Auszug aus Roman: Mari Saat, Im Grunde

Im Grunde (Sinikõrguste tuultes)
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(c) Jüri J Dubov
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(c) Jüri J Dubov
Aus dem Estnischen von Irja Grönholm


Ich liebe Haut. Ich meine damit keine Häute, wie der

Kürschner, wie das Kunstgewerbe sie sieht, beziehungsweise

die meisten Menschen. Mir ist aufgefallen, dass die

Leute Leder mögen: Wenn sie genügend Geld hätten,

würden sie in Lederjacken, Lederwesten, Ledermänteln

herumlaufen, würden in Ledersesseln sitzen und über lederne

Bucheinbände streichen. Mich lässt das kalt. Ich

mag Stoff, besonders Leinen, Grobgewebtes, Leinwand,

den Duft eines Malgrundes. Ja, verglichen mit anderen

Materialien, wie Holz, Stoff oder Papier, stößt mich Leder

sogar ab.

Dafür liebe ich die Haut eines lebendigen Menschen.

Besonders die zarte, glatte, wie auf der Innenseite des Unterarms,

durch die das Blut hindurchscheint. Lebendige

Haut leuchtet, sie strahlt die Wärme des Blutes aus.

Ich habe auch die Haut einer Toten berührt und bin

entsetzt zurückgefahren, und das, obwohl es meine Mutter

war und ich keine Angst vor Toten habe, schon gar

nicht vor meiner Mutter. Ich hatte keinerlei Bedenken,

scheute mich nicht, mit ihr allein zu sein, auch nicht nach

dieser Berührung, auch nicht für eine Nacht in der Friedhofskapelle.

Das, wovor ich zurückschreckte, war die

kalte tönerne Hülle, mit der der Körper meiner Mutter

auf einmal bedeckt war. Denn tote Haut ist wirklich wie

feuchter Ton, schwer und kalt, und ihre Farbe lebt nicht.

Man hat das Gefühl, wenn man sie versehentlich etwas

stärker berührt, bleibt der Fingerabdruck – wie im Ton –

zurück.

Wenn man Scharlachrot mit Weiß übermalt, vermittelt

es den Eindruck lebendiger Haut. Ich habe mir gedacht,

wenn ich einmal reich bin, dann werde ich etwas

Gegenständliches machen, ein Sofa oder einen Sessel –

etwas, das genau so hell und licht ist, vielleicht sogar von

innen beheizbar, etwas, angesichts dessen man sich fühlt

wie angesichts eines lebendigen Menschen.

Komisch: Alle, denen ich von diesem Möbelstück erzählt

habe, fassen es vollkommen anders auf als ich. Sie

finden es makaber oder abwegig oder sehen es als Plagiat

einer Hitchcock-Idee. Nur Emil – er war der Einzige,

den es nicht schauderte, obwohl auch er es anders sah:

Seiner Meinung nach war es Erotik pur. Er fing an zu

lachen und meinte, es würde ihn an die Vorstellung meines

Vaters vom weiblichen Idealbild erinnern. Nach Meinung

meines Vaters muss ein richtiges Weib so beschaffen

sein, dass es einen Mann zwischen den Brüsten ersticken

kann. Freilich ist das nicht auf dem Mist meines Vaters

gewachsen, sondern irgend so eine Redensart, eine russische

oder ukrainische, aber seltsamerweise gefällt sie den

Männern. Dabei war meine Mutter klein und zierlich,

eher ein hauchiges Wesen denn ein üppiges Weib. Ihren

zarten Knochenbau habe ich zwar nicht geerbt, aber von

besagtem Ideal bin auch ich meilenweit entfernt.

Zurück zum Sofa. Emil meinte dazu soviel: Wenn er

darauf liegen würde, überkämen ihn garantiert erotische

Gefühle, noch dazu, wenn es beheizbar wäre. Emils Meinung

sollte ich ernst nehmen, denn Emil liebt ja Wärme

über alles. Wärme, Sauberkeit, Schönheit. Emil hat Geschmack.

