- Zu dieser Ausgabe
- Essay: Vergangenheits-bewältigung in der Literatur, Cornelius Hasselblatt
- Eine Novelle: Jüri Ehlvest, Kruziania
- Eine Novelle: Eeva Park, Absolut meisterhaft
- Eine Novelle: Mehis Heinsaar, Der schöne Armin
- Eine Novelle: Maimu Berg, Baltic Dream
- Eine Novelle: Ervin Õunapuu, Die stinkenden Handschuhe des Chefs
- Auszug aus Roman: Mari Saat, Im Grunde
- Auszug aus Roman: Jan Kaus, Sie
- Lyrik: Hasso Krull
- Lyrik: Triin Soomets
- Lyrik: fs
- Lyrik: Elo Viiding
Eine Novelle: Ervin Õunapuu, Die stinkenden Handschuhe des Chefs
Die stinkenden Handschuhe des Chefs (Kindad)
Helmut
Taagepera weinte. Je heftiger er sich die Augen wischte, desto
reichlicher flossen die Tränen. Helmut schleuderte das Messer auf den
Tisch und lief zum Wasserhahn. Die Ventilatoren unter der speckigen
Decke drehten sich träge, blieben hin und wieder mit einem leisen
Knacken stehen und setzten sich dann wieder in Bewegung. Sie erinnerten
Helmut an Schmeißfliegen, die sich zu lange an einer Bierlache gelabt
hatten.
Eine Hand klatschte schmerzhaft gegen Helmuts Hüftknochen. Das feiste Gesicht der Tellerwäscherin Tamara, gerahmt in fettige Haarsträhnen, tauchte auf, und ihr Mundwerk legte sogleich los: „Was, in drei Teufels Namen, flennst du hier schon wieder herum! Kannst du dein sinnloses Geheule nicht woanders veranstalten, du dämlicher alter Trottel, zum Verrücktwerden ist das mit dir!“
Helmut preßte die Lippen zusammen und zog sich schleichenden Schrittes zurück, Tamara fest im Auge behaltend. Die Sache konnte prekär enden, denn Tamara, die Glibberwasser-Tamara, wie sie in Viitna gerufen wurde, litt an der Fallsucht. Gut daran war nur, daß sie die Ausbrüche im Voraus spürte und Sekunden vor dem Fall durchdringend zu kreischen begann: „Es kommt! Jetzt kommt es! Verfluchter Scheiß, jetzt kommt es wieder!“ Mehrmals schon hatte Helmut Tamara die Kiefer gewaltsam öffnen und ihr einen Holzlöffel oder einen Messergriff zwischen die Zähne stecken müssen.
Helmut zog die Schultern hoch, das waren keine angenehmen Erinnerungen. Er ging daran, die Fischkiste auszupacken. Der Chef war in aller Herrgottsfrühe zur Fischauktion nach Võsu gefahren, und jetzt knackten und knisterten die in Nesseln verpackten Flußkrebse und Krabben in dem Deckelkorb, die Austern lagen hübsch ordentlich auf Eis und die Forellen in Filterpapier. Helmut konnte Flußkrebse nicht ausstehen, er hatte irgendwann einen Floh unter dem Mikroskop gesehen und fand, daß Krebse nichts anderes waren, als Flöhe mit riesengroßen Fühlern. Das Wasser kochte bereits. Helmut schüttete die Krebse in den Kessel und flüsterte: „Schadt´ euch gar nichts, elende Blutsauger!“ Gekochte Krebse haßte er regelrecht, denn er stellte sich vor, daß die Krebse von dem vielen Blut, das sie gesaugt hatten, so rot anliefen. Er warf ein paar Stengel Dill in den Kessel und flüsterte: „Pfui! Ekelhaft!“, betrachtete die kochenden Krebse ein wenig länger und setzte mitleidig hinzu: „Arme Mistviehcher!“ Dann begann er die Forellen zu putzen.
