Eine Novelle: Maimu Berg, Baltic Dream

Baltic Dream
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(c) Jüri J Dubov
Aus dem Estnischen von Irja Grönholm


         Wach wurde sie vom Geräusch eines anfahrenden Autos.

Im Laufe der Nacht fuhren viele Autos an und ab oder kamen irgendwoher, und sie hörte sie nicht, doch mit einem Mal war es soweit, die Zeit stellte die Sinne auf Empfang – Wasser rauschte im Bad des Nachbarn, ein Motor sprang draußen an, irgendwo jaulte ein Martinshorn, Menschenstimmen drangen durch die Wand hindurch, Licht zwängte sich durch einen Gardinenspalt ins Zimmer, irgendwo fing ein Radio an zu dudeln. Nicht immer war ihr bewußt, was sie gerade geweckt hatte. Manchmal kam der Impuls nicht von außen, manchmal befand er sich auch in ihr - eine verschlüsselte Nachricht, die der Organismus sich selbst übermittelte, oder ein böser Traum, den man nur damit unterbrechen konnte, daß man sich den Befehl erteilte aufzuwachen und die Augen aufriß.

Jeder Morgen begann auf dieselbe Weise - der Blick auf den digitalen Wecker, dessen rote Ziffern triumphierend die Dämmerung durchstachen. Das Radio. Wenn noch Zeit war, der Griff nach einem Buch, in dem man las, ohne etwas zu verstehen. Gleichsam als Verlängerung des Traums, als langsames Hinübergleiten in die Realtität. Mitunter aber sprang sie ruckartig aus dem Bett und eilte ans Fenster, nackt. Riß das Fenster auf, ohne sich um die etwaigen Blicke von Hundehaltern und Joggern zu scheren und prüfte das Wetter. Meist schlug ihr feuchte Kälte entgegen. Dann hob sie das Bettzeug zum Lüften aufs Fensterbrett und ging ins Bad - der Blick in den Spiegel, aus dem ihr das allmorgendliche Gesicht entgegensah. Von dem sie wußte, daß es das ihre war, ohne darüber nachdenken zu müssen. Über Jahre und Jahrzehnte hatte ihr dieses Gesicht - in ständiger Veränderung, doch unveränderter Identität - aus jedem Spiegel entgegengesehen, ungeachtet dessen, an welchem Ort sich Spiegel und Gesicht gerade befunden hatten. Aber heute morgen sah ihr aus dem heimischen Badezimmerspiegel nicht das eigene Gesicht entgegen, sondern ein ganz anderes. Obwohl von halblangem dunkelbraunen Haar umrahmt und um einiges jünger als ihres, war dies kein Frauengesicht, sondern das eines Mannes. Zudem eines Mannes, den sie schon irgendwo gesehen hatte, sich aber nicht erinnerte, wo. Sich absolut nicht erinnern konnte, wer dieser Mann war, dem dieses Gesicht gehörte. Sie entsann sich, daß der Mann schlank gewesen war, größer als mittelgroß, breitschultrig, durchaus attraktiv, und eine schwarze Lederjacke getragen hatte. Und er hatte klug gesprochen, geistvoll und ironisch. Obwohl er ihr sympathisch gewesen war - die Sympathie war noch sehr gegenwärtig - , so fand sie es doch verwirrend, jenes Gesicht an ihrem Körper zu erblicken. War der Körper überhaupt ihr eigener? Doch, er war. Ihre Figur, ihre Brüste, ihr gewölbter Bauch, ihre breiten Hüften - unverkennbar weich und fraulich. Aber dazu das markante Gesicht.

Sie betrachtete ihr Spiegelbild intensiv, etwa wie man eine plötzlich aufgetauchte, bislang ungekannte abnorme Erscheinung betrachtet. Sie blickte angespannt aber unbeteiligt, so als hätte sie persönlich nichts damit zu tun. Ihr kam ein altägyptischer Held mit Tierkopf und Menschenkörper in den Sinn, wie hieß er gleich, Horus, Apis, Anubis? Der Vergleich jedoch wies auf Übernatürliches und erzeugte Unbehagen, während ihr neues Gesicht erstens ein menschliches und zweitens ein sympathisches war. Je länger sie es betrachtete, desto mehr gefiel es ihr. Dunkelgrüne, tiefliegende, intensive Augen. Kräftige dunkle Augenbrauen. Hohe Stirn. Ein eckiges und willensstarkes Kinn. Die Nase ziemlich groß und leicht gebogen, sehr männlich. Der Mund klar konturiert und mit genau richtigen, nicht zu schmalen und nicht zu vollen Lippen. Ein klassisches Männergesicht. Selbst das lange dunkelbraune Haar konnte ihm keinerlei Weiblichkeit verleihen. Aber - warum war dieses Gesicht, das willensstarke Gesicht eines klugen und selbstbewußten, vielleicht eine Spur überheblichen Mannes - warum war dieses Gesicht ausgerechnet an ihrem Hals befestigt? Sie tastete über den Nacken - das Muttermal war da. Der Nacken also gehörte ihr. Folglich mußte oberhalb desselben die Grenze zwischen Kopf und Hals verlaufen, sofern es überhaupt möglich war, eine solche Grenze festzulegen. Warum war der Kopf eines Mannes an ihren Körper geraten? Wer ist der Mensch mit dem fremden Kopf und dem eigenen Körper, wer hält sich für sie, wer nennt sich mit ihrem Namen, wer denkt ihre Gedanken? Und wo befindet sich ihr Kopf? Auf wessen Hals sitzt er? Wessen Gedanken denkt er?

