Prosa: Immanuel Mifsud, Zerafa
Zerafa
Er lebte zusammen mit seiner Oma und seinem Onkel, einem Junggesellen in den Fünfzigern, der auf den Trockendocks arbeitete, wie ein Kretin lief und über seine Konsonanten stolperte. Seine Mutter war an einem Herzinfarkt gestorben; sie war in der drückenden Augusthitze auf dem Dach gewesen und hatte Windeln zum Trocknen aufgehängt. Ihre Leiche wurde am nächsten Morgen mit krebsrot verbrannter Haut gefunden. Seinen Vater hatte er nie gekannt und seine Oma weigerte sich, über ihn zu reden. Jedes Mal, wenn er fragte, wechselte sie das Thema. Fertig.
Im Alter von fünf fing er an, Schwierigkeiten zu machen. Seine Oma ging regelmäßig in seine Schule, um sich bei der Rektorin zu beklagen, weil die anderen Kinder, für die er eine leichte Zielscheibe war, immer wieder seinen Bleistift und Radiergummi klauten. Die Lehrerin durchsuchte dann geduldig alle Schulranzen, um den Schuldigen zu finden. Oma machte diesen Beschwerdebesuch etwa zweimal in der Woche. Und dann sah ihn die Lehrerin eines Tages unter seinem Pult hocken, sein Radiergummi essen und zum Nachtisch seinen Bleistift in kleine Stücke zerbrechen. Oma ging nun nicht mehr in die Schule, aber die gelegentlichen Bleistift- und Radiergummi-Mahlzeiten gingen ohne Unterbrechung weiter.
Er wurde deshalb zu einem Psychiater geschickt, der ihn praktisch sofort aufgab. Jeder gab ihn auf, außer seine Oma und sein Onkel. Letzterer fand Gefallen daran, ihn gelegentlich zu streicheln und ihm zu erzählen, was er für ein hübscher Junge sei. Er mochte das. Er mochte das, obwohl er nie genau wusste, was Onkel Willy eigentlich wollte. Er mochte es sogar ziemlich, insbesondere wenn Oma weg war zum Einkaufen und Onkel Willy ihn badete oder auch zu ihm in die Wanne stieg und ihm zeigte, wie er würde, wenn er erwachsen war. Allmählich fing er an, Onkel Willy als seinen Vater anzusehen. So hatte er noch mehr Spaß an den Handlungen. Onkel Willy schenkte ihm ein duftendes Radiergummi und brach es in kleine Stücke, damit er im Bad oder Schlafzimmer daran knabbern konnte. Und Onkel Willys Radiergummis schmeckten besser als die weiße Schokolade, die ihm Oma gab. Er liebte seinen Onkel Willy. Er saugte seine Finger von Gummiresten sauber. Er küsste ihn auch.
Und dann plötzlich eines Tages tauchten zwei Polizisten mit einem deutlichen Klopfen an der Haustür auf. Als Oma öffnete und sie gesagt hatten, was sie zu sagen hatten, fing sie an zu schluchzen und zu schreien, bis sie in Ohnmacht fiel.
Onkel Willy war unter einem Kran auf den Trockendocks zu Tode gequetscht worden.
**
Er erhascht den Blick des Jungen aus der
Fahrerkabine, als er den Lastwagen zurücksetzt, um die
Getränkekisten abzuladen. Sein Haar ist zu einem Pferdeschwanz
gebunden. Obwohl er sehr dünn ist, sind seine Arme von der täglichen
Schlepperei der unzähligen Kisten angeschwollen. Dunkelhäutig und
barbrüstig in der Sommerhitze, saugt seine rote Haut die Sonne auf
und wird bronzefarben. Er lächelt, als er seinen Blick auffängt,
und als der Junge zurücklächelt, fühlt er sich erregt. Seine
Erregung nimmt zu, als er beobachtet, wie er den Schweiß von seiner
klatschnassen Brust wischt. Er steigt runter, geht herum und öffnet
die Ladeluke. Als der Junge näherkommt, um die erste Kiste zu
nehmen, zieht er ihn wortlos herüber und hält ihn in einem wilden
Kuss, bis er seine Zunge im Mund herumwirbeln fühlt. Bis sie beide
außer Atem sind.
- Tu das nie wieder. Nicht hier draussen. Willst
du etwa, dass wir gesehen werden, du Idiot?
- Dein halbnackter
Anblick hat mir einen Ständer gemacht.
- Aber nicht hier
draußen!
- Wo sonst?
- An unsrer gewohnten Stelle.
Wahllos
herumliegende Kisten von leeren Flaschen, die einen bitteren Geruch
abgeben. Schwaches Sonnenlicht sickert durch das Ventilationsgitter
und die Ritzen in der Tür. Kaum hat er die Tür zugezogen, hat er
mit einem einzigen Ruck Hosen und Unterhosen des Jungen
heruntergezogen und ihn gegen die Wand gedreht.
- Nein, nicht so
rum, du Biest.
- Wie sonst? Bück dich schon.
Er zwingt ihn,
sich zu bücken, öffnet seinen Hosenlatz und fühlt sich schon steif
werden, ein Mann. Er feuchtet die Spitze seines Gliedes mit etwas
Spucke an und rammt es in den Jungen, der sofort wie ein kleines
Mädchen heult. Seine Finger schließen sich dichter um seine Taille
und der Schweiß fängt an zu laufen in das Durcheinander der Kisten
dieses insektenverseuchten kleinen Raums. Als der Junge nach Atem
ringt, zieht er das Tempo seiner Stöße an.
- Au, das tut weh!
- Bleib einfach so.
- Aber das tut weh!
- Halts Maul und lass
mich machen.
Er beschleunigt
den Rhythmus, bis er kommt. Keuchend zieht er den Reißverschluss
hoch und öffnet die Tür zum Gehen.
- Du bist ein wildes
Biest!
Er schaut über seine Schulter auf den Jungen, der seine
Hose hochzieht und ihm böse Blicke zuwirft, eine Mischung aus Hass
und Begierde in seinen Augen.
- Eines Tages werde ich dir zeigen,
was ein wildes Biest ist. Jetzt mach weiter mit dem Abladen von den
Kisten.
Er klettert hoch auf den Fahrersitz,
zündet eine Zigarette an und nimmt einen langen Zug.
