich das erwähnt habe, aber alle hassten meinen Vater.)

Das Fluchen meines Vaters und der Hall des Treppengeländers wie Beerdigungsglockenläuten hatten Pawlu in Rage gebracht. Er ging in die Wohnung und kam im nächsten Augenblick mit seinem Jagdgewehr zurück. Noch in der Tür lud er durch und zielte direkt auf meinen Vater. Wumm. Dann hörte ich Kristi schreien und meinen Vater lachen.
Alles war plötzlich tiefrot.
Scheißkerl, hat mich getroffen.
Meine Schwester schreiend. Mein Vater auf den Knien. Eine Blutlache. Pawlu und sein Gewehr. Ich starrte auf meinen Vater. Gibs ihm, verdammt. Verteidige deinen Alten. Oder bringst du das nicht fertig, du verdammter Feigling?

Als ich Kind war, ließ mein Vater gerne Badewasser einlaufen und drückte meinen Kopf unter Wasser. Das sei die einzige Methode, meinte er, um meine Lungen zu stärken. Jedes Mal, wenn der Schuldirektor anrief, um zu sagen, Gordon hätte mal wieder was ausgefressen (ein Ausdruck, den ich nie richtig verstanden habe) — oder vielmehr, jedes Mal, wenn Djego Grech mit dem falschen Fuß zuerst aufgestanden war —, zog er mich an den Haaren ins Badezimmer, drehte das kalte Wasser auf und füllte die Wanne bis zur Hälfte, während er mich auf die Knie zwang. Wenn die Wanne halb voll war, zog er mich auf die Füße, beugte mich nach vorn und drückte meinen Kopf unter Wasser. Meine Wange gegen den Wannenboden pressend. Und Gott bewahre, wenn ich mich auch nur rührte.

Immer wenn das passierte, war meine Mutter auf der Arbeit.
Nach dem Vorfall mit dem Schuss saßen sie beide eine Weile. Pawlu bekam zwei Jahre, mein Vater acht Monate (wie sich herausstellte, hatte er Schulden und auch in einer Drogengeschichte seine Finger im Spiel) und eine Strafe in Höhe von 5.000 maltesischen Liri, die er schneller abbezahlte als ich die Geschichte erzählen kann. Meine Mutter beantragte die Trennung und erhielt das Sorgerecht und die Wohnung. So konnte er uns nur noch sonntags morgens zwischen zehn und zwölf sehen, um etwas mit uns zu unternehmen. Nicht, dass er das je tat. Er kam auf eine Tasse Comforto und ein paar Biskutelli vorbei. Er saß auf dem Stuhl mit weit gespreizten Beinen und zog eine Pistole unter seinem Arm hervor, betätschelte sie mit der einen Hand und tunkte mit der anderen Kekse in den Kaffee. Gordon, sagte er, eines Tages wirst du selber eine von diesen brauchen, wirst schon sehen. Und ich zeig dir, wie man damit umgeht.

Er hielt das Spielchen zwei Jahre lang durch, nur an Sonntagen ließ er sich blicken. Mit höchster Wahrscheinlichkeit tauchte er an jedem dritten Sonntag auf. Er brachte nie eine Puppe für Kristi mit, und sie sah ihm nie wieder in die Augen, noch nicht einmal, wenn er ihr Geld gab. Manchmal hatte ich Angst, dass er die Pistole auf sie richten würde, glücklicherweise ging er jedoch nie so weit.

Eines Nachmittags sah ich ihn am Schultor herumlungern. Er wartete auf mich. Komm mit, sagte er. Du weißt, dass ich nicht mit dir sprechen kann, sagte ich, wenn Mutter das wüsste, würde sie dich umbringen, Sonntage reichen. Meine Mutter war die einzige, die meinem Alten Angst machen konnte. Vor ihr schiss er sich in die Hosen. Selbst was Nutten angeht, meinte er immer, ist sie noch abgezockter als die meisten. Meine Mutter war keine Nutte, ganz sicher nicht. Als sie es geschafft hatte, meinen Vater vor die Tür zu setzen, hat sie keinen anderen Kerl mehr angeguckt. Du bist jetzt der junge Mann im Haus, sagte sie. Wir kommen zurecht, wirst schon sehen. Nur du und ich und deine Schwester. An dem Tag, als er zur Schule kam, wollte er, dass ich ihm einen Gefallen tat.

Nur heute, Gordon.
Was willst du?
Ich brauche Hilfe bei was.
Was...?
Zeig deinem Alten, dass du ein Kerl bist.
Was soll das heißen? Was willst du von mir?
Nicht hier, kann jetzt nichts sagen.
Dann vergiss es.
Ich schwöre, ich tue, was immer du willst, wenn du mir aus der Klemme hilfst.
Ich schwörs dir auf die Hure, die du Mutter nennst.
Lass Mutter aus dem Spiel.
Na komm schon, Kleiner, du bist mein einziger Sohn, weißt du.
Ja klar. Bin sicher, dass ich deine einzige Leibesfrucht bin.
Ach komm, du führst dich auf wie deine Mutter.
Ich hab gesagt, halt sie da raus.
Pass auf, hör mir mal zu —
Meinst du’s ernst, du würdest alles tun, was ich verlange?
Notfalls. Ja. Väterliches Ehrenwort.
Ja oder nein? Wirst du genau das tun, was ich verlange?
Was immer du willst.
Gut. Ich helf dir, wenn du schwörst, nie wieder einen Fuß irgendwo in die Nähe unserer Wohnung zu setzen.
So stieg ich zu ihm aufs Motorrad und wir fuhren los. Ich sollte in diese Bar
gehen, in Schuluniform und mit Schultasche, und diesem Bobby-Typen die Tasche geben. Nichts Großartiges. Der einzige Haken war, wenn ich Bobby mit jemand anderem verwechselte (ich hatte Bobby noch nie gesehen) und die Tasche, sagen wir, Peppi gab, dann konnte ich was erleben.

Was meine Schultasche anging, befanden sich 5.000 Ecstasy-Tabletten da drin. Bobby: hochgewachsen, dünn, Sonnenbrille auf der Stirn. Glatze. Tätowierung auf dem linken Arm.

Ich gehe also in Jessies Bar rein und steuere direkt auf die Theke zu. Eine Cola, bitte. Meine Augen wanderten durch den Raum, ich spähte in jeden Winkel. Bobby war nirgends zu sehen. Und ein Paket Twistees. Ich tat so, als hätte ich nicht genug Geld in der Hand. Also bückte ich mich vor, öffnete den Reißverschluss meiner Schultasche und gab vor, nach Kleingeld zu kramen. Aus der Position hatte ich einen besseren Blick auf die Leute im Pub. Da war Bobby. Ich behielt ihn fest im Blick, kramte aber weiter in meiner Schultasche, bis er meinen Blick bemerkte und ein Nicken andeutete. Ich richtete mich schnell auf, schmiss die 35 Cent auf die Theke und sagte, 'Schuldigung, konnte das Geld nicht finden. Ich schnappte mir die Cola und die Twistees und rannte raus, Bobby einen letzten Blick zuwerfend, und plötzlich ruft diese Stimme, Hey, Söhnchen, du hast deine Schultasche vergessen. Ich stieg schon zu meinem Vater aufs Motorrad, als Bobby mir aus dem Pub folgte, meine Schultasche unterm Arm. Mein Vater sah ihn an, gab Gas, und wir flogen los.