Kaum hatte er den ersten Fisch in der Hand, schrie er auf. Der verfluchte Chef! Wieder hatte er seine Handschuhe in der Fischkiste liegenlassen! Das war wie eine Krankheit, wie eine Sucht, überall ließ er seine dreckigen Handschuhe liegen: in der Fischkiste, auf dem Tisch, am Rand des Abwaschbeckens, auf dem Autodach, auf der Motorhaube, auf dem Tresen, der Treppe, der Klobrille, dem Fensterbrett, sogar auf dem Herd und dem Drücker vom Spülkasten.
„Teufel!“
Helmut warf die Forelle aus der Hand, nahm langsam die Handschuhe aus der Kiste und legte sie vor sich auf den Tisch: weißes Sämischleder. Messingdruckknöpfe. Der Druckknopf des linken Handschuhs von Grünspan verdorben. In die Druckknöpfe graviert die Inschriften „Nappa“ und „Germany“ und die Größe 7 ½. Die Naht am Daumen des rechten Handschuhs aufgeplatzt, der Faden hängt lose. Beide Handflächen stark verschmutzt. Reichlich Fischschuppen. Helmut roch: Bitumen, Fluß, Zitrone, See, Benzin, Meer, Pfefferminze, Nikotin, Sonnencreme, Urin, Druckerschwärze, Salz, Wegstaub, Ketchup, Steinkohle.
Es gab noch mehr Düfte, aber Helmuts Gedanken gingen bereits ihre eigenen Wege. Er walkte die Handschuhe in seinen Händen durch und schaute hinüber zum Herd. Sein erster Gedanke war, sie ins Feuer zu werfen und hinterher zu behaupten, er wisse von nichts. Aber das war ein abwegiger Gedanke, das durfte er nicht tun. Er, Helmut Taagepera, hatte schließlich geschworen, daß ... Warte, wo war doch gleich der Kalender? Helmut legte die Handschuhe auf den Tisch und dachte nach, dann spähte er in Richtung Tamara, die am Abwaschbecken hantierte und mit Geschirr klapperte. Die Frau stellte keine Gefahr dar. „Es ist soweit! Ich tue es!“ flüsterte Helmut.
Helmut hatte seinen ersten Arbeitstag im „Goldenen Krebs“ nicht vergessen. Der Chef saß im großen Saal, ein Bein übers andere geschlagen, und ebendiese Handschuhe stanken auf der Tischecke neben dem Aschenbecher vor sich hin. Der Chef schnippte die Asche auf den Fußboden und fragte: „Wie alt bist du, Koch?“ Helmut wurde rot bis an die Haarwurzeln und stammelte: „Einundneunzig.“ Der Chef spuckte durch die Zähne: „Zu alt, Koch! Zu alt!“ Helmut schwieg. Es hatte keinen Sinn zu erklären, daß es nicht an dem war. Der Chef schlürfte von seiner klumpigen, wäßrigen sauren Milch, räusperte sich und fragte: „Was kannst du, Koch?“ Helmut Taagepera betrachtete die Handschuhe auf der Tischecke und flüsterte: „Essen machen.“ Der Chef rief: „Ich höre nichts, ich höre gar nichts!“ Helmut beugte sich näher und brüllte: „Mahlzeiten bereiten!“ Den Chef stellte die Antwort nicht zufrieden. „Das können alle. Kannst du im großen Kessel, sagen wir, für hundert Personen Krebspürree bereiten? Oder, zum Beispiel, für sechzig Personen Hecht auf Zarenart?“ Helmut teilte ihm mit, daß er das sehr wohl könne, erklärte, wie er es zubereiten und in welcher Reihenfolge er die Gewürze hinzufügen würde. Als er beim marinierten Ingwer angekommen war, unterbrach ihn der Chef und reichte ihm zum Zeichen des Vertrags die Hand. Helmut drückte eine Hand, die voll Wasser zu sein schien, und sein Blick blieb auf den Handschuhen haften. Diese Handschuhe brachten ihn zur Weißglut, ihre Energie war falsch. Vollkommen falsch! Und genau in diesem Augenblick tat Helmut einen Schwur: „Hundert Tage. Und dann ißt dieser Mann seine Handschuhe auf. Essen wird er sie und in höchsten Tönen loben!“