Der Junge
braucht seine Zeit mit dem Abladen der Kisten, sein Kopf die ganze
Zeit herabgebeugt. Als er ihn im Rückspiegel beobachtet, kann er
sehen, wie geschunden er ist, und er lächelt, während seine
aufgesprungenen Lippen sich hart um die Zigarette schließen.
**
Im Alter von vierzehn fingen seine
Gesichtshaare an zu wachsen.
- Wenn nur unser Willy noch lebte,
dann könnte er dich rasieren. Oder wenigstens dir beibringen, wie
man das macht. Warum gehst du nicht zu Anġlu? Er könnte’s dir
zeigen.
- Wen interessiert das, Oma?
- Aber du wirst erwachsen,
mein Lieber. Ich hab keine Ahnung, was Männer da machen. Dein
Grossvater hat Willy gezeigt, wie das geht. Ich kann dir doch nun mal
nicht helfen, oder?
- Ach sei still, Oma!
Aber dann hat er doch
schließlich Anġlu aufgesucht, weil die anderen Kinder anfingen ihn
zu ärgern. Sie fingen an, ihn 'Besen' zu nennen. Anġlu rasierte ihn
zum ersten Mal und zeigte ihm, wie man das macht.
Aber als er
rasiert wurde, amüsierte sich Anġlus Tochter über ihn, während
sie mit ihrer weißen Katze schmuste. Er warf ihr giftige Blicke zu
und wollte ihr wehtun.
Am selben Abend, seine Haut wund von der Klinge, die ihn rasiert hatte, und das Bild von Anġlus entblößtem, eingefallenen, gegen sein Gesicht streichenden Brustkorb vor Augen, machte er sich auf zum Tal mit der zappelnden weißen Katze im Sack. Er erreichte Bangers Hütte, ging um die Rückseite herum, und fand einen Haken, den er und Jacquelines Bruder angebracht hatten. Sie hatten einen Feuerwerkskörper drangehängt und hochgehen lassen. Er befestigte eine Kordel um die Sacköffnung und zog die immer noch zappelnde Katze hoch. Dann stieß er mit den Füßen die Tür zur Hütte auf und ging schnurstracks zur Ecke, wo Banger seinen Kerosinvorrat aufbewahrte. Er schnappte sich die erste Dose, die er finden konnte, schwang sie hin und her um sicherzugehen, dass sie auch nicht leer war, und ging zurück um die Hütte herum. Er tränkte den Sack gründlich mit Kerosin und lächelte, als der Umriss der Katze durch das Sackleinen sichtbar wurde und sie mit jetzt deutlich hörbarem Jammern immer mehr zappelte. Er nahm das Feuerzeug, das er bei Anġlu hatte mitgehen lassen, als er wegen der Katze kam, spuckte auf den Boden und hielt die Flamme hoch, bis der Sack allmählich völlig in Brand stand. Dann setzte er sich auf einen Stein und erfreute sich an dem Knurren und Kreischen der Katze, bis die Flammen ein Loch in den Sack gefressen hatten, dieser aufriss und eine zum Feuerball gewordene Katze freigab. Sie war außer sich, rannte hin und her und krachte brennend gegen Gegenstände. Dann wurde es plötzlich still. Er stand auf, zog seine Hosen herunter und sah sich um, ob er auch allein war. Er setzte sich wieder hin und masturbierte. Dann ging er nach Kerosin riechend mit fleckigen, klebrigen Hosen zurück zu seiner Oma.
**
Der offene Markt. Die Menge drängt sich
in einer wahren Kaufwut. Plötzlich erblickt er Grezzju, sein
glänzendes Haar mit Brylcreme bearbeitet und eine Tüte mit Bändern
und Videos unter dem Arm. Seine andere Hand hält einen Jungen, der
etwa acht Jahre alt sein muss.
- Was kaufst’n, Grezz?
- Paar
Bänder. Volkslieder, gutes Zeug. Und’n paar gute Videos.
-
Filme?
- Mickey Mouse.
- Aha, für das Kind.
- Nee. Hast
nicht kapiert. Hautstreifen.
- Das dein Sohn?
- Mhm, mein
Jüngster.
Er beäugt den Jungen. Er hat dunkle, glatte, auf die
Schulter fallende Haare. Groß und breit für sein Alter, mit Lippen
so voll und rot, dass sie mit Lippenstift bemalt sein könnten. Der
Junge schaut schüchtern zurück, zieht an der Hand seines Vaters und
verkriecht sich hinter seinem Rücken.
- Ziemliche Ähnlichkeit
hier.
- Das ist der Jüngste, mein Freund. Sag Guten Tag zu dem
Mann. Haste deine Manieren vergessen?
Seine Augen sind auf den
Jungen geheftet. Er starrt auf diese Lippen, diesen weißen Nacken.
-
Also was ist mit den Videos? Taugen die was?
- Du verscheißerst
mich wohl. Ich schau sie, wenn ich nach Haus komm, während die Frau
mittagschläft.
- Gut.
- Das vertreibt die Zeit, weißt was ich
meine?
- Natürlich.
- Du weißt, wie das ist.
- Sicher.
Vertreibt irgendwie die Zeit.
Seine Augen sind hinter dem kleinen
Jungen her, der sich noch immer schüchtern hinter seinem Vater
versteckt.
- Hast nix gekauft?
- Nee, da gibts doch nix echt zu
kaufen, weißte?
- Nix zu kaufen, sagt er! Also wirklich, hier
gibts alles, was man sich nur wünschen kann!
Aber Einkaufen ist nicht der wahre Grund,
warum er zum offenen Markt geht. Er fühlt gerne das Gedränge der
Menge, immer auf der Ausschau nach einem kleinen Jungen, gegen den er
streifen kann, ein Junge wie Grezzjus Sohn. Er kehrt so vom Markt
zurück, wie er gekommen ist - mit leeren Händen. Er verschlingt die
kleinen Jungen mit seinen Blicken. Einer ist direkt neben ihm,
Grezzjus Junge, und wie gerne würde er ihn aus der Nähe fühlen.
Schon das Verfolgen des Jungen mit seinem Blick hinter dem Rücken
des Vaters gibt ihm einen Ständer; der Junge hat einen Finger im
Mund und die Angst steht ihm in den Augen. So lächelt er ihn an und
versucht, näher zu kommen, aber der Junge verkriecht sich.