Kristi Grech
Meine Schwester isst ausschließlich Brötchen von Golden Harvest mit La Vache Qui Rit Schmelzkäsescheiben. Mein Vater dachte immer, sie sei verrückt, und nannte sie Idiotenkind, wildes Tier. Für meine Mutter ist Kristi eine ganz spezielle Puppe. Ich, ich bin mir nicht sicher, wie ich sie beschreiben soll. Alles, was ich sagen kann, ist, dass ihre Augen wie ein geschlossenes Buch sind, so ausdruckslos wie sie selbst; dass ihre Schreie, die sie, soweit ich sehen kann, ohne offensichtliche Veranlassung ausstößt, mir auf die Nerven gehen. Sie umarmt nie jemanden, noch nicht mal Mutter. Sie isst Brötchen von Golden Harvest, weil sie mit Sesam besprenkelt sind. Sie rührt kein Brötchen an, das nicht mit Sesamkörnern bestreut ist. Die Sache ist die — sie isst die Sesamkörner nicht mal. Es macht ihr Spaß, eins nach dem andern vom Brötchen abzupicken, sie in das große Glas zu werfen, das jetzt halbvoll ist, und täglich in ihr kleines blaues Notizbuch einzutragen, wie viele Sesamkörner sie abgepult hat. Meine Schwester ist Sesamkörnersammlerin. Ja wenn ich es mir recht überlege, dann hat sie selber sogar ein wenig Ähnlichkeit mit den Körnchen: winzig, eine fettige Gesichtshaut, und die Wangen voller weißer kleiner Pickel, einer neben dem anderen und darüber der nächste... genau wie die Sesamkörner in ihrem großen Glas.

Kristi verbringt viel Zeit alleine, in ihrem Versteck unterm Bett. Abgesehen von der Tatsache, dass sie wohl ziemlich einsam ist, wenn sie mit uns zusammen ist, hat sie oft auch das Bedürfnis, vollkommen allein zu sein, die Arme fest um die Knie geschlagen, ihr Kinn vergraben im Hohlraum ihrer Schenkel. Ihr Blick hängt dann verloren zwischen den kleinen Flecken auf den Bodenfliesen ihres Zimmers, wo das einzige Geräusch das Ticken der großen Uhr ist, die ich vor ein paar Jahren auf einem Sonntagsmarkt geklaut habe. Sie schaukelt vor und zurück, wie das rostige Pendel der großen Uhr über ihrem Bett. Meine Schwester bringt Stunden damit zu, dieser Uhr zuzuhören (die ich auch blau streichen musste). Vielleicht befördert sie das Ticken zurück in den Mutterleib, wo das einzige Geräusch ein schlagendes Herz war, das ihr sagte, dass sie am Leben war. Meiner Mutter sagt, dass es eine Frühgeburt war, nach sieben Monaten. Ich war erst zwei und kann mich nicht wirklich erinnern, aber ich glaube, meiner Schwester muss es das Herz zerrissen haben, dieses Ausgestoßensein zwei Monate vor der Zeit. Vielleicht ist die stumme Einsamkeit ihre Art des Protests gegen das Unrecht, das sie bis heute als Erinnerung mit sich herumträgt.
Kristi sagt nie ein Wort.
Was vielleicht der Grund ist, warum die Leute sie ein bisschen merkwürdig finden, wenn man das so sagen kann. Anders, sagen wir, sie ist anders. Ein bisschen wie ein Kessel geradezu. Sie stellt ihre Gefühle nie zur Schau, wirkt völlig unbeteiligt, einfach kalt. Aber sie kreischt bisweilen, kreischt, wenn sie den Siedepunkt erreicht. Ich stelle sie mir als einen von diesen blitzenden Metallkesseln vor, dessen blanke Oberfläche dir dein eigenes Spiegelbild zurückwirft. Wenn er von Schmutz und Dreck bedeckt ist, sieht man nichts.

Dann muss man ihn rechtzeitig polieren, sonst setzt sich der Dreck fest und ist noch schwieriger wegzubekommen, vielleicht sogar unmöglich. Jedes Mal, wenn ich meine Schwester anschaue, gelingt es mir nicht, in sie hineinzusehen. Es ist, als existiere sie gar nicht, oder vielleicht habe ich sie auch einfach noch nicht gut genug kennen gelernt. Ich sehe mich selbst statt dessen. Bei den hoffnungslosen Versuchen zu verstehen.
Kristi hält nie jemanden bei der Hand.
Anders als ein Kessel, den man polieren kann, wenn er dreckig ist, übernimmt Kristi das Polieren selber, wie eine Katze, unter ihrem Bett, ihr Gesicht zwischen den Knien vergraben, während sie zuhört, wie die Uhr im Dunkeln tickt, im Takt ihres Atmens und der Schaukelbewegung ihres Körpers vor und zurück.

Gordon Grech
Ich bin also mit achtzehn zur Armee gekommen. Die Soldatenuniform bewahrte mich vor Ärger. Ich war ziemlich stolz auf sie. Meine Mutter auch. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie mich zum ersten Mal darin sah. Kristi allerdings hatte Angst. Sie verkroch sich unters Bett und kam drei Tage lang nicht darunter hervor. Ich weiß nicht, zu was ich in ihrer Vorstellung geworden war. Aber ab dem Tag musste ich warten, bis ich im Transporter war, um mir die Uniform anzuziehen, oder ich zog mich auf der Arbeit um. Wenn ich nach Hause kam, legte ich auf dem Treppenabsatz Zivil an, direkt vor der Wohnungstür, inmitten von Erinnerungen an das ungläubige Lachen meines Vaters, als Pawlu auf ihn schoss. Na, wer ist jetzt ein Kerl, Djego Grech? Schau dir den Schlagstock an und die Maschinenpistole. Bisschen besser als eine Glock 17, meinst du nicht auch? Und dann ziele ich aufs Geländer, entsichere die Pistole und... Blut tropft von meiner Hand. Wieder sehe ich Pawlu in die Wohnung laufen, seine Frau hysterisch, Kristi schluchzend, und die Sirene, die kurz danach die Schreie hunderttausender Möven zum Verstummen brachte, als ich versuchte, den Fluss des Blutes aus seiner Wunde mit bloßen Händen zu stoppen. Ich hatte meinen Vater seit der Geschichte mit Bobby und den 5.000 Ecstasy-Tabletten nicht mehr gesehen, und ich hatte mir bei der Sesamkörnervase geschworen, nichts mehr auszufressen.