Soll ich sagen liebt oder liebte?

Über meinen Vater kann ich nicht sagen, ob er noch

etwas liebt oder liebte, ob er noch etwas will oder wollte;

und wenn es an der Tür klingelt und ich öffne und mein

Vater steht vor mir, ob das dann der echte Vater ist, unter

dessen Haut das warme, lebendige Blut hervorleuchtet,

oder ob es ein Zombie mit tonkalter Haut ist. Von ihm ist

durchaus Letzteres zu erwarten, denn er würde selbst einem

Grab entsteigen, wenn er es sich einmal in den Kopf

gesetzt hat.

Mein Vater und Emil kamen gut miteinander aus (dieses

eine Mal, als sie sich trafen), obwohl keiner auch nur

ein einziges Wort des anderen verstand. Vielleicht kamen

sie so gut aus, weil es nicht möglich war, miteinander zu

reden – beziehungsweise nur soviel, wie ich geruhte zu

dolmetschen. Und weil es ihnen nicht freistand, sich öfter

zu treffen. Bis heute nicht, um es genauer zu sagen.

Damals hatten sie nichts Besseres zu tun, als miteinander

Schach zu spielen – Blitzschach, denn längeres Nachdenken

ertrug (oder erträgt?) mein Vater nicht. Blitzkrieg

war einer der Lieblingsausdrücke in seinem kargen

fremdsprachigen Wortschatz, und zudem einer, den wohl

alle seine Altersgenossen verstanden. Zumindest Emil

verstand sofort, als der Vater die Schachtel mit dem Spiel

vor seiner Nase schüttelte und kämpferisch Blitzkrieg!

ausrief.

Interessant zu erfahren, ob alle Männer Schach spielen

können. Und was sie daran finden. Die so alt sind wie

mein Vater und Emil, können es wohl alle. Aber die jüngeren,

habe ich das Gefühl, nicht mehr. Obwohl – galt

Schach nicht einst als Zeitvertreib der Hindu-Damen? Ist

meine Welt schon so degeneriert, dass sie sich für Schach

nicht mehr interessiert? (Bin ich im Vergleich zu meinem

Vater degeneriert? Ich glaube nicht. Im Vergleich zu den

Damen aus dem alten Indien vielleicht, aber nicht zu

meinem Vater.)

Im Grunde verstehe ich, auch wenn ich es nicht formulieren

kann, warum Schach interessant sein kann – ist es

doch nichts anderes als das Kombinieren von Verhaltensmöglichkeiten.

Nur interessiert mich gerade das keinen

Deut. Mir ist das Verhalten, die Handlung, sagen wir, die

Zeit, völlig gleich. Ernsthaft interessieren mich nur meine

fertigen Arbeiten, das Ergebnis. Alles, was dazwischen

liegt, einschließlich Zeit, sind nur Hindernisse, die zwischen

meiner Idee und der fertigen Arbeit zu überwinden

sind, und deswegen ist alles Übrige so unersprießlich und

störend. Meine Ansicht ist freilich nicht zu verallgemeinern:

Möglich, dass die ganze Welt voller Schachspieler

wäre, wenn es keine Computer gäbe. Heute sind von den

potenziellen Schachspielern viele einfach nur Computerspieler.

Jedenfalls leistete Emil zu meiner Überraschung dem

Vater in jenem Blitzkrieg heftigen Widerstand, zudem

wohl auf originelle Weise, denn hin und wieder lachten

beide aus vollem Halse. Wie funktioniert nur das Gehirn

des Menschen, wenn ihm das Bewegen stereotyper Figuren

Spaß bereitet? Ich meine es nicht abwertend, mir

scheint nur, dass es hier ein Geheimnis gibt, das ich nicht

lüften kann. Oder nicht lüften mag.

Und bei alledem waren sie vollkommen gegensätzlich.

