Auszug aus Roman: Jan Kaus, Sie

Sie (Tema)
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(c) Jüri J Dubov
Aus dem Estnischen von Irja Grönholm


           Textauszug

[S.1- 26]

Prolog im Dämmerlicht

Genau! Der Abend wechselt die Farbe. Der Abend verliert an Farbe. Meine dreizehnte Stunde. Länger als jede, die ich je gesehen habe. Ihr könnt mir ruhig glauben, ich bin noch nicht alt.

Was ist geblieben. Geblieben ist die Fernsehzeitung, die ich normalerweise nicht benutze. Ich durchblättere sie. Ich mache eine Rolle draus, und die rutscht dann, indem sie sich wieder aufrollt, unter den Tisch. Unter dem Tisch gibt es tote Mücken. Ich glaube, solche Tische werden nirgendwo mehr hergestellt. Aber jetzt - erst jetzt - ist mir das egal. Oder so gut wie egal. Ich kenne jemanden, der würde sagen: Es ist nie egal! Und ich sage: Welch nutzloser Maximalismus!

Es ist meine entfernte Verwandte, bei der ich Unterschlupf gefunden habe. Das Dach vom Unterschlupf allerdings ist an einer Stelle kaputt. Aber was kann ich da machen, Intellektueller der dritten Generation. Freilich, es gibt auch die proletarische Seite. Meine Tante hat mir in einer Ecke im Schuppen ein Stück Eternit gezeigt, sie hat es gezeigt und dabei gekichert. Solches Eternit wird nirgendwo mehr hergestellt. Solches Eternit ist verboten. Besser gesagt, es wäre verboten, wenn jemand es herstellen würde.

Meine Tante kichert unentwegt. Läuft durch die Gegend und amüsiert sich mit hauchfeinem Stimmchen. Worüber oder weswegen, das weiß ich nicht. Zum Glück ist sie nicht geschwätzig, neugierig ist sie auch nicht. Ich bin am Ende, und ich würde ganz schnell anfangen zu schreien. Und müßte ihr mein Am-Ende-Sein dann schreiend erklären.

Und dass ich irgendwann hier weg muss.

Irgendwohin. Wohin.

Ja, und jetzt fragen Sie oder du - du, mein dankbarer Leser, jetzt fragst du - was diesen Menschen so fertig macht. Was mich so fertig macht.

Ich würde ja gern antworten, dass es nicht nur mich fertig macht. Aber ich weiß es nicht. Im Fernsehen finde ich natürlich keine Antwort. Aber da suche ich sie auch nicht. Heute hat ein Wirtschaftsanalytiker gemeint, dass das Öl so gut wie alle ist und dass wir unsere Lebensweise ernsthaft überdenken sollten. Aber das ist es nicht. Ich nehme mir mein Essen aus einem Kühlschrank, der immer noch FCKW produziert. Zeitungen gibt es hier keine. In einem alten Schrank habe ich „Die Kinder von Bullerby“ gefunden. Ich lach mich tot.

Ich höre in der Küche das Kaffeewasser kochen und die Tante kichern. Die Tante kichert, denn sie kriegt gleich einen Kaffee. Der Abend steigt aufs Land hernieder wie der Racheengel. Das einzige, was mich jetzt trösten würde, wäre das Quietschen der Gartenpforte. Meine Tante hat mir eine Tube Vaseline gezeigt und gekichert. Aber ich will, dass die Pforte zu hören ist.

Na schön, ich will mich genauer ausdrücken. Habt ihr mal dieses Spiel gespielt: Ihr zählt bis drei, und bei drei muss das Telefon klingeln. Jemand ganz Wichtiges ruft an. Jemand Entferntbekanntes aber Angenehmes. Oder noch besser: jemand Angenehmes und Ganznahestehendes. Der-die-das ruft an und hat Wichtiges zu verkünden. Hat was zu verkünden, das nicht nur den Tag umkrempelt. Also - ihr holt Luft und wartet geduldig auf die Sekunde, in der ihr ausrufen könnt: „Eins!“ Die erste ist eine Sekunde voller Hunger, aber sofort, ohne Luft zu holen, folgt die zweite. Und bei der dritten sagt ihr in Gedanken:

„Jetzt!“

Es blieb jedesmal still und stumm, das Telefon. Desgleichen die Pforte, die zweimal täglich ihren Ton von sich gibt: morgens, wenn die Tante zur Arbeit geht, und abends, wenn die Tante von der Arbeit kommt. Deswegen möchte ich ja, dass sie quietscht, die Pforte. Dass meinen einsamen Nächten, die von einsamen Alpträumen zu bersten drohen, wenigstens etwas an Erwartung innewohnt. Denn meine traurige Geschichte kenne ich schon, und das schöne Gesicht meiner zwielichtigen Person muss ich jeden Tag im Spiegel sehen. O nein, ich hasse keine Spiegel, keineswegs. Ich bin einfach nur unglücklich, dass ich bin, wie ich bin. Und finde es bedauerlich, dass es so schwer war, das einzusehen.

Noch eins: zu sagen, dass ich zwielichtig bin, ist verdächtig. Das verstehe ich. Aber es versöhnt mich, wie der Kaffeeduft eben, der die späte Stunde erträglicher macht und den vom Feld herankriechenden Nebel zur Vorsicht mahnt.