Die Uniform verlieh mir ein wenig Selbstachtung. Die Leute, die ich bewachte, brachten mir Respekt entgegen. Mit Stolz schob ich Wache vor ihren Häusern, Brust geschwollen, Schlagstock an der Seite baumelnd, das automatische Gewehr geschultert, auf den richtigen Augenblick wartend, um es zu benutzen, was der Moment sein würde, in dem ich Djego Grech zu Gesicht bekam. Dann würde ich mir einen Spaß daraus machen, ihn zu verhöhnen. Nun lass uns dich mal krächzen hören, wie die Krähen, die du nie gehört hast. Lass uns deine Angst sehen, du Schwein, lass uns deine Angst wenigstens ein Mal sehen, lass uns sehen, wie du all die Angst wiedergutmachst, die deine Tochter schweigend mit sich herumträgt. Na los, Alter, lass uns dich schluchzen hören wie sie, lass uns sehen, wie du zu Kreuze kriechst, ohne dass eine einzige Träne deine Wange herunterrollt. Aber ich hatte keine Ahnung, was mit dem Alten passiert war, ich hörte nicht mal Gerede über ihn. Er saß nicht im Gefängnis, ich sah ihn aber auch nirgends in Malta, und in die Wohnung war er ewig nicht gekommen. Ich bekam schon Angst, dass ich nie Gelegenheit haben würde, mein Gewehr auf ihn zu richten und ihm direkt in die Augen zu schauen, während ich ihm den Gewehrkolben gegen den Hals drückte, meinen Fuß auf seinen Brustkorb pressend, härter und härter, bis sein Atem zu stocken begann... und dann würde ich ihm schallend ins Gesicht lachen.

Datum: 13. Januar 2005
Ort: Ħal Safi
Alter: 25
Beruf: Offizier
Vorname: Gordon
Nachname: Grech
Kampfwunden: keine
Stolz in Uniform, Schlagstock in der Hand: Die Uniform hatte mir Selbstvertrauen gegeben. Ich trat ihn mehrfach, presste mein Körpergewicht mit voller Kraft gegen seinen Unterleib. Ich griff eine Handvoll Haare und drückte sein Gesicht in den Dreck, bis der Schlamm aus seinem Mund hervorquoll, zwischen seinen Zähnen, unter seiner Zunge. Ich drückte noch härter, stellte mir vor, wie ich ihm sagte, das ist der einzige Weg, um deine Lungen zu stärken, mein Junge. Und Gott hilf dir, wenn du dich auch nur rührst, du dreckiges Tier. Aber ich sagte kein Wort. Stattdessen sah ich ihm in die Augen, und mit Dreck und Schotter zwischen den Zähnen sagte er: Bitte ich unschuldig. Bitte mich helfen.

Diese Augen... Ibrahims Augen... klein und schwarz, verängstigt, zitternd aber irgendwie wach... diese Augen zwangen mich, von ihm abzulassen und so zu tun, als ob ich ihm nur weh getan hatte, weil er es verdiente. Er begriff, dass ich seinen Kopf nicht länger in den Schlamm drückte, aber er verhielt sich stumm und rührte sich nicht.

Nach der Häftlingsdemonstration in Ħal Safi sah ich Ibrahim praktisch jeden Tag. Er ließ dann immer ein Lächeln aufblitzen, und ich konnte dieselben Worte in seinen Augen lesen, ich unschuldig, bitte mich helfen. Die Situation in den Zellen hatte sich verändert. Die Asylsuchenden weigerten sich, das Essen zu sich nehmen, das wir ihnen brachten, sie warfen es weg, sowie sie es vorgesetzt bekamen und hungerten tagelang. Die Offiziere wurden immer aggressiver. Ich begann mich zurückzuhalten. Keine Ahnung, was über mich gekommen war. Das brachte mir blöde Sprüche ein, von Charlie ausgerechnet. Feigling bekam ich auch bald zu hören. Aber ich war kein Feigling. Ich hatte einfach entschieden, dass es bessere Einsatzmöglichkeiten gab, was Mut und Männlichkeit anging.

Mich hatte die Idee, die illegalen Einwanderer freizulassen, seit dem Tag beschäftigt, an dem Ibrahim mich um Hilfe gebeten hatte. Bis er Flüchtlingsstatus erhielt sechs Monate später bestand unsere einzige Form der Kommunikation in einem kurzen, bedeutungsvollen Blick, den wir uns gelegentlich zuwarfen. Dann eines Tages kurz nach seiner Entlassung fand ich ihn draußen auf mich wartend. Winta war auch da, sie hatte auch Status bekommen, nachdem sie ein Jahr und drei Monate lang in diesen beengten Räumen eingepfercht gewesen war, die man kaum Ratten zumuten konnte. Urrggh! Ich hasse den Ort. Ich hasse den Geruch von Nudeln mit Tomatensauce und Pommes, die in ranzigem Fett gebacken werden, das alle drei Wochen mal gewechselt wird.

Was machst du hier?
Mich brauchen deine Hilfe.
Nicht hier.
Ja, ja, ich wissen. Wo?
Egal wo, nicht hier. Ich krieg Ärger, du verstehst... Ärger?
Wo?
Gżira. Heute Abend. Manoel Island. Kennt ihr?
Wir finden, ok. Zehn?
In Ordnung.
Also: mein erstes Treffen mit Ibrahim und Winta, Manoel Island, zehn Uhr. Ich erzählte ihnen von meinem Plan, und sie erzählten mir von ihrem. Und wir verabredeten ein weiteres Treffen. Dieses Mal im Xufi’s, einen Monat später, selbe Uhrzeit. Tiger Bar einen Monat danach, dann Ta’Soldi. Das war das letzte Mal, dass ich sie sah. Mein Plan war, die illegalen Einwanderer zu befreien und es gelang mir, ihn in die Tat umzusetzen. An jenem Tag hatte ich die Augen meiner Schwester in Ibrahims Blick gesehen. Wenn ich könnte, würde ich sie aus dem Gefängnis befreien, in dem sie eingeschlossen ist, aus ihrer Zelle, aber das ist unmöglich. So hab ich stattdessen Ibrahim und seine Freunde befreit. Es war ihre Idee, die Zellen anzuzünden. Jetzt ist Ħal Safi ein ausgebranntes Relikt, ein Vermächtnis dieser Asylsuchenden, die vor dem Krieg geflohen waren, der ihr Land verwüstet hatte und die dann aus den Zellen weggerannt waren, in denen die Malteser sie willkommen geheißen hatten.

In den sechs Monaten Suspendierung blieb ich zu Hause. Ich arbeitete nicht, wollte nicht. Ich hatte ein bisschen Geld zur Seite gelegt. Meine Schwester spürte, dass etwas nicht stimmte, also versuchte ich zu erklären, was ich getan hatte...
...
Ich bin suspendiert worden, nur für kurze Zeit.
...
Na ja, ich werd wahrscheinlich den Job wechseln.
...
Was meinst du? Du magst die Uniform ja eh nicht.
...
Wo ich gewesen bin, da ist es ziemlich bedrückend.
...
Muss auf diese Leute im Gefängnis aufpassen.
...
Und das ist nicht fair, denn das sind Typen wie du und ich, die haben nichts verbrochen, und sprechen können sie auch nicht, genau wie du.
...
Also hab ich sie laufen lassen. Weißt du, dass ich es war, der sie hat laufen lassen?
...
Und ein Feuer gelegt haben wir auch.
...
Wenn du da gewesen wärst, hätte es dir gefallen, die Flammen aufsteigen zu sehen, Kristi. Und mir hätte es gefallen, in deine vom Feuer leuchtenden Augen zu sehen.
...
Lass uns abhauen, Kristi. Was meinst du?
...
Wir könnten irgendwohin fahren, wo die Möven schreien... Kristi... Kristi...

