- Zu dieser Ausgabe
- Essay: Vergangenheits-bewältigung in der Literatur, Cornelius Hasselblatt
- Eine Novelle: Jüri Ehlvest, Kruziania
- Eine Novelle: Eeva Park, Absolut meisterhaft
- Eine Novelle: Mehis Heinsaar, Der schöne Armin
- Eine Novelle: Maimu Berg, Baltic Dream
- Eine Novelle: Ervin Õunapuu, Die stinkenden Handschuhe des Chefs
- Auszug aus Roman: Mari Saat, Im Grunde
- Auszug aus Roman: Jan Kaus, Sie
- Lyrik: Hasso Krull
- Lyrik: Triin Soomets
- Lyrik: fs
- Lyrik: Elo Viiding
Eine Novelle: Eeva Park, Absolut meisterhaft
Absolut meisterhaft (Absoluutne meister)
Ich
erwachte, weil ich spürte, wie jemand neben mir in der stockfinsteren
Nacht näher an mich heranrutschte und an mir schnupperte wie ein Hund.
Wir lagen uns frontal gegenüber. Die witternde Nase tat einige kurze, rasch schnüffelnde Züge und danach mehrere lange, tiefe und prüfende. Ich lag mäuschenstill, darauf bedacht, durch keinerlei Zeichen zu verraten, daß ich wach war und die Luft anhielt, aber bereits binnen kurzem schien mir, daß das Wesen doch schlief und nur durch einen verworrenen Traum hindurch an mir gerochen hatte.
Um Himmels willen, wer oder was lag in meinem Bett? Etwa der arme räudige Köter, der auf der Baustelle nebenan, beim Bretterstapel angekettet, unentwegt heulte, oder der Wolf, schlank und hochbeinig, mit der langen, grinsenden Schnauze und den aus angestauter Wut gelben Lichtern, der mich im Zoo aus dem vergitterten Käfig angestarrt hatte? Es schien, als wären Hund und Wolf aus meinem Traum in die Freiheit ausgebrochen, hatten Ketten und Käfige gesprengt und gierig meine Spur aufgenommen.
Das schlafende Wesen holte noch einmal tief Luft, ich sah förmlich, wie das dunkle, schwarz behaarte Nasenloch eine druckvolle Welle einsog, um sie gleich darauf in meine Atemwege zu stoßen, dann verharrte es reglos, als würde es abwägen, sofort anzugreifen oder erst später. Ich hob bereits die Hand zur Abwehr, doch da drehte es mir mit einer gleitenden Bewegung, noch einmal aufseufzend, den Rücken zu, so daß mir die fremde Körperwärme unter dem gelüpften Deckenrand als heißer Schwall entgegen schwappte.
Damit war auch der letzte Rest meines Schlafs dahin, ich war wacher, als ich wohl jemals im Leben gewesen war, denn ich erinnerte mich an all die Dinge, die ich bei Tageslicht so erfolgreich verdrängen konnte. Alles, bis aufs letzte und bedrückendste Detail stand mir deutlich vor Augen.
Der Mann, der mich geweckt hatte, schlief entspannt weiter, den Rücken zu mir gekehrt. Letzte Nacht hatte ich mich an ihn geschmiegt, aber jetzt, nachdem er an mir gerochen hatte, wagte ich es nicht mehr zu tun.
Als ich zum Fenster hinübersah, das in der Finsternis kaum auszumachen war, nahm ich an, es sei Mitternacht, aber weil die Uhren gerade wieder vor- oder nachgestellt worden waren, war ich, was die Lichtverhältnisse anbetraf, ziemlich durcheinander, verspürte jedoch keine Lust, tiefer darüber nachzudenken. Auf jeden Fall paßten Licht und Zeit nicht zusammen, irgendwas war an der Sache faul; der von weither heraufziehende Morgen, der sich erfahrungsgemäß sehr langsam über uns breitet, war vor kurzem, als wir noch Sommer hatten, vollkommen stimmig gewesen, aber jetzt, in der herbsttrüben Dunkelheit, in der man an mir gerochen hatte, war nicht einmal mehr darauf Verlaß. Mit der hohlen Hand vor dem Mund versuchte ich zu erkennen, was das für eine Luft war, die sich darin angesammelt hatte.
Als ich vor drei Wochen an Magen-Darm-Grippe darniederlag, sagte Indra, ich würde aus dem Mund nach Essig stinken, und auch jetzt spürte ich einen bittersauren Hauch, der aus mir stammte, aber als ich aus dem Bett gekrochen war, gegurgelt und ein Glas Wasser getrunken hatte, stellte ich fest, daß alles nur Einbildung war. Gar nichts stank. Im Haus herrschte der übliche, leicht firnisartige Geruch. Das bestellte Bild, das ich gestern versucht hatte zu vollenden, stand noch feucht auf der Staffelei, da stand auch der große Strauß Freesien, den Ervin mir letzten Abend, als er samt der Flasche Kognac bei mir eingetroffen war, mitgebracht hatte; noch immer gab die von mir eigenhändig gemalerte Wand ein leises Knacken von sich, wie eben, als ich sie beim Hinuntergehen auf der Treppe leicht mit der Schulter streifte. Etwas ließ mich im Dunkeln in der Nähe der Mäntel stolpern, und als ich in der Toilette das Licht anknipste, sah ich, daß es der große, vom Hutregal gefallene und trotz meines Drauftretens heil gebliebene Sombrero war.
Ins Bett zurück konnte ich nicht mehr. Ich setzte mich, in mein dickes Plaid gewickelt, in den Sessel, ließ kurz die Leselampe aufblitzen und verinnerlichte den quer übers Bett gebreiteten Ervin. Er schlief das dritte Mal bei mir. Wir hatten uns im Frühherbst, als ich täglich durchs Hochmoor joggte und mir einmal dabei den Fuß verstaucht hatte, kennengelernt, er hatte mich damals auf seinen Armen bis nach Hause getragen, und jetzt, zwei Monate später, eröffnete er mir zu meinem Entsetzen, daß, wenn ich es sehr wollte, er bei mir einziehen würde.
„Das große Haus, und so einsam gelegen, das ist nicht ganz ungefährlich“, erklärte er, meine Arbeiten mit schwerem Blick streifend, so daß ich es mit der Angst bekam, er könnte es wirklich ernst gemeint haben.
„Aus viel einfacheren Gründen, als zum Beispiel dein Musikturm hier, sind Menschen umgebracht worden...“
Wenn er nicht redet, gefällt er mir besser. Er ist mindestens zehn Jahre jünger als ich, er ist groß und bedächtig, und in der Zeitspanne, da er er sich zu mir dreht, mich ansieht und anfängt zu reden, schaffe ich es für gewöhnlich, mehrere Varianten dessen durchzuspielen, was er mir jetzt eröffnen könnte, aber nie habe ich auch nur eins seiner Worte richtig geraten. Manchmal glaubte ich, daß er vielleicht überhaupt nicht dachte, sondern einfach nur existierte und handelte, während ich fieberhaft Gedanken wälzte, und just in dem Moment wurde mir klar, daß ich ihm ganz eindeutig zuwider sein mußte. Selbst wenn er es nicht äußerte, es war an dem, denn ein Mensch kann im Traum nicht simulieren. Er hat gründlich an mir gerochen und mir dann den Rücken gekehrt.
Mein Geruch gefällt ihm nicht.
