- Zu dieser Ausgabe
- Essay: Vergangenheits-bewältigung in der Literatur, Cornelius Hasselblatt
- Eine Novelle: Jüri Ehlvest, Kruziania
- Eine Novelle: Eeva Park, Absolut meisterhaft
- Eine Novelle: Mehis Heinsaar, Der schöne Armin
- Eine Novelle: Maimu Berg, Baltic Dream
- Eine Novelle: Ervin Õunapuu, Die stinkenden Handschuhe des Chefs
- Auszug aus Roman: Mari Saat, Im Grunde
- Auszug aus Roman: Jan Kaus, Sie
- Lyrik: Hasso Krull
- Lyrik: Triin Soomets
- Lyrik: fs
- Lyrik: Elo Viiding
Auszug aus Roman: Mari Saat, Im Grunde
Im Grunde (Sinikõrguste tuultes)
Ich liebe Haut. Ich meine damit keine Häute, wie der
Kürschner, wie das Kunstgewerbe sie sieht, beziehungsweise
die meisten Menschen. Mir ist aufgefallen, dass die
Leute Leder mögen: Wenn sie genügend Geld hätten,
würden sie in Lederjacken, Lederwesten, Ledermänteln
herumlaufen, würden in Ledersesseln sitzen und über lederne
Bucheinbände streichen. Mich lässt das kalt. Ich
mag Stoff, besonders Leinen, Grobgewebtes, Leinwand,
den Duft eines Malgrundes. Ja, verglichen mit anderen
Materialien, wie Holz, Stoff oder Papier, stößt mich Leder
sogar ab.
Dafür liebe ich die Haut eines lebendigen Menschen.
Besonders die zarte, glatte, wie auf der Innenseite des Unterarms,
durch die das Blut hindurchscheint. Lebendige
Haut leuchtet, sie strahlt die Wärme des Blutes aus.
Ich habe auch die Haut einer Toten berührt und bin
entsetzt zurückgefahren, und das, obwohl es meine Mutter
war und ich keine Angst vor Toten habe, schon gar
nicht vor meiner Mutter. Ich hatte keinerlei Bedenken,
scheute mich nicht, mit ihr allein zu sein, auch nicht nach
dieser Berührung, auch nicht für eine Nacht in der Friedhofskapelle.
Das, wovor ich zurückschreckte, war die
kalte tönerne Hülle, mit der der Körper meiner Mutter
auf einmal bedeckt war. Denn tote Haut ist wirklich wie
feuchter Ton, schwer und kalt, und ihre Farbe lebt nicht.
Man hat das Gefühl, wenn man sie versehentlich etwas
stärker berührt, bleibt der Fingerabdruck – wie im Ton –
zurück.
Wenn man Scharlachrot mit Weiß übermalt, vermittelt
es den Eindruck lebendiger Haut. Ich habe mir gedacht,
wenn ich einmal reich bin, dann werde ich etwas
Gegenständliches machen, ein Sofa oder einen Sessel –
etwas, das genau so hell und licht ist, vielleicht sogar von
innen beheizbar, etwas, angesichts dessen man sich fühlt
wie angesichts eines lebendigen Menschen.
Komisch: Alle, denen ich von diesem Möbelstück erzählt
habe, fassen es vollkommen anders auf als ich. Sie
finden es makaber oder abwegig oder sehen es als Plagiat
einer Hitchcock-Idee. Nur Emil – er war der Einzige,
den es nicht schauderte, obwohl auch er es anders sah:
Seiner Meinung nach war es Erotik pur. Er fing an zu
lachen und meinte, es würde ihn an die Vorstellung meines
Vaters vom weiblichen Idealbild erinnern. Nach Meinung
meines Vaters muss ein richtiges Weib so beschaffen
sein, dass es einen Mann zwischen den Brüsten ersticken
kann. Freilich ist das nicht auf dem Mist meines Vaters
gewachsen, sondern irgend so eine Redensart, eine russische
oder ukrainische, aber seltsamerweise gefällt sie den
Männern. Dabei war meine Mutter klein und zierlich,
eher ein hauchiges Wesen denn ein üppiges Weib. Ihren
zarten Knochenbau habe ich zwar nicht geerbt, aber von
besagtem Ideal bin auch ich meilenweit entfernt.