Als der erste Computer in ihr Leben trat, verbrachte sie sämtliche Freizeit mit ihm. Menschen waren überflüssig geworden. Dem Computer konnte man seine Gedanken anvertrauen, und so gab sie alles, was ihr in den Sinn kam, über die Tastatur ins Gerät ein, auch Dinge, die sie bedrückten und die sie weder einem Menschen noch einem Tagebuch anvertraut hätte. Verraten konnte einen auch verbranntes Papier, allein durch den Tatbestand, daß es nach verbranntem Papier roch. Zudem war das Ritual des Verbrennens übertrieben dramatisch. Man konnte das geheimnistragende Papier auch in dünne Streifen reißen, ins Klo werfen und spülen - aber war das nicht banal, entwertete es nicht den Text mit seinen intimsten Gedanken? Außerdem war die Methode unsicher - das Papier konnte eine Verstopfung verursachen und aus dem Rohr gestochert werden, und irgend jemandem fiele ein, die Stücke wieder zusammenzufügen.

Als sie eines Tages ihre Offenbarungen vernichten wollte, fragte der Computer wie ein treuer Gefährte, ob sie auch sicher sei, alles löschen zu wollen, und als sie bestätigend die Entertaste drückte, verschwand der Text vom Bildschirm, als hätte es ihn nie gegeben. Nicht zu fassen. Sie fahndete quer durch den ganzen Computer, öffnete Programm auf Programm, Datei auf Datei, in der Hoffnung, den Text wiederzufinden, aber sie fand ihn nicht. Vielleicht war er aufgefahren in den Computerhimmel und lebte in einer anderen Welt weiter, ebenso wie eine Seele, die ja auch im Himmel oder in einer anderen Welt weiterlebte. Oder war ihr Text in einen anderen Computer eingegangen, an einem fernen Ort, wo man ihrer Sprache nicht mächtig war, dort tauchte er einfach auf einem Bildschirm auf, unerwartet, Verwirrung stiftend und verschlüsselt wie eine Botschaft aus dem All. Vielleicht entschlüsselte man ihre Zeichen, ihre Sprache, in der der Text verfaßt worden war. Und wenn man dann noch einen Übersetzer fand, würde man ihr Gejammer lesen können, den Tratsch und Klatsch, die Selbstüberhebung, ihre Liebesgeheimnisse als Ausbruch von Romantik oder Wut. Alle würden lesen und nichts verstehen, lesen und sich vor Lachen krümmen, denn Raum und Zeit hatte den Sinn verzerrt, Erhabenes zunichte gemacht und Nichtiges zu Göttlichem erhoben. Texte wie auch Menschen konnten nie gänzlich verschwinden, daran glaubte sie fest, sie kommen und gehen, sie verändern sich, erhalten neue Namen und Bedeutungen, werden anderssprachig wiedergeboren, leben irgendwo ihr neues Leben und tun alles in allem mehr Gutes als Schlechtes. Das war denkbar. Das war möglich und erklärlich. Wenn also ein Text aus dem Computer verschwand, auf ewig verschwand, was sie, wie gesagt, nicht glaubte, dann mußte doch wenigstens eine Erinnerung an ihn, eine Spur von ihm, in der mysteriösen Welt der Programme erhalten geblieben sein. Wie im Kaleidoskop - wenn man es bewegt, entstehen aus den alten Mustern neue, wobei sie sich nie wiederholen, und da kein Detail von außen hinzukommt, werden sie doch stets aus ein und denselben bunten Splittern und Spiegeln geboren. Die Frage bestand demnach nur darin, was man tun mußte, um den Computer zu bekehren.

Was eben mit ihr geschehen war, paßte in kein Denkmodell. Sie wußte nicht, was sie machen sollte, sie wußte nicht, was die anderen machen würden. Es blieb nur eine Möglichkeit - es an den Kollegen zu testen. Aber wie zum Dienst gehen? Was anziehen? Männersachen besaß sie nicht. Außerdem - was war sie schon für ein Mann, mit ihrem großen Busen, den schmalen Schultern und dem runden Hintern. Sie trat ganz nah an den Spiegel heran. Ihre Gesichtshaut hatte einen dunklen Teint und große Poren. Voller Entsetzen bemerkte sie an Wangen und Kinn einen dunklen Anflug von Bart. Sie besaß nur einen mittlerweile stumpfen Wegwerfrasierer zum Entfernen der Achselhaare, und vom letzten Liebhaber einen alten Rasierpinsel, der eingetrocknet und vergessen irgendwo in einer Schublade des Badezimmerschränkchens lag. Ihr schauderte bei dem Gedanken, sich mit der stumpfen Klinge zu schneiden. Der Pinsel rubbelte auf der Seife herum und schäumte das Gesicht ein. Die weiße Verhüllung machte es erträglicher. Die Klinge war wirklich stumpf, die Hand zitterte, und schon hatte sie sich in ihr kantiges oder besser gesagt in jenes kantige Kinn geschnitten, das nun ihr eigenes sein sollte. Sie spürte Schmerz, das fremde Gesicht spürte ihren Schmerz, nein, sie spürte den Schmerz des fremden Gesichtes. "Aua!" schrie sie auf, und dieser Aufschrei brachte sie auf den Gedanken, jetzt wohl auch eine fremde Stimme zu haben. Sicher habe ich jetzt eine fremde Stimme, wiederholte sie laut, aber sie war so außer Fassung, daß sie nicht erkennen konnte, ob sie mit ihrer leisen, etwas brüchigen Frauenstimme oder mit der zum Gesicht passenden Männerstimme sprach. Alles zu seiner Zeit, sagte sie sich, denn alles, was von nun an geschah, war ein Experiment, dessen Verlauf sie zu beobachten, zu fixieren und einzustufen hatte. Die Stimme zitterte. Erstmal rasieren wir den Bart ab und dann befassen wir uns mit der Stimme, legte sie die Reihenfolge fest. Seltsamerweise wollte sie nicht mehr in der Ich-Form denken, sondern wählte das unbestimmte wir, das in etwa der Anrede Bürger aus Sowjetzeiten entsprach. Sie war nun ein Bürger. Eine Frau mit Männerkopf. Ein Mann mit Frauenkopf. Weder Frau noch Mann, weder hetero- noch homo- oder transsexuell.