Helmut wischte sich die Erinnerung aus den Augen und nickte: „Die hundert Tage sind um.“ Er packte sein Lieblingsmesser, einen siebzig Zentimeter langen meatmaster, riß sich ein Haar aus dem Zopf und ließ es auf die Klinge fallen. Das graue Haar zerfiel lautlos in zwei Teile. Helmut schluckte, griff nach dem Speiseplan und begann ihn zu studieren. Die Liste der Speisen stellte der Chef jeden Morgen eigenhändig zusammen, die feststehenden Gerichte versah er mit einem Ausrufezeichen, die wünschenswerten trugen ein Fragezeichen. Tamara stimmte gerade mit ihrer tiefen, kehligen Stimme einen Begräbnisgesang der Altgläubigen an, und Helmut seufzte erleichtert. Er wußte aus Erfahrung, daß das Lied von der silbernen Hechtbraut und dem schwarzen Zarewitsch etwa vier Stunden dauerte. Also hatte er Zeit. Sein Blick blieb bei Nummer 27 der Fleischgerichte stehen – Kalbsrolle an Sahnesauce mit Petersilienkartoffeln und Gemüse der Saison. „Genau“, murmelte Helmut, öffnete den Kühlschrank, entnahm dem obersten Fach das Kalbfleisch und schnupperte daran. Das Fleisch war frisch, gut gekühlt und von erfreulichem Hellrot, nur eine Stelle sah ein wenig müde aus. Helmut tat einen Spritzer Apfelessig auf die graue Stelle und legte das Fleisch auf den Tisch. Mit geübten Bewegungen bereitete er die Füllung aus eingeweichten Backpflaumen, Möhren und Räucherspeck, hackte Knoblauch und schnitt Sellerie. Er handelte präzise und rasch wie ein Automat.
Tamara sang. Ihre zentnerschweren Fleischmassen wogten im Rhythmus des Liedes. Hin und wieder schluchzte sie auf und schluckte ihre Tränen hinunter – Tamara fühlte mit dem schwarzen Zarewitsch, aus dessen Brust der Rabe mit seinem kräftigen Schnabel die besten Stücke riß.
Helmut steckte der Frau die Zunge heraus, griff sich die Handschuhe, löste die Druckknöpfe aus und verbarg sie in der Gesäßtasche seiner Hose. Dann begann die filigrane Arbeit: der Koch schnitt mit rascher und geübter Hand Sämischlederstreifen, beinahe so feine wie Haar.
Der meatmaster zischte auf dem Wacholderbrett rhythmisch hin und her, der Korsarenzopf hüpfte im selben Takt auf dem sehnigen Rücken des Mannes. Als von den Handschuhen nur noch die haarfeinen Streifen übrig waren, schaltete Helmut den Elektroherd an und goß etwas Olivenöl in den Tiegel. Das Öl wurde langsam heiß, Helmut schüttete die Handschuhstreifen dazu und fing energisch an zu rühren. Alsbald brutzelten die Lederstreifen und verbreiteten einen appetitlichen Duft. Tamara sog die Luft geräuschvoll durch die Nase und fragte: „Was wird das denn für eine Nachspeise?“ Helmut rief durch den Qualm und das Gebrutzel: „Kalbsrolle!“ und zündete sich die erste Zigarre an. Eine Havanna reichte für den ganzen Tag.