Zurück zum Sofa. Emil meinte dazu soviel: Wenn er
darauf liegen würde, überkämen ihn garantiert erotische
Gefühle, noch dazu, wenn es beheizbar wäre. Emils Meinung
sollte ich ernst nehmen, denn Emil liebt ja Wärme
über alles. Wärme, Sauberkeit, Schönheit. Emil hat Geschmack.
Soll ich sagen liebt oder liebte?
Über meinen Vater kann ich nicht sagen, ob er noch
etwas liebt oder liebte, ob er noch etwas will oder wollte;
und wenn es an der Tür klingelt und ich öffne und mein
Vater steht vor mir, ob das dann der echte Vater ist, unter
dessen Haut das warme, lebendige Blut hervorleuchtet,
oder ob es ein Zombie mit tonkalter Haut ist. Von ihm ist
durchaus Letzteres zu erwarten, denn er würde selbst einem
Grab entsteigen, wenn er es sich einmal in den Kopf
gesetzt hat.
Mein Vater und Emil kamen gut miteinander aus (dieses
eine Mal, als sie sich trafen), obwohl keiner auch nur
ein einziges Wort des anderen verstand. Vielleicht kamen
sie so gut aus, weil es nicht möglich war, miteinander zu
reden – beziehungsweise nur soviel, wie ich geruhte zu
dolmetschen. Und weil es ihnen nicht freistand, sich öfter
zu treffen. Bis heute nicht, um es genauer zu sagen.
Damals hatten sie nichts Besseres zu tun, als miteinander
Schach zu spielen – Blitzschach, denn längeres Nachdenken
ertrug (oder erträgt?) mein Vater nicht. Blitzkrieg
war einer der Lieblingsausdrücke in seinem kargen
fremdsprachigen Wortschatz, und zudem einer, den wohl
alle seine Altersgenossen verstanden. Zumindest Emil
verstand sofort, als der Vater die Schachtel mit dem Spiel
vor seiner Nase schüttelte und kämpferisch Blitzkrieg!
ausrief.
Interessant zu erfahren, ob alle Männer Schach spielen
können. Und was sie daran finden. Die so alt sind wie
mein Vater und Emil, können es wohl alle. Aber die jüngeren,
habe ich das Gefühl, nicht mehr. Obwohl – galt
Schach nicht einst als Zeitvertreib der Hindu-Damen? Ist
meine Welt schon so degeneriert, dass sie sich für Schach
nicht mehr interessiert? (Bin ich im Vergleich zu meinem
Vater degeneriert? Ich glaube nicht. Im Vergleich zu den
Damen aus dem alten Indien vielleicht, aber nicht zu
meinem Vater.)
Im Grunde verstehe ich, auch wenn ich es nicht formulieren
kann, warum Schach interessant sein kann – ist es
doch nichts anderes als das Kombinieren von Verhaltensmöglichkeiten.
Nur interessiert mich gerade das keinen
Deut. Mir ist das Verhalten, die Handlung, sagen wir, die
Zeit, völlig gleich. Ernsthaft interessieren mich nur meine
fertigen Arbeiten, das Ergebnis. Alles, was dazwischen
liegt, einschließlich Zeit, sind nur Hindernisse, die zwischen
meiner Idee und der fertigen Arbeit zu überwinden
sind, und deswegen ist alles Übrige so unersprießlich und
störend. Meine Ansicht ist freilich nicht zu verallgemeinern:
Möglich, dass die ganze Welt voller Schachspieler
wäre, wenn es keine Computer gäbe. Heute sind von den
potenziellen Schachspielern viele einfach nur Computerspieler.