Es fielen ihr Geschichten von Operationen ein. Mußte sie sich jetzt zum Mann umwandeln lassen? Und erst da dachte sie an ihren Liebsten, der gerade glücklicherweise auf einer seiner wiederholten Dienstreisen im Ausland weilte. Ihr kamen die Kinder in den Sinn, die Söhne, von denen der eine in Amerka studierte und der andere in Finnland verheiratet war. Sie würden sich nur schwer vorstellen können, daß ihre Mutter sich eben im Badezimmer rasierte.

Der Bart war ab. Sie wußte, daß die Männer ihre Gesichtshaut mit Rasierwasser pflegten. Sie kramte in allen Fächern des Badezimmerschränkchens, aber ein Rasierwasser fand sie nicht. Sie besaß nur Nina Ricci L'Air du Temps, das sie sich auf der letzten Schiffsreise im duty free-Laden gekauft hatte. Aber paßte denn dieses weibliche Parfüm, das sogar sie als zu süß empfand, zu dem neuen Gesicht? Zerstreut spritzte sie sich ein paar Tropfen auf die Haut und spürte, wie die Schnittwunde am Kinn zu brennen begann. Das ärgerte sie, denn es machte ihr die Lage nur allzu deutlich bewußt. Zu ändern war jetzt sowieso nichts, Ruhe bewahren hieß es, und nach Plan handeln. Zunächst also die Stimmprobe. Sie stöberte lange in den Musikkassetten, fand leider keine unbespielte und entschloß sich endlich, Prokofjews Iwan der Schreckliche zu opfern. Zwischen den düsteren Weisen des Schrecklichen deklamierte sie surrealistische Gedichte von Ilmar Laaban. Dann hörte sie das Band ab - ein interessanter Mitschnitt, nur die Stimme mit den Gedichten war fremd. Es war keine Meisterleistung des Computers wie in Farinelli, aber mit Sicherheit auch nicht ihre ursprüngliche Stimme. Weder die einer Frau noch die eines Mannes, sondern einfach eine Stimme, bei der man sagt, es hat jemand angerufen, woraufhin gefragt werden würde, ein Mann oder eine Frau, und man antwortete, weiß ich nicht, wahrscheinlich eine Frau, aber vielleicht auch ein Mann. Sie war wahrscheinlich eine Frau, aber vielleicht auch ein Mann. Androgyn. Jetzt war es ausgesprochen.

Dieser Stierköpfige, dieser Apis, Anubis oder Minotaurus - dachte der wie ein Stier? Unsinn. Ein Stier denkt nicht. Fühlte er wie ein Stier? Mit der Leidenschaft eines Stieres? Was für Leidenschaften verspürte sie? Begehrte sie nun Frauen, weil sie den Kopf eines Mannes trug? Würden ihre Gedanken von nun an immer männlicher werden, bis der Körper schließlich das Handtuch warf und sie zwang, mittels Operation das Geschlecht zu ändern? Wie lästig das alles war! Schmerzhaft und gefährlich. Und teuer obendrein - die Operation kostet, die Garderobe muß ausgewechselt werden, und einen Schlipsknoten kann sie auch nicht. O Gott, die Papiere! Sämtliche Papiere! Sollte sie riskieren, heute mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, wo doch auf dem Führerschein ihr Foto prangte? Das heißt, das Foto ihres früheren Gesichts. „Was soll der Blödsinn, ich muß jetzt aufwachen!" rief sie und rannte zum Spiegel im Schlafzimmer, in der Hoffnung, daß sie alles nur geträumt hatte.

Aus dem Spiegel sah ihr das frischrasierte Gesicht eines jungen Mannes entgegen, eine rötliche Wunde am Kinn. Und ihr eigener Körper. Sie war immer noch nackt. Und das Fenster war immer noch offen. Jetzt erst spürte sie die Kälte - und deutlicher als zuvor das Entsetzliche ihrer Lage. Sie fing an zu weinen und erschrak. Männer weinen nicht, schoß ihr durch den Kopf. Unsinn, warum sollten Männer nicht weinen, wies sie sich zurecht. Außerdem - was geht es mich an, noch bin ich ja kein Mann. Damit beendete sie das so trostreich begonnene Weinen.

Sie ging zurück ins Bad und versuchte sich zu waschen. Die Berührung des weiblichen Körpers empfand sie plötzlich als unsittlich. Ich muß mich daran gewöhnen, sagte sie sich, das Leben muß doch weitergehen. Und stellte sich ganz bewußt vor den großen Spiegel, um sich anzuziehen. Doch das Wesen mit dem Männergesicht, das sich da den Büstenhalter zuhakte, war ein so deprimierender Anblick, daß sie die Augen schließen mußte. Alles weitere zog sie nach Gefühl an, wählte mit kurzem Augenaufschlag einen Hosenanzug und trat dann erneut vor den Spiegel.

Ein junger Mann sah sie an. Einer, dessen Gesichtszüge in einem merkwürdigen Kontrast zur fraulichen Figur standen. Da halfen keine Schulterpolster und auch nicht, daß sie groß war - der Hosenanzug war nicht das Richtige. Vielleicht würde weibliche Kleidung das männliche Gesicht abschwächen, und das Ergebnis wäre eine junge Frau? Sie holte den weichen Strickrock und einen Pullover in passendem Ton aus dem Schrank. In dieser Kombination kamen ihre weiblichen Formen besonders zur Geltung. Jetzt aber standen sie in schreiendem Widerspruch zu dem kantigen Männergesicht, dessen Schnittwunde am Kinn geradezu bedrohlich wirkte. Brüste, Hüften und Hintern schienen anmontiert, das Ergebnis - ein gigantischer Transvestit. Kurz entschlossen zog sie eine schwarze Hose an und einen schwarzen Pullover. Ohne einen weiteren Blick in den Spiegel griff sich sich vom Flurtisch die Handtasche und vom Schlüsselbrett die Autoschlüssel. Sie ging das Risiko ein und fuhr mit dem Auto zur Arbeit.