Ich kann den Geruch anderer Menschen auch nicht leiden, geschweige denn Gestank aushalten. Gestank macht mich regelrecht krank. Einmal, als ich mit dem Bus nach Hause fuhr, hörte ich, wie mein Magen grimmig knurrte, ich war schon eine Woche lang auf Diät, ein gekochtes Ei und zwei Glas Rotwein pro Tag, und gleich darauf roch ich, wie ein ekliger, lauer Furzgestank langsam den gesamten Bus erfüllte. Der Gestank war gigantisch, dick und konzentriert, und als sich mein Bauch immer wieder verkrampfte und grollte, dämmerte mir, daß ich es sein mußte, die so stank. Eine alte Dame mit einem Hut von niederschmetternder Farbe schaute ein paarmal über die Schulter zu mir herüber, ein paar junge Kerle rückten breit grinsend dem Ausstieg näher, und ich fühlte, wie ich puterrot wurde. Das Mädchen, das neben mir am Fenster ein Buch las, hob den Kopf, als würde es lauschen, und ich sah, wie sich seine Augen weiteten, während es die Luft anhielt. Bleich im Gesicht, preßte es seine Finger mit den abgekauten Nägeln vor den Mund, als wollte es den steigenden Brechreiz aufhalten, und als dann noch sein suchender Blick auf mich fiel, hielt ich es nicht mehr aus. An der nächsten Haltestelle sprang ich mitsamt meinen schweren Einkaufsbeuteln aus dem Bus und begriff erst da, daß der gräßliche Gestank aus der Kanalisation kam, aus einem geplatzten Abwasserrohr von draußen in den Bus gedrungen war, und daß niemand außer mir auch nur im Geringsten daran gedacht hatte, mich als Verursacherin zu sehen.
Ich stand im Schneematsch an der Bushaltestelle, der Wind fuhr mir unter die kurze Lederjacke; meine Stiefel, die sich schon in der Stadt feucht angefühlt hatten, waren jetzt völlig durchgeweicht, und der klotzige „Ford transit“, der eben vorbeizog, beförderte unter seinen Rädern einen Dreckschwall hervor, der meinen langen Rock empfindlich traf.
Ich hätte damals mit dem Taxi weiterfahren können, hätte mir sogar für den Rest meines Lebens das schönste Auto der Stadt bestellen können, aber ich stolperte, die Taschen am Boden schleifend, ganze drei Bushaltestellen weiter, bis nach Hause.
Das war die Zeit, als ich Millionärin war.
Ein paar Tage zuvor, das heißt, bevor aus mir die Millionärin wurde, fuhr ich mit einem meiner neuen Bekannten und dessen Freunden mit, zu einer berühmten Wahrsagerin, die irgendwo bei Rakvere wohnte, und als wir auf dem Rückweg essen gingen, bestellte ich mir einen Tee und schaute zu, wie sich die anderen Vorsuppe, Hauptgericht und Nachspeise schmecken ließen. Ich hatte genau vier Kronen Hartgeld in der Tasche, und so blieb mir nichts weiter übrig, als zu verfolgen, wie sich die anderen an Lachsmedaillons beziehungsweise Hühnerbrust mit Erdnußsauce gütlich taten.
Als Nachspeise bestellte sich Irma Veeber, die eine Kosmetikfirma besaß, ein Tiramisu, und als dies nun serviert wurde und sie unmittelbar neben mir den Löffel ableckte, fiel mir mein Hund Kransu ein, der jeden meiner Happen mit tropfendem Geifer verfolgt hatte. Kransu war überfüttert und starb an Herzverfettung, aber ich hatte die letzten beiden Tage nur von drei gekochten Kartoffeln und einigen Äpfeln gelebt, und selbst wenn es hieß, daß der Appetit bei längerem Fasten vergehen würde und man anfinge Erscheinungen zu sehen, so konnte ich dies nicht von mir behaupten. Sowohl Saale, die blonde Frau des Ex-Ministers, die bei uns am Tisch saß, wie auch die wunderbar duftende Irma blieben die, die sie immer gewesen waren, und sogar meine Deckfarben daheim wurden von der Hungerkur nicht lebhafter. Im Grunde genommen waren alle meine damaligen Bilder schlammfarben, und vermutlich deswegen verkauften sie sich so schlecht wie noch nie.
Für Indra kaufte ich immer ordentlich zu essen, mein Kind habe ich noch nie hungern lassen. Auch anzuziehen bekam sie immer das Beste vom Besten, schließlich war und ist sie das schönste Mädchen, das man je unter der Sonne gesehen hat. Evelin, die bei weitem nicht die begabteste von uns war, trotzdem als einzige den Sprung an die Staatliche Kunstakademie geschafft hatte, ist jetzt Bildhauerin, und sie behauptete, meine Indra sei wie der Frühling von Botticelli, aber meiner Meinung nach erinnert sie eher an einen Engel von Fra Angelico. Zum mindesten ist nichts von dem Gestank und dem Dreck aus der Zeit an ihr kleben geblieben, als wir drei Jahre lang in einem winzigen Zimmerchen der Fünfraumwohnung in unserem rückübertragenen Haus wohnen mußten, denn ich versuchte es so einzurichten, daß die widerlichen Kerle, die in den anderen Zimmern hausten, wenigstens sie in Ruhe ließen.
Ich weiß, keiner wird mir glauben, daß jene, die nun unsere Untermieter waren, im Klo absichtlich nicht spülten, unmittelbar hinter unserer Tür ihre billigen Kippen rauchten, bis ich in meinem Zimmer einen Hustenanfall bekam; die Küche, in der unentwegt nasse Socken trockneten und wo es ständig nach Fisch stank, konnte ich beim besten Willen nicht mehr betreten, so daß wir entweder auswärts aßen oder uns in unserem Zimmer etwas auf dem kleinen Elektrokocher zubereiteten. Als ich in den Plattenbauten im Stadtteil Lasnamäe ein preiswertes Quartier für meine Mitbewohner gefunden hatte, weigerten sie sich auszuziehen und drohten schließlich, mich von sich aus loswerden zu wollen, und sei es scheibchenweise. Sie alle, wie sie da in dem stolzen dreistöckigen Haus wohnten, das gegen Ende der ersten estnischen Republik gebaut worden war und meiner Großmutter gehört hatte, haßten mich vom ersten Augenblick an, und im Laufe nur weniger Jahre wurde ich in meinem eigenen Haus zur Putzfrau. Es wurde keine Miete mehr bezahlt, sie demolierten die Rohrleitungen und Toilettenbecken, und als ich schließlich vor Gericht zog, verlor ich den Prozeß, denn, wie sich hinterher herausstellte, war die Frau mit dem versteinerten Gesicht, die mich im Gerichtssal vor allen Versammelten unersättlicher Habgier bezichtigt hatte, mit einem der Hausbewohner in dieselbe Klasse gegangen, und die Tatsache, daß sie mich nicht für fünf Jahre in den Frauenknast von Harku steckte, verfestigte in den Mietern die Meinung, daß man viel zu nachsichtig mit mir umgegangen sei.
Denn ich bewohnte weiterhin ein Stübchen meines in der Altstadt gelegenen Mietshauses, und als es mir endlich gelungen war, die Immobilie mit Hilfe von Irma Veeber und ihren Freunden zu verkaufen, stellte sich heraus, daß nun Irma die neue Eigentümerin war, und anstatt der zwölf Millionen, die das Haus kosten sollte, bekam ich nur vier, und auch die nur unter der Bedingung, daß das Geld direkt auf die Privatbank überwiesen wurde und ich zunächst nur eine gewisse Summe nutzen durfte. Wennschon. Ich war Millionärin und nicht mehr Putzfrau.