Jedenfalls leistete Emil zu meiner Überraschung dem
Vater in jenem Blitzkrieg heftigen Widerstand, zudem
wohl auf originelle Weise, denn hin und wieder lachten
beide aus vollem Halse. Wie funktioniert nur das Gehirn
des Menschen, wenn ihm das Bewegen stereotyper Figuren
Spaß bereitet? Ich meine es nicht abwertend, mir
scheint nur, dass es hier ein Geheimnis gibt, das ich nicht
lüften kann. Oder nicht lüften mag.
Und bei alledem waren sie vollkommen gegensätzlich.
Mein Vater untersetzt und ungelenk, so als hätte er vor,
nur hin und wieder zu einem lebendigen Menschen zu
werden und den wesentlichen, den größeren Teil seines
Lebens, als in Bronze gegossene oder in Granit gehauene
Kriegerbüste zu verbringen. Selbst seine schwarzen
glatten Haare waren fest an den Kopf pomadisiert. Und
wehe dem Härchen, das es wagte, sich von den anderen
zu lösen!
Emil war um einiges größer als er und schlanker, aber
wirkte im Vergleich zu ihm beinahe rundlich und weich.
Auch sein Haar war weich und leicht gewellt, wohl auch
deswegen sah Emil immer ein wenig zerzaust aus.
Von meinem Vater wiederum hatte man den Eindruck,
als müsse er sich immerzu waschen und schrubben – was
er auch tat: Er wusch und schrubbte sich pflichtversessen
jeden Morgen unter der kalten Dusche und nebelte sich
danach mit Parfüm ein. Ich hatte immer ein teures Rasierwasser
parat, damit mein Vater – wenn er mich denn
besuchen kam, hinter den sieben Bergen oder den sieben
Meeren aufgetaucht war – nicht die ganze Wohnung mit
seinen fürchterlichen Duftwässern verstänkerte. Er hingegen
behauptete, das Rasierwasser würde stinken, aber
fügte sich trotzdem, vertraute mir, zumindest hier, in Estland.
Ja, und Emil wirkte immer sauber und gepflegt, selbst
wenn er sich auf mein Drängen einmal nicht rasierte. Ich
mag keine Bärte. Aber mir gefällt es, wenn der Bart vergessen
wurde zu rasieren; manchmal, nicht immer. Aber
das wird wohl der Rubrik erotischer Wünsche zuzuordnen
sein.
Ich kann mir nicht helfen, ich finde jegliche Zuordnungen
töricht. Ich liebe das Wechselvolle. Zum Beispiel
mag ich auch meine Wohnung in einem einzigen Kraftakt
sauber machen, sie erst so richtig verkramen, sie einstauben
lassen und dann einen ganzen Tag lang putzen
und wienern, als wäre morgen Weltuntergang.
Dies soll ganz nach Art der Russen sein; zumindest
sagt das meine Großmutter. Ihrer Ansicht nach hat alles
jederzeit tipptop zu sein.
Vielleicht hat sie recht – damit, dass es die Art der Russen
ist, denn Emil wollte alles um sich herum immer in
Ordnung halten, die Dinge genau an ihrem Platz wissen.
Ich bemerkte es durchaus, wenn er bei mir Vergessenes
wieder an den angestammten Platz legen wollte. An
ihm störte es mich nicht, im Gegenteil: Ich war manchmal
absichtlich unordentlich, damit er die Gegenstände
behutsam, seiner Ansicht nach unbemerkt (er fürchtete
mich zu verletzen, wenn er zeigte, dass er mich für liederlich
hielt) auf ihre vermeintlichen Plätze legen konnte.
Auf die vermeintlichen, denn bei mir musste er raten,
wo sie hingehörten, hier unterlagen die Dinge keinen so
fest gefügten Regeln wie bei ihm zu Hause. Mir bereitete
das Spaß: Emil war wie ein Gärtner, der nach Sturm und
Regen auf seinen Blumenbeeten Ordnung schafft (oder
besser, wie der Mensch in seinem wahren Sinn: hierher
in die Welt gesetzt, um die Natur von ihren Auswüchsen
zu bereinigen).