- Der
kommt nach seiner Mutter. Verdammt schüchtern.
- Aber lieb. Ich
kauf ihm ‘ne Schokolade.
- Lass man. Er hat massenhaft zu
Hause.
- Ach was, keine Mühe. Er mag bestimmt Schokolade. Du
magst doch Schokolade, oder?
- Wirklich, vergiss es. Er stopft
sich sowieso voll genug.
- Ach hör doch auf, Grezz. Komm mit
Kleiner, ich hol dir ‘ne Schokolade.
Als er näher kommt und seine Hand nimmt,
ist der Junge verblüfft und starrt hoch zu seinem Vater. Er hält
die Hand des Jungen fest, achtet nicht auf Grezzju, und zieht ihn
hinter sich her zum Süßigkeitenwagen, der gleich beim Markt geparkt
ist. Sein Daumen streichelt die Hand, als er zieht, und er genießt
das Gefühl dieser weichen, in seine Handfläche gepressten Finger.
Sein Glied wird auch größer. Er wünscht, er könnte den Jungen
sofort mitnehmen irgendwohin, wo er ihn abfühlen kann, aber der
Markt ist zu voll, er könnte gesehen werden.
- Hast du dich
bedankt?
Der Junge starrt auf seinen Vater und hält die Tafel
Schokolade fest.
- Keine Ursache, ehrlich.
- Hör mal, wir
müssen gehn. Es ist halb zwölf und die Frau wird sich beschweren.
-
Ihr geht also?
- Ja Mann, wir müssen los. Also mach schon, bedank
dich für die Schokolade oder das nächste Mal, wenn ich zum Markt
geh, bleibst du zu Haus. Mach schon, bedank dich.
Der Junge starrt
nur und versteckt sich dann hinter dem Rücken seines Vaters.
**
- Komm hierher, Zerafa! Wo sind deine
Hausaufgaben?
- Hab se nicht gemacht.
- Was heisst das, hab sie
nicht gemacht?
- Hab se eben nicht gemacht.
- So, wirklich? Hab
sie einfach nicht gemacht? Streck deine Hand aus.
- Oh nein,
bitte, Herr Lehrer.
- Ich sagte, streck die Hand aus!
- Bitte,
nein.
Herr Spiteri zieht ihn am Ohr zur Klassenzimmertür. Alle glotzen, als er stolpert und fällt. Herr Spiteri zieht ihn an den Schultern hoch auf die Füße, öffnet die Tür und begleitet ihn hinaus auf den Flur. Einige der anderen Kinder stehen auf um zu sehen, was vor sich geht, und rennen dann wieder zurück auf ihre Plätze. Im Klassenzimmer fangen sie an, seine Schluchzer und Schreie zu hören.
Am nächsten Tag ging er nicht zur
Schule, auch nicht am folgenden Tag.
Dann tauchte er wieder auf
und verbrachte einen ruhigen Morgen, zerkrümelte und kaute
Radiergummis und malte große Ungeheuer, die Menschen töteten und
auffrassen.
- Zerafa, nimm dein Buch raus.
- Ich hab’s
vergessen.
- Also Hand raus.
Er streckt eine zitternde Hand aus
und fühlt, wie das dicke Lineal seine weiße Innenhand schlägt.
Sofort erscheinen Striemen. Eine, zwei, drei.
Seine Hand schmerzt und ist geschwollen.
Die Tränen beißen ihm in den Augen, seine Wangen sind rot vor Wut.
Wenn Onkel Willy noch lebte mit seinen starken Armen, die zum
Schleppen von Stahl auf den Trockendocks gemacht sind, würde ich ihm
von dir erzählen. Ich würde ihn dazu kriegen, dass er herkommt.
Danach würdest du mich nicht mehr mit dem Lineal da schlagen. Ich
würde ihn gegen dich aufhetzen, ihn auf dich loslassen.
- Was
murmelst du da Zerafa?
- Nichts.
- Was hast du gesagt, wen
würdest du auf mich loslassen?
- Niemand.
- Hat die Katze
jetzt deine Zunge erwischt? Wen hast du gesagt würdest du auf mich
loslassen?
- Niemand hab ich gesagt.
- Streck deine Hand
nochmal aus.
- Nein.
- Ich sagte Hand raus!
- Nein!
Er ergreift den Jungen am Nacken und
zieht ihn zur Klassentür. Der Junge wehrt sich und klammert sich an
der Tür fest, bis sein Kopf mit einem Aufprall gegen das Glas stößt
und Blut auf die Scheibe spritzt.
Alle sind schockiert. Sogar Herr
Spiteri, der zitternd versucht, dem Jungen wieder auf die Füße zu
helfen. Dann erscheinen eine Menge Lehrer auf der Bildfläche und der
Rektor versucht, die Situation in den Griff zu bekommen.
Und wieder hat er Gelegenheit, den
Psychiater zu sehen:
- Also nun erzähl mir mal: Warum hast du an
dem Tag deinen Kopf gegen die Tür geschlagen? Hat dich jemand
geärgert?
Er antwortet nicht. Starrt zurück auf den Mann mit den
dicken Brillengläsern, während seine Oma eine Antwort aus ihm
herauszulocken sucht. Niemand weiß, warum er seinen Kopf gegen die
Tür geschlagen hat. Niemand weiß, warum er wiederholt dagegen
geschlagen hat, bis das Glas zerbrach und er vor Blutverlust fast die
Besinnung verlor. Keiner kann verstehen, warum er seinen Kopf gegen
die Tür schlug, wo der Lehrer ihn doch nur auf den Flur nehmen und
beruhigen wollte. Niemand hat es jemals wirklich verstanden.
Das Ergebnis war, dass er in eine
Sonderschule für Lernbehinderte geschickt wurde, wo er seine Tage
damit verbrachte, zu malen und mit den hie und da geklauten
Bleistiften zu spielen. Gelegentlich verspeiste er einen.
In der
Sonderschule traf er Michael. Mit Michael fingen die Experimente an,
jeden Nachmittag im Gestank der Schultoiletten. Er begann, Michael zu
lieben und ihn Willy zu nennen.