An dem Tag, als ich reich wurde – ich erinnere mich, es war kalt und windig, außerdem regnete es fürchterlich –, schnappte ich mir Indra, und wir gingen, über Pfützen springend, ins Hotel „Olümpia“ essen. Dort hatte ich vor ein paar Jahren ein Rosinenbrot für Indras Geburtstagsgäste und die teuerste Torte von ganz Tallinn erstanden, und zwar im ersten Stock, wo es immer rappelvoll war. Das geräumige Speiserestaurant im zweiten Stock, das wir jetzt betraten, war vergleichsweise leer, offenbar nur für auserwählte Gäste bestimmt, und der Kellner bewegte sich so langsam auf zu uns, als würde er meinen, ich hätte immer noch nur vier Kronen in der Tasche.
Ich sagte zu ihm, ich wünschte von allem das Frischeste und Beste, und er servierte uns mit galanten Bewegungen französischen Rotwein und Schnecken. Letztere waren zäh und knirschten ein wenig, als haftete noch Sand an ihnen, aber alles übrige war ausnehmend gut. Den Nachtisch, einen Berg frischer Erdbeeren mit Sahne und Raspelschokolade, bekam ich nicht mehr herunter, denn in meinen Gedärmen fing es an zu rumoren, ich rannte aufs Restaurantklo und erbrach die ganze Pracht. Ich umklammerte das Handwaschbecken und würgte so gräßlich, daß Indra mir angstvoll befahl, leiser zu machen.
Ich bemühte mich, aber ich konnte nicht; an Schnecken, brachte ich ein Vielfaches dessen heraus, was ich zu mir genommen hatte, die Lachscremesuppe war mit Fleischbrocken durchsetzt, und ganz zum Schluß quoll mir bitterer Schaum aus dem Mund, der sich in hellgrünen Flocken auf dem Spiegel über dem Waschbecken verteilte.
Indra befürchtete die ganze Zeit, daß jemand kommen und uns sehen würde, aber ich dachte nur eins, und zwar daß ich hier, auf dem Klo des „Olümpia“, sterben würde. Irgendwann ließen die Krämpfe nach, ich richtete mich auf, rückte ein paar Becken weiter und wusch mir das Gesicht. Meine ganze Festtagsschminke war verschmiert, aus dem beleuchteten Spiegel sah mich ein einäugiger Clown an, aber dafür befanden sich auf meinem Bankkonto noch immer annähernd vier Millionen estnische Kronen. Das Essen, das ich eben losgeworden war, hatte mich zusammen mit dem Wein knapp anderthalbtausend gekostet.
Indra war wütend und sagte, ich würde immer alles kaputtmachen. Vorhin, auf dem eindrucksvollen Klo mit den riesigen Spiegeln, hatte sie noch auf mich gewartet, jetzt aber, als sie merkte, daß ich wieder etwas sicherer auf den Beinen stand, drehte sie sich einfach um und ließ mich allein. Dabei hatte ich mich so darauf gefreut, mit ihr anschließend in die Stadt zu gehen, die Wohnung ansehen, die ich für die Übergangszeit mieten wollte, bis wir uns ein Haus gekauft hatten, aber jetzt sagte sie, daß sie keine Zeit mehr für mich habe, einen Freund treffen müsse, und außerdem heilfroh sei, keine Schnecken gegessen zu haben.
„Hast du denn nicht gemerkt, daß sie total eklig waren?“ fragte sie. „Sag dem Kellner, daß die ihren Gästen Ekelfraß anbieten, laß den Koch kommen und zahl ja keinen Cent, die Schnecken waren echt vergammelt!“
„Ach Indra, ich wollte doch nur, daß wir es ein einziges Mal schön haben, nein, bitte keinen Ärger, ich kann nicht ...“
„Na toll, dann hatten wir es jetzt ein einziges Mal schön! Mama, du bist grün im Gesicht! Du bist ... echt, du bis absolut meisterhaft im Scheiße bauen!“
Das hat sie zu mir gesagt und mich sitzenlassen.
Die Wohnung habe ich dann doch gemietet. Ich konnte keinen Augenblick länger in meinem ehemaligen Haus bleiben, konnte die beiden Altmännermollusken, deren Würste ich im Klo drei Jahre lang hatte herunterspülen müssen, keinen Augenblick länger ertragen, und deshalb gab ich dem dunkelhaarigen, radebrechenden Herrn, der mir in der Fußgängerzone im historischen Altstadtkern die Wohnung mit Sprudelbad und dem Cerankochfeld in der integrierten Küche zeigte, ohne zu zögern zu verstehen, daß ich die Wohnung nehmen würde.
Für eine Einraumwohnung zehntausend im Monat zu zahlen, wäre viel gewesen, wenn die Wohnung nicht in besagter Straße gelegen hätte, und im Grunde wollte ich viel zahlen, ich hatte direkt das Bedürfnis, denn wenn man über Jahre jeden Heller und Pfennig umgedreht hat, dann muß man sich etwas gönnen, um sich wieder als Mensch zu fühlen.
Als Indra mich spätabends vom Handy anrief, nannte ich ihr unsere neue Adresse, und als sie kam und lachte und wie eine Fee über den hellen Parkettboden tanzte, ließ ich ihr eine Wanne ein. Wir feierten unser Einzugsfest, sie durfte losgehen und sich aus dem nächstbesten Laden alles holen, was ihr Herz begehrte, während ich vorsichtig versuchte, einen Kefir zu trinken. Kefir hat meine Därme immer beruhigt, aber diesmal kam er doch gleich wieder zurück, nur nicht annähernd so heftig, wie auf dem Restaurantklo.
„Wenn ich jetzt mal an tolle Klamotten denken darf, Mama, dann fände ich es schon angebracht, du würdest dich auf Diät setzen“, meinte Indra, und sie hatte recht. Ich sollte im Grunde wochenlang kotzen, um all das fade Brot und die wäßrigen Kartoffeln, von denen ich jahrelang gelebt hatte, endgültig hinter mir zu lassen.
Ein paar Tage später kam Katrin vorbei, eine der wenigen, zu denen ich seit der Kunsthochschule noch Kontakt hatte, und behauptete, daß man mich mit der Wohnung mächtig über den Tisch gezogen habe, denn das Sprudelbad sei überhaupt kein Sprudelbad, weil das Wasser nur aus einem Hahn einlaufen würde; ein Sprudelbad würde nach ganz anderen Prinzipien funktionieren und so weiter und so fort, aber ich machte mir nichts daraus. Sie sah in allem nur das Negative, merkte auch sofort, daß sich die Tür vom Bad, in dem sich unter anderem ein goldfarbenes Klobecken befand, nicht abschließen ließ, weil der Riegel unter der Türklinke, ebenfalls goldfarben, nicht beweglich gelagert war, daß die Glasablage unter dem Spiegel einen Sprung hatte und der Edelstahlkamin im Wohnzimmer, in dem ich mit Zeitungspapier und Holz ein Feuer entfachen wollte, nicht richtig zog. Daß auch die Dunstabzugshaube über dem Ceranherd nicht funktionierte, bekam sie glücklicherweise nicht mit.
Sie wollte sich totlachen, als ich sagte, wie hoch die Miete war, und meinte, nach den Möbeln und allem anderen zu urteilen, wäre es nichts anderes als die Dienstwohnung einer Edelnutte und prophezeite, als sie endlich ging, daß wir die ganze Nacht kein Auge zutun würden.