Emil liebte das Schöne und Geschmackvolle. Er aß im
Grunde nur deshalb, um mit der Zunge den Geschmack
zu spüren, zu genießen. Es war, als wäre er immerzu auf
der Suche nach etwas Bewundernswertem.
Demzufolge muss meine Stadt für ihn nur schwer zu
ertragen gewesen sein: Matsch oder Staub (je nach Wetterlage)
begleiten einen ständig, und die heruntergekommenen,
schwammbefallenen Häuser mit ihrer abblätternden
Farbe, ihrem bröckelnden Putz und den verfaulten
Fensterrahmen – so etwas geht durch die Augen in den
Menschen ein und wickelt sich da zu einem großen grauen
Knäuel auf, zu einer Kugel aus Spinnenfäden, wie sie
die Hexen in alten Zeiten den Menschen in den Mund
warfen, um sie auf diese Art eines langsamen Todes sterben
zu lassen. Emil versicherte zwar, dass ihn das alles
kein bisschen störe, er es gar nicht merke, wenn ich bei
ihm sei. Aber das konnte ich ihm beim besten Willen
nicht abnehmen.
Natürlich, logisch gesehen, schon die Bemerkung wenn
du bei mir bist, hieß doch, dass er sich nur meinetwegen
mit all dem abfand; ohne mich hätte es ihn eben doch
gestört. Und wie lange würde ich imstande sein, die Erbärmlichkeit
von ihm fernzuhalten?
Im Grunde vermochte ich es schon damals nicht, denn
gleich nach Emilias Geburt drängte er mich, nach Schweden
umzuziehen, weil Estland für das Kind kein günstiges
Umfeld sei. Mich befremdete dieser Ausdruck sehr, ja, er
erboste mich, dieser überaus taktvolle Ausdruck, als hätte
er mich besudelt, als zöge er eine unsichtbare, aber umso
festere Grenze zwischen Emilia und uns, die Esten.
Ja, interessant, warum mich diese zurückhaltende Äußerung
so störte, während mich seine Angewohnheit, bei
mir aufzuräumen, in keiner Weise aufregte. Hätte er eine
andere Begründung gewählt, zum Beispiel, dass es ihm
schwerfiele, von uns getrennt zu sein, dann hätte ich es
vielleicht nicht abgelehnt mitzugehen, selbst wenn ich gedacht
hätte, das wird nicht der einzige Grund sein. Oder
wenn er mir offen ins Gesicht gesagt hätte, dass hier alles
dreckig ist und verfällt und er nicht will, dass sein Kind
hier aufwächst – dann hätte ich ein bisschen mit ihm
streiten und dann nachgeben können. Aber kein günstiges
Umfeld – in meinen Ohren war das eine der typisch
schwedischen Redensarten, mit denen man zwischen sich
und den anderen, den Niederen, die Grenze zog. Eine
sehr höfliche, sehr unsichtbare, aber äußerst beständige.
Was denn?! Wir sind doch alle die geborenen Grenzzieher,
und wahrscheinlich gibt es kein einziges Volk, das
nicht ein vermeintlich unter ihm stehendes finden würde.
Nur dass es nicht alle so subtil ausdrücken.
Ich hasse Völker! Inklusive uns Esten! Darf ich mich
überhaupt Estin nennen? Laut Pass bin ich eine, und
sicherlich denke ich auch überwiegend wie eine Estin.
Denn Este ist, wer sich für einen Esten hält, wer die
Grenze zieht, zwischen sich und dem anderen Volk, zu
dem irgendwann einer seiner Vorfahren gehört hat. Und
wenn ich ehrlich bin, kann ich mich nicht entsinnen, dass
ich jemals, und sei es in der Kindheit, meinen Vater diese
Grenze hätte überschreiten lassen. Was also habe ich
Emil vorzuwerfen, oder den anderen, noch schwedischeren
Schweden?