Ich denke gerade an sie. Der unvermittelte Ton der Gartenpforte heißt für mich - ihre Stimme. Es wäre ihre Hand, die in meinen Träumen die Klinke herunterdrückte. Die Klinke ist verrostet, und wenn es regnete, hinterließe der Regen einen bräunlichen Streifen in ihrer Handfläche. Der unästhetisch breitlaufen würde. Komisch, ich denke so verworren an sie, so  Verwirrung stiftend. Teils in der Gegenwart, teils in der Vergangenheit, im Konjunktiv sowieso. Ist – war – ist - war. Wäre.

Jetzt ist Sommer, die Sonne hat mir heute den Rücken verbrannt wie die heilige Inquisition, wie der Blick des Koba. Während ich an Winter dachte, an den letzten Winter. Wir waren auf einer Beerdigung. Auf der Beerdigung ihrer Tante. Uh, ich hasse Beerdigungen, besonders solche. Wir standen in der frostklirrenden Kirche, die Wände atmeten Kälte, Kerzen wurden an die Leute verteilt, und das Lied mit der klagenden Melodie verkleisterte mir die Ohren. Ich fühlte mich schlapp und scheußlich. Kurz darauf standen wir draußen, wo es noch kälter war und der Sarg stumm in der Grube versank. Ich hatte das Gefühl, dass der ganze Erdball aus Permafrost bestand, dass das Innere des Erdballs nicht heiß ist, sondern eisig; das Eis da drinnen ist härter als Diamant, und wenn man es berührt, dann frisst es sich durch die Haut, so dass eine einzige Berührung einen die ganze Hand kosten kann.

Ich stand mit ihr etwas abseits, hinter den Trauergästen, und raunte ihr meine Empfindungen zu. Sie lächelte abwesend. Nach den drei Handvoll brennend eisiger Erde verfolgte sie nicht mehr, wie das Grab zugeschaufelt und der Hügel mit den Schaufeln gönnerhaft glattgeklopft wurde.

„Was ist?“ fragte ich.

„Guck mal, wie schön“, sagte sie und hob die Hand.

Ich sah eine schneebedeckte Kiefer, die im weißen Gestöber sachte schaukelte. Ich hob die Brauen.

„Wenn ich sowas sehe, habe ich das Gefühl, dass das Chaos nur in unseren Köpfen herrscht“, sagte sie. Mir war kalt.

Jetzt ist es warm. Verglichen mit dem Tag allerdings kühl. Einen Tag später wurde ich krank. Gut, nicht schwerwiegend, ich war einfach angeschlagen. Sie kochte Tee und fütterte mich fürsorglich mit einer höllenscharfen Knoblauchschnitte. Wie bei ihr üblich, war das Brot unter dem Knoblauch nicht zu sehen.

Ist doch komisch. Ich will mich nicht erinnern, was sie gesagt hat, ich will mich nicht an die würdevolle Kiefer im Schneegewand erinnern, ich will mich an nichts erinnern, was mit ihr zu tun hat. Ich wollte mein Hirn mit glühenden Zangen sengen. Ich wollte, dass Doktor Hannibal käme, die Hirnrinde entfernte, die unerwünschten Brägenstücke auf der Pfanne briete und sie meiner Tante vorsetzte.

Aber trotzdem, jeden Tag kehre ich zu meinem kleinen dummen Ritual zurück. Jeden Tag – an manchen Tagen öfter, an besseren Tagen nicht so oft – sage ich, freilich nur aus Jux und rein prophylaktisch:

Jetzt!

 

§ 1

 

Ich glaube nicht an Gott. Damit das klar ist. Gott - wer bitteschön?! Gestatten, leeres Gewäsch! Und ich gehe noch weiter: Ich würde nicht einmal dann an die Götter glauben, wenn das ganze Pantheon wegen Überfüllung schließen müsste. Ich glaube an nichts Göttliches, an keine Hausgeister, Gespenster, Laren, Erscheinungen, Ufos, Engel, Monster und Helden wie Kalevipoeg. Aber vor allem glaube ich nicht an Gott. Wenn es Gott gäbe, sollte man ihm eine reinhauen.

Gut, ich halte mich auch nicht für den typischen Allzweckgerechten, der wutentbrannt ausriefe: Warum? O Gott, warum ließest du Weltkriege ausbrechen? Warum führtest du Kolumbus und Cortéz ans Ziel? Warum ist der kleine Engel an Krebs erkrankt? Wie kann ich meinen Glauben an deine Güte erhalten, wenn du so viel Böses zulässt?

Schwachsinn. Gott muss einfach eine reingehauen kriegen. Aber erst dann, wenn man sich im Klaren darüber ist, dass es eigentlich nicht nötig wäre.

Auch bin ich nicht der Meinung, dass die Wissenschaften etwas bewiesen hätten, dergestalt: Einen Gott gibt es im Umkreis von fünf Milliarden Lichtjahren nicht.

Das ist nicht wesentlich.