**
Sonntag Nachmittag gegen eins. Mit einer
Plastiktüte voll Bonbons und Schokolade kam er bei Grezzju an und
klingelte. Seine Augen fielen neben der Klingel auf die Keramiktafel
mit dem gemalten Heiligen Herz der Maria, bis drinnen näherkommende
Fußtritte hörbar wurden.
Die Tür öffnet sich und Grezzju steht
mit einem breiten Lächeln da.
- Glaubte schon, du schaffst es
nicht.
- Musste irgendwie mit dem Bus fahren. Weißt ja, wie das
ist.
- Hättst mir doch sagen können. Ich hätte dich abgeholt.
Komm rein.
Ein Geruch nach Eintopf hängt überall im Haus.
Grezzju führte ihn in das Wohnzimmer, wo der Fernseher war, und wies
ihn auf das Sofa, während er ein Bier holen ging. Als Grezzju weg
war, musterte er seine Umgebung: Die Kommode voll mit Gläsern, das
Geschnatter der ausgestopften Vögel, die dich anstarrten wie böse
Geister, die am Rundbogen aufgehängten Fotos von Grezzju mit seiner
Frau am Hochzeitstag, von mehr Vögeln und von den Kindern. Ein Foto
war von Grezzjus Sohn, als Zorro in Karnevalsverkleidung mit einem
dicken, gemalten Schnurrbart auf der Oberlippe.
Er war gefesselt von dem Foto, bis seine
Augen auf ein anderes Bild des Jungen fielen, diesmal in einer
ärmellosen Weste mit Shorts und Eis schleckend. Er starrte darauf,
stellte sich auf, um besser sehen zu können, nahm den silbernen
Rahmen in die Hand und schaute lange und intensiv auf die Augen des
Jungen.
- Haste ihn erkannt? Mein Jüngster, war mit mir am
letzten Sonntag.
Erschreckt stellt er das Foto zurück und dreht
sich zu Grezzju um, der ihm von seinen zwei Biergläsern in der Hand
eines gibt.
- Isser nicht hier heute?
- Nee, natürlich nicht.
Hab dir doch gesagt, dass es nur du und ich sein würden, nicht? Die
Frau geht Bingo spielen und nimmt die Kinder mit. Sie ist bis heute
Abend weg, deshalb hab ich Nachmittag zu dir gesagt.
- Nun, hier
sind Bonbons für den Jungen. Ich hab ihm auch’n Bleistift und
Radiergummi für die Schule mitgebracht.
- Ach, das hättest du
nicht sollen! Kinder heute haben alles was sie brauchen. Bei uns war
das anders. Setz dich.
Er sitzt auf dem Sofa und nimmt einen
Schluck eiskaltes Bier, während Grezzju eine Videokassette einlegt
und den Fernseher anstellt. Sobald sich Grezzju neben ihn setzt,
erscheint ein Gewirr von Haut auf dem Bildschirm.
- Das ist echt
gut da.
Sie stierten auf den Bildschirm und zwischen Schlücken von Bier tauschten sie gelegentliche Kommentare zu den Szenen aus. Plötzlich fühlte er Grezzjus Fingerspitzen gegen seine Schenkel streichen. Da endlich dämmerte ihm, was Grezzjus wahre Absichten auf ihn waren, warum er ihn zu sich nach Hause geladen hatte zum Anschauen eines der Videos vom offenen Markt. Er verstand auch, warum Grezzju laufend darüber redete, dass seine Frau ihn nicht mehr an sie ran ließ seit der Geburt des Jüngsten. Er ließ Grezzjus Hand seine Schenkel hochstreichen, ihn berühren und streicheln, bis beide ihre Absichten klar gemacht und sich verständigt hatten.
Minuten später lief das Video immer noch, aber Grezzju kniete mit dem Kopf tief in seinen Schoss vergraben, während seine Augen gelegentlich zwischen dem Fernsehschirm und dem Bild des eisschleckenden Jungen hin und her wanderten. Manchmal schloss er halb seine Augen oder schaute auf Grezzjus wippenden Kopf; dann starrte er wiederum mit großen Augen auf das Foto des Jungen in der ärmellosen Weste. Das also wollte Grezzju. Lassen wir ihm den Spaß, mit seiner Frau hatte er ihn doch nicht.
Als er fertig war, ging Grezzju in die
Küche und spülte am Waschbecken seinen Mund aus. Der Film lief
weiter auf Hochtouren. Sie öffneten noch ein Bier und beobachteten
die wogenden Körper auf dem Bildschirm. Und dann ließ sich Grezzju
wieder vor ihm auf die Knie, mit ständig auf und ab wippendem Kopf,
und er starrte wiederum auf das Foto von dem Jungen in der ärmellosen
Weste. Er sah auf die eisleckende Zunge des Jungen – diese Augen –
und erinnerte sich an die weichen Finger, als er ihn vor einer Woche
auf dem offenen Markt an die Hand genommen hatte.
Und dann
forderte ihn Grezzju auf sich zu revanchieren und sie hatten beide
ihren Spaß.
**
Gander fluchte laut, als Banger seinen
Poker offenlegte und wahrscheinlich zum sechsten Mal den Gewinn
einstrich.
- Leck mich, Banger, ich bin komplett pleite, verdammt
noch mal!
- Nur noch ein Spiel. Man weiß nie, das könnte deine
Glückspartie sein.
- Verpiss dich. Ich hab’s satt. Hab nicht
mal genug für ein Bier.
- Lel, eine Runde Bier. Ich hatte einen
guten Morgen.
Das Kartenspiel, mit Bangers Poker ganz unten, lag
verlassen mitten auf dem Tisch zwischen halbleer herumstehenden
Bierflaschen und einem Aschenbecher, der vor verbrannter Asche und
Zigarettenstummeln überquoll.
Die Männer streckten sich auf ihren Stühlen und verfluchten Bangers
Glück, insbesondere Gander, der schon immer schlecht
verlieren konnte. Sie waren alleine im Club zurückgeblieben,
abgesehen vom Kellner Leli und ihm selbst. Er saß wartend in einer
Ecke.
- Nun, wenn das nicht Willys Junge ist.
Warum bist du nicht in der Schule, du Wiesel?
Er lächelt,
zwinkert Gander zu und heftet seine Augen auf ihn.
- Weiß deine
Oma, dass du hier bist?