Aber gleichzeitig habe ich nicht das Gefühl, dass Estland
meine Heimat ist – ich kann mich nicht allein hierher
gehörig fühlen. Als meine Heimat empfinde ich den
Erdball. Das mag lächerlich klingen. Aber aus einiger
Entfernung, von oben betrachtet, ist die Erde gar nicht
übermäßig groß. Im Gegenteil. Man muss sich nicht in
den Kosmos katapultieren, man braucht nur den Blick
zu heben (der Himmel einer Augustnacht eignet sich
besonders) und die winzigen Sterne anzuschauen, die
millionenfach größer sein sollen als unsere Heimatkugel,
zumindest nach Behauptung der Wissenschaftler. Dann
denke ich, dass mir diese kleine Kugel wirklich Heimat
genug ist und dass ich sie nicht unbedingt verlassen mag.
Allerdings, so einfach ist es nicht, dass du nur den
Blick hebst und schaust; zumindest in der Stadt nicht.
Die Stadt ist darauf erpicht, die Sterne auszulöschen. Die
Lichter der Stadt lassen die Sterne matt erscheinen, als
würde man sie durch staubiges Glas anschauen. Selbst
wenn man ans Meer geht oder in einen Park: Die Stadt
mit ihrem tötenden Licht ist allgegenwärtig. Es ist wirklich
nicht so einfach. Man muss in einer wolkenlosen
Nacht aus der Stadt hinausfahren, dann sieht man die
Sterne richtig. Man ist sogar überzeugt, dass es keiner
Hilfsmittel bedarf, keiner Raketen oder Teleskope; man
kann mit bloßem Auge in die Sterne hineinrasen, wenn
man nur geduldig auf der Stelle verharrt und schaut.
Dann kommen die Sterne immer näher, über alle im
Raum aufgestellten Grenzen hinweg.
Und deswegen mag ich auch keine Völker – eben weil
sie Grenzen ziehen wollen. Sicherlich würden sie auch den
Wind umzäunen, wenn sie nur könnten, und dann mit
der Luft verhandeln. Oder sie würden die schlechte Luft
in ärmere Länder transportieren. Ich finde, dass dies vor
allem ein Unrecht der Erde gegenüber ist – sie auf diese
Art zu zerstückeln und einzupferchen. Und wenn ich tiefer
darüber nachdenke, wird mir schwer ums Herz, weil
ich kein Vogel bin und auch nicht bloße Seele; weil ich
in einem Körper festsitze, den ich von einem mit Hindernissen
bewehrten Stück Land auf ein ebensolches anderes
befördern will und dafür jedes Mal sinnlose Fragebögen
ausfüllen und die Genehmigung von Beamten einholen
muss, die jene Macht verkörpern, die das Fleckchen Erde
irgendwann erobert und als ihr Eigentum ausgerufen
hat. Denn mögen die Esten schon siebentausend Jahre
hier gelebt haben – davor sind sie ja doch als Streitmacht
eingefallen und haben die Ansässigen niedergemetzelt!
Irgendwie fühle ich, dass tief in meinem Inneren etwas
ist, das älter ist als die Geschichte aller Völker, und dieses
Etwas erinnert sich noch an die Zeit, als es keine Grenzen
gab, und fühlt sich durch die vorhandenen gedemütigt.
Vielleicht empfinden nur Steppenvölker so?
Schon möglich, dass ich das Herz eines Steppenbewohners
habe (auch wenn ich es nicht zugeben will).
Man fühlt doch mit dem Herzen? Denn ich denke nicht
so. Ich denke wie eine echte Estin und meine, dass es
mir überhaupt nicht behagen würde, wenn unser kleines
Land keine Grenze hätte – wie kürzlich geschehen, als
man sie von einer Seite niederriss und jedermann auf uns
herumtrampeln konnte, wie es ihm beliebte. Nein, das
will ich auch nicht! Offenbar ist es das nüchterne Wesen
des Esten, das mir sagt, dass man sich ins Unvermeidliche
fügen muss, dass der Erdball kein freies Feld mehr ist und
dass wir, die wir es gewollt haben, justament hier und
jetzt auf der Welt zu sein, zu viele an der Zahl sind und es
darum heißt, um jedes Fleckchen Grenzen zu ziehen und
Krieg zu führen.