Zum ersten Mal hatte sie mit etwa drei Jahren am Steuer gesessen. Onkel Albert war Chauffeur, ein richtiger und wichtiger Mann, sozusagen die Inkarnation der Männlichkeit. Er trug Lederjoppe und Knickerbocker, eine eckige Chauffeursmütze und knarrende Stiefel. Er roch nach Benzin, Auto und Zigaretten. Onkel Albert fuhr einen riesigen Lastwagen, auf dessen Kühlerhaube ein Bär mit erhobener Pranke thronte. Das Auto hatte ein großes schwarzes Lenkrad, das das kleine Mädchen drehen durfte. Mitten im Lenkrad befand sich eine glänzende Scheibe. "Drück mal", meinte Onkel Albert und legte die Hand des Mädchens auf die Scheibe. "Kräftiger!" Die kleine Hand drückte so stark sie konnte, und das Auto jaulte fürchterlich auf. Das Mädchen kniff die Augen zu und krümmte sich vor Angst, daß das Auto jetzt losfahren und die Fabrikmauer rammen würde, aber glücklicherweise geschah nichts. Nur Onkel Albert lachte, daß seine schadhaften Zähne zu sehen waren, groß und gelb, mit angelaufenen Silberplomben dazwischen, und das rosa Zäpfchen hinten im Hals zuckte und zitterte im dröhnenden Gelächter.

Onkel Albert - wann war er in ihr Leben getreten, wohin war er entschwunden? Wie hatte er überhaupt ausgesehen? Hatte nicht er dieses kantige Kinn und die tiefliegenden dunkelgrünen Augen gehabt? Quollen nicht im Gegensatz zur damaligen Mode halblange dunkelbraune Haare unter der Chauffeursmütze hervor? Am deutlichsten jedoch erinnerte sie sich an die Zähne, denn seit jenem homerischen Gelächter empfand sie eine mit Abscheu gemischte Lust, diese Zähne wiederzusehen.

Sie befühlte ihr Gebiß mit der Zunge. Der linke hintere Backenzahn, vor mehr als zwanzig Jahren gezogen, war vorhanden! Sie spürte, wie sich ihr Rücken mit Schweiß überzog. Sie mußte die Zähne sehen, sofort. Jäh trat sie auf die Bremse, blinkte kurz und hielt. Der nie versiegende Autostrom bewegte sich an ihr vorbei. Jeden Morgen das vertraute Singen der Räder, das leise Summen der Motoren, ein eindeutiger Ablauf, beruhigend durch Gewohnheit und Wiederholung. Jetzt hatte sie keinen Platz mehr in dieser sanft dahinfließenden Beständigkeit. Es gab sie nicht mehr. Ihr fiel ein, daß Tote nach ihren Zähnen identifiziert wurden. Sie öffnete den Mund und studierte das Gebiß im Rückspiegel. Anstelle der immer wieder plombierten Zähne und der klaffenden Lücken dazwischen - vier oder fünf waren gezogen - hatte sie mit dem neuen Gesicht auch neue Zähne bekommen. Sie riß den Mund weit auf – ein Bild der Vollkommenheit. Nicht eine Plombe. Nein, das war nicht Onkel Alberts Mund. Das waren die gesunden Zähne eines jungen, kräftigen Mannes, die niemals schmerzten. Einen Moment lang verspürte sie Freude. Die lästigen Zahnarztbesuche würden wegfallen! Doch gleich verfiel sie wieder in Hoffnungslosigkeit. Gesunde Zähne bedeuteten in ihrer derzeitigen Situation gar nichts. Außerdem gehörten sie jemand anderem. Nachdenklich betrachtete sie das Gesicht. Wer bin ich, fragte sie mit ihrer geschlechtslosen Stimme, wer ist das? Theatralisch wies sie auf den Rückspiegel - wir fragen, wer ist dieser Mann. Wir wollen wissen, wo wir dieses Gesicht gesehen haben. Als Antwort surrten die Räder der vorbeifahrenden Autos.

Um sich zu beruhigen, fischte sie das winzige Kosmetiktäschchen aus der Handtasche heraus und tuschte sich die Wimpern. Dann zog sie die Hülle vom Lippenstift. Noch bevor sie ihn an die Lippen führen konnte, klopfte es ans Autofenster. Der Lippenstift fiel auf den Beifahrersitz. Hinter der Scheibe tauchte die finstere Miene eines Polizisten auf. "Ihre Papiere!" schnarrte die Amtsstimme, nachdem ein Name, der deutlich auf -baum endete, genannt worden war. Brotbaum? Buchsbaum? Birnbaum? Aus irgendeinem Grunde war ihr das im Moment sehr wichtig. "Entschuldigung, ich habe nicht verstanden, wie war doch gleich Ihr Name?" fragte sie. Und begriff, daß sie einen Fehler gemacht hatte. Machthabern stellt man keine Fragen. "Knochenbaum", sagte der Polizist gereizt.

Sie versuchte den Polizisten anzulächeln, wobei sie nicht wußte, wie ein Lächeln ihres derzeitigen Gesichts wirken würde. Sie beförderte die Zulassung aus der Handtasche und reichte sie Knochenbaum. Sie merkte, wie ihr Lächeln gefror, denn ihr war, als beäuge der Polizist die Damenhandtasche. Der hält mich für einen Mann, folgerte sie. Knochenbaum war mit der Langsamkeit eines Beamten mit den Papieren befaßt. "Den Führerschein!" Mit zitternder Hand suchte sie nach dem geforderten Dokument, wobei ihr Blick auf ihren Fingern haften blieb. Die Nägel waren manikürt und grellrot lackiert. Sie hatte gerade eine neue rote Jacke erstanden, die sie heute morgen zum ersten Mal anziehen wollte. Gestern abend hatte sie gebadet und danach ihre Finger- und Zehennägel entsprechend der neuen Jacke lackiert. Sie stellte fest, daß sie vergessen hatte, sich die Ringe aufzustecken.