Nun, darin hatte sie recht. Direkt uns gegenüber befand sich die berüchtigte „Schräge Kneipe“, und als die um vier Uhr früh schloß, hörte ich auf der Straße noch lange trunkenes Grölen, aber ich hätte ohnedies die erste Nacht hier auf dem ausgeklappten Ledersofa nicht geschlafen. Ich war so glücklich. Über dem Zimmer hing noch dünner Qualm, aufgebrachte Männerstimmen belebten das Treppenhaus, unten wurde mehrmals geklingelt, aber meine Indra lag neben mir und schlief selig. Sie hatte sich zusammengerollt, und ihre langen hellbraunen Haare dufteten frisch gewaschen neben mir auf dem Kissen. Sie hatte sich den ganzen Abend in der Wanne geaalt und danach, mit einem Turban aus dem neuen Badetuch auf dem Kopf, große, durchsichtig schimmernde Weintrauben gegessen und sämtliche Kanäle im Fernsehen durchprobiert. Davon gab es mindestens siebzig, und wenngleich auf etlichen ein und dieselbe Seifenoper lief und mindestens die Hälfte ausschließlich Sport oder Videoclips aus der Popszene brachten, haben wir uns einen alten Film angesehen, wo Marilyn in phantastischen Kleidern ihr berühmtes Lied von den Diamanten singt. Indra hatte sich Kartoffelchips geholt und mir einen Walderdbeerjoghurt mitgebracht, und als sie zu mir herüberschaute, lächelten ihre goldbraunen Augen so nah, daß ich mich darin spiegeln konnte. Eben war sie für mich wieder das ganz kleine Mädchen, selbst ihre Schlafstellung war die gleiche, mit den angewinkelten Beinen, die Knie an den Bauch gezogen.
An jenem ersten Morgen holte ich frische Brötchen aus dem Restaurant „Gnoom“ und kochte uns Kaffee, wir frühstückten auf hohen Hockern an einer Art Bartheke, die zur Küchenzeile gehörte, draußen regnete es immer noch, aber der Kaffe, dunkel und heiß, duftete köstlich, die elektrische Heizung erwärmte den Raum, und als Indra sich weigerte, die Brötchen zu essen und nur Obst und etwas Magerquark zu sich nahm, schlang ich sie später allesamt vor dem Fernseher herunter.
Zum Glück kam Kadi nicht sofort zu uns, aber als sie dann nach ein paar Tagen auftauchte, wurde alles schlagartig anders.
Als mir die Wahrsagerin hinter Rakvere eröffnet hatte, daß ich reich werden würde, aber ich solle mich vorsehen, denn jemand Nahestehendes wolle mich übers Ohr hauen, wußte ich gleich, daß sie Kadi meinte. Die Zauberin beschrieb mir meine große Tochter, beschrieb ihr Haar, schwarz wie Ebenholz, die Haut weiß wie Schnee, und die Lippen rot wie Blut, und fügte hinzu, daß sie noch keinen einzigen Tag gearbeitet hätte, denn niemand als meine Kadi wußte so überzeugend die Gegenfrage zu stellen, wann sie wohl bitteschön Zeit zum Arbeiten haben solle, angesichts der Tatsache, daß sie ständig unterwegs sei.
Ja, wann - denn zu Hause war sie höchstens zwei Monate am Stück, und selbst wenn sie hier war, war sie abwesend, das heißt, als sie sich wieder auf den Weg machte, hinterließ sie mir Telefonrechnungen in Höhe von fünftausend Kronen für Gespräche, die sie sowohl mit Australien als auch Neuseeland ohne mich zu fragen von meinem Apprat aus geführt hatte, so daß ich ganz froh war, als mein Telefon schließlich gesperrt wurde. Auch wenn sie ihre Sachen, aus den Koffern gerissen und überall verstreut, stets bereitwillig auslieh, trug sie sowohl meine als auch Indras Stiefel im Handumdrehen ab, verbummelte unsere Handschuhe, Schals und Mützen, die sie sich im Gehen kurzerhand von der Garderobe schnappte, und wenn sie sich für länger verabschiedete, nahm sie jedesmal einige meiner Bilder mit. Anfangs dachte ich, sie will mich in der Welt berühmt machen, sie sieht sich als meine Managerin und entwickelt den Ehrgeiz, meine Arbeiten, die hier keiner kaufen wollte, für mich in Dollar und Pfund umzumünzen, aber sie sagte, Verkaufsausstellungen seien ein so verdammt teures Geschäft, daß sie kaum die Transportkosten decken würden. Einmal hieß es, sie bestücke in Helsinki eine Ausstellung mit meinen Bildern. Sie packte meine besten Werke ins Auto eines Freundes und fuhr ab, und obzwar sie mich nicht zur Vernissage eingeladen hatte, überquerte ich erwartungsfroh den Finnischen Meerbusen, übernachtete bei ihren schwedischen Freunden, die mir am nächsten Morgen sowohl für die Übernachtung als auch für den Morgenkaffee eine Rechnung präsentierten, und erfuhr dann, daß Kadi schon wieder abgereist war. In der Galerie wußte man weder etwas von ihr noch von meinen Arbeiten. Den ganzen Rückweg über stand ich an der Reling und starrte hinunter aufs schäumende Meer und dachte, wenn Indra nicht wäre, würde ich auf der Stelle über Bord springen. Um mich herum krakeelten junge Finnen, voll wie die Haubitzen, deren Mädchen ihnen ständig befahlen, sich ins Knie zu ficken, und wenn das ganze Szenario nicht so billig gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich über die Reling geklettert, aber vor denen hier wollte ich mir keine Blöße geben. Damals dachte ich, daß der Verlust meiner Bilder das Schlimmste war, was Kadi mir hatte antun können, aber als Indra größer wurde, fing Kadi damit an, sie überallhin mitzunehmen. Aus unserer neuen Wohnung in der Altstadt gingen sie schon am Abend nach Kadis Ankunft auf eine Party, danach saß ich zwei Tage und drei Nächte alleine da und traute mich, nachdem ein Typ in langem schwarzen Mantel in die Wohnung hatte eindringen wollen, die Tür überhaupt nicht mehr aufzumachen.
Meine Nachbarin, eine verbitterte Dame mit Beinverkürzung, und die beiden gays einen Stock über mir, sahen mich ohnehin schief an, und als dann am Wochenende die ganze Nacht gegen meine Tür gehämmert wurde, rief ich den Herrn an, dem ich die Miete zu überweisen hatte und versuchte ihm auf russisch klarzumachen, daß ich in dieser Wohnung noch keine einzige Nacht ein Auge hatte schließen können.
„Ich zahle Ihnen zehntausend ... I am going crazy ...!“ schrie ich in den Hörer, als er mein Russisch partout nicht verstehen wollte, und sah, als ich aus dem Fenster hinunter auf die Straße schaute, Indra und Kadi kommen. Sie waren die hübschesten Mädchen der Welt, und ich preßte meine Stirn gegen die Scheibe, deren kühle Fläche sich jetzt wie klares, sauberes Eis zwischen mich und den tristdunklen Tag legte.
Die Mädchen schleppten riesige Einkaufstüten, sie kamen geradewegs aus dem Delikatessenladen Stockmann, und Kadi, die gerne bäckt, machte sich gleich daran, Pizza zu bereiten und stellte mich zum Teigkneten an. Sie öffnete eine sehr teure Flasche Rotwein, und Indra, die einen neuen hellen Zweiteiler anhatte, suchte aus dem Schrank die Gläser mit dem hohen Fuß heraus, und sie schwatzten und lachten und erzählten mir, einander unterbrechend, von ihren Abenteuern beim Einkaufen, und daß sie im Gefolge mehrerer Freunde mit dem Flieger eine Stippvisite nach Stockholm gemacht hätten. Mit meiner bemehlten Hand ergriff ich das Glas und nahm einen tiefen Zug von dem schwer duftenden, nahezu dickflüssigen Getränk, das durch meine Übermüdung auch prompt seine volle Wirkung entfaltete.
Noch am selben Abend beschlossen wir, anderntags gemeinsam loszugehen und uns ein Haus zu suchen.