Ach, ich weiß nicht. Wenn ich Grenzen nicht leiden
kann, dann dürfte ich doch nicht traurig sein, wenn es
jemandem gelingt, Grenzen zu überwinden – beispielsweise
die seines Körpers. Warum macht mich das so unendlich
traurig? Geht es mir um den verlassenen Körper?
Oder um die Seele, die vielleicht gar nicht frei sein wollte
und jetzt ruhelos umherirrt? Oder geht es mir letztlich
doch nur um mich?
Ich weiß nichts von Gott. Ich kann nichts über ihn sagen
– ich kenne ihn nicht. Gibt es ihn überhaupt? Wenn
ich so frage, warum antwortet mir keiner? Aber eins kann
mir auch keiner weismachen, und zwar, dass ich keine
Seele habe, etwas, das zunächst in meinem Körper wohnt
und dann weiterlebt. Ich fühle einfach, dass dem so ist,
egal ob ich daran glaube oder nicht. Und ich habe das
Gefühl, dass der Körper (insbesondere das Gesicht) nicht
einfach von der Natur, dem genetischen Code der Eltern,
geformt wird, sondern dass er das Material ist, aus dem
etwas, das man mit dem Wort Seele zu bezeichnen pflegt,
die adäquate Hülle formt. So und nicht anders wurde
der Körper meines Vaters preisgegeben von dem, der ihn
geformt und als Behausung benutzt hatte, Emils Körper
wiederum von dem anderen – dem wirklichen Emil.
Engel sehe ich tanzen im Wind …
Warum spukt mir dieser Satz im Kopf herum? Wahrscheinlich
ist es gar kein Satz, sondern eine Gedichtzeile.
(Ich weiß es nicht; nicht einmal, ob ich es gelesen oder
gehört habe. Wahrscheinlich gehört, denn Gelesenes
prägt sich mir tiefer ein; zumindest erinnere ich mich an
den Bucheinband.) Außerdem ist mir, als wäre in der Ge18
schichte oder dem Gedicht behauptet worden, der Wind
sei das Element der Engel beziehungsweise sie wären es,
die ihn entstehen ließen. Aber ich glaube auch gehört zu
haben, dass Engel sich mittels Wasser offenbaren; aus irgendeinem
Grund gerade durch fließendes Wasser. Lieben
die Mohammedaner nicht deswegen das fließende
Wasser, die Springbrunnen so sehr und schmücken damit
ihre Gärten? Ich weiß es nicht, und eigentlich ist es überhaupt
nicht wichtig. Es ist sogar dumm: sich den Kopf
darüber zu zerbrechen, wer was wann über Wesen gesagt
hat, deren Existenz mehr als zweifelhaft ist.
Nur dass mir dieser Satz immer wieder in den Sinn
gekommen ist, in meinem Kopf herumgeistert, als würde
ein Windstoß ihn für kurze Momente hindurchfegen,
und das ist ziemlich unangenehm. Wenn ich genauer darüber
nachdenke, dann weiß ich nicht einmal, ob es hieß:
Engel sehe ich tanzen im Wind,
oder:
Einen Engel sehe ich tanzen im Wind.
Letzteres unterscheidet sich nur durch ein einziges
Wörtchen von Ersterem, aber der Inhalt ist ein gänzlich
anderer: Ersteres ist leicht und hell, Zweiteres dagegen
dunkel, man könnte sogar sagen, drohend. Im Grunde
weiß ich sehr wohl, warum das so ist: Engel im Plural
ist beliebiger. Gemeint ist irgendwer oder irgendwas, den
oder das man für gut hält, denn es assoziiert Himmel
und Gott. Hingegen ein einziger Engel kann sowohl – als
auch sein, möglicherweise sogar der, der aus dem Himmel
verstoßen wurde, oder noch schlimmer: der Todesengel,
von dem keiner so recht weiß … Aber das muss nicht für
jedermann so sein. Ich habe meine persönlichen Beziehungen
zu einem ganz bestimmten Engel.