Er lächelt weiter, denn er weiß, was auf
ihn wartet.
- Willst du ‘ne Cola? Hol ihm ‘ne Cola, Banger.
Das arme Kind hat ‘ne Ewigkeit da gewartet.
Leli öffnet ihm
eine gekühlte Cola und sagt ihm, er soll sie schnell trinken und
verschwinden. Kinder durften nicht in den Club. Er schlürft langsam
seine Cola, verweilt und beobachtet, wie die alten Männer sich um
die Bar versammeln, um ihr Bier hinter die Binde zu gießen. Gander
wirft ihm von der Seite einen Blick zu und zwinkert. Er gleitet in
die Toilette, um auf den Mann zu warten. Geruch von altem, überall
auf dem Boden verspritzten Urin vermischt mit Paraffin. Eine 25-Watt
Birne, die kaum Licht abgibt. Schließlich kommt Gander und zieht
beim Eintreten den Reißverschluss seiner Hose runter. Dort im
Halbdunkel hat er Spaß daran, Gander zu befriedigen, bis sie
aufgeschreckt werden durch ein Klopfen an der Tür und Bangers
heiseres Flüstern.
- Beeil dich doch Gander, ich will auch noch
was.
- Beruhig dich, hörst du?
- Mach schon!
So drängt ihn
Gander fertigzuwerden. Sie können sich keine Zeit lassen, da Banger
offensichtlich in Eile ist und er anfangen wird, Lärm zu machen, zu
fluchen und gegen die Tür zu hämmern. Er sitzt mit verglastem
Gesicht auf der Toilette und umklammert die 50-Cent Münze, die
Gander ihm in die Tasche gesteckt hat, als er Banger reinkommen und
seine Hose aufknöpfen sieht.
- Wieviel haste von Tal-Gundajra
gekriegt?
- Ein Pfund.
- So, ist das wahr, du verdammter
Scheisskerl? Hat dir also ein Pfund gegeben? Dann zeig mal her.
-
Er hat gesagt, er gibt es mir, wenn ich rauskomm.
- Lügner. Hier
sind 50 Cents. Mach schon, du Großmaul, ich hab dir ja schon ‘ne
Cola gekauft, nicht wahr?
Banger stinkt zum Himmel, aber das ist eine glänzende 50-Cent Münze, die er da auf den Boden geworfen hat, auch im schwachen Licht der 25-Watt Birne. Außerdem war Banger ein guter Freund von Onkel Willy. Sie waren jeden Abend zusammen im Club und Wurst-Banger hat sogar an der Beerdigung Onkel Willys Sarg getragen, den ganzen Weg vom Leichenwagen in die Kirche. Onkel Willy hatte einmal gesagt, dass er Banger immer helfen solle mit was immer er brauche, weil er auch ein guter Freund seines Vaters gewesen war, und er solle ihm nie irgendwelche Bitten abschlagen. So kommt Banger an die Reihe nach Gander, und da gibt es kein wenn und aber, weil er ein Freund der Familie ist.
**
Am Montag Morgen ist er scharf drauf, die
Getränkekisten zum Supermarkt zu bringen. Dieser weiche Jüngling
wird da sein und wenn ihm danach ist, kann er ihn im Lagerraum
ficken. Er hatte Grezzju kurz vorher gesehen. Der Kerl hatte
geblinzelt und gefragt, wie er zu einer weiteren Sitzung am Sonntag
stehe. Natürlich hatte er ‘warum nicht’ gesagt. Der Kleine
könnte ja da sein, man kann nie wissen.
- Zerafa.
- Ja?
-
Wo warst du am Freitag Nachmittag?
- Beim Ausliefern.
-
Ausliefern, was?
- Klar. Ich war ‘n bisschen spät dran wegen
dem Verkehr.
- Also hör mal gut zu. Wenn du das noch mal machst,
bist du am Ende hier.
- Ist nicht meine Schuld, wenn so viel
Verkehr ist.
- Ich hab um drei Uhr nach dir Ausschau gehalten und
du warst nicht da. Das ist das letzte Mal, hörst du?
Der Sohn vom Boss war ein gemeiner Kerl.
Der gab nicht auf. Wollte mit eiserner Hand regieren, wie er einmal
gesagt hatte. Wollte klar machen, wer der Boss ist. Er fluchte
ununterbrochen, als er den Laster mit Sprudelkisten belud. Als er
fertig war, fuhr er los zum Supermarkt, wo der junge Kerl in der Nähe
vom Speicherraum warten würde.
- Komm her, du da. Mußtest du
unbedingt über letzten Freitag quatschen, wo ich nicht gekommen
bin?
- Wer, ich? Was hab denn ich mit irgendwas zu tun? Ich, ich
hab nur hier auf dich gewartet und dann hat der Boss die Leute auf
deiner Seite angerufen.
- Los, komm zum Vögeln.
Der Junge
lächelte und sie gingen beide in den dunklen Lagerraum, wo die
leeren Flaschen gestapelt wurden. Der Junge zog sich sofort aus und
wartete auf ihn.
- Bück dich.
Der Junge tat, wie ihm bedeutet
wurde, in Erwartung des üblichen Rituals. Stattdessen fühlte er
sich von einem Besenstiel durchdrungen.
- Das tut weh!
- Soll’s
auch.
- Ich hab gesagt, das tut weh!
- Ja, das soll’s
auch.
Er nahm sein Taschenmesser aus der Tasche und ritzte den
Rücken des Jungen an, bis die Haut aufplatzte und dünne Rinnsale
von Blut erschienen. Das gab ihm einen Ständer, das ganze sich vor
seinen Augen abspielende Schauspiel in dem dämmrigen, geschlossenen
Raum. Der Junge keuchte, Tränen liefen ihm über die Wangen, als er
den Besenstiel hinausgleiten fühlte, und er rammte sich selbst
hinein. Ganz nach vorne gebeugt, wurde der Junge mit fast gegen die
Wand schlagendem Kopf ruckweise vor und zurück gestoßen, bis der
Getränkeauslieferer ihn bei den Haaren fasste, mit aller Macht nach
hinten zog und seine Riesenhand auf seinen Mund legte, so dass er
nicht atmen konnte. Und er hatte Spaß daran, dem Jungen beim Ringen
nach Luft zuzuhören. Er hielt ihn fest, bis er so ziemlich genug
hatte. Als er ihn losließ, war der Junge ausgelaugt.
