Lyrik: Elo Viiding

Persönliche Freiheit
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(c) Jüri J Dubov
Von Elo Viiding, zuerst erschienen in: Isikuvabadusest, "Selge jälg", 2005, aus dem Estnischen von Irja Grönholm

Ich kann tun was ich will,
sitzen wo ich will, fliegen wohin auch immer,
wenn ich den Pass gezeigt, die Verdächtige gespielt,
beim Zoll auch die Schuhe ausgezogen, und doch
wieder in der Sicherheitsschleuse gepiept habe, dann
auch die Jacke ausgezogen und so den Zollbeamten zufriedengestellt habe.
Komisch, dass man im Flugzeug immer auf Kriminelle stößt –
wo wohnen die, über welche Grenzen fliegen die?

Ich sehe wie ein Verbrecher aus in meinem hellen Mantel und Schal,
ich fahre zum Poesiefestival, anständig, mütterlich,
mitspielend und lebhaft, psychologisch gesehen intelligent,
vielleicht sogar ein bisschen intrigant. Komisch – immer
stößt man in diesen Flugzeugen auf gefährliche Typen.

Selbst ich kann tun was ich will, wenn ich
im Einkaufszentrum die Umfrage mitmache,
dann kriege ich Rabatt, was will ich noch mehr,
wenn ich ihnen Adresse, Telefon und Geburtstag,
den Namen des Ehegatten und die Höhe des Einkommens anvertraue.
Den Zustand unserer Körper, die Höhe unserer Ansprüche.
Ich kann wirklich tun was ich will! Komisch, immer
stößt man auf die unter uns, die ihre richtigen Daten verheimlichen –
wo wohnen die, über welche Grenzen fliegen die?

Ich kann jetzt sogar kaufen was ich will!
Der Kaufhausdetektiv schleicht hinter mir her, er ist schlau:
Vielleicht ist tatsächlich meinesgleichen viel wahrscheinlicher
ein Dieb als der kahlrasierte Galgenstrick, der gerade in den Laden kam,
von ihm aber einfach übersehen wurde. Na er wird ihn schon sehen,
wenn er hinter meinem Rücken seine Runde gedreht,
mit mir Versteck zwischen den Regalen gespielt und dann die Schnauze voll gehabt hat.
Komisch, daß trotz Überwachung Diebe im Laden einbrechen,
die in einer Nacht das ganze Gebäude ausräumen. Wo hausen die,
hinter welchen Gattern treiben die sich rum?

Ich kann jetzt auch am Strand sitzen
und durchs Loch in einem Stein gucken, während sich hinter mir
eine Gesellschaft niederlässt, lautstark und plastikbepackt.
Sie nehmen an, dass ich gleich gehe, denn ich habe hier
bestimmt schon lange gesessen. Ich habe hier
seit Jahrzehnten gesessen, ich wechsle nur den Platz,
ich bin eine deutliche Spur, unsichtbar. Sich über nichts wundernder Sand.
Ringsherum der leere Strand, alle suchen sie dennoch die Nähe.
Zum Glück.
Wegen zuviel