Indra wollte ans Meer; das Meer, meinte sie, solle aus allen Fenstern unseres Hauses zu sehen sein, aber Kadi lachte nur und entgegnete, daß das estnische Meer neben den richtigen Meeren nur eine deprimierend bleigraue Pfütze sei und daß es nur in den Mittelmeerländern Sinn habe, am Meer zu wohnen, aber dafür würde unser Geld nicht reichen. Sie kannte die Summe, die ich für das Haus meiner Großmutter bekommen hatte, allzu genau, so daß ich erschrocken einwarf, ich hätte vor, ein preiswertes Haus zu erstehen, denn es sei von nirgendwoher mehr etwas zu erwarten, und damit, was ich derzeit besäße, müsse ich bis an mein Lebensende auskommen.
„Habe ich´s dir nicht gesagt, schon fängt das Gegreine an“, sagte Kadi zu Indra, und Indra erzählte ihr, ohne mich eines Blickes zu würdigen, wie ich im Restaurantklo wegen des Geldes, das ich da auskotzte, gejammert und ihr am ersten Abend in unserer neuen Wohnung nur lumpige fünfhundert Kronen zum Einkaufen genehmigt hatte.
„War das etwa nicht genug?“ fragte ich und studierte ihre Mienen, und sie prusteten beide los.
„Ehrlich, sie sollte ihr Geld schleunigst wieder loswerden, denn ohne Gejammer geht bei ihr gar nichts, nicht mal als Millionärin ist sie glücklich“, meinte Kadi, während sie uns Wein nachschenkte und gleich darauf eine neue Flasche entkorkte. Die Pizza duftete dermaßen, daß ich schlucken mußte, und Indra erwiderte lachend, den Kopf wie immer ein wenig zurückgeworfen:
„Finde ich nicht! Guck sie dir an - die Pizza wird sie garantiert nicht wieder von sich geben. Sagt mal, sollten wir nicht überhaupt ein Restaurant aufmachen? Kadi bäckt, ich mache die Inneneinrichtung, und Mama wird die Kunden ... malen.“
„Ich dachte schon, du sagst, bedienen.“
„Echt, das wäre doch gar keine schlechte Idee! Ich kenne einen, den kann ich ja mal fragen, er hat in Tallinn vier Kneipen und zumindest eine davon, die mexikanische, scheint gut zu florieren. Wollt ihr, dann gehen wir morgen zu ihm essen? Mama hat ja eigentlich noch nie was ausprobiert, Mama kennt nur Sauerkohlsuppe und gebratene Strömlinge, obwohl, mal ehrlich, so gute Suppe und so gute Strömlinge gibt es nirgendwo auf der Welt. In Marbella zum Beispiel werden die Fische direkt am Strand gegrillt und sind sündhaft teuer und genauso beschissen“, berichtete Kadi, und während sie mich ansah, fühlte ich, daß der Wein in meinem Mund bitter wurde und mein krampfender Bauch sich von den Schnecken noch immer nicht erholt hatte.
Als wir drei Wochen später das Haus kaufen gingen, fiel mir ein, daß Agu, Katrins Mann, gelernter Bauingenieur war, und ich bat ihn mitzukommen, aber wie zu erwarten, fing er sogleich damit an, daß das Haus, das wir nach langem Suchen ausgewählt hatten, ein Paradebeispiel von Pfusch am Bau sei, daß ich es nie und nimmer schaffen würde, dieses halbfertige Monstrum zu Ende zu bringen, und daß alles, ausnahmslos alles, was an diesem Bau bereits stand, das Hinterletzte war, und somit auch den relativ niedrigen Kaufpreis nicht rechtfertigte. Er zog ironisch die Brauen hoch, als er hörte, daß auf dem Dach ein Pool vorgesehen war, daß auch ein Wintergarten und drei Balkons einmal zum Haus gehören sollten und erklärte mir, daß der Keller, in dem sich die Sauna befand, bei jedem Regen unter Wasser stehen würde. Es gab nichts, was ihm an meinem Haus gefallen wollte, und er verstummte erst, als ich ihm sagte, daß wir den Vertrag im Grunde schon unterschrieben hatten.
Die Mädchen, die über die Treppe ins Parterre und von da mit einer Leiter ins Obergeschoß geklettert waren, kamen herunter und erzählten, daß sie sich ihre Zimmer bereits ausgesucht hätten, was Agu lediglich damit kommentierte, daß es noch ein bißchen früh sei, an die Farbe der Gardinen zu denken.
„Laßt die Finger davon. Wenn es wärmer wird, steht ihr schon an der Haustür bis zu den Knien im Morast, denn das, was sie hier an Füllmaterial herangekarrt haben, ist der reinste Müll von der Halde. Kauf dir ein kleines Fertighaus oder, was viel sinnvoller wäre, zwei Wohnungen, eine für dich und eine für die Mädchen.“
„Jaja, ich weiß, Katrin hat mich auch schon bearbeitet, aber ich liebe meine Kinder, und ich möchte, daß wir zusammen wohnen.“
„Na dann, viel Glück.“
Was das Grundstück anbelangte, so hatte er recht. Sowie der Boden ein wenig auftaute, mußten wir Bretter auslegen, sonst wären wir im Schlamm versunken, und als der Frühling kam, stand der Keller unter Wasser, insbesondere die gerade fertiggestellte Sauna. Vorrang hatte aber die Sickergrube, in die das Wasser hätte ablaufen sollen, denn, obwohl der Deckel vorhanden war, gab es darunter keine Grube. Auch mit den falsch gegossenen Betontreppen hatte sich Agu nicht geirrt. Das Dach entpuppte sich als so durchlässig, als habe man im künftigen Swimmingpool gerade den Stöpsel gezogen. Alles in allem irrte Agu nur in einem Punkt, und zwar wußte er nicht, daß ich gerne baute, daß ich Freude daran hatte, aus diesem halbfertigen Haus ganz etwas Neues zu machen, etwas viel schöneres und großzügigeres als bei den anderen Leuten, so daß unser erster Sommer dort draußen wirklich noch richtig toll war. Aber als dann das Bohren, Hämmern und Trennschleifen kein Ende nehmen wollte, als die Handwerker die Badezimmer- und Küchenwände offenbar absichtlich mit immer wieder abfallenden Fliesen bestückten, samt meinem Werkzeug und ein paarmal auch samt dem Material verschwanden, bekam ich es langsam satt. Das einzig fertige Zimmer, in dem Indras und mein Bett stand, erreichte ich immer noch über die Leiter; trotz täglichen Putzens war alles voller Staub, so daß ich schließlich, als ich durch Katrins Mann eine Baufirma vermittelt bekam, derselben eine halbe Million auf die Hand zahlte, damit sie um Himmels willen kämen und endlich einen Punkt unter alle noch anfallenden Arbeiten setzten.
Die Mädchen waren abgereist; Indra, die meinte, Estland sei sowieso nicht der richtige Platz für sie, weilte den dritten Monat in Frankreich, Kadi tourte durch London, und das einzige, womit ich mich tröstete, war, daß sie nicht mehr zusammenhielten wie Pech und Schwefel. Ich ließ ihre Zimmer fertigmachen; mitten auf der Großbaustelle waren dies nun die einzigen endgültig fertigen Räume, und wenn ich sehr erschöpft war, setzte ich mich in die beiden schönen Zimmer mit den erlesenen Möbeln und üppig wuchernden Grünpflanzen.