- Verdammtes
Schwein!
- Ja, das versteh ich unter Spaß.
Und er ging noch
einmal durch die ganze Prozedur. Als er fertig war, sank der Junge
halbtot auf die Kisten.
- Komm schon, du musst mit dem Abladen
anfangen.
- Keine Kraft mehr.
- Mach schon, du musst mit dem
Abladen anfangen! Glaubst du etwa, alles ist nur Spaß und Spiele?
Er
ging raus, zündete eine Zigarette an und wartete. Als der Junge
auftauchte, freute er sich über die Blutstreifen auf der Rückseite
der Weste.
- Ich geh mit dir aus am Sonntag. Etwa um eins hol ich
dich ab, in Ordnung?
- Was?
- Ich geh mit dir aus am Sonntag.
-
Wohin?
- Alles zu seiner Zeit. Wart auf mich an der Vordertür des
Ladens, um eins. Nun mach schon mit dem Abladen. Ich hab’s eilig.
**
Sie sitzen nackt im Klo und rauchen
heimlich. Michael nimmt Zug um Zug, bis er die Zigarette zu Ende
geraucht hat und eine neue anzündet.
- Hab neulich was über dich
gehört.
- Was denn?
- Weißt du, wie du immer davon anfängst,
dass du nie deinen Alten kennengelernt hast?
- Alle haben sich
geweigert, mit mir über ihn zu reden. Auch meine Oma.
- Und deine
Mutter?
- Sie starb, als ich klein war. Also was hast du gehört?
-
Hab gehört, dass deine Mutter anschaffen gegangen ist.
Michael
zeigt ein gezwungenes Lächeln, wobei er eine Reihe von grünlichen
Zähnen entblößt.
- Arschloch.
- He, ich erzähl dir bloß,
was ich gehört hab. Das könnte der Grund sein, warum nie jemand
über ihn redet. Sie wissen nicht mal, wer er ist, deswegen. Das
sollte dich aber kalt lassen.
- Wer hat dir das erzählt?
-
Mein Alter. Ich hab ihm von dir erzählt, wie dein Onkel von dem Kran
auf den Trockendocks getötet wurde und er erzählte mir alles.
-
Und du glaubst, er hat die Wahrheit gesagt?
- Wie zum Teufel soll
ich das wissen? Ich sag dir das nur, weil ich seh, wie dich das immer
beschäftigt. Nun, jetzt weißt du’s.
- Und wie weiß dein Vater
das?
- Er hat doch auch auf den Trockendocks gearbeitet. Hastes
vergessen?
- Da hat er also meinen Onkel gekannt?
- Ich nehm’s
an. He, das sollte dich wirklich nicht stören. Was vorbei ist, und
so weiter.
In der Stille danach fängt er an zu frieren und er
beugt sich hinüber, um seine Kleider vom Boden aufzuheben und sich
langsam anzuziehen.
- He, nimm’s nicht zu Herzen. Wünschte, ich
hätt es dir nicht gesagt. Ich dachte nur, ich sag’s dir, da ich
sah, wie sehr du wissen wolltest, wer dein Alter war. Immerhin, jetzt
weißt du, dass es keinen Sinn hat, nach ihm zu fragen. Es hätte
irgendeiner sein können!
Jetzt fangen die Tränen an zu fließen. Es hätte irgendeiner sein können! Und die Tränen fangen an zu fließen. Sie strömen sogar in einem Sturzbach die Backen herunter. Er fängt an sich zu erinnern. Wie seine Oma die große Schublade durchwühlt hatte, als Leute von der Lokalzeitung gekommen waren, um nach einem Foto von Onkel Willy für die Todesanzeige zu fragen. Wie später, als er die Schublade aufgezogen hatte, nicht ein einziges Foto darin war, nicht einmal von der Hochzeit seiner Mutter. Seine Mutter war eine Hure, deswegen. Was seinen Alten anging…nun, hätte irgendeiner sein können. Michael streckt seinen Arm aus, um seine Hand anzufassen, aber er verlässt einfach die Toiletten, und wendet sich direkt zur Haupteingangstür, wo die großen mit Vorhängeschloss versperrten Tore sind. Immer noch weinend, schüttelt er die Tore mit der ganzen Kraft, die er aufbringen kann, bis er aufgibt, die mit den Metallspitzen gekrönte Mauer hochklettert und darüberspringt. Rufe vom Rektor, der im Türeingang steht, erreichen sein Ohr, aber er geht weiter.
Später ist er auf der Polizeistation und
sitzt dem Rektor gegenüber, der sich neben dem Sergeanten hinter
einem grossen Tisch befindet.
- Was war los, mein Sohn?
Aber er
sagt nichts. Stattdessen starrt er auf die Kappe des Sergeanten auf
dem Tisch.
- Warum hast du all die Autos verkratzt? Hast du
überhaupt eine Ahnung, was ein Auto kostet? Glaubst du, dein Vater
möchte, dass jemand seine Autotür verkratzt? Nun? Antworte.
Der
Rektor wirft dem Sergeanten einen bedeutungsvollen Blick zu.
- Was
ist über dich gekommen heute, Zerafa? Hat dir jemand was getan?
Warum hast du das gemacht?
- Wo wohnt der Junge, Herr Rektor?
-
Er wohnt bei seiner Großmutter. Seine Eltern sind beide tot.
Der
Sergeant denkt eine Weile darüber nach.
- Nun, weißt du, dass
deine Oma jetzt für den ganzen Schaden aufkommen muss? Gottseidank
bist du nicht von einem der Besitzer auf frischer Tat ertappt worden,
er hätte dich gründlich verprügelt, da kannst du sicher gehen. Ich
hätte es ihm noch nicht mal übel genommen. Warum hast du das
gemacht? Das geht nun mal nicht.
- Zerafa, was ist los? Warum
sagst du nichts, mein Sohn? Hat dir jemand was getan? Du wirst es
erklären müssen oder sie werden dich einfach einsperren. Willst du
eingesperrt werden, längere Zeit im Gefängnis sitzen?
Stille. Das nächste Mal werde ich nicht
nur die Autos verkratzen, ich werde auch ihre Fenster einschmeißen,
die Reifen zerschlagen, sie sogar anzünden.