Mein Vater untersetzt und ungelenk, so als hätte er vor,

nur hin und wieder zu einem lebendigen Menschen zu

werden und den wesentlichen, den größeren Teil seines

Lebens, als in Bronze gegossene oder in Granit gehauene

Kriegerbüste zu verbringen. Selbst seine schwarzen

glatten Haare waren fest an den Kopf pomadisiert. Und

wehe dem Härchen, das es wagte, sich von den anderen

zu lösen!

Emil war um einiges größer als er und schlanker, aber

wirkte im Vergleich zu ihm beinahe rundlich und weich.

Auch sein Haar war weich und leicht gewellt, wohl auch

deswegen sah Emil immer ein wenig zerzaust aus.

Von meinem Vater wiederum hatte man den Eindruck,

als müsse er sich immerzu waschen und schrubben – was

er auch tat: Er wusch und schrubbte sich pflichtversessen

jeden Morgen unter der kalten Dusche und nebelte sich

danach mit Parfüm ein. Ich hatte immer ein teures Rasierwasser

parat, damit mein Vater – wenn er mich denn

besuchen kam, hinter den sieben Bergen oder den sieben

Meeren aufgetaucht war – nicht die ganze Wohnung mit

seinen fürchterlichen Duftwässern verstänkerte. Er hingegen

behauptete, das Rasierwasser würde stinken, aber

fügte sich trotzdem, vertraute mir, zumindest hier, in Estland.

Ja, und Emil wirkte immer sauber und gepflegt, selbst

wenn er sich auf mein Drängen einmal nicht rasierte. Ich

mag keine Bärte. Aber mir gefällt es, wenn der Bart vergessen

wurde zu rasieren; manchmal, nicht immer. Aber

das wird wohl der Rubrik erotischer Wünsche zuzuordnen

sein.

Ich kann mir nicht helfen, ich finde jegliche Zuordnungen

töricht. Ich liebe das Wechselvolle. Zum Beispiel

mag ich auch meine Wohnung in einem einzigen Kraftakt

sauber machen, sie erst so richtig verkramen, sie einstauben

lassen und dann einen ganzen Tag lang putzen

und wienern, als wäre morgen Weltuntergang.

Dies soll ganz nach Art der Russen sein; zumindest

sagt das meine Großmutter. Ihrer Ansicht nach hat alles

jederzeit tipptop zu sein.

Vielleicht hat sie recht – damit, dass es die Art der Russen

ist, denn Emil wollte alles um sich herum immer in

Ordnung halten, die Dinge genau an ihrem Platz wissen.

Ich bemerkte es durchaus, wenn er bei mir Vergessenes

wieder an den angestammten Platz legen wollte. An

ihm störte es mich nicht, im Gegenteil: Ich war manchmal

absichtlich unordentlich, damit er die Gegenstände

behutsam, seiner Ansicht nach unbemerkt (er fürchtete

mich zu verletzen, wenn er zeigte, dass er mich für liederlich

hielt) auf ihre vermeintlichen Plätze legen konnte.

Auf die vermeintlichen, denn bei mir musste er raten,

wo sie hingehörten, hier unterlagen die Dinge keinen so

fest gefügten Regeln wie bei ihm zu Hause. Mir bereitete

das Spaß: Emil war wie ein Gärtner, der nach Sturm und

Regen auf seinen Blumenbeeten Ordnung schafft (oder

besser, wie der Mensch in seinem wahren Sinn: hierher

in die Welt gesetzt, um die Natur von ihren Auswüchsen

zu bereinigen).

Emil liebte das Schöne und Geschmackvolle. Er aß im

Grunde nur deshalb, um mit der Zunge den Geschmack

zu spüren, zu genießen. Es war, als wäre er immerzu auf

der Suche nach etwas Bewundernswertem.