Ich hoffte, daß ich sie Weihnachten in einem nach Tannengrün duftenden Haus empfangen würde, daß wir in behaglicher Kaminwärme den Baum schmücken und in der Bratröhre des eigens aus Italien angelieferten Herdes Schweinefleisch und Blutwurst schmoren würden, genau so, wie es die Tradition für diese Tage vorschrieb. Mein Atelier im Obergeschoß war annähernd fertig, das Haus hatte neue Fenster und ein neues Dach. An der Treppe waren noch kleinere Restarbeiten vonnöten. Die Sauna stand jetzt nicht mehr unter Wasser, aber dafür funktionierte ihre Fußbodenheizung nicht, und im Vorraum türmte sich das Baumaterial, das noch keine Verwendung gefunden hatte, denn die Firma hatte mir kürzlich mitgeteilt, das Geld sei aufgebraucht. Eine halbe Million war zerronnen, aber man versicherte mir, ich hätte dafür schon viel zu viel an Leistung erhalten.
Natürlich war das gelogen, denn die Nachbesserungen, auf die ich den Bauleiter hingewiesen hatte, waren immer noch nicht erfolgt, statt dessen verlangte er immer neue Abschlagszahlungen, die er damit begründete, daß mein Haus eine Wärmedämmung erhielte, infolge derer ich mit dem kostspieligen Strom nicht mehr sinnlos die Natur beheizen müsse.
Als die Mädchen schließlich eintrafen, war Weihnachten vorbei. Der Schnee, der den Stadtrandmatsch kurz verdeckt hatte, war wieder weggetaut, aber immerhin - in der Neujahrsnacht waren meine Töchter bei mir. Kadi öffnete kreischend eine Flasche Champagner, und Indra, die schon am nächsten Morgen wieder abreiste, weil eine Betonstauballergie sie umzubringen drohte, hatte wenigstens eine Nacht in ihrem Zimmer verbracht. Da sie wirklich besorgniserregend hustete, wollte ich sie nicht aufhalten.
Trotz des Putzens war der Staub überall, hatte sich als graue Schicht sogar auf den Weihnachtsbaum niedergesenkt, den ich in der Nacht bevor die Mädchen eintrafen, aus dem Wald hinter dem Hochmoor herbeigezerrt hatte. Die einzige, die sich von der grauen Allgegenwart in keiner Weise stören ließ, war Kadi. Ihr schien der Umstand, daß das Haus erst halbfertig war, sogar Vergnügen zu bereiten. Fröhlich schwatzte sie mit den Bauarbeitern, die nach den Feiertagen wieder eintgetrudelt waren; sie lernte Rigipsplatten anmontieren, hantierte mit der Schlagbohrmaschine, zog die Halterungen der Wandheizkörper fest, und die Männer, die normalerweise mittags zur nächsten Baustelle zogen, blieben nun bis zum Einbruch der Dunkelheit, schafften das Doppelte und leisteten, zumindest für einen Außenstehenden, bessere Arbeit als je zuvor. Aber genau in dem Moment, als ich das Gefühl hatte, das Haus könnte eines Tages doch noch fertig werden, kommandierte die Firmenleitung die Männer auf unbestimmte Zeit ab und stellte mir zweihunderttausend Kronen in Rechnung.
Ich weigerte mich und schrie, wenn sie wollen, dann können sie ihre total überteuerte Treppe wieder ausbauen, die Stufenabstände sind sowieso falsch berechnet, die Treppe ist insgesamt viel zu steil und dadurch mordsgefährlich, was der Bauleiter umgehend bewies, indem er, blaurot im Gesicht, auf dem Absatz kehrtmachte und die Treppe hinunterfiel. Ich suchte fieberhaft das Telefon, um einen Rettungswagen zu rufen, doch er rappelte sich auf und schleppte sich, an den Wänden Halt suchend, wortlos davon.
Die Mädchen lachten schallend über meinen Bericht, ich dagegen hatte Angst, denn der Mann hatte mir unmittelbar vor seinem Treppensturz ernsthaft gedroht. Solange es die Treppe nicht gegeben hatte, konnte ich zur Nacht die Leiter nach oben hinter meine Zimmertür ziehen und mich sicher fühlen. Wenn ich jetzt nachts aufwachte und horchte, schien mir, daß ganz unten, im Kellergeschoß, jemand herumschlich, aber da unentwegt etwas verschwand, so auch beim neuerlichen Abzug der Bauleute, war ich nicht sicher, ob gerade wieder etwas gestohlen wurde oder nicht. Nur einmal, als zwei große Rollen Dämmwolle unauffindbar blieben, wußte ich, daß ich alle Schlösser, das heißt, vom Keller, von der Haustür und dem Balkon ein zweites Mal auswechseln mußte.
Aber da passierte etwas, das mir die Auswechslung ersparte. Die Privatbank, auf die mein Geld überwiesen worden war, machte Pleite, und ich war mit einem Schlag genauso reich wie damals, als ich im Restaurant von Rakvere den Tee getrunken hatte. Meine Mädchen, die eine per Telefon aus England, die andere in meiner Küche, die übrigens immer noch keinen Fußbodenbelag hatte, behaupteten, daß alles meine Schuld wäre. Daß ich mich erstens habe von ihrem wohlhabenden Vater scheiden lassen, zweitens völlig mittellos Hals über Kopf davongelaufen sei, drittens meinen Kindern ihr Zuhause geraubt habe, und nun sei ich sogar so weit gegangen, sie um ihr Erbe zu prellen.
„Wie konntest du so naiv sein! Man läßt doch sein Geld niemals bei nur einer Bank!“ rief Indra, und ich antwortete, daß ich damals keine Wahl gehabt hätte, und daß wir ja noch unser Haus besäßen.
„Aber das Haus ist doch eine Katastrophe! Das hat Agu dir doch gleich gesagt“, beharrte sie, und als ich sie bat, sich doch bitte zu erinnern, daß niemand anders als sie und Kadi daruf bestanden hätten, dieses Haus zu kaufen, da zuckte sie nur die Schultern und behauptete, schließlich seien weder sie noch Kadi Fachleute.
„Auf dem Dach sollte ein pool gebaut werden – klar war das verlockend, aber zumindest du hättest mehr Verstand haben sollen.“
Und dann fing ich an zu weinen. Ich hatte schon lange nicht mehr geweint, wahrscheinlich schon seit damals nicht mehr, als Kristo mir zwei Rippen gebrochen hatte, so daß ich jetzt auf dem rohen Küchenfußboden saß und dachte, ich kann nicht mehr. Ich rang nach Luft und fing qualvoll an zu husten, so daß Indra erschrocken losrannte und mir ein Glas Wasser brachte und sogar versuchte mich zu umarmen, aber ich klammerte mich wohl zu heftig an sie, denn sie machte sich los und versprach, am nächsten Tag wiederzukommen.
„Wir können die Bank verklagen und unser Geld zurückfordern“, sagte sie, aber mir fiel der Gerichtssaal ein und wie die Richterin mit mir umgesprungen war, und sackte, als ich allein war, einfach an der Wand nach unten, bis der Boden mich auffing. Am nächsten Tag drehte ich die Heizung auf Null, das Haus wurde binnen eines Tages so kalt, daß ich in meinem Zimmer den Heizkörper doch wieder aufdrehen mußte, aber damals glaubte ich noch nicht, wie meisterhaft ich in meiner Anhäufung von Verlusten sein würde, denn ich suchte einen Bekannten von Kadi auf, einen Rechtsanwalt, und fragte ihn um Rat, aber erfuhr von ihm nicht viel mehr, als daß man sich bei solchen Leuten sehr kurz fassen müsse. Die Beratung dauerte eine halbe Stunde, der Anwalt kassierte tausendfünfhundert Kronen und bestätigte, daß die Sache zweifelsohne vor Gericht gehöre, aber sich erfahrungsgemäß, wie alle derartigen Fälle, in die Länge ziehen würde, und davon, daß ich mein Geld wiederbekäme, solle man besser nicht ausgehen.