Den duftenden Rauch genießend, horchte Helmut auf Tamaras Gesang. Sie war gerade an der Stelle angekommen, wo der Stein auf dem Grab zu schwer war und das Herz der Jungfrau bedrückte und es klüger wäre, ein Kreuzlein aus Holz zu setzen, das sei genau recht, so könne die Jungfrau im Grabe leichter atmen. Helmut löschte die Zigarre und nahm den Tiegel vom Herd. Rasch tat er die Füllung auf das Fleisch, streute die Handschuhstreifen obenauf und rollte das Ganze fest zusammen. Nachdem er die Rolle mit marinierten Holzstäbchen fixiert hatte, stach Helmut das Bratenthermometer hinein und betrachtete anerkennend sein Werk. Er wusch sich die Hände, kontrollierte die Temperatur im Backofen und schob das Ganze hinein. Der Tiegel knirschte so eigenartig, daß Helmut die Tür noch einmal öffnete. Nein, alles war in Ordnung. Er schloß den Backofen, schaute auf die Uhr und seufzte.
Unter dem Fenster brummte der grüne Jeep des Chefs. Helmut hörte, wie der Motor stehenblieb und die Tür knallte. Dann polterten schwere Schritte über das Parkett des großen Saales, und die Küchentür flog auf.
„Du hast doch nicht vergessen, daß ich heute wichtige Leute aus Tallinn zum Mittag erwarte?“ röhrte es durch die Küche.
Helmut, der gerade eine Forelle filettierte, schüttelte den Kopf: „Hab ich nicht vergessen, Chef, hab ich nicht vergessen.“ Aber seine Seele lachte, und in Gedanken spuckte er den Chef an – ptüh! Und noch einmal – ptüh!
Der fuhr sich mit dem Ärmel über die Lippen: „Was bietest du uns denn an? Was hast du im Ofen?“
Helmut schnitt einem Barsch mit einem Ruck den Kopf ab und brummte: „Kalbsrolle.“
„Nicht schlecht, Koch, nicht schlecht. Das gefällt mir.“ Der Chef schnipste mit den Fingern und ging. Die Tür flog mit einem Knall hinter ihm zu.
Ein wenig später stand der Koch in seiner Paradeuniform am Tresen und schaute zu, wie der Chef und seine Gäste speisten. Besonders wichtige Gäste bediente der Chef selbst, dann bestand Helmuts Aufgabe nur darin, die leeren Teller, Platten und Schalen fortzuschaffen. Die Gäste lachten und aßen und priesen das Essen. Der Chef trank Rotwein, traf Helmuts Blick und erhob anerkennend das Glas. Der Koch hob als Antwort den Daumen und nickte. Der Chef rief: „Gut gemacht! Du bist ein Koch, wie es sich gehört!“
Vor Helmut auf dem Tresen lagen braune glänzende Lederhandschuhe, die einem der Gäste gehörten. Helmut rückte näher an die Säule. Er unterzog die Handschuhe einer vorsichtigen Prüfung. Das Leder fühlte sich rund und aromatisch an, mit einer interessanten, leicht herben Note sowie einem fruchtigen Nachklang.
Helmut schluckte und preßte die Hand um den Ebenholzgriff seines meatmaster. Die Hand streckte sich wie von alleine aus und packte das Handschuhpaar. Der hölzerne Tresen verhielt sich wie ein Schneidbrett, glatt und kompakt. Druckknöpfe und Schnallen verunzierten die Handschuhe nicht, und schon zischte der meatmaster in seinem sicheren, erprobten Rhythmus vor-rück, vor-rück, vor-rück ...
Ein junger Mann mit blondem Schnauzbart war mit ein paar Sätzen bei Helmut und schrie: „Was machst du denn! Du verdammter Kerl, was machst du da?!“
Helmut Taagepera, der Meisterkoch, einundneunzig Jahre alt, sah ihm in die Augen und flüsterte: „Du wirst die Handschuhe essen, mein Junge. Essen wirst du sie und in höchsten Tönen loben!“