Wesentlich ist, dass ich mich auf diese sinnlose Diskussion nicht einlasse. Wesentlich ist, dass ich das Wesentliche solcherart veralteter Problematik bestreite. Ich lehne nämlich jedwede Gruppenloyalität ab. Gut, in meinem kleinen Freundeskreises habe – hatte – ich mir gewisse Schwächen freiwillig zugelegt, die ich genussvoll pflegte. Doch jeder Anflug von Massenpsychose ruft in meiner Seele allergische Reaktionen hervor. Und Massenpsychosen gibt es heutzutage nicht wenige, man findet sie an jeder Ecke, in jedem Laden, in jeder Firma. Ich habe besseres zu tun. Ich habe ein wichtigeres Problem zu lösen. Das Problem der quietschenden Gartenpforte. Hier hilft kein höheres Prinzip, keine historische oder kommerzielle, konsumistische Wahrheit, kein meta- oder astrophysisches Wunder, kein Freimaurer. Jetzt nicht mehr. Jetzt muss ich den ersten Schritt tun. Aber ich kann ihn nicht tun. Ein einfaches Paradoxon. Die Gartenpforte ist nicht der Ausweg, sie ist die Sackgasse. Ich sehe jeden lieben Gottes Tag von meinem Schreibtisch aus die Sackgasse meines jungen Lebens. O, lieber Leser, glaub nicht, dass ich hier einen ungewöhnlich langen Abschiedsbrief schreibe. Ich habe immer noch Eisen im Feuer. Ungewiss ist nur, in welchen Öfen. Und wie man den Weg zum richtigen findet.

 

Aber gut, holen wir weit aus, weiter, noch viel weiter. Den Glauben an meinen Vater verlor ich früh. Mein zartfühlender Vater! Mein hochsensibler Vater! Ein Vater wie ein Windei.

Mein Vater war verdienter Künstler. Ein verkanntes Genie, Filmemacher. Der Wanderer zwischen den Welten, der Aufklärer mit dissidentischen Neigungen, dessen Name sogar auf einem dieser grässlichen Plenen Erwähnung fand. Für mich war er vor allem eine gigantische Pumpe. In sich hinein pumpte er Alkohol. Aus sich heraus pumpte er Lebenssaft. In die verschiedensten Frauen. Ich bin ziemlich sicher, dass ich irgendwo Halbgeschwister habe. Die hinter flink vorgehaltener Hand gehüteten Geheimnisse meiner Kindheit, die Anspielungen, das Geflüster, meine Mutter eine Replik mit zerstörerischer Wucht an die schweißnasse Stirn des Vaters schleudernd. Vielleicht habe ich ja sechs Halbschwestern und sechs Halbbrüder. Gut, das war ein Scherz. Mag es geben, so viele es will, kennenlernen möchte ich keinen einzigen davon. Großer Gott, wer das alles sein könnte – zum Beispiel unser derzeitiger Regionalminister, der mit zehn Promille am Steuer erwischt wurde, oder der berühmte Filmemacher, der in den großen Fußstapfen seines großen Vaters weiterstapft, mit seinen Kameras unter den wachsamen Blicken der Miliz durch die Taiga streift, besoffene Hansi und Manti filmt, wie die wiederum durch ölige Moore streifen.

Jaja, mein Vater. Kein Zweifel, dieser vom Leben gezauste weiße Rabe hat mich geliebt. Aber er hat sich geirrt, wie immer. Wie ich, indem auch ich ihn geliebt habe. So sehr, dass ich letztendlich im Arsch war wie der lettische Lat. Übrigens, das ist ein Ausdruck meines Vaters. Oh, sagte er oft zu meiner Mutter, ich bin im Arsch wie der lettische Lat.

Oje, Aadu ist im Anmarsch, um meine Gedankenbruchstücke vollends zu zerschroten. Ich weiß nicht, wie spät es ist. Meine Tante guckt sich im Fernsehen eine Kochsendung an und kichert leise. Hier gibt es keine Uhren. Die Uhrzeit erfährt man zufällig, übers Fernsehen. Gleich wird Aadu auf der Veranda auftauchen und mich auf den Sohujärv-See mitnehmen wollen. Und ich habe noch nie ein vernünftiges Argument gefunden, um ihm abzusagen. Na schön, ich werde auch heute mitgehen.

Und dann sind etliche Stunden vergangen, und ich bin zurück von meiner abenteuerlichen Seereise. Der Sohujärv ist ein merkwürdiges Gewässer. Obwohl ich mich im Moment wie eine Zecke fühle, die nie wieder eine Ader durchbohren wird, weil man ihr den Arsch im Uhrzeigersinn abgedreht hat, macht sich in Aadus Gesellschaft, wenn wir über den See rudern, ein undefinierbares Gefühl in mir breit. Eigentlich verlässt es mich auch dann nicht, wenn meine Sachen nicht mehr nach Sumpfporst riechen. Ich traue mich nicht, es Ruhe zu nennen. Aber der Wunsch, meine Gedanken zu Papier zu bringen, entstand ganz offensichtlich auf dem Sohujärv, nirgendwo anders.

Der Sojujärv ist groß, zumindest im örtlichen Kontext. Ungefähr zwanzig Hektar. Aadu erinnert sich noch an die Glanzzeiten des Sees, bevor der Wasserpegel abgesenkt wurde.

„Ein Sechstel von damals“, sagt Aadu. Glasklar übertrieben, aber ich halte den Mund.