- Herr Rektor, wir
werden seine Großmutter anrufen müssen. Ich werde jedenfalls
handeln müssen, da gibt es keinen Zweifel. Ich rufe sie an, ich muss
einen Bericht schreiben. Ich denke Sie verstehen, wenn ich sage, dies
ist ein Verbrechen.
- Sergeant, der Junge ist in Behandlung bei
einem Psychologen, der davon in Kenntnis gesetzt werden muss. Das Amt
muss informiert werden. Wir haben hier einen psychiatrischen Fall,
wissen Sie, was ich meine?
- Gut, gut. Aber ich schulde den
Autobesitzern eine Erklärung, nicht wahr? Ich meine, diese Leute
werden auf Schadensersatz klagen und so weiter. Es ist nicht ihre
Schuld, dass sie zufällig ihr Auto geparkt haben, als ein
Geisteskranker unterwegs war und Schaden angerichtet hat. Wie alt ist
der Junge überhaupt?
- Vierzehn. Was ist heute los mit dir,
Zerafa? Komm, du weißt, du kannst mit mir reden. Ich bin doch dein
Freund, nicht wahr?
Aber der Junge ist immer noch still, er
starrt auf die Kappe des Sergeanten. Sogar die Tränen haben
aufgehört.
- Wir rufen seine Großmutter an, Herr Rektor. Dieser
Junge stellt eine Bedrohung für die Öffentlichkeit dar. Ich werde
meinen Bericht schreiben und dann liegt es an meinen Vorgesetzten,
über weitere Schritte in seinem Fall zu entscheiden. Aber ich kann
ihn nicht einfach laufen lassen.
- Was immer Sie sagen, Sergeant.
Aber ich muss erstmal das Amt für Erziehung anrufen.
Der
Psychiater - der Mann mit der Brille mit den dicken Gläsern -
stattet ihm einen Besuch im Krankenhaus ab. Er streichelt seinen Kopf
und erzählt ihm, sie würden ihn für eine Weile dort behalten,
damit er sich ausruhen kann. Seine Oma bringt ihm Süßigkeiten, die
er auf den Boden wirft, sobald sie gegangen ist. Und er schwört,
dass er nie wieder in die Schule gehen und nie wieder ein einziges
Wort mit Michael reden wird.
**
Er schwelgt im Geräusch der überall herunterkrachenden, herumrollenden und von den parkenden Autos abprallenden Flaschen. Er lächelt. Der Sohn vom Boss kann sich ruhig beschweren, was sagen, laut werden. Er sollte gewusst haben, dass er mit mir nicht rummachen kann. Nun hat er den Schaden. Das hat nichts mit mir zu tun. Ich hab ihn gewarnt, dass die Ladeluke vom Laster lose ist und dass sie jederzeit runterfallen kann. Schade, dass keiner verletzt ist. Das hätte ihn noch wütender gemacht.
Er stieg ab vom Laster, sah sich um nach den auf der Straße verstreuten Glasscherben, den am Straßenrand liegen gebliebenen Flaschen, der Kühlerhaube eines Ford Montego, die vom Gewicht einer direkt darauf gelandeten Kiste eingedellt war. Er lächelt, als er den Besitzer am Rande eines Wutanfalls sieht. Nur schade, dass das Auto nicht dem Sohn vom Boss gehört. Ich hätte den Haken vor dem Losfahren nicht festmachen sollen.
**
An dem Sonntag hatten er und Grezzju noch
mehr Spass gehabt in der Gesellschaft des Jungen vom Supermarkt, der
zwischen ihnen auf dem Sofa im Wohnzimmer gesessen hatte, während
der Nachgeschmack des Biers auf der Zunge und der frische Geruch des
Eintopfs noch überall war.
- Gott gönne den Seelen deiner Eltern
Ruhe, Zerafa! Ich hatte niemals erwartet, dass es gestern so gut sein
würde.
- He, lass meine Eltern aus dem Spiel, tu uns den
Gefallen, ja?
- Tut mir leid, das war so’ne Redensart. Wollte
dich nicht erinnern.
- Erinnern an was genau?
- Ach nichts,
mach dir nichts draus.
- Was soll das, mach dir nichts draus. Was
hast du damit sagen wollen?
- Nichts, ehrlich. Lass man, Freund.
-
Ich bin nicht dein Freund! Ich will wissen, was du damit gemeint
hast.
- Im Ernst, vergiss es einfach. Ich hatte keine Ahnung, dass
das noch ein wunder Punkt ist.
- Was ist noch ein wunder Punkt?
-
Vergiss es. Ehrlich, ich wollte nichts damit sagen, mein Freund.
Er ergreift Grezzju am Hemdkragen und
zieht ihn nach vorn. Grezzjus Augen sind weit aufgerissen vor Angst,
insbesondere als er sich von seinem Freund gegen den Laster gedrückt
fühlt.
- Noch mal, was hast du gemeint?
- Nichts Mensch, sag
ich doch. Was hab ich gesagt, das dich so aufgebracht hat?
- Du
hast was über meine Eltern gesagt. Mach schon, spucks aus.
Ohne Grezzju Zeit zu geben, auch nur ein
Wort zu sagen, spreizt er seine Finger über sein Gesicht und drückt
zu, bis der andere Mann anfängt, seinen Kopf hin und herzurucken in
dem Versuch, sich von diesem Schraubstockgriff zu befreien. In der
Zwischenzeit haben sich einige zuschauende Männer versammelt, ihre
Hände in den Hosentaschen.
- Was weißt du über sie?
Aber
Grezzju kann nicht sprechen. Er ringt nach Luft, sein Gesicht ist
knallrot, sein Mund unter der schmutzigen Hand zerquetscht und der
Daumen drückt mächtig auf seine Nase.
- Wenn du nochmal
irgendsowas sagst, werde ich deinen kleinen Jungen schänden,
verstehste? Ich werde ihn vergewaltigen! Ich werde ihn im Arsch
ficken!
Er drückt noch einmal auf sein Gesicht und lässt dann
los. Grezzju rutscht herunter und völlig erschöpft, liegt er
keuchend auf dem Boden. Einer nach dem anderen zünden die
herumstehenden Männer ihre Zigartetten an und stehen unbeweglich da.