Demzufolge muss meine Stadt für ihn nur schwer zu

ertragen gewesen sein: Matsch oder Staub (je nach Wetterlage)

begleiten einen ständig, und die heruntergekommenen,

schwammbefallenen Häuser mit ihrer abblätternden

Farbe, ihrem bröckelnden Putz und den verfaulten

Fensterrahmen – so etwas geht durch die Augen in den

Menschen ein und wickelt sich da zu einem großen grauen

Knäuel auf, zu einer Kugel aus Spinnenfäden, wie sie

die Hexen in alten Zeiten den Menschen in den Mund

warfen, um sie auf diese Art eines langsamen Todes sterben

zu lassen. Emil versicherte zwar, dass ihn das alles

kein bisschen störe, er es gar nicht merke, wenn ich bei

ihm sei. Aber das konnte ich ihm beim besten Willen

nicht abnehmen.

Natürlich, logisch gesehen, schon die Bemerkung wenn

du bei mir bist, hieß doch, dass er sich nur meinetwegen

mit all dem abfand; ohne mich hätte es ihn eben doch

gestört. Und wie lange würde ich imstande sein, die Erbärmlichkeit

von ihm fernzuhalten?

Im Grunde vermochte ich es schon damals nicht, denn

gleich nach Emilias Geburt drängte er mich, nach Schweden

umzuziehen, weil Estland für das Kind kein günstiges

Umfeld sei. Mich befremdete dieser Ausdruck sehr, ja, er

erboste mich, dieser überaus taktvolle Ausdruck, als hätte

er mich besudelt, als zöge er eine unsichtbare, aber umso

festere Grenze zwischen Emilia und uns, die Esten.

Ja, interessant, warum mich diese zurückhaltende Äußerung

so störte, während mich seine Angewohnheit, bei

mir aufzuräumen, in keiner Weise aufregte. Hätte er eine

andere Begründung gewählt, zum Beispiel, dass es ihm

schwerfiele, von uns getrennt zu sein, dann hätte ich es

vielleicht nicht abgelehnt mitzugehen, selbst wenn ich gedacht

hätte, das wird nicht der einzige Grund sein. Oder

wenn er mir offen ins Gesicht gesagt hätte, dass hier alles

dreckig ist und verfällt und er nicht will, dass sein Kind

hier aufwächst – dann hätte ich ein bisschen mit ihm

streiten und dann nachgeben können. Aber kein günstiges

Umfeld – in meinen Ohren war das eine der typisch

schwedischen Redensarten, mit denen man zwischen sich

und den anderen, den Niederen, die Grenze zog. Eine

sehr höfliche, sehr unsichtbare, aber äußerst beständige.

Was denn?! Wir sind doch alle die geborenen Grenzzieher,

und wahrscheinlich gibt es kein einziges Volk, das

nicht ein vermeintlich unter ihm stehendes finden würde.

Nur dass es nicht alle so subtil ausdrücken.

Ich hasse Völker! Inklusive uns Esten! Darf ich mich

überhaupt Estin nennen? Laut Pass bin ich eine, und

sicherlich denke ich auch überwiegend wie eine Estin.

Denn Este ist, wer sich für einen Esten hält, wer die

Grenze zieht, zwischen sich und dem anderen Volk, zu

dem irgendwann einer seiner Vorfahren gehört hat. Und

wenn ich ehrlich bin, kann ich mich nicht entsinnen, dass

ich jemals, und sei es in der Kindheit, meinen Vater diese

Grenze hätte überschreiten lassen. Was also habe ich

Emil vorzuwerfen, oder den anderen, noch schwedischeren

Schweden?

Aber gleichzeitig habe ich nicht das Gefühl, dass Estland

meine Heimat ist – ich kann mich nicht allein hierher

gehörig fühlen. Als meine Heimat empfinde ich den

Erdball. Das mag lächerlich klingen. Aber aus einiger

Entfernung, von oben betrachtet, ist die Erde gar nicht

übermäßig groß. Im Gegenteil. Man muss sich nicht in

den Kosmos katapultieren, man braucht nur den Blick

zu heben (der Himmel einer Augustnacht eignet sich

besonders) und die winzigen Sterne anzuschauen, die

millionenfach größer sein sollen als unsere Heimatkugel,

zumindest nach Behauptung der Wissenschaftler. Dann

denke ich, dass mir diese kleine Kugel wirklich Heimat

genug ist und dass ich sie nicht unbedingt verlassen mag.