Aadu vertritt den Typ Mensch, von dem ich mich normalerweise fernhalte, normalerweise würde ich ihn meiden wie Aussatz, Pest und Aids zusammen. Aadu trinkt Schnaps, und was er sagt, ist kaum zu verstehen, selbst dann, wenn er nüchtern ist. Ehrlich gesagt, fällt es mir schwer spitz zu kriegen, wann er trinkt und wann nicht. Zwar behauptet er, dass er gar nicht so sehr trinken würde, und ab und zu schwört er sogar, keinen Tropfen mehr zu trinken, nicht mal die Idee eines Tropfens. Vielleicht stimmt bei ihm einfach was mit dem Mund nicht. Zähne, Zunge und Gaumen arbeiten bei der übrigen Menschheit auf unerkennbare Weise zusammen. Nicht so bei Aadu. Sein eben zitierter Schwur ist eine Sprachverzerrung und klingt aus seinem Munde ungefähr so: Schringgeinfrrrchenmehr. Er trägt speckiges, abgelumpertes Zeug, seine Wattejacke scheint alle Leiden des Gulag am eigenen Leibe erfahren zu haben, aber vielleicht stammt sie auch aus den Zeiten des Bauernaufstandes von Mahtra. Das Schrägste jedoch bei alledem ist Aadus Frisur. Seine Haare haben an die zwanzig Jahre kein herkömmliches Shampoo mehr gesehen, aber jeden Morgen steht unser Aadu vor seinem blinden Spiegel und kämmt sich eine Elvis-Frisur. Ein sonnengedörrter, affengesichtiger Troll mit Elvisfrisur. Aadu besitzt eine Menge LP´s von Elvis. Der größte Teil allerdings läßt die Plattenspielernadel gleich bis ans Ende springen.

Anfangs hielt ich mich fern von ihm, aber wie kannst du hinter Gottes Rücken deinem Nachbarn aus dem Weg gehen. Nach und nach lernte ich sein Genuschel verstehen und mich sogar auf seinem Hof orientieren, wo die Kultur- und Natursedimente hoffnungslos durcheinandergeraten waren. Da fand man zum Beispiel Traktoren, die zwar aussahen wie Traktoren, aber ihr Fahrvermögen noch vor meinem Erdendasein eingebüßt hatten. Aadu mäht übrigens bei meiner Tante die Wiese, die krumme Sense zischt und zoscht ein paarmal pro Jahr durchs Gras. Den größten Teil seiner Zeit schreibt Aadu. Reden kann er nicht, schreiben ein bisschen. Zum Glück schreibt er keine Gedichte. Obwohl ich sicher bin, dass er in seiner Jugend welche geschrieben hat. Damals, als der Suff sein Gesicht noch nicht braun gegerbt hatte.

Über den Inhalt seiner Schriften läßt sich Aadu ausgerechnet auf dem Sohujärv im schaukelnden Boot aus. Ich übersetze: „Glaub mir, Junge, das Ende der Welt ist nah. Der See ist der Beweis dafür. Weißt du, dass das Kaspische und das Schwarze Meer mal eins waren? Wasser wird so oder so knapper. Das Süßwasser versalzt, und das trocknet aus. Das Wasser verschwindet, das Salz bleibt. Nach Kanada werden wir fahren, mit Tankern Süßwasser klauen. Kannst du dir das vorstellen? Was sollte denn die Experimentiererei mit dem Wasserpegel! Der See wächst sowieso zu. Großkonzerne werden mit Wasser handeln. Auch den See werden sie aufkaufen und leermachen. Denn Wasser brauchen Millionen, bald schon Milliarden. Und zwar dringend. Hier, “ Aadu zieht seine rissige Pranke durchs Wasser, „trink, mein Junge, solange noch was da ist.“

Verschwörungen kreisen ihm im Kopf umher wie die Fliegen hier auf der Veranda. Aber dank Aadu höre ich ein paarmal pro Woche meine Stimme. Allein will oder kann oder traue ich mich nicht ans sandige Südufer des Sohujärv. Ich bin nämlich in der Stadt geboren, und wenn irgendwann das Unmögliche geschieht und ich Kinder habe, dann werden die, steht zu befürchten, bereits vor einem Wald panische Angst haben.

 

§ 2

Gut, ich hatte eigentlich nicht vor, bei den Details meines derzeitigen Lebens stehenzubleiben. Ich wollte – will – schließlich eine Geschichte erzählen. In unserer Welt der Milliarden Geschichten. Ich weiß im Grunde nicht mehr, was wichtig ist. Alles oder gar nichts. Und ob es erleichternd ist oder tragisch, dass ich nicht der einzige bin. Aber es kann  nicht schaden, wenn du, mein lieber Leser, weißt, wo ich mich im Moment befinde. Ich befinde mich im Moment fünf Kilometer von der nächsten Landstraße entfernt. Ich höre, wie der Wind gegen die Birken anrennt. Das Geräusch erinnert mich an etwas, aber selbst das ist mir egal, dass ich mich nicht erinnere, an was.

Ich halte von meiner Mutter nicht unbedingt mehr, als von meinem Vater. Ich erinnere mich, was Mirjam dazu gemeint hat: „Denk doch mal daran, wie hilflos du warst, als du geboren wurdest. Zu nichts warst du imstande. Wären deine Eltern nicht gewesen, hättest du gerade mal einen Tag durchgehalten. Aber jetzt, wo du auf ihre Hilfe nicht mehr angewiesen bist, sie aber trotzdem einforderst, musst du gegen sie rebellieren. Wäre es wenigstens eine grundsätzliche Rebellion! Aber nein, es ist die Rebellion der Geringfügigkeiten. Du mokierst dich über deine Mutter, wenn sie dir empfiehlt, dich wärmer anzuziehen, denn der Wind draußen ist kalt. Weil du mehr verdienst als deine Mutter, erscheint dir ihre Empfehlung unangemessen. Du schämst dich, wenn dein Vater dir anerkennend die Hand auf die Schulter legt. Aber dann bist du erkältet und nimmst die Tasse heiße Milch mit Honig, die deine Mutter dir gemacht hat, dankbar entgegen. Aber du verlierst kein Wort darüber, denn für dich ist das eine Selbstverständlichkeit. Du brauchst deine Eltern, du hast deiner Meinung nach das volle Recht auf sie, aber gleichzeitig gehen sie dir auf die Nerven.“

Und so weiter.