Joyce Grech
Ich besuchte meinen Vater zwei Mal im Krankenhaus. Er war immerhin mein Alter. Der einzige, den ich hatte.

Sie hatten angerufen, um zu sagen, dass er Krebs hatte. Das war während meiner Suspendierung. Er hatte diesen Krebs, der sein Blut zerstörte, Leu-irgendwas, und die Medikamente, die er bekam, hauten ihn um. Also besuchte ich ihn im Boffa Krankenhaus, an dem kalten Bett, in dem er lag, ein Zweibettzimmer. Sein Atem ging schwer.
Na, hast du eine Freundin?
Nein.
Warst noch nie mit ner Frau zusammen?
Nein.
Willste mir weismachen, dass sich der alte Schwanz nicht ab und an rührt?
Halt dich da raus.
Bist doch keine Schwuchtel, oder?
Halt dich da auch gefälligst raus.
Na, dass du mich bloß nicht enttäuschst, Junge!
Dad, glaub, es ist besser, wenn du versuchst, ruhig zu bleiben, oder nicht?
Er griff die Sauerstoffmaske und drückte sie sich auf Mund und Nase und machte einige Atemzüge.
Und deine Schwester, immer noch dieselbe?
Ja.
Ich schwöre, sie ist nicht meine Tochter, verdammt.
Fang bloß nicht an, sonst hau ich wieder ab.
Und ich schwörs dir, deine Mutter hat mit Pawlu rumgevögelt. Der ist selber nicht ganz richtig im Kopf, ist der.
Meine Mutter hat nie rumgevögelt außer mit dir.
Und warum ist deine Schwester so geworden?
Ach, kannst du die Ähnlichkeit nicht erkennen?
Hat sie einen Freund? Bringt sie vielleicht zu Sinnen, kann man ja nie wissen.
Nein.
Er stülpte sich wieder die Sauerstoffmaske über.
Und deine Mutter, hat die jemanden?
Geht dich nichts an.
Warum ist sie nicht vorbeigekommen?
Weiß nicht.
Sag ihr, ich machs nicht mehr lange.
Ist ihre Sache.
Sag ihr, dass sie diejenige war, die ich geliebt habe.
Ich richte es aus. Und jetzt beruhig dich. Muss los, Dad.
Gehst zur Arbeit?
Arbeite im Moment nicht.
Komm mal wieder vorbei, ok, Gordon?
Kommt drauf an. Wenn du Mutter weiter runtermachst, nicht.
Aber ich bin dein Alter. Weißt du doch, oder nicht?
Und ist mir sowas von scheißegal. Weißt du doch, oder nicht?
Das ist keine Art und Weise, mit deinem Vater zu sprechen. Hat dir die Hure beigebracht, was?
Meine Mutter ist keine Hure.
Mir gefiel der Anblick, wie er nach der Maske griff, immer wenn er außer Atem geriet.
Muss sagen, du hast dir ganz schöne Allüren zugelegt, seit du die Uniform trägst.
Ich bin nicht mehr bei der Armee.
Was? Bist du ausgetreten? Wieso?
Geht dich nichts an. Bis bald dann mal.
Sag deiner Mutter, dass ich immer noch ihr Mann bin und dass ich sie sehen möchte.
Wozu soll das gut sein? Das gibt doch sowieso nur Streit.
Du tust, was ich dir sage...
Im übrigen, wer hat gesagt, dass du stirbst?
Hier kommt keiner lebend raus hab ich gehört.

Es kam überhaupt nicht in Frage für mich, sie zu bitten, ihn zu besuchen. Das wäre das Allerletzte gewesen. Keine Chance. Nachdem er pausenlos über sie gelästert und sie Schlampe genannt hatte, erwartete Lord Djego, dass sie ihn besuchte. Ich hab meinen Besuch ihr gegenüber nicht einmal erwähnt, aber ich bin sicher, dass sie auch so Bescheid wusste. Früher oder später kriegt meine Mutter alles raus, was sie wissen will. Ich besuchte ihn noch ein Mal danach, brachte ihm ein Foto, das wir von der Familie aufgenommen hatten. Er war sprachlos, als er sah, wie meine Mutter und Kristi aufgeblüht waren. Ich sagte nicht viel zu ihm, und er nicht zu mir. Sein Bewusstsein verebbte, er hatte keine Kraft mehr. Er erwähnte meine Mutter noch ein Mal. Er sagte, er liebe sie... er habe sie immer geliebt... er habe nur sie geliebt...

Joyce ist eine schöne Frau, eine herzensgute Seele. Djego Grech hat sie nie verdient. Genau betrachtet verdienen Gordon und Kristi Grech sie wahrscheinlich auch nicht. Andererseits gehören sie ihr ja auch nicht allein. Sie sind die Früchte von Joyce und Djego, was sie wahrscheinlich zu dem macht, was sie sind. Sie versteht, meine Mutter. Deshalb liebe ich sie.

Heute sitzen Kristi und ich unter einem Himmel, an dem es von Seemöven wimmelt. Sie spielt mit ihren Puppen, taucht sie in ein eisiges blaues Meer. Ich, ich hör den Möven zu, ohne eine Träne zu vergießen. Manchmal drehe ich mich zur Cafeteria rüber und winke meiner Mutter zu. Sie liest einen Roman von Danielle Steele, trinkt eine Tasse Tee. Gelegentlich schaut sie zu uns herüber und winkt. Roger sitzt neben ihr und liest Zeitung. Ich bin sicher, dass sie gelegentlich zu ihm rüberblinzelt. Und ihm zulächelt.




Die grüne Linie
Gilbert_calleja_2011_5_supermedium_medium
© Gilbert Calleja
Originaltitel: Il-linja l-ħadra, erstmalig veröffentlicht in Il-Linja l-Ħadra (Malta: Merlin Publishers, 2006), Aus dem Englischen von Martina Reinecke

Sie muss einsteigen.

Sie hat in der Angelegenheit nicht mitzureden, denn ihr Bruder und ihre Schwester haben die Sache unter sich ausgemacht und ihr keine Wahl gelassen. Von Stepney Green nach Victoria mit der District Line. Den Bus zu nehmen steht nicht zur Diskussion, weil ihr Bruder noch nie U-Bahn gefahren und scharf auf die Idee ist. Was ihre Schwester angeht, hat sie keine Lust, eine Stunde im Bus zu sitzen, weil es jede Menge anzuschauen gibt und die Zeit so knapp ist.

Wenn du achtzehn Monate lang mit Krebs gerungen und schier endlose Tage am Tropf gehangen hast, über den sie dir die Chemotherapie in die Adern träufeln, die vor deinen Augen allmählich verkümmern und eingehen, dann kann dich nichts mehr so leicht erschüttern. Desgleichen, wenn dich dein Mann wegen einem anderen Mann verlassen hat, und dein neuer Freund, mit dem du erst ein paar Monate zusammen warst, sich das Leben genommen hat, als er von dem Verhältnis zwischen deinem Mann und seinem Freund erfahren hat, dann kann dich nichts so leicht erschüttern.