 

Der Mann legte die Tabakspfeife in dem Moment ins Handschuhfach, als der Polizist durchs Autofenster hereinsah. Der Ausdruck des Polizisten war mißtrauisch - wahrscheinlich hatte er die Pfeife bemerkt. Hielt er ihn für eine Frau? Aber Polizisten hatten immer diesen lauernden Blick, ob sie sich nun Milizionäre, Carabinieri oder sonstwie nannten. Der Polizist stellte sich nuschelnd vor und forderte die Papiere. Der Mann bat den Polizisten, den Namen zu wiederholen. Wozu? Eigentlich war es doch egal, ob die Papiere von einem Gailis, Mezgailis oder Latgailis kontrolliert wurden. Angenehm war es ohnehin nie. Vielleicht hätte ihn der Polizist nicht bemerkt, wenn er mit dem Strom in Richtung Stadt gefahren wäre, aber ein einzelnes Auto im Berufsverkehr am Straßenrand - das kommt dem Ordnungshüter verdächtig vor.

Der Mann hatte angehalten, weil er seine Zähne sehen mußte. Die Zähne waren der sicherste Beweis. Aber eigentlich war die Sache auch so klar. Leider. Das waren nicht seine Zähne. Es fehlte oben links ein Backenzahn, unten links war überhaupt nichts mehr da, unten rechts fühlten sich die Zähne seltsam rauh an, und das Gaumensegel war ungewohnt hoch. Ein Zahn war abgebrochen, das weiche Zahnfleisch quoll hinter dem Stummel unangenehm hervor und schmeckte säuerlich. Die Schneidezähne waren empfindlich, irgendwo stieß die Zunge auf eine bröckelige Plombe.

Zweifellos war es eine interessantere Mundhöhle als die seine. Er wanderte mit der Zunge durch die fremden Gefilde, ein seltsames Gefühl, das dem Menschen in diesem Ausmaß normalerweise nicht gegeben ist. Auch die Zunge schien fremd. Er steckte die Finger in den Mund, befühlte Zunge, Gaumensegel und Zähne und glitt mit der bespeichelten Hand über seine glatte, etwas schlaffe Wange. Und fuhr fort, mit der Zunge in der Mundhöhle herumzusuchen, in der Hoffnung, auf diese Weise seine gesunden Zähne wiederzubekommen und damit auch das richtige Gesicht. Die vielen Zahnlücken! Wie konnte man so überhaupt essen! Wer weiß, wo seine Zähne gerade waren! Vielleicht lagen die gerade irgendwo in einem Glas, in einem von Bakterien und Essensresten schleimigem Wasser.

Er trat auf die Bremse, blinkte kurz und hielt. Der Strom der Autos floß an ihm vorüber. Das Summen der Räder in ihrem stumpfen Gleichmut, ihrer Teilnahmslosigkeit und Selbstverständlichkeit waren zum Verrücktwerden! Wie konnte alles seelenruhig weitergehen, wenn ihm ein solches Unglück widerfahren war! Er hatte keinen Platz mehr in diesem alltäglichen, nie versiegenden Strom von Menschen am Steuer. Es gab ihn nicht mehr. Ihm fiel ein, daß man Tote mittels ihrer Zähne identifizierte. Jetzt wäre es bei ihm erforderlich gewesen, aber er war ja nicht tot. Trotzdem - was er im Mund hatte, gehörte nicht ihm. Wie wollte er beweisen, daß er - er war? Daß es ihn gab?

Er öffnete den Mund und versuchte seine Zähne im Rückspiegel genauer zu betrachten. Im morgendlichen Dämmerlicht war nicht viel zu erkennen. Wäre er eine richtige Frau, dann hätte er eine Handtasche dabei, darin ein Täschchen oder Beutelchen, wie es Frauen immer mit sich führen, mit allerlei Kleinkram - Lippenstifte, Wimperntusche, Augenbrauenstift, Puderdose, diverse Bürstchen. Die Puderdose hat für gewöhnlich einen Spiegel, in dem man sich betrachten kann. Man entnimmt also der Handtasche ein prall gefülltes Täschchen mit Clip- oder Reißverschluß, fischt ein dunkelblaues oder goldbraun glänzendes Puderdöschen heraus, knipst es auf und fährt sich hurtig wie ein Eichhörnchen mit der darin befindlichen Quaste über die Nase - wie oft hatte er das in seinem Leben gesehen! Mußte er das nun auch tun? Er hatte sich nie Gedanken gemacht, warum es die Frauen taten, was sie damit bezweckten. Vermutlich nichts. Es gehörte einfach zur Weiblichkeit, als überkommenes Ritual, Frauen mußten solche Bewegungen vollführen.

Er beugte sich näher zum Rückspiegel. Das ganze Gesicht wollte er nicht sehen, es war gräßlich, eine blanke Katastrophe. Aber er sah sich die Zähne an. Möglicherweise handelte es sich um eine Krankheit, eine körperbezogene Sinnestäuschung, und wenn er jetzt im Spiegel seine schönen gesunden Zähne sah, dann vermochte er auch das Gesicht anzusehen, um sich zu überzeugen, daß alles wieder in Ordnung war. Alles ist wieder in Ordnung, murmelte er. Die Stimme! Es war ihm überhaupt noch nicht in den Sinn gekommen, daß sich auch die Stimme verändert haben könnte. Zu Hause hatte er sich nicht getraut, einen Ton von sich zu geben, obwohl er sonst immer beim Rasieren sang. Nun, jetzt rasierte er sich ja nicht mehr. Im Bad war er stumm wie ein Fisch gewesen, entsetzt über sein Aussehen und voller Angst, daß Baiba aufwachen könnte.