Mirjams Moralpredigten gereichten und gereichen auch heute nicht dazu, von meiner Mutter mehr zu halten. Schließlich war sie es, die mich dazu brachte, meinen Windei-Vater nicht mehr zu mögen.

Überhaupt, das ist ein Endlosthema. Besser gesagt, ein langweiliges, ekelhaftes, nervendes. Die endlose Langeweile, endlos und langweilig. Eigentlich wollte ich gleich zu Mirjam übergehen. Aber Mirjam würde mich der Ungeduld bezichtigen - sie, das Musterbeispiel an Geduld! Ich würde sie gar zu gerne ausstopfen und in eine Vitrine stellen, mit dem Hinweisschild „Geduld“, aber unter Betonung der Gänsefüßchen. Schon gut, ich hab es nicht so gemeint. Ich meine das nicht so.

Meine Eltern haben sich an der lobby-Bar im Hotel kennengelernt, damals das einzige Hotel der Stadt. Beziehungsweise das einzige Hotel, das man Ausländern zumuten konnte. Mein Vater drehte damals einen Film über eine Eisenbahnlinie, die auf Stalins Befehl fünfzehn Jahre lang gebaut wurde. Tausende kamen dabei zu Tode, wie zu Stalins Zeiten üblich. Und, wie ebenfalls zu Stalins Zeiten üblich, wurde nach der feierlichen Eröffnung die Bahnlinie kein einziges Mal mehr benutzt. Denn die mitten durchs Moor führenden Schienenstränge waren schon gegen Ende des großen Erbauens nicht mehr zu gebrauchen. Doch, doch, mein Alter hatte eine Nase für Themen. Die Drehgenehmigung bekam er nur, weil er den Instanzen das Ganze als den Versuch erklärt hatte, das Leben der Sowjetmenschen in den Randgebieten der großen Heimat zu dokumentieren. Der Köder wurde geschluckt, und mein Alter watete den ganzen Sommer und Herbst mit seinem Stab durch ein Moor, dessen Fläche so groß war wie halb Europa.

Der Film wurde verboten, aber der Alte gab Privatvorstellungen. Unter seinen Freunden hatte er zweifellos Erfolg. Im Hotel traf er sich mit einem Finnen, der Name ist mir nicht mehr gewärtig. Solche Treffen war natürlich gefährlich, aber mein Alter war mutig, trotz des leichten Zitterns ums Kinn. Jener Finne war nämlich ebenfalls interessiert an den Filmen meines Vaters.

Und so weiter. Meine Mutter. Die ersten Blicke. Die ersten bewussten Blicke. Das erste Wort. Es fiel zu Boden und lag traurig herum. O wie öde. Aber irgendwie cool, so zu denken, nicht wahr?

Heute gab es zwei Dinge, die ich jetzt noch vor Augen habe.

Das erste war eine Sendung über Gewalt in Familien. Ein Mann prügelt seine Frau, droht sie zu erschlagen und setzt am Schluss das Haus in Brand. Die Frau steht mit dem Rücken zur Kamera und schluchzt.

Auch ich wuchs inmitten familiärer Gewalt auf. Das war schrecklich. Schrecklich belastend. Meine Mutter prügelte meinen Vater. Der Vater saß auf dem Sofa, besoffen von einem Wein, dessen Geruch mir heute noch sämtliche Lebensgeister abwürgt, und lächelte schuldbewußt. Und die Mutter schlug ihn, mit der offenen Hand, mit der Faust, ins Gesicht und in den Bauch. Sätze wie „Ich bring dich um, du Aas“ waren in ihrem Munde nichts ungewöhnliches.

Was ich meinem Vater nie verzeihe, ist seine Unzulänglichkeit. Kaum, dass er simuliert hat. Dafür war er zu geradlinig. Nur dass es in dieser Geradlinigkeit keinerlei Substanz gab. Was ihn kennzeichnete, war eine unverhohlene Schlappheit, da fehlte aber auch jegliches An- oder Durchtrainierte, in jeder Hinsicht. Die Geradlinigkeit meines Vaters rann wie Kefir über die Fußböden unserer Zweizimmerwohnung mit Ofenheizung, vor und hinter ihm her. Ich glaube bis heute nicht, dass es eine Zeit vor meiner und Rigos Geburt gegeben haben soll, da mein Vater und meine Mutter über blumenbestandene Auen schwebten und versucht haben Kinder zu machen. Beziehungsweise, wenn sie wirklich dahingeschwebt sind, dann ist mein Vater garantiert über irgendeine urzeitliche Grabstätte gestolpert und hat sich das Kinn aufgeschlagen. Es fällt mir schwer zu glauben, dass es eine Zeit gegeben haben soll, in der mein Vater maßvoll trank. Allerdings hat mir meine Mutter erzählt, dass er monatelang einen Bogen um den Alkohol machen konnte, lediglich elegant eine Braue in Richtung der Schnapsflasche hob, wie angesichts des Feindes, den einen Augenblick später der Tod mit rostfreier Klinge treffen sollte.