Ihr Bruder ist vierundzwanzig, sie haben Lymphkrebs bei ihm festgestellt. Ihre Schwester ist dreißig; ihre Ehe ist nach drei Jahren in die Brüche gegangen. Der erste Mann, mit dem sie danach eine Beziehung anfing, hat ihr vor einem Monat einen Abschiedsbrief hinterlassen, in dem er sie als Grund für seinen Selbstmord genannt hat.

So haben sie es beide absolut klargemacht. Besser in einem Terror-Anschlag umkommen als mit Depressionen oder Krebs dahinsiechen. Sie denkt da anders. Ihre Beine fühlen sich taub an, als sie in Stepney die Bahnhofstreppen heruntersteigt, und von dem Luftzug, der ihr peitschend ins Gesicht fegt, wird ihr übel. Und dann sitzen sie im Zug, sie, ihr Bruder und ihre Schwester.
Die U-Bahn ist absolut menschenleer.

Alle anderen stehen noch unter Schock nach den Ereignissen von vor ein paar Tagen, mit Ausnahme ihrer Geschwister, deren Anweisungen sie meint folgen zu müssen, obwohl ihr offen gesagt diese ganze Leck-mich-am-Arsch-Haltung nach dem Motto 'wen interessiert eigentlich noch Tod und Sterben' inzwischen auf den Geist geht — Sterben ist für sie eine ernste Angelegenheit, und nüchtern betrachtet dürften die Aussichten darauf ja wohl noch in einiger Ferne liegen, weiter weg wahrscheinlich als die letzte Station auf der grünen Linie.

Die andere Sache ist, dass ihr Bruder und ihre Schwester voll auf das Touristenspiel abfahren. Sie nicht. Als sie das letzte Mal in London war, war sie zum Studium hier, hat also nicht als Touristin gezählt. Als sie das letzte Mal in London war, war sie sogar entschlossen, für ein paar Jahre hierher zu ziehen, weil sie die Stadt geliebt hat, die so gar nichts Einschläferndes hatte trotz der Dunkelheit, die ihr in die Adern kroch. Ja, immer hat sie aus der Stadt Energie gezogen, eine Kraft, die ihr jetzt fehlt, weil ihr Bruder und ihre Schwester sie aus ihr herausgequetscht haben bis zum letzten Tropfen. Und sie selber war diejenige gewesen, die sie ursprünglich zu der Reise ermuntert hatte.
Esel.
Und plötzlich war London nicht mehr wiederzuerkennen.

Whitechapel.

Ihr Bruder schaut auf den U-Bahn-Plan. Noch elf Stationen, sagt er.
Mit der Vorstellung, dass sie nicht mehr lange zu leben hat, beschäftigen sie jetzt all die Fragen, die sie ihrem Vater gern gestellt hätte, Dinge, die sie nie aus ihm hat herauslocken können.
Erinnerst du dich an die Zeit, als wir immer zum Spielplatz gegangen sind und da dieser Karton mit Konserven vor der Tür der alten Frau stand?
Nein, nicht wirklich.
Wie hieß sie noch?
Kann mich nicht entsinnen.
Du kannst dich nicht entsinnen, ich war mit dir einige Male zusammen da und du hast mir eingeschärft, zu niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen.
Also solltest du bei mir jetzt auch nicht damit anfangen.
Du hast das Auto in einiger Entfernung abgestellt und bist gerannt, um dir den Karton zu schnappen, du hast ihn in den Kofferraum gestopft und schon waren wir wieder weg.
Nein, kann mich nicht entsinnen.
Und was war damals, als ich morgens in Tränen ausgebrochen bin, weil ich in die Schule wollte und du hast gesagt, ich könnte nicht?
Nein, du hast nie geweint.
Klar hab ich das, und dann hast du immer gesagt, die Schule sei geschlossen und wir hätten Ferien. Und dabei hab ich den Nachbarsjungen ja zum Unterricht gehen sehen, warum konnte ich also nicht —
Das ist lange her.
Aber du erinnerst dich ja wohl, dass du gestreikt hast!?
Ich würd das auch vergessen, wenn ich könnte.
Und weißt du noch, wie wir in Valletta zum Hafen gegangen sind, um auf Pantu zu warten, der aus Gozo zurückkam mit den Gemüsekisten, die Oma Roża immer mitgeschickt hat?Wovon redest du?Willst du damit sagen, du erinnerst dich an gar nichts mehr?

Und was war, als Opauns den ersten Farbfernseher besorgt hat?
Nichts. Kann nicht sagen, dass ich mich daran erinnere.
Klar, wir waren doch die einzigen in der Familie, die damals noch keinen hatten.
Du bringst hier alles durcheinander.Hatte deine Beteiligung am Streik etwas damit zu tun?
Nein.Und dass Opaauf der Werft gearbeitet hat, hatte das was damit zu tun?
Warum fragst du ihn nicht danach?Und Opa hatte sie alle auf dem Schwarzmarkt organisiert oder sogar umsonst bekommen.
Frag ihn doch.Erst hat er sich selber einen besorgt, dann einen für Tante Jenny, dann kam Onkel Manuelan die Reihe, und zum Schluss haben wir einen bekommen.Ich erinnere mich nicht.Warum hast du ihn denn dann angenommen?

Tower Hill.

Jemand aus ihrem Freundeskreis, der demnächst heiraten will, macht sich Sorge, ob er seine Flitterwochen in der Toskana verbringen soll. Offenbar wird Tony Blair zur selben Zeit dort sein wie er und seine Frau, was die Toskana nach Auffassung einiger Experten zum nächsten wahrscheinlichen Angriffsziel macht. Und diese andere Freundin von ihr, eine Deutsche, sie lebt schon lange in London und sagt, sie habe noch keinen einzigen Tag auf der Arbeit gefehlt bis zu jenem Tag, als es ihr beim Aufwachen kotzübel war und sie angerufen hat, um sich krank zu melden. Und plötzlich denkt sie an Marthese, die auch in London gelebt hat, zu der sie aber den Kontakt verloren hat nach einem Streit in der Republic Street, bei dem Marthese sie als egoistisch bezeichnet, und sie Marthese eine feige Sau genannt hat, woraufhin Marthese in aller Öffentlichkeit, mitten in der Fußgängerzone, ihr Top und ihren BH ausgezogen hat, um zu beweisen, dass sie eben doch nicht feige ist. Und obwohl sie ihrerseits gern etwas unternommen hätte, um zu beweisen, dass sie nicht egoistisch ist, hat sie es dann doch gelassen. So fragt sie sich jetzt, ob Marthese sich an dem Morgen wohl auch krank gemeldet hat.

Und dann schaut sie ihre Schwester an, starrt in ihre unruhigen Augen, ist kurz davor ihr zu sagen, dass dies jetzt die letzte Gelegenheit ist, sich mal über all die Dinge auszusprechen, die zu klären wären, jetzt wo es so aussieht, als ob sie bald sterben würden. Ihre Schwester scheint zu verstehen, aber es ist so still im Abteil, dass sie statt dessen ein Buch in die Hand nimmt. Irgendein Scheißtaschenbuch, was anderes liest sie anscheinend nicht.