Er räusperte sich und dachte nach. Dann zählte er, wie es Techniker bei Mikrofonproben taten. "Eins-zwo-drei, eins-zwo-zwo, eins-drei ..." Die Stimme krächzte wie jeden Morgen. Er sprach lauter, aber war innerlich so aufgewühlt, daß er nicht imstande war zu erfassen, ob er mit seiner sanften, etwas belegten Männerstimme sprach oder einer tiefen, leicht brüchigen Frauenstimme. Alles zu seiner Zeit, sagte er laut. Zuerst sehen wir uns die Zähne an, dann befassen wir uns mit der Stimme. Ihn wunderte das Denken in der Pluralform. Es erinnerte ihn an Sowjetzeiten, als das unbestimmte, einschüchternde wir über die Persönlichkeit herrschte.

Er beugte sich so dicht an den Spiegel, daß der beschlug. Er wischte mit den Fingern drüber und vertiefte sich in die Betrachtung. Öffnete den Mund, studierte die fremden Zähne und den sichtbaren Teil des Gesichts. Die Zähne waren gelblich, um die Plomben herum braun verfärbt - selbst in der Dämmerung war es zu erkennen. Die beiden Schneidezähne standen vor, einer schien ein bißchen kleiner, als wäre er abgenutzt. Der Mund um die Zähne herum war zweifellos ein Frauenmund, mit Fältchen über der Oberlippe und in den Mundwinkeln. Er betrachtete die breite Nase, die Wangen, die Augen. Um die Augen gab es kaum Falten. Wie alt mochte das Gesicht sein? Die Augen waren groß, vielleicht sogar schön, im Moment blickten sie jedoch stechend. Vielleicht gehörte das Gesicht gar keiner so häßlichen Person, aber unzweifelhaft gehörte es jemandem, der ein gutes Stück älter war als er. Und weiblich. Jetzt hatte dieses Gesicht gewaltsam den Platz an seinem Körper eingenommen. Seiner Identität war der Todesstoß versetzt worden. Er fuhr sich über die Haare, sie waren weich, glatt und dunkel, vermutlich gefärbt. Mußte er jetzt etwa regelmäßig die Haare färben?

Er kurbelte das Fenster herunter und beugte sich zum Außenspiegel vor, dort war alles deutlicher zu sehen. Er öffnete den Mund und glitt mit der Zunge über die oberen Schneidezähne, so daß er die bläuliche, gelb und lila geäderte Zungenunterseite sah. Etwas an dieser Häßlichkeit kam ihm bekannt vor. Das Gesicht verschwamm mit einem weißen Kittel und dem Häubchen einer Verkäuferin, doch den Ekel vor der Zunge verspürte er ganz deutlich. Erika! Tante Erika, die auf dem Markt von Riga saure Sahne verkaufte. Die schwere rahmige Sahne von Kühen, die auf den Wiesen von Lielupe gegrast hatten, denn die Wiesen von Lielupe ergaben die beste saure Sahne, das wußte auch die Mutter. Erika sang Loblieder auf ihre Kühe und deren saure Sahne, und um die Worte zu bekräftigen, nahm sie vom Ladentisch ein Stück Pergamentpapier, rollte es zu einer spitzen Tüte und tauchte es in die große blecherne Sahnekanne - die Mutter sollte kosten, er ebenfalls. Auch Tante Erika kostete. Und jedesmal fuhr sie sich hinterher mit der Zunge über die Zähne. Erst schmatzte sie, dann war die Zunge an der Reihe, aber in einer Weise, daß die schreckliche lilablaue Unterseite zu sehen war. Die Zunge eines Erhängten. Eines Ertrunkenen. Die Zunge eines Gespenstes. Sicher kannte Erika die Wirkung, denn nach dem Schmatzen und Schlecken schaute sie ihn schelmisch - ihrer Meinung nach schelmisch - an und lachte los, so daß in ihrer sauresahnebehafteten Mundhöhle die Plomben silbern aufblitzten. Auf einer Seite hatte sie keine Backenzähne mehr, dort bewegte sich im Rhythmus des Lachens das rosa Zahnfleisch mit, dick und rund wie eine fröhliche, feiste Bockwurst.

Er aß Tante Erikas saure Sahne nie, und wenn sie hundertmal aus Lielupe stammte. Die Mutter schalt - eine so gute Sahne, und das Kind ißt sie nicht! - und nahm einen großen Löffel voll. Sie schmatzte theatralisch, um zu zeigen, was das doch für eine gute Sahne war. Als die Mutter so schmatzte, hatte er Angst, daß auch sie mit der Zunge über die Zähne fahren konnte, aber die Mutter tat es zum Glück nie.

Nein, das hier war nicht Erika. Aber das Gesicht kam ihm trotzdem bekannt vor. Wem gehörte es nur? War jene Frau nicht ziemlich groß gewesen? Dunkel gekleidet? Mit einem auffälligen Schmuck um den Hals?

Als er heute morgen nach dem ersten Schock die Kleidung zu seinem Gesicht wählte, entschied auch er sich für einen dunklen Pullover. Ein Anzug hätte befremdlich gewirkt, besonders mit Hemd und Schlips, die Lederjacke wäre geschmacklos gewesen, und in seinem langen, breitschultrigen Trenchcoat hätte er ausgesehen wie eine Obdachlose aus einem Film der dreißiger Jahre.

Der Morgen hatte ganz gewöhnlich begonnen. Er erwachte, wie sonst auch, auf einen äußeren Impuls hin. Ein vorüberfahrendes Auto oder die erste Straßenbahn, die durch die Parallelstraße rumpelte, der Aufprall des vom Nachttisch gerutschten Buches beim Mieter über ihm – all diese Geräusche nahm er erst wahr, wenn sie ihn, aus welchem Grund auch immer, bereits aus dem Tiefschlaf geholt hatten. Er sah auf die Uhr, deren rote Ziffern in freudiger Munterkeit durchs Dämmerlicht strahlten. Eben wechselte die Neununddreißig auf die Vierzig, das geschah urplötzlich und nach einer seltsamen Logik. Aus der Drei wurde die Vier, aber so, als sei die Drei einzig dafür geschaffen, um zur Vier zu werden, und auf ebendiese Weise wurde aus der Neun die Null. Wenn man versucht hätte, dies mit einem Stift auf  Papier nachzuzeichnen, wäre nichts dabei herausgekommen.