Das zweite, was heute passierte, beziehungsweise was heute war, war der blaue Himmel. Wolkenlosigkeit. Totale Wolkenlosigkeit. Ich hörte ein unterdrücktes Brummen und sah zum Himmel. Da bewegte sich ein winzig kleines weißes Kreuz. Ich kniff die Augen zusammen und bemerkte, dass die Querlatte des Kreuzes in der Mitte durchgebrochen war und die Enden nach unten zeigten. Dann begriff ich – es war vielleicht eine Viertelsekunde vergangen oder eine Viertelviertelsekunde -, dass es sich um ein Flugzeug handelte. Es flog in vielleicht zehn Kilometer Höhe. Ein Interkontinentalflugzeug. Auf dem Weg von Kuala Lumpur nach London. Von Peking nach Frankfurt. Oder ganz anders, von Moskau nach Oslo. Ich weiß es nicht. Aber ich erinnerte mich an das eine Mal, als ich nach Rom flog. In tiefer Unwissenheit, mit Angst vermischter Hoffnung. Nacht. Turbulenzen. Neben mir ein Franzose, der nervös etwas auf ein Papier kritzelte. Als würden ihn in Fiumicino aufgebrachte Aktionäre erwarten, oder gar seine Chefetage, und Rechenschaft fordern. Gib Rechenschaft! Der Mann knüllte das Papier zusammen und begann auf einem neuen, glatten und sauberen erneut zu schreiben. Nach einiger Zeit zerknüllte er auch dieses, verpresste es zu einem Kügelchen. Essen wollte er nicht. Ich hätte mir gern seine Scheibe Schinken angeeignet. Unangenehmes ruft bei mir Eßsucht hervor, somit habe ich mich im Flugzeug noch nie übergeben. Ich kriege sofort schrecklichen Hunger, und zwar in umgekehrter Proportion zum Luftdruck. Ich träumte auf meinem Romflug, dass statt des hypernervösen Franzosen Mirjam neben mir säße und verträumt aus dem Fenster in die Dunkelheit schaute. Stuttgart lag tausende Meter tief in einem Fegefeuer von Licht. Ob jemand da oben in dem weißen Kreuz wusste, worüber er sich gerade befindet? Hoffentlich kommt ihr an!

Wie man sieht, kriege ich den Ball nicht gehalten, den ich mangels treffender Formulierungen als kompliziertes Verhältnis zu meinen Eltern bezeichne. Wäre es ein Fußball, würde ich ihn direkt ins Tor des Vergessens schießen. Mich bedrücken Bilder, mit denen ich nichts anzufangen weiß. Mein Gedächtnis hat keine Gesäßtasche, die ich zumachen könnte. Zum Beispiel das Bild – aus der Kindheit, wie süß! –, wie ich mit meinem Vater den Weihnachtsbaum hole. Wir sagten Neujahrstanne und dachten Weihnachtsbaum. Mein Vater war besoffen wie immer. Dafür bekam er dann auch von der Mutter eine verwinkt, dass der eiserne Weihnachtsbaumfuß dröhnte: „Sogar am Heiligen Abend läßt du dich vollaufen wie ein Schwein!“ Das war der erste Winter, in dem er in die Fabrik ging. Mein Vater - nachdem er, der ausgemachte Trottel, eher zufällig, eher ungewollt den Dissidentenstatus erlangt hatte - ging in die Fischkonservenfabrik ans Fließband! Fünfzehn Jahre lang legte er das Lorbeerblatt auf die Sardine. Und stank nach Fusel. Wurde es kompliziert, lächelte er kraftlos. Vielleicht weinte er auch. Wie damals, als wir den Weihnachtsbaum holten. Es war wunderschönes Wetter wie auf schwedischen Weihnachtskarten, der Schnee fiel majestätisch auf die Häuser der Vorstadt. Die Langsamkeit hatte gesiegt. Mein Vater stand da, knickte in den Knien ein, und aus seinen Augen rannen Tränen. Auf den Tannebaum schienen die Laternen, und am Abend kam im Dritten Finnischen Das Leben Jesu, Teil drei. Aber mein Vater weinte. Vermutlich konnte ich damals noch nicht hassen oder verachten.

Mein Vater beging seinen Selbstmord im engen Klo eines Aeroflot-Flugzeuges. Für mich übrigens wohnte dem Fliegen mit Aeroflot schon immer ein gewisses Selbstvernichtungspotential inne, bis heute. Sein Flugzeug war auf dem Weg von Moskau nach Jerevan. Ich weiß nicht, wo der Vater das Geld für das Ticket her hatte und wie er, der nahezu invalide Lalle, überhaupt nach Moskau kam, und wen oder was er in Jerevan suchte. Zwei Tage nach seinem originellen Suizid - doch, doch! - liefen im Fernsehen seine Filme, nachts.  Die Schlüsselfrage und Vergessene Gleise und Borealia. Ihm war ein kleiner postumer Höhenflug beschieden.

Damals fand ich es komisch, dass die Mutter weinte. Momentan finde ich es idiotisch, völlig absurd, wenn du gestattest, geneigter Leser. Noch absurder als Aadus Behauptung vorgestern, über eine LP von Appelsin. Die will er nämlich vor acht Jahren im Suurjärv-See von Rốuge gefunden haben, in sechs Meter Tiefe. Die Platte soll laufen wie eine Eins.

„Du glaubst mir nicht?“ fragte Aadu.

„Wieso? Neulich hast du doch bei acht Metern eine von Smokie und bei zwanzig Elvis´ Perücke gefunden“, antwortete ich.

„Du glaubst mir nicht“, sagte Aadu leise, und in dem Moment tat er mir sogar ein bißchen leid, dieser unmögliche Kerl. Er hätte noch den Kopf senken sollen, dann wäre die Szene perfekt gewesen.

 

§ 3

Ich war betroffen. Und bin es immer noch. Zutiefst! Nimm zur Kenntnis, lieber Leser, dass ich diese Zeilen zuletzt vor vier Tagen angeschaut habe.