Allerdings, so einfach ist es nicht, dass du nur den

Blick hebst und schaust; zumindest in der Stadt nicht.

Die Stadt ist darauf erpicht, die Sterne auszulöschen. Die

Lichter der Stadt lassen die Sterne matt erscheinen, als

würde man sie durch staubiges Glas anschauen. Selbst

wenn man ans Meer geht oder in einen Park: Die Stadt

mit ihrem tötenden Licht ist allgegenwärtig. Es ist wirklich

nicht so einfach. Man muss in einer wolkenlosen

Nacht aus der Stadt hinausfahren, dann sieht man die

Sterne richtig. Man ist sogar überzeugt, dass es keiner

Hilfsmittel bedarf, keiner Raketen oder Teleskope; man

kann mit bloßem Auge in die Sterne hineinrasen, wenn

man nur geduldig auf der Stelle verharrt und schaut.

Dann kommen die Sterne immer näher, über alle im

Raum aufgestellten Grenzen hinweg.

Und deswegen mag ich auch keine Völker – eben weil

sie Grenzen ziehen wollen. Sicherlich würden sie auch den

Wind umzäunen, wenn sie nur könnten, und dann mit

der Luft verhandeln. Oder sie würden die schlechte Luft

in ärmere Länder transportieren. Ich finde, dass dies vor

allem ein Unrecht der Erde gegenüber ist – sie auf diese

Art zu zerstückeln und einzupferchen. Und wenn ich tiefer

darüber nachdenke, wird mir schwer ums Herz, weil

ich kein Vogel bin und auch nicht bloße Seele; weil ich

in einem Körper festsitze, den ich von einem mit Hindernissen

bewehrten Stück Land auf ein ebensolches anderes

befördern will und dafür jedes Mal sinnlose Fragebögen

ausfüllen und die Genehmigung von Beamten einholen

muss, die jene Macht verkörpern, die das Fleckchen Erde

irgendwann erobert und als ihr Eigentum ausgerufen

hat. Denn mögen die Esten schon siebentausend Jahre

hier gelebt haben – davor sind sie ja doch als Streitmacht

eingefallen und haben die Ansässigen niedergemetzelt!

Irgendwie fühle ich, dass tief in meinem Inneren etwas

ist, das älter ist als die Geschichte aller Völker, und dieses

Etwas erinnert sich noch an die Zeit, als es keine Grenzen

gab, und fühlt sich durch die vorhandenen gedemütigt.

Vielleicht empfinden nur Steppenvölker so?

Schon möglich, dass ich das Herz eines Steppenbewohners

habe (auch wenn ich es nicht zugeben will).

Man fühlt doch mit dem Herzen? Denn ich denke nicht

so. Ich denke wie eine echte Estin und meine, dass es

mir überhaupt nicht behagen würde, wenn unser kleines

Land keine Grenze hätte – wie kürzlich geschehen, als

man sie von einer Seite niederriss und jedermann auf uns

herumtrampeln konnte, wie es ihm beliebte. Nein, das

will ich auch nicht! Offenbar ist es das nüchterne Wesen

des Esten, das mir sagt, dass man sich ins Unvermeidliche

fügen muss, dass der Erdball kein freies Feld mehr ist und

dass wir, die wir es gewollt haben, justament hier und

jetzt auf der Welt zu sein, zu viele an der Zahl sind und es

darum heißt, um jedes Fleckchen Grenzen zu ziehen und

Krieg zu führen.