Er kletterte vorsichtig, um Baiba nicht zu wecken, aus dem Bett. Zwar war ihm Baibas Schlaf nicht unbedingt heilig, aber heute hatte er keine Lust zu reden. Baiba schlief, mager und elend wie der Tod. Die Augenhöhlen - von ständiger Wimperntusche und Lidschatten bläulichschwarz - wirkten in der Dämmerung wie Löcher. Wenn er neben Baiba lag, kam ihm der Totentanz in den Sinn - wie der hagere Tod, ein Stück Stoff um die Lenden gewunden, den König holt. Eigentlich war Baiba eine hübsche Frau, zumindest nach den geltenden Schönheitskriterien. Hohlwangig, schlank, langbeinig, schmalhüftig. Ihr Bild erschien oft in Zeitschriften - Baiba, Liebling der Fotografen. Sie war auch nicht dumm oder unbegabt, im Gegenteil, und es war angenehm, sie zur Partnerin zu haben, besonders vor den Mitmenschen. Baiba, Designerin und Journalistin, Freundin eines bekannten Literaten und Verlegers.

Er ging in die Küche, und nackt wie er war, schaute er aus dem Fenster, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, daß ihn die Leute von der Straße aus sehen konnten. Das Wetter war naß und kalt wie immer.

Dann ging er ins Bad - der Blick in den Spiegel, aus dem ihm das allmorgendliche Gesicht entgegensah. Von dem er wußte, daß es das seine war, ohne darüber nachdenken zu müssen. Über Jahre und Jahrzehnte hatte ihm dieses Gesicht - in ständiger Veränderung, doch unveränderter Identität - aus jedem Spiegel entgegengesehen, ungeachtet dessen, an welchem Ort sich Spiegel und Gesicht gerade befunden hatten. Aber heute morgen sah ihm aus dem heimischen Badezimmerspiegel nicht das eigene Gesicht entgegen, sondern ein ganz anderes. Um etliche Jahre älter als er. Ein Frauengesicht. Einen Moment lang war ihm, als stände die Besitzerin dieses Gesichts hinter seinem Rücken. Er fuhr herum, aber er war alleine. Er strich mit der Handfläche übers Gesicht, es fühlte sich fremd an, weich, weiblich, ohne den allmorgendlichen Bart. Immerhin brauche ich mich nicht zu rasieren, ging ihm durch den Kopf. Durch was für einen Kopf? Wessen Kopf? Er tastete nach dem Muttermal im Nacken. Das war da. Er beäugte seinen Körper - einen gutaussehenden muskulösen Männerkörper. Offenbar mußte die Linie zwischen seinem Körper und dem neuen Kopf irgendwo im Nacken verlaufen, doch es war nichts zu sehen. ´Neuer Kopf´ war  relativ, denn dieser Kopf hier war älter als der seine, sein früherer Kopf. Er schaute und schaute, in der Hoffnung, daß die schreckliche Erscheinung verflöge und er im Spiegel sein vertrautes Gesicht sähe, das ihm jetzt, in der Erinnerung, besonders schön vorkam. Aber das fremde Gesicht wollte nicht weichen. Neben der Nase entdeckte er einen Mitesser und machte sich automatisch daran, ihn auszudrücken. Und spürte Schmerz. Er spürte den Schmerz eines Gesichts, das jemand anderem gehörte. Ob dieser jemand auch gerade Schmerz verspürte? Besaß dieser jemand sein Gesicht? Haben sich nur die zwei Gesichter vertauscht, oder haben alle Menschen der Welt letzte Nacht ein neues Gesicht bekommen? Aber auf der anderen Seite der Weltkugel war ja nicht Nacht. Er wollte sehen, ob Baiba immer noch wie Baiba aussah, doch er traute sich nicht zurück ins Schlafzimmer. Was wird, wenn Baiba erwacht und ihn sieht?

Er betrachtete sein neues Gesicht, es gefiel ihm nicht. Möglich, daß die Frau irgendwann recht hübsch gewesen war, jetzt war sie einfach zu alt. Zumindest für ihn. Obwohl - was bedeutete ´für ihn´? Sie konnten nicht füreinander dasein, sie waren eins. Nein, nicht ganz. Wer von beiden war Frau und welcher Mann? Falls er überhaupt mit jemandem vertauscht war. Immer wieder quälte ihn die Vorstellung, dieses Frauengesicht schon einmal gesehen zu haben.

Das Gesicht indes wurde von diesen Grübeleien nicht schöner. Vielleicht sollte man etwas tun, um es schön zu machen? Frauen schminken sich. Im Bad waren sämtliche Regale, Schubfächer und Schränkchen mit Baibas Schönheitsmitteln belegt, sein Rasierzeug mußte sich auf ein halbes Regalbrett beschränken. Er schichtete die Cremedosen, Näpfchen, Schminktuben und Wimpernspiralen verwirrt von einem Haufen auf den anderen. Dann cremte er sich mit Nivea ein, wie er es manchmal zum Skilaufen oder nach der Sauna tat. Als nächstes griff er nach einer braunen Creme und schmierte sie auf das Gesicht. Die blasse Haut blühte merklich auf. Ich sollte Rouge auf die Wangen tun, dachte er. War das jetzt ein weiblicher Gedanke des neuen Kopfes? Zum Tönen der Haut gab es allerhand Behältnisse mit Pülverchen, von rosa über lila bis orange. Er benutzte sie aber nicht, sondern entnahm Baibas Lippenstiftbatterie einen hellrosafarbenen Stift und betupfte sich damit die Wangen. Sie schlugen aus zu jugendlicher Blüte. Mit dem Lidschatten kam er nicht zurande, außerdem fand er es grotesk, die zarten und reinen Augenlider plötzlich mit Grün, Blau, Lila oder Braun zu entstellen. Die Wimpern hingegen konnte man getrost tuschen. Er wählte braun. Dann war die plötzlich erwachte Schminklust vorbei. Obwohl ihm aus dem Spiegel ein weit attraktiveres Gesicht entgegensah, spürte er tiefe Verzweiflung. Wie lange sollte der Spuk anhalten? Hauptsache, Baiba erwachte nicht. Ich muß mich hinausschleichen, dachte er. Aber wohin? In die Bibliothek? Er hatte keine gültige Lesekarte. Und wie käme er hin? Mit dem Auto? Auf dem Führerschein war sein Foto. Wie soll ich mit einem derart geschminkten Gesicht auf die Straße gehen, fragte er sich. Wenn mich jemand sieht! Aber wer sollte ihn sehen? Wer ist der Mensch, dem sein derzeitiges Gesicht bekannt ist? Dem Körper nach würde ihn keiner erkennen, wahrscheinlich nicht einmal Baiba.