Ale hat mich besucht. Ohne Vorwarnung. Richtig, da war nichts, wohin er seine Warnung hätte schicken können. Aadu meinte, dass ich mich aber doch ein bißchen gefreut hätte. Es hätte sich in der Bereitschaft gezeigt, Ale erst anderntags rauszuschmeißen. Ale fand natürlich keine Ruhe, und er wollte reden, über alles nochmal reden, alles nochmal durchkauen.

„Du sollst wissen, dass ich nicht hergekommen bin, um mich bei dir zu entschuldigen“, sagte er.

„Super“, antwortete ich. „Dann kannst du ja wieder gehen.“

Natürlich ging er nicht. Man stelle sich vor, er kriegt drei freie Tage, und die gehen drauf, um mich zu finden. Ich sollte mich geschmeichelt fühlen. Was ich aber partout nicht verstanden habe - was er von mir wollte. Ale hat immer den starken Mann markiert, nie war er von den Socken, nie hatte er eine Leiche im Keller. Ich dagegen - ! Trotzdem, ich habe bis heute nicht begriffen, ob er nur so tut oder nicht.

Ale ist einer meiner Freunde und einer von denen, die mir so übel mitgespielt haben. Einer von denen, die mir die Suppe, die ach-so-lehrreiche (und das meine ich ironisch und bleibe auch dabei!) eingebrockt haben.

Ale zog zwei Bier aus der Tasche, öffnete sie und schoss los:

„Du hast kein Handy mehr?“

Ich schüttelte den Kopf. Ale, Aleksei Alemaa, die Direktheit in Person.

„Mailadresse auch nicht?“

Ich zuckte die Schultern. Ich weiß es nicht. Ich bin ja schon ein paar Monate nicht mehr zu Hause gewesen. Mein Drachenbaum ist, fürchte ich, schon in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Aber besser die ewigen Jagdgründe, als dass ein gewisser Alemaa in meinem Zimmer umherschnüffelt, nach Zeichen sucht und vielsagend die Brauen hebt. Material für die selbstinitiierte Forschungsarbeit zusammenträgt. Ich würde hier gern was Unwiederholbares sagen. Aber ich bin ja kein Intellektueller in der ersten Generation wie Freund Ale.

„Also wichst du wie ein Kaputter.“

Typisch Ale. Der König des Unappetitlichen. Diese Bandbreite hat er sogar dann drauf, wenn er es gar nicht nötig hat. Wenn er es nicht nötig hat, auf den Hals einer alternativen Zicke rote Flecken zu zaubern. Ale ist Arzt. Ale liebt es, Ekliges zu erzählen. Wie sich Krebs verbreitet. Wer wie gestorben ist. Wie wer unter seinen Augen gestorben ist. Wie die Lunge eines Kettenrauchers aussieht. Dass, wenn er die binnen Jahresfrist herausgeschnittenen Uteri sammeln würde, man daraus Suppe kochen könnte für eine ganze Kleinstadt.

Er bringt mich sogar jetzt noch zum Grinsen, jetzt, da ich weiß, dass er nicht mehr mein Freund ist. Er sieht einen meistens nicht an, wenn er seine Erfahrungen zum Besten gibt. Er ist ein Mensch, der vermutlich nicht einmal imstande ist, auf der Beerdigung seiner Mutter zu trauern. Er pflegt sein Gesicht mit einer teilnahmslosen, leicht stumpfen Maske zu überziehen, wohlweislich einer äußerst selbstbewussten. Er liebt es, zu seinen Geschichten Alkohol zu trinken. Als würde der ihnen eine Umdrehung mehr verleihen. Einmal brachte er mir eine Flasche Wein mit und behauptete, dass der Grusinier, von dem er ihn geschenkt bekommen hatte, zwei Stunden zuvor an Dickdarmkrebs gestorben sei. Danach sprach er über die Ausscheidungen, die man aus dem Bauchraum holt.

„Ich tus ja bis heute“, fuhr Ale ungerührt fort.

„Nur zu! Auf dass die Fontänen gen Himmel steigen“, entgegnete ich. Glaub mir, Leser, du wirst meine Abneigung noch verstehen.

„Mensch, Sten, damit beweist du doch keinem was“, schlug er auf einmal einen ernsten Ton an. Und wahrhaftig, er hatte es geschafft, einen Moment lang zu schweigen.

„Womit?“

„Mit deinem Ausstieg.“

„Ich will nichts beweisen.“ Ich dachte daran, wie viele offene Rechnungen ich in letzter Zeit hatte begleichen müssen und wie das an meinen Nerven genagt hat. Wie Rost an einem Wrack.

„Du bist doch viel zu bequem, Menschenskind! Wenn ich mir vorstelle, wie dir zum Beispiel ein Plumpsklo auf den Sack geht.“

„Ja, Ale. Und ich verabscheue die Nächte, die weder von Neonröhren noch von Energiesparbirnen erhellt werden. Aus irgendeinem Grund bevorzuge ich die dunkle Ungewissheit, die ich so fürchte, wobei ich gar nicht weiß, warum.“

Jetzt wurde er lebhaft und unterließ es bewußt, auf meine Anspielung zu reagieren. „Wir leben in der Welt der Bequemlichkeiten, das müßtest du doch am Besten wissen. Bequemlichkeit definiert die Vorlieben und stimuliert die Denkfähigkeit, die sich im Kopf des Menschen rudimentär gehalten hat, was natürlich paradox ist, denn die Bequemlichkeit, ich meine die bereits etablierte, bremst die Denkfähigkeit in ganz wunderbarer Weise. O, du ahnst ja nicht, wie schutzlos der Mensch ist! Hast du keine Angst vor Zecken? Hier gibt es sicher eine Million pro Quadratmeter.“