Die tausendfünfhundert, die ich ihm gegeben hatte, hätte ich am nächsten Tag dringend gebraucht, denn als ich die Heizung abstellte, hatte ich nicht daran gedacht, daß das Wasser im Hause einfrieren könnte, und als aus dem Wasserhahn kein Wasser kam und ich weder Toilette noch Dusche benutzen konnte, mußte ich einen Monteur bestellen und die Leitungen auftauen lassen. Bei dieser Gelegenheit warnte mich der Fachmann, wenn ich nicht das ganze Haus warmhielte, würde es ganz schnell wieder einfrieren.
Kadi, die gerade dazukam, bezahlte den Monteur in bar, aus ihrem Portemonnaie, sie schien auf einmal erstaunlich viel Geld zu haben, denn sie versprach auch, die Stromrechnung für mindestens einen Monat zu übernehmen und stellte unverzüglich sämtliche Heizkörper an, dann machte sie im Kamin Feuer und inspizierte meinen Kühlschrank.
„Hier ist ja gar nichts mehr ... meine Güte, die uralte Milch ... Ich kriege Besuch, George hat sich schon lange mal unser Haus ansehen wollen ... Ich muß ihn wohl bitten, daß er von unterwegs was mitbringt.“
„Wenn man Besuch kriegt, dann geht man selber los und besorgt, was gebraucht wird. Jedenfalls kenne ich das so.“
„In unserem Ramschladen gibt es aber nichts, was er essen würde“, versetzte Kadi und griff sich das Telefon, ging ins Zimmer und schloß die Tür zwischen uns.
Ich hatte es gerade so geschafft, das infolge zweitägiger Wassersperre verkrustete Klo und die Waschbecken auszuscheuern sowie die Drecktapsen des Handwerkers wegzuwischen, als sich ein dunkelblauer Rover, den Matsch unserer Zufahrt nach beiden Seiten schleudernd, dem Haus näherte. Ich schüttelte gerade den Fußabtreter aus und sprang im letzten Moment, von den Scheinwerfern unerfaßt, ins Haus und rief nach Kadi, da stand der Mann bereits an der verschlossenen Haustür und drückte auf den nicht funktionierenden Klingelknopf .
„Mach du doch auf!“ rief Kadi von oben, aber ich wollte mich nicht zeigen in meinen gelben Gummistiefeln und den alten, an den Seitennähten aufgeplatzten Hosen, also zog ich mich in die Sauna zurück und ließ mich in dem eiskalten Raum auf der untersten Bank nieder.
„Ach, hier bist du!“ rief Kadi, als sie die Tür mit einem Ruck aufzog, und erklärte dem Fremden auf englisch, daß der Ort, wo ich mich gerade befand, die Sauna war.
„Mama, macht euch bekannt, das ist George, ich habe dir schon von ihm erzählt, er ist der Besitzer von dem mexikanischen Restaurant. Er stammt aus Amerika, wir kennen uns schon lange“, sagte sie und fragte den Mann, der meine automatisch ausgestreckte Hand drückte, wie lange sie sich eigentlich schon kennen würden.
„Eine Ewigkeit“, antwortete der Mann und ich sah ein unglaublich breites Lächeln, das in dem schwarzen Gesicht eine Reihe weißer Zähne entblößte. Ich hatte noch nie einen Farbigen von so nahem gesehen und mir schien, daß die Haut dieses Mannes sogar bläulich schimmerte.
„Kadi ist meine Freund, eine von besten und hübschesten Frauen. Sie hat mir viel von Ihnen erzählt“, sagte George höflich, und ich merkte, wie ich auf jedes seiner Worte nickte.
„Entschuldigen Sie mich ... ich habe gerade saubergemacht ... hier muß man nämlich ständig saubermachen ... das Haus ist noch eine einzige Baustelle ... und immer noch nicht fertig ... ich weiß auch nicht, wann das mal werden soll ... die Handwerker ...“
„Mama, schon gut. Geh lieber und zieh dir was an. Du hättest statt der Waschbecken lieber dich selber putzen sollen, aber nein, Frau Mama putzt lieber das Klo und sieht selber wie ein Putzlappen aus.“
Als ich ungefähr eine Stunde später nach unten in die Küche kam, stand George am Tisch und bereitete einen Salat. Seine großen Hände mit den hellen Innenflächen zupften Blätter und schnitten Zwiebeln, und ich sah, daß im Backofen etwas brutzelte, das beim Öffnen der Tür einen kräftigen Pfeffergeruch verströmte.
„Hähnchen mit Chili gefüllt, das dürfte sogar dir schmecken“, meinte Kadi. Und fügte, mich von Kopf bis Fuß musternd, hinzu: „Jetzt hast du dich aber aufgedonnert. Macht nichts, George ist es gewöhnt, daß die estnischen Frauen komisch sind. Er ist ja mit so einer verheiratet - mal Putzfrau und mal Königin.“
„Verheiratet?“
„Was dachtest du denn?“
„Ich ...“
„Mama, ich bin seine Geliebte, beziehungsweise: ich war. Jetzt sind wir befreundet, das bekommt uns besser.“
George, der uns zugehört hatte, fragte, worüber wir redeten, und Kadi übersetzte ihm ihren letzten Satz beinahe wörtlich und übergab mir dann die Messer und Gebeln, die auf dem gedeckten Tisch noch fehlten.
Auf einmal dachte ich, nein, ich gehe wieder auf mein Zimmer, aber das Chilihähnchen duftete immer köstlicher, der Kamin hatte den vorhin so kalten Raum durchgewärmt, und ich hatte zu viele Tage abends allein in meinem Zimmer gesessen und auf die vermeintlichen Stimmen gehorcht, die durch das leere Haus geisterten.
„Jetzt ist es doch ganz gemütlich hier, oder?“ fragte Kadi auf englisch und räkelte sich in dem hellgrauen Ledersessel, und ich nickte, obwohl sie nicht mich gefragt hatte.
„George ist zwar als Basketballer hergekommen, aber eins kann er noch besser, nämlich kochen. Bei ihm mußt du dich vorsehen, der mästet dich, ohne daß du´s merkst, obwohl ihm Dicke zuwider sind, besonders dicke Frauen. Er sagt, er ist vor den dicken Frauen aus Amerika geflohen.“
„O ja, das ist wahr, aber in Estland sind die Mädchen sehr schön, viel zu schön.“
„Was gafft er nach fremden Mädchen, wenn er eine eigene Frau hat?“ fragte ich, aber Kadi sah lächelnd zu mir herüber und meinte:
„Mama, er versteht mindestens die Hälfte von dem, was wir sagen.“
„Habe ich denn was Falsches gesagt?“
„Nein, Mama, aber wenn man von jemandem Hilfe erwartet, dann muß man ihn nicht unnötig bekritteln“, antwortete Kadi, während sie George ihr leeres Glas hinhielt und für ihn dolmetschte: „Ich habe meiner Mutter erzählt, daß du ein reicher Amerikaner bist.“
„Schwindel nicht, Kadi! Ich bin nicht reich, Bill Gates ist reich, ich komme nur aus, mehr oder weniger.“
„Ja, ja, ja“, machte Kadi und sah dann zu mir. „Ich habe ihn mitgebracht, damit er uns hilft. Zum Bauen brauchst du ja noch ein paar Hunderttausender, denn fertig muß das Haus werden.“
„Helfen? Will er mir etwa meine Millionen zurückholen oder Käufer für meine Bilder suchen?“ fragte ich und kleckerte in meiner Verblüffung Wein auf mein weißes Kleid mit den Silberpailetten.