Durch den Gedanken an Baiba wurde ihm so elend, daß er auf den Flur ging. Auf dem Flurtisch lag eine seiner Tabakspfeifen, und plötzlich verspürte er einen unbändigen Appetit darauf. Hastig stopfte er die Pfeife und paffte tief und genußvoll. Es konnte doch nicht sein, daß Pfeiferauchen einer Frau genausoviel Genuß bereitete wie ihm! Würde er sich durch das neue Gesicht auch neue Gewohnheiten zulegen? Ob er weibisch werden würde, so weibisch, daß auch der Körper mitmachen müßte, die Muskeln erschlafften, die Schultern sich verschmälerten, Hüften entständen und Brüste? Dann war es soweit, dann mußte man sich operieren lassen. Eine alte Frau werden. Kastration. Alles verlieren. Alles.

Aus dem Schlafzimmer ertönte Baibas Stimme. Er fuhr aus seinen Gedanken auf und stahl sich zur Tür hinaus. Hoffentlich stürzte Baiba nicht gleich zum Fenster, sondern suchte ihn erst einmal in Küche und Bad. Er hastete zum Auto und brauste mit quietschenden Reifen davon. Ein paar Straßenzüge weiter hielt er an und ließ den Kopf aufs Lenkrad sinken. Dann startete er erneut und bog auf die Hauptstraße ein. Bis ihn der Gedanke an die Zähne zum zweiten Mal halten ließ. Bis ihn der Polizist Mez- oder Latgailis nach seinen Papieren fragte. Er reichte ihm die Zulassung. Der Beamte besah sich das Dokument ohne jede Regung, um gleich darauf den Führerschein zu verlangen. Der Mann streckte die Hand in Richtung Brusttasche aus, aber da war keine Brusttasche, er hatte ja einen Pullover an. Er stöberte im Handschuhfach, aber auch da war der Führerschein nicht. "Entschuldigung, meinen Führerschein habe ich zu Hause vergessen", teilte er fast erleichtert mit. "Wo wohnen Sie?" forschte der Polizist. Der Mann nannte die Adresse. "Dann holen Sie ihn. Wir sind noch mindestens eine Stunde hier. Ich behalte so lange die Zulassung."

 

Die in der Handtasche wühlenden Finger mit den rotlackierten Nägeln warnten sie davor, den Führerschein, dessen Foto mit ihrem derzeitigen Gesicht nicht übereinstimmte, herauszureichen. Das hätte schlimmere Folgen gehabt als ein fehlender Führerschein. Deshalb zog sie die Hand blitzschnell aus der Tasche heraus und teilte dem Polizisten mit, daß sie den Führerschein nicht finden könne. "Und wo ist er, wenn ich fragen darf?" - "Aus Versehen zu Hause liegengeblieben." - "Dann holen Sie ihn, wir behalten einstweilen die Zulassung. Wo wohnen Sie? Haben Sie einen Paß?"

Beinahe hätte sie gehorsam nach dem Paß gegriffen, merkte aber rechtzeitig, daß das noch gefährlicher gewesen wäre. "Mein Paß liegt auch zu Hause, aber ich wohne nicht weit." Sie nannte Knochenbaum ihre Adresse.

 

Zwei Autos wendeten gleichzeitig. Die Fahrer wußten nichts voneinander, denn der eine wendete in Tallinn, der andere in Riga. Und im selben Moment, als beide, wie betäubt von den Geschehnissen, in Richtung ihrer Wohnungen fuhren, einen stumpfen, hämmernden Diskosound im Kopf, fiel ihnen ein, wo sie dieses Gesicht gesehen hatten.

" Aivars Runcis! Der lettische Autor!" schrie die Fahrerin in Tallinn auf.

" Aime Kõuts! Die estnische Autorin!" rief der Mann in Riga.

Vor einem Jahr hatten sie sich in Deutschland auf einem Seminar getroffen. Die Deutschen hatten beständig Estland und Lettland, Tallinn und Riga miteinander verwechselt und geklagt, wie ähnlich diese kleinen Länder vom Westen aus gesehen waren.

Aber dennoch schien den Personen und Gesichtern ein gewisser Unterschied und diesem Unterschied eine gewisse Bedeutung innezuwohnen. Zumindest für Aime Kõuts und Aivars Runcis. Vielleicht für noch einige Esten und Letten. Vielleicht sogar für viele Esten und Letten.

Aber von weiter her gesehen, von Polen, Schweden und Deutschland, warum auch nicht von Rußland aus, war es nicht mehr von Bedeutung. Es war überhaupt nicht von Bedeutung. Weder für einen Deutschen noch für einen Russen. Nicht für zehn, hundert oder eine Million Deutsche oder Russen. Vor der Welt ähnelten sie einander wie zwei Wassertropfen, und waren sie denn mehr, als zwei Tröpfchen im Ozean der Welt? Außer Aime Kõuts gab es lediglich weitere 999.999 Esten, und gab es nicht nur 1.999.999 mehr Letten als Aivars Runcis? Und das war gut so - in solch einer überschaubaren Menge konnten Aivars Runcis und Aime Kõuts nicht spurlos verschwinden.







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