„Mehr, Ale, mehr. Die Wiese ist zeitweise gar nicht zu sehen.“

„Mein Guter, du hast noch keine von Zeckenbissen entstellten Körperteile gesehen. Wohlgemerkt von gesunden Zecken. Und ich muss wohl nicht betonen, dass du keine Ahnung hast, was Borreliose bedeutet.“

„Was willst du, Ale? Beziehungsweise, was wollt ihr?“

Ich traf den Nagel auf den Kopf, zudem mit dem richtigen Hammer. Ale versank in Schweigen.

„Aber ...“ Und das war alles. Ich glaube, das war das beste, was er sagen konnte. Nun, ich verstand ihn. Er wollte sagen – und damit auch glauben -, dass sich nichts geändert hätte. Dass es möglich sein sollte, auf welcher Ebene auch immer, aber an dem Punkt weiterzumachen, wo alles unterbrochen worden war, wo Die Große Verschwörung die Dinge durchtrennt hatte. Aber Ale ist nicht der Mann dazu. Einer wie Ale sagt eines Tages zu seiner derzeitigen Angetrauten: „Du, übrigens, ich liebe dich und kann ohne dich nicht leben, aber  das lassen wir jetzt mal beiseite.“

Ich sah ihn an, er sah zum Verandafenster hinaus. Die Veranda hat zwölf Fenster. Eine ganze Menge. Ich hatte in dem Moment noch mehr Wörter parat, aber ich sagte nur:

„Ich will nicht so tun, als ob.“ Dann stand ich auf. Ich war überrascht, wie freundlich und wohlwollend ich mich fand. Als hätte ich die ganze Menschheit dem Verfall entrissen, gänzlich neue Wege aufgetan. Obwohl ich lediglich beschlossen hatte, mich zu schützen. Mich zu positionieren, um meinen berufsbedingten Wortschatz zu gebrauchen. Weiterhin beschloss ich, den Barsch zu räuchern, den ich am Vortag mit Aadu im Sohujärv gefangen hatte. Eigentlich hat Aadu ihn gefangen, meinen Anteil dabei würde ich bestenfalls als assistieren bezeichnen. Aber Aadu hat mir die Hälfte abgegeben.

„Ich hoffe nur, dass Mirjam dich nicht geschickt hat“, sagte ich am späten Abend zu Ale, als ich ihm das Bett zurechtmachte.

„Bescheuert! Mann, was bist du bescheuert! Hast du etwa darauf gehofft?“ fragte Ale und fügte hinzu: „Uh, mein Pimmel juckt. Ich hoffe, du hast hier keine Filzläuse. Bei uns auf Station ist gerade ein alter ...“

„Gute Nacht, Ale“, sagte ich. Ich hatte nicht vor, mich mit ihm in der dämmrigen Bodenkammer zu verbrüdern. Am andern Morgen war er fort. Das kam überraschend und raubte mir meine imaginäre Ruhe. Eine Illusion, schon wieder! Was, verdammt, hat er hier gesucht? Hat er befürchtet, dass ich das gleiche mache wie mein Vater? Erinnert er sich denn nicht an mein Versprechen?

„Der ist weg, als der Nebel noch überm Boden hing. Zuerst hab ich gedacht, ein Gespenst oder dein Hausgeist“, nuschelte Aadu. Er saß vor unserem Haus am Weg und las die Pornozeitschrift „Herz As“. Er bemerkte natürlich sofort meinen Blick.

„Nicht doch, Junge. Ich will bloß gucken, wie sich meine Geschichte macht.“

„Deine Geschichte?“

„Naja. Irgendwie muss ja auch unsereins sein Brot verdienen. Heißt doch nicht, wenn das Ende aller Zeiten da ist, dass ich vorher Hungers sterben muss.“

Komisch, diese kleine Bombenneuigkeit – kann etwas bombiges klein sein? – wirkte erheiternd. Ich wusste, dass Aadu allerhand Verschwörungstheorien verfasste, Theorien über die Kanalisierung einer Geisteshaltung, bezogen auf die Menschen, die an bestimmte astrologische Regeln glauben – diese ganze new-age-Sülze, so klar wie Aadus Sprechweise, mir jedoch zu wabbelig. Komisch, genau wie Ale hat auch Aadu der Demokratie gegenüber Vorurteile.

„Aber meine Geschichten sind nicht brutal“, rechtfertigte sich Aadu. „In meinen Geschichten wird niemand geschlagen. Niemand, niemals. Da wird ausschließlich gevögelt, aufrichtig und kraftvoll.“ Ich setzte mich neben Aadu ins noch feuchte Gras und fing an zu lesen. Nur um seine Befürchtungen zu zerstreuen. Wir saßen nebeneinander im Gras, und ich versuchte Ales unerwarteten Besuch mittels Lesen einer törichten Pornoposse zu vergessen. Meine Augen hangelten sich zerstreut  an den Wörtern und Sätzen entlang, aber meine Gedanken kreisten um die Hypothese, dass ich vielleicht noch enttäuschter gewesen wäre, wenn ich das Quietschen der Gartenpforte gehört, aber dann gesehen hätte, dass ganz jemand anderes auf dem Hof steht. Zum Beispiel Ale. Und nicht sie.







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