**
Banger liegt im Schatten einiger leerer
Bierflaschen und hält noch eine weitere in der Hand. Sein
aufgeknöpftes Hemd ist weit offen, seine Hose nicht zugemacht.
-
He, du Wiesel. Was bringt dich her? Haben sie dich gehen lassen?
-
Ich möchte dich sprechen.
- Du bist ein spinnerter Kerl, weißt
du das? Hast deine Oma verrückt gemacht, kein Wunder, dass sie
abgekratzt ist. Also wann bis du raus gekommen?
- Ich will nur
eben mit dir sprechen, Banger.
- Was willste denn von mir?
-
Ich will, dass du mir alles sagst, was du weißt. Über meine Mutter
und meinen Vater.
- Scheisse, wie soll ich das wissen? Leck mich,
das hat mir gerade noch gefehlt.
Aber Bangers Augen werden groß
vor Angst, als das Sonnenlicht von der Schneide des Klappmessers
glitzert und er wird weich.
- He, so geht das nicht zwischen
Freunden. Komm rein und hol dir ein Bier.
- Vergiss das Bier,
Banger. Ich will alles hören, bis in die letzte Einzelheit, sonst
bekommst du einen Geschmack von der Klinge. Du weißt, dass ich das
tun würde.
- Reg dich ab. Wieso glaubst du, ich weiß alles
darüber?
- Du hast dich immer mit meinem Onkel rumgetrieben.
Entweder erzählst du mir alles, was du weißt, oder du wirst es zu
spüren bekommen.
- Wie soll ich mich denn daran noch erinnern,
mein Sohn? Das ist so lange her, weißte. Nun, nach dem bisschen was
ich weiss…nun…
- Spucks schon aus.
- Als dein Grossvater
starb, blieb deine Mutter bei deiner Oma und die war nicht so ganz
dabei, wenn du verstehst, was ich meine, also…
- Also was?
-
Also hör mal, deine Mutter ist ziemlich rumgekommen. Du weisst, dass
sie es für Geld getan hat. Klar? Aber frag mich nicht nach deinem
Vater. Über den weiß ich gar nichts.
- Wer war er?
- Keine
Ahnung. Ich sag doch, deine Mutter war ‘ne Hure, fertig. Mehr weiß
ich nicht.
- Wette, du hast auch manchmal was mit ihr gehabt,
stimmst?
- Überhaupt nicht!
- Wers glaubt.
Banger schaut
gebannt auf das scharfe Taschenmesser in seiner Hand.
- Warum
fragst du nicht Gander? Der weiß vielleicht Bescheid.
- ‘Türlich
weiß er. Gander hat mir sogar erzählt, dass du ihr Zuhälter warst
und sie genau hier hast arbeiten lassen.
- Was? Ist der Scheißkerl
verrückt? Hör mal Freund, vergisses, verstehste? Ich hab noch ein
paar Tage vor mir, die will ich in Ruhe genießen.
- Du hast
Kunden für sie angeschafft, Banger. Was dir das Recht zu einer
gelegentlichen Gratisstunde gab, stimmt das nicht?
- Hör mal,
Freund. Ich erzähl dir mal was, weil du drauf bestehst. Wenn ich
nicht gewesen wäre, wäre deine Mutter komplett Pleite gewesen. Es
wäre sogar noch schlimmer gekommen, als irgendein Kerl sie
geschwängert hatte und du unterwegs warst. Und das nennst du
Dankbarkeit! Dein Onkel war ein Taugenichts, hat jedes Pfund, was er
jemals auf den Trockendocks verdient hat, gleich am nächsten Tag
ausgegeben. Also du kannst mich ruhig mit diesem Messer aufschlitzen.
Aber Tatsache ist, dass ich die einzige Art war, wie deine Mutter
jemals ‘n bisschen Bargeld verdienen konnte. Ich war sogar
derjenige, der sie vom Dach getragen hat, als man sie tot auffand,
dein Onkel konnte das auch nicht. Nun verpiss dich. Ich hab dir alles
erzählt, was ich weiß.
Da hatte Michael also recht. Die Hündin war wirklich eine Hure gewesen. Wusste nicht mal, wer sie geschwängert hatte. Und jeder sonst wusste es, nur ich nicht. Ich bin der einzige, dem man es nie gesagt hat. Sie hat’s mit jedem getrieben, weiß der Himmel, wer mein Vater ist. Könnte Gander gewesen sein, oder der dreckige Bastard hier. Wer weiß?
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Die Leiche eines Mannes aus Marsa wurde heute an seinem Wohnort gefunden. Der Mann starb offensichtlich, nachdem er einundzwanzig Mal mit einem scharfen Gegenstand gestochen worden war. Bisher sind noch keine Verdächtigen genannt worden. Vorläufigen Berichten zufolge war massiver Blutverlust die Todesursache. Die Polizei wurde auf das Verbrechen aufmerksam gemacht durch einen anonymen Anrufer, der behauptete, er habe jemanden eilig die Wohnung des Opfers verlassen sehen. Polizisten aus Marsa eilten sofort zum Tatort, wo das Opfer in einer Blutlache auf dem Boden des Schlafzimmers gefunden wurde. Das Opfer wurde von Dr. Carmel Abela von dem Paola-Gesundheitszentrum offiziell für tot erklärt. Der Magistratsbeamte Anthony Camilleri leitete eine Untersuchung ein und sicherte die Hilfe verschiedener Experten. Er ordnete eine Obduktion der Leiche an. Spätere Berichte bestätigten, dass die Polizei eine Person festgehalten hat, um bei ihren Untersuchungen zu helfen.
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Der Oberste Gerichtshof unter dem Vorsitz des Magistratsbeamten Salvino Degabriele erklärt den Fall von Grazio Scicluna für eröffnet. Er wird aufgrund von Anschuldigungen des Polizeikommissars Frans Grima des Mordes an Joseph Zerafa am Mittwoch, den 11. Mai 1994 um etwa 11:15 in der Wohnung des Opfers in Marsa angeklagt. Die Anklage behauptet, dass Sciucluna den Mord beging, indem er dem Opfer einundzwanzig Stiche mit einem spitzen Gegenstand beibrachte. Er steht ebenfalls unter Anklage, im Besitz einer Waffe ohne erforderliche polizeiliche Zulassung zu sein.