Weißt du noch, unsere Doktorspiele als Kinder, als ich dir immer gesagt habe, dass du dich ausziehen solltest (obwohl ich die Jüngere war) und ich meine Schürze anbehalten und dich von Kopf bis Fuß untersucht habe?
Nein, sie erinnert sich nicht.
Du hattest auch deinen Spaß.
Sie erinnert sich nicht.Und weißt du noch, wie du mir am Tag deiner Hochzeit offenbart hast, kurz bevor wir mit dem strahlendsten Lächeln in die Kirche getreten sind, dass du diesen Mann überhaupt nicht liebst, und dass dies der größte Fehler deines Lebens sein werde? Ich hab dir einen Mordsblick zugeworfen—
Auch daran erinnert sie sich nicht.
Und weißt du noch, als ich dir gesagt habe, dass ich mehr auf Frauen stehe als auf Männer, ja dass ich Männer in Wahrheit ekelhaft finde? Du hast einfach das Thema gewechselt.
Nein, sie kann sich nicht erinnern.
Ihre Schwester gluckst über einen schlechten Witz in dem Buch.

Monument.

Diese andere Freundin von ihr vergleicht ihr Leben immer mit dem Streckennetz der Londoner U-Bahn. Es zweigt in alle möglichen Richtungen ab, aber jede Linie hat einen klaren Ausgangspunkt und ein Ziel, und sie kannte die Abfahrtzeit und Fahrtdauer. Die Farben der U-Bahn-Linien standen für ihre (zahlreichen) Stimmungsschwankungen. Und die (noch zahlreicheren) Haltestationen waren die Beziehungen, auf die sie sich je nach Stimmungslage eingelassen hatte, wobei es auf den unterschiedlichen Strecken jeweils um unterschiedliche Personen ging. In diesem Augenblick wünscht sie, sie könnte diese Freundin nach ihrem Notfallplan fragen für den Fall, dass Teile des U-Bahn-Systems wegen einer Bombendrohung geschlossen werden müssten. Einmal hat ihr ihre Freundin erzählt, dass sie ihren ganzen Aufenhalt in London ausschließlich in der U-Bahn verbracht hätte. Die Vorstellung, jeden Punkt auf der Karte mit einem einzigen Ticket erreichen zu können, hat sie fasziniert. Also stieg sie immer an einer Station aus dem Zug und nahm den nächsten bis zur nächsten Station. Dabei markierte sie jede Station, an der sie gewesen war, mit dem Bleistift. Nachdem sie alle angestrichen hatte, war es an der Zeit, nach Malta zurückzufliegen.

Blackfriars.

Jemand steigt ins Abteil, und er trägt einen Rucksack. Sie hasst sich selber für ihre Vorurteile, aber kann dem kaum abhelfen, ihre Fantasie rast einfach voraus und folgert im Strom verselbständigter Gedanken, dass Panik angesagt ist. Was ihr aber partout nicht in den Kopf will, ist, wie jemand, der eine Familie und eine geregelte Arbeit hat, den Entschluss fassen kann, sich in Stücke reißen zu lassen und dabei noch vierzig andere mit in den Tod zu nehmen. Und wie dieser Jemand beschließen kann, dass sie zusammen mit ihm umkommen soll.

Es schnürt ihr die Kehle zu.Ihr Bruder scheint den Blick in den Abgrund ihrer Gedankenwelt zu spüren. Sie ist kurz davor ihm zu sagen, dass jetzt, da sie ja nicht mehr viel länger zu leben haben, vielleicht ein günstiger Augenblick wäre, den Tag einmal durchzugehen, an dem er während einer Meinungsverschiedenheit ein spitzes Küchenmesser nach ihr geworfen hat. Sie versucht, seiner Erinnerung auf die Sprünge zu helfen, indem sie einen messerscharfen Blick in seine Richtung jagt.
Weißt du noch, als du das Messer nach mir geworfen und mich nur ganz knapp verfehlt hast?
Er kann sich nicht erinnern.
Ich hab es aufgehoben und hätte es um ein Haar zurückgeworfen, aber dann bin ich rausgegangen und hab dir statt dessen eine Macke in den Kotflügel deines neuen Wagens gekratzt.
Er erinnert sich nicht.
Es wäre vielleicht eine gute Idee, wenn du dich entschuldigen würdest, wir werden nämlich sowieso bald sterben.
Er hört gar nicht zu.
Und weißt du noch, als der Onkologe dir gesagt hat, du hättest einen Tumor? Und dann meinte der nächste Arzt, zu dem du gegangen bist, es sei gar kein Tumor, nur eine Hernie, und an dem Abend, an dem du mir davon erzählt hast, haben wir Lachanfälle bekommen, und auch als du ohnmächtig geworden bist, hab ich einfach weiter gelacht, weil ich dachte, das sei nur ein Witz. Und dann bist du nicht mehr aufgestanden, und wir haben dich in Panik ins Krankenhaus gebracht. Wir sind ohne dich wieder nach Hause gefahren.
Er aber zählt noch immer die restlichen Stationen bis Victoria.Letztendlich war es dann doch kein Tumor. Allerdings auch keine Hernie.

Temple.

Dann ist da noch diese Freundin mit der Paranoia. Ständig meint sie, dass nachts jemand in ihre Wohnung einbrechen will. Nicht, dass sie Angst davor hat vergewaltigt zu werden oder so etwas. Vielmehr glaubt sie, dass man es auf ihr Laptop abgesehen hat. Auf ihrem Laptop befindet sich der Anfang eines Romans, an dem sie schon seit sechs Jahren herumbastelt. Also speichert ihre Freundin den Roman jeden Samstagmorgen ab (Diebe neigen ja dazu, ihre Besuche auf die Samstagnacht zu legen) und versteckt die CDs an verschiedenen Ecken in ihrer Wohnung. Zuerst fand sie das Verhalten ihrer Freundin ja noch witzig, aber jetzt ist sie diejenige, die sich fest im Griff der Paranoia befindet, die sich sogar bekreuzigt, wenn ein Bartträger mit Rucksack zusteigt.

Sie nimmt ihr Handy aus der Handtasche und fängt eine Nachricht an ihre Freundin an.
Wenn ich den tag heute
überlebe machen wir ernst.
Wir legen lowell um
sowie ich wieder da bin.
Wenn ich hier sterbe
denk an mich süsse

Das Erschreckende ist, sie hat nun auf genau dieselbe Art und Weise angefangen zu verallgemeinern wie sie es immer gehasst hat. Dieser Lowell zum Beispiel, der Typ ist ein Faschist, besessen von seinen Rassenreinheitsfantasien, und der Grund, weshalb sie ihn umbringen will, ist, dass er erklärtermaßen alle illegalen Einwanderer töten will, die es bis nach Malta schaffen. Dieser Scheißkerl hat bei den Wahlen schon allein deshalb 1 600 Stimmen bekommen.
Das Miststück.
Wie sich herausstellt, hat sie hier unten keinen Empfang, also speichert sie die Nachricht, um sie später abzuschicken. In der Annahme, dass sie durchkommen wird.

Embankment.