„Also, direkt mit Geld wird er nicht helfen, im Moment hat er wohl selber nicht viel, aber man könnte einen Kredit über ihn nehmen“, erwiderte Kadi und wurde wütend, weil ich anfing zu lachen. „Mit dir kann man kein vernünftiges Wort reden, du bist absolut ... ! Was gibt’s denn da zu lachen - alle leben auf Pump! Millionenkredite - dafür sind doch die Banken da! Um Kredite zu geben und nicht, um Sparstrümpfe in die Safes zu schließen. Sparen war während der Okkupation, Mama. Muß man dir denn alles erklären! Du müßtest doch mittlerweile auch ein paar Erfahrungen gemacht haben.“
„O ja, Erfahrungen - für Millionen! So viele, daß ich mit Banken nie wieder etwas zu tun haben möchte.“
„Mama, jetzt mußt du dir erst recht was von denen holen.“
„Jedes Kind sieht, daß ich nichts habe, um die Zinsen zu zahlen. Siehst du, ich weiß sogar, daß es Zinsen gibt“, sagte ich und ging in die Küche, um den dunkellila Fleck, der auf meinem Kleid entstanden war, auszuwaschen.
„Du darfst nicht so rubbeln“, sagte Kadi, die mir gefolgt war. „Dann geht er in der chemischen Reinigung auch nicht mehr raus ... Mama, versuch einmal, ein einziges Mal, mir zuzuhören. Also – brauchst du Geld, oder brauchst du kein Geld?“
„Natürlich brauche ich Geld! Selbst wenn ich dem idiotischen Baumenschen keinen Cent mehr zahle, muß ich mindestens dreihunderttausend aufbringen, um das Untergeschoß fertig zu kriegen, den Fußboden in der Küche, das Bad, dann die Regenrohre, jetzt läuft ja das Wasser die Hauswand runter, und die Garage ... Nein, alles werden wir nicht schaffen, wenn wir unser Geld nicht zurückkriegen, denn eigentlich wünsche ich mir ja auch einen Garten, ich möchte Rasen und Blumen und Rhododendren statt Modder und Matsch. Katrin hat einen so schönen Garten, sie hat mir sogar schon ein paar Heckenpflanzen versprochen.“
„Mama, krieg dich wieder ein. Wir beide gehen jetzt zu George, und ich frage ihn genau, wie er sich das denkt“, beendete Kadi unsere Unterredung, und wir gingen, die Kaffeekanne in der Hand, zurück zum Kamin.
George hatte seinen Platz am Tisch verlassen, er stand am Fenster, schaute hinaus auf das bevorstehende Frühlingserwachen der Büsche und hielt einen riesigen, leuchtfarbenen Sombrero in der Hand.
„Sorry, ich vergaß, ich habe ein Geschenk für Sie“, sagte er und überreichte mir die gigantische Kopfbedeckung.
„Danke ...“, ich ergriff die Krempe, der hochgebogene grünliche Rand knisterte zwischen meinen Fingern.
„Mama, mit dem gehst du im Sommer an den Strand“, kicherte Kadi und ging dann zur Sache über. Es stellte sich heraus, daß es auch für George nicht ganz leicht war, einen Bankkredit zu bekommen, obwohl er beteuerte, daß er, wenn es gar nicht anders ginge, Parteibeziehungen nutzen würde, die neuerdings für die Beschaffung einer größeren Summe vonnöten waren, und schließlich kamen wir überein, daß George im Falle einer Hypothek auf das Haus einen Teil der Summe bekommen und davon die Zinsen zahlen sollte.
„Sei nicht so mißtrauisch! Für uns zählt jetzt nur eins, und zwar, daß irgendwer die Scheißzinsen zahlt – ich mach es nicht, du kannst es nicht, also was solls!“ fuhr Kadi mich an, war jedoch einverstanden, als ich sagte, ich würde die Sache auch gern mit Indra besprechen. Im Grunde wollte ich Indras wegen mit dem Haus zu Ende kommen, ich wollte, daß sie hier einzog und nicht hustend das Weite suchte, daß wir wie früher zusammen wohnten, daß sie die Schule beendete und ich malte und wir beide glücklich wären.
Ich beschloß, Katrin, die mich am nächsten Tag besuchen wollte, von alledem nichts zu erzählen. Sie kam, und ich zeigte ihr mein neues Bild, Kadi im roten Kleid, wir tranken Wein, und sie sagte, daß sie nie geglaubt hätte, wie cool ich alle Crashs überstehen würde. Ich würde wahnsinnig werden, sagte sie, wenn ich in deiner Haut stecken müßte, aber du hast ein richtig gutes Bild gemacht und bietest mir sogar noch Wein an.
„Was anderes ist ja auch nicht da“, erwiderte ich, und als sie gegangen war, rief ich Kadi an und befahl ihr, mit George Kontakt aufzunehmen. Indra hatte mir am vorigen Abend gesagt, daß ich ihretwegen machen könne was ich wolle, sie führe mit ihrem Freund nach Schweden Skilaufen und bliebe mindestens zwei Wochen weg.
„Was hockst du mitten in der Nacht im Sessel, und was hast du da für ein Ding auf dem Kopf?“ fragte eine völlig fremde, heisere Stimme, und ich schaute durch die Morgendämmerung auf die Gestalt, die sich unter der Bettdecke aufgesetzt hatte.
„Du hast an mir gerochen.“
„Was?“
„Ich kann nicht schlafen, wenn jemand an mir riecht“, wiederholte ich. Und fügte hinzu: „Du kannst hier nicht einziehen, leider, das geht wirklich nicht, ich ...“
„Langsam, langsam - ich bin noch im Tiefschlaf“, murmelte Ervin, und als ich die Lampe anknipste, sah er mit zusammengekniffenen Augen über den Rand der Zudecke zu mir herüber.
„Ist das der berühmte Sombrero, von dem du gesagt hast, er würde vierhunderttausend kosten?“
„Genau.“
Ich hob ihn vom Kopf und legte ihn vor ihn auf den Bettrand: „Genau so teuer ist er mich zu stehen gekommen, aber seinen wirklichen Preis kann ich noch nicht sagen, möglicherweise kostet er am Ende sogar eine Million achthunderttausend.“
„Ach, so teuer“, sagte Ervin, fing an zu husten und streckte die Hand nach der breiten Krempe aus.
„Sei so gut, zieh dich an und geh. Vielleicht verzeiht dir ja deine Frau und kocht dir zum Frühstück Haferflocken. Du hast mal gesagt, daß sie dir jeden Morgen Haferflocken kochen würde – und solche Frauen betrügt ihr! Also ehrlich, Männer sind ...“
„Gestern abend warst du aber anderer Meinung“, sagte Ervin ohne jeden Vorwurf. Er studierte den knisternden Hut, schaute in die Vertiefung am Kopfteil, und es schien, als wolle er ihn gleich aufsetzen.
„Ich habe gestern erfahren, daß ich ausziehen muß. Das Haus wird von der Bank zwangsversteigert.“
„Und der Sombrero?“
„Hör doch auf! Ich habe mich immer wieder gefragt, warum geht es immer nur mir so, aber letzte Nacht, als du an mir gerochen hast, habe ich es endlich begriffen – ich rieche falsch! Das ist der Grund, warum die Leute mich so behandeln, warum ich halbtot geschlagen werde, warum ich ausgenommen werde wie eine Weihnachtsgans ... Mein Atem! Merkst du, wie der beißt?“
Ich atmete Ervin meinen gesamten Lungeninhalt ins Gesicht, er prallte zurück und starrte mich entgeistert an, packte dann sein Hemd und die Hose, und als ich wenig später die Haustür öffnete, um der herrenlosen Katze, die ständig ums Haus schlich, die Reste meines Frühstücks zu geben, sah ich an den Spuren im Matsch, daß er gleich an der Tür losgerannt war.