Ach, ich weiß nicht. Wenn ich Grenzen nicht leiden

kann, dann dürfte ich doch nicht traurig sein, wenn es

jemandem gelingt, Grenzen zu überwinden – beispielsweise

die seines Körpers. Warum macht mich das so unendlich

traurig? Geht es mir um den verlassenen Körper?

Oder um die Seele, die vielleicht gar nicht frei sein wollte

und jetzt ruhelos umherirrt? Oder geht es mir letztlich

doch nur um mich?

Ich weiß nichts von Gott. Ich kann nichts über ihn sagen

– ich kenne ihn nicht. Gibt es ihn überhaupt? Wenn

ich so frage, warum antwortet mir keiner? Aber eins kann

mir auch keiner weismachen, und zwar, dass ich keine

Seele habe, etwas, das zunächst in meinem Körper wohnt

und dann weiterlebt. Ich fühle einfach, dass dem so ist,

egal ob ich daran glaube oder nicht. Und ich habe das

Gefühl, dass der Körper (insbesondere das Gesicht) nicht

einfach von der Natur, dem genetischen Code der Eltern,

geformt wird, sondern dass er das Material ist, aus dem

etwas, das man mit dem Wort Seele zu bezeichnen pflegt,

die adäquate Hülle formt. So und nicht anders wurde

der Körper meines Vaters preisgegeben von dem, der ihn

geformt und als Behausung benutzt hatte, Emils Körper

wiederum von dem anderen – dem wirklichen Emil.

Engel sehe ich tanzen im Wind …

Warum spukt mir dieser Satz im Kopf herum? Wahrscheinlich

ist es gar kein Satz, sondern eine Gedichtzeile.

(Ich weiß es nicht; nicht einmal, ob ich es gelesen oder

gehört habe. Wahrscheinlich gehört, denn Gelesenes

prägt sich mir tiefer ein; zumindest erinnere ich mich an

den Bucheinband.) Außerdem ist mir, als wäre in der Ge18

schichte oder dem Gedicht behauptet worden, der Wind

sei das Element der Engel beziehungsweise sie wären es,

die ihn entstehen ließen. Aber ich glaube auch gehört zu

haben, dass Engel sich mittels Wasser offenbaren; aus irgendeinem

Grund gerade durch fließendes Wasser. Lieben

die Mohammedaner nicht deswegen das fließende

Wasser, die Springbrunnen so sehr und schmücken damit

ihre Gärten? Ich weiß es nicht, und eigentlich ist es überhaupt

nicht wichtig. Es ist sogar dumm: sich den Kopf

darüber zu zerbrechen, wer was wann über Wesen gesagt

hat, deren Existenz mehr als zweifelhaft ist.

Nur dass mir dieser Satz immer wieder in den Sinn

gekommen ist, in meinem Kopf herumgeistert, als würde

ein Windstoß ihn für kurze Momente hindurchfegen,

und das ist ziemlich unangenehm. Wenn ich genauer darüber

nachdenke, dann weiß ich nicht einmal, ob es hieß:

Engel sehe ich tanzen im Wind,

oder:

Einen Engel sehe ich tanzen im Wind.

Letzteres unterscheidet sich nur durch ein einziges

Wörtchen von Ersterem, aber der Inhalt ist ein gänzlich

anderer: Ersteres ist leicht und hell, Zweiteres dagegen

dunkel, man könnte sogar sagen, drohend. Im Grunde

weiß ich sehr wohl, warum das so ist: Engel im Plural

ist beliebiger. Gemeint ist irgendwer oder irgendwas, den

oder das man für gut hält, denn es assoziiert Himmel

und Gott. Hingegen ein einziger Engel kann sowohl – als

auch sein, möglicherweise sogar der, der aus dem Himmel

verstoßen wurde, oder noch schlimmer: der Todesengel,

von dem keiner so recht weiß … Aber das muss nicht für

jedermann so sein. Ich habe meine persönlichen Beziehungen

zu einem ganz bestimmten Engel.







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