Wie kommt es, das geht ihr jetzt durch den Kopf, dass jemand, der eine Stinkwut hat, sich nicht einfach im Klo einschließen und sich die Seele aus dem Hals brüllen kann, statt sich und fünfzig andere in die Luft zu jagen. Das macht sie nämlich, zum Beispiel, wenn ihre Mutter anfängt, von vorehelichem Sex zu quatschen oder wenn ihr Vater sie sonntags morgens fragt, ob sie in der Kirche gewesen ist. Sie schließt jetzt die Augen und denkt an ihre Mutter und den letzten Streit, den sie hatten, und sie spürt diesen Drang, ihr mitzuteilen, dass sie sie nun endlich los sein wird, ein für allemal, denn das ist es jetzt, ihre Tochter wird sterben, also braucht sie sich auch keine Gedanken mehr darüber zu machen, was die Nachbarn von ihrer Tochter halten. Sie würde sie auch gern nach Tante Ċett fragen, wie sie das regelmäßig tut, einfach um sie ein Mal dazu zu bringen, Klartext zu reden.
Also wie war das noch mit Tante Ċett und Pina?
Was soll denn gewesen sein?
Na, die sind doch unzertrennlich!
Kann schon sein.
Na komm schon, Ma, weiß doch jeder, dass deine Schwester und ihre Freundin ewig zusammenstecken!
Ich hab keine Ahnung, worauf du hinaus willst.
Das leuchtet mir ein...
Was?
Es ist alles von deiner Seite der Familie vererbt!
Was ist?
Omas Schwester war auch so... nur dass sie immer als alte Jungfer dargestellt wurde.
Kann mich nicht erinnern.
Komisch, ich kann mich nämlich erinnern.
Wie kannst du dich denn erinnern? Du warst sechs, als meine Tante gestorben ist!
Sie hatte auch eine Freundin. Ġanna, ich erinnere mich sogar an den Namen, sie hat immer von ihr gesprochen.
Ich erinnere mich absolut nicht.
Und jetzt übernachtet Pinaja sogar bei Tante Ċett.
Und, was soll das jetzt zu bedeuten haben?
Na, ne Menge!
Ihr gehts eben gesundheitlich nicht gut. Sie braucht jemanden, der sich um sie kümmert.
Weißt du was? Du bist so naiv, du glaubst alles, was sie dir auf die Nase binden, sogar wenn es von zwei Sechzigjährigen kommt.
Du hast dich ja ganz schön in die Sache reingesteigert.
Weil du es nie zugibst.
Was?
Deswegen wirst du es auch nie verstehen.
Ich weiß immer noch nicht, worauf du hinaus willst.
Weil’s dir besser in den Kram passt, es nicht zu wissen.
Was nicht zu wissen?
Machen wir uns doch nichts vor, diese Sache mit Tante Ċett und Pina—Ja—
Es ist unmöglich, dass ich da falsch liege.
Ist auch nicht wichtig.
Aha, und warum sind meine Angelegenheiten dann so wichtig?
Weißt du, wir haben genug um die Ohren, wir müssen uns nicht auch noch unnötig Probleme machen.
Aber das ist es ja gerade, das hier ist überhaupt kein Problem...

An diesem Morgen meinte ihr Cousin, er würde sich gern mal in der U-Bahn postieren und Gitarre spielen, nicht wegen dem Geld, sondern um es mal auszuprobieren, um zu sehen, ob Leute stehen bleiben und zuhören würden und was sie von den Songs halten, die er schreibt. Ihr Cousin wohnt in Stepney Green und nennt sich Londoner. Er besteht darauf, nirgendwo anders wohnen zu wollen, trotz der rassistischen Pöbeleien, denen er manchmal im Bus ausgesetzt ist. Er meint, obwohl er nicht blond und hübsch sei, sei er fest entschlossen hier wohnen zu bleiben, denn wenn die Gegend auch runtergekommen sei, so ist es doch immerhin der Ort, an dem er geboren wurde. Und er meinte, dass Musik sowieso das einzige Ventil sei, dass er brauche, um Dampf abzulassen, wenn er schlecht drauf sei, deshalb habe er sich jetzt auch entschlossen, in der U-Bahn zu spielen, eben um zu zeigen, dass er keine Angst hat. Dann seine Frage, ob sie denn ein wenig Kleingeld für ihn erübrigen würde, falls sie mal wieder vorbeikäme und ihn da spielen sähe. Das war der Punkt, an dem ihr endgültig der Kragen platzte und sie als Antwort einen Schuh nach ihm warf.

Westminster.

Eine stickige Luft hier drinnen, ein Geruch, den sie nicht genau bestimmen kann. Das erinnert sie daran, wie sichDuncans Finger in ihre Nasenlöcher gebohrt haben an dem Tag, als sie sich wegen ein bisschen Dope in den Haaren hatten. Sie kann fast spüren, wie das Blut damals runtertropfte. Das wackelige Gefühl in den Beinen erinnert sie an einen Abend, den sie auf der Festungsmauer am HastingsGarten verbracht hat, die Schuhe im Schoß, die Beine über die Brüstung baumelnd, die kühle Brise einfangend. Allerdings dauerte es nicht lange, und sie fing an zu weinen. Dann steckte sie sich eine Zigarette an und drückte die Glut mehrmals in ihre wabbeligen Oberschenkel. Das tat weh. Was sie wiederum an diese Leute denken lässt, die es sich in den Kopf setzen, Selbstmord-Attentäter zu werden. Warum drücken sie sich nicht einfach eine scharfe Klinge in die Haut, bis der Schmerz unerträglich wird, wie sie es macht, wenn ihr die ganze Welt auf den Geist geht, und sie sich am liebsten an der gesamten Menschheit auslassen würde. Was sie auch noch machen könnten, wäre eine Kippe anzuzünden und sie auf den Augenlidern auszudrücken, eine ziemlich effektive Erinnerung daran, wie weh es tut sich zu verbrennen. Das ist ihre Methode, wenn sich alles und jeder gegen sie zu verschworen haben scheint. Aber sich einfach so in die Luft zu jagen, von den vielen andern ganz zu schweigen, Gott verdammt... das kommt überhaupt nicht in Frage, niemals. Sie weiß es, sie hat es schon mehrmals probiert und es nie durchziehen können. Dich selber zu verletzen, wenn du so eine richtige Stinkwut hast, das kann sie allerdings verstehen. Funktioniert auch jedes Mal.

Sie blickt wieder zu ihrem Bruder. Wir sind bald da, sagt er. Es drängt sie, ihm zu sagen, dass sie ihn liebt und dass sie nicht möchte, dass er stirbt, obwohl sie sich diese üblen Kräche liefern und er sie Penner nennt, weil sie es in keinem Job länger als drei Monate aushält. Dann sagt er, sie solle sich doch überlegen, vielleicht Zugführerin zu werden, das sei doch eine einfache und durchaus vergnügliche Arbeit, bei der sie es vielleicht sogar mal länger als drei Monate aushalten könnte. Also versetzt sie ihm einen Tritt. Was sie ihm eigentlich unbedingt sagen will, ist, dass sie das Leben doch bitte etwas ernster nehmen und mit der gegenseitigen Verarscherei aufhören sollten, so kurz vor dem Tod.

Victoria Station.

Eine Wüste.
Das ist das erste Mal, dass sie den Bahnhof in dieser Trostlosigkeit zu Gesicht bekommt, darauf wartend, dass Menschen auftauchen, ein Zug nach dem andern geht leer auf Fahrt, der gesamte Komplex ist völlig verwaist im Ausbleiben des allmorgendlichen Andrangs... was tut sie hier?

Sie muss unbeschwert wirken, weil ihr Bruder zum ersten Mal im Ausland ist. Ihre Schwester sieht aus, als stünde sie auf der Schwelle zu einer neuen Welt. Sie selber hat sich früher so gefühlt, wenn sie in London war, nur dass jetzt alles tot wirkt, und sie sogar die Möglichkeit in Betracht zieht, dass dies vielleicht doch nicht der beste Ort ist, um hier den Rest seines Lebens zu verbringen. Dann sieht sie die Polizisten mit ihren Hunden. Kurz darauf geht ein Mann in Zivilkleidung vorbei, der einen braunen Aktenkoffer trägt und aussieht, als ob er nach Sprengstoff sucht. Ihr Bruder findet das cool und fotografiert ihn. Sie würde am liebsten den Kopf in einen Abfalleimer stecken und sich übergeben, aber es gibt keine Abfalleimer in Victoria, und wahrscheinlich ist es auch keine besonders schlaue Idee, den Boden im Bahnhof einzusauen.

Diese andere Freundin von ihr wacht jeden Morgen um Punkt fünf auf, isst 100g Special K, geht zurück ins Bett, schläft bis halb sieben, um dann aufzustehen und unverzüglich das Klo aufzusuchen. Ihre Freundin ist überzeugt, dass diese Routine ihr das Leben erheblich vereinfacht, verglichen mit anderen Leuten, die nicht vor acht aufstehen und sich dann beeilen müssen, um bis halb neun auf der Arbeit zu sein. Einmal hat sie ihre Freundin also gefragt, was passieren würde, wenn sie den Wecker nicht hört oder wenn sie aufwachen und feststellen würde, dass das Special K alle ist. Ihre Freundin hat ihr versichert, dass keine dieser Eventualitäten je eingetreten sei. Wenn sie könnte, würde sie ihre Freundin jetzt fragen, was sie tun würde, wenn sie sich in einer explodierenden U-Bahn wiederfände und man sie ins Krankenhaus bringen würde, wo um fünf Uhr morgens schlichtweg kein Special K serviert würde und außerdem der Gang zum Klo um halb sieben nicht in Frage käme. Ihre Freundin ist wahrscheinlich viel zu relaxed, um sich überhaupt über Dinge Gedanken zu machen, die sie nicht unmittelbar betreffen, was wahrscheinlich auch der Grund ist, warum ihr Leben so viel einfacher ist. Sie wünschte, sie könnte selber so sein, aber morgens um fünf für eine Schüssel Special K aufzustehen ist unvorstellbar. Und nach einer Woche würde ihr sowieso schlecht werden von dem Zeug. Und im übrigen würde es sie vom tagtäglichen Geschehen ablenken, das für sie so etwas ist wie eine Droge, die durch ihre Adern strömt. Inzwischen haben ihre Geschwister die Strecke zumLeicester Square ausfindig gemacht. Die Piccadilly Line. Sie ist teilweise geschlossen, aber zum Leicester Square fährt noch eine U-Bahn. Sie fühlt sich schwindlig, die Beine bleischwer. Noch eine U-Bahn-Fahrt kommt für sie nicht in Frage. Warum nicht zu Fuß gehen? Es ist keine große Entfernung. Die Polizisten schnüffeln immer noch mit den Hunden herum. Der Mann mit dem Aktenkoffer ist auch noch da. Ihr Bruder und ihre Schwester machen sich auf in Richtung Piccadilly Line. Bilder steigen in ihr auf, ihre Freundin, die ihr Special K zu sich nimmt, ihr Cousin, der irgendwo in der U-Bahn die Akkorde zu Julia anschlägt, ihre Mutter, betend, ihr Vater, der den Rosenkranz aufsagt, ihre Freundin, die den U-Bahn-Plan studiert, der Bärtige, der ins Abteil steigt, ihr Bruder im Boffa Krebskrankenhaus, ihre Schwester allein im Bett. Sie muss die Kühle des Bodens unter ihren Füßen spüren, also zieht sie Schuhe und Strümpfe aus, krempelt sich die Jeans hoch und geht barfuss.

                                                        * * *

Sie kommt nach Hause und schließt die Tür hinter sich, dreht die Schlüssel sowohl im oberen als auch im unteren Schloss, verriegelt das Seitenfenster und stolpert die letzten Schritte in ihr Schlafzimmer. Sie zieht den Nylonvorhang auf, dann die Gardinen mit dem Streifenmuster. Das Licht draußen ist so nervtötend wie das endlose Gejammer einer zerkratzten CD. Sie legt ihren Gürtel ab, öffnet den Hosenknopf, zieht mit einiger Schwierigkeit den Reißverschluss auf und befreit so ihren Bauchspeck. Sie reißt ihre Bluse so heftig auf, dass sich die Knöpfe lösen und sie hört, wie sie auf den Boden fallen: eins, zwei, drei, vier. Sie erinnern sie an die Perlen, mit denen sie als kleines Mädchen immer gespielt hat, und daran, wie sie versucht hat, als sie es leid wurde, mit den Perlen zu spielen, die Katze damit zu füttern, in der Hoffnung, sie würde sie schlucken und daran ersticken. Sie zieht ihre Bluse aus, lässt sie hinter sich aufs Bett fallen. Sie zieht Hose und Slip runter, erst ein Bein, dann das andere. Sie löst den Verschluss ihres BH, zieht den Träger erst über den einen, dann den anderen Arm. Sie schaut in den Spiegel. Greift mit der rechten Hand nach einer Flasche Parfüm, presst sie mit den Fingern. Starrt sie an. Sie hebt den rechten Arm, presst die Flasche noch stärker. Sie lehnt sich ein wenig zurück und... schreit.

Ihr Körper schlägt hart aufs Bett, sie schließt die Augen.

Als sie nach ein paar Minuten aufsteht, starrt sie wieder in den Spiegel und sieht, wie eine Träne langsam über den Rand ihres Augenlids kriecht, noch zögernd, den Sprung zu wagen. Sie geht zum Badezimmer. Öffnet die Tür. Tritt ein. Schließt die Tür hinter sich. Dreht den Schlüssel im Schloss, setzt sich auf die Toilette und umarmt den Spülkasten, den Spülhebel in der Hand.

Und sie denkt an guten Sex. Daran, wie es ihr speiübel war, nachdem sie an dem Abend mit Silvan geschlafen hatte. An ihre Mutter, an jedes Mal, wenn sie ihr sagt, mit einem Mann zu schlafen ist eine Sünde, mit einer Frau zu schlafen ist eine dreimal größere Sünde. Und dann an ihren Vater, an seine Frage, in welche Messe gehst du heute Morgen? Sie erinnert sich an die Tage in London mit ihrem Bruder und ihrer Schwester, wie auf einmal alles zusammenkam und sie am liebsten hundert Zigaretten auf ihren Schenkeln ausgedrückt hätte und sie statt dessen am Ende barfuss durch den Bahnhof gelaufen war. Und sie wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, Gewissheit darüber zu erlangen, dass das Badezimmer tatsächlich der sicherste Aufenthaltsort ist.

Mit den Armen um den Spülkasten, um sich die Einsamkeit vom Leib zu halten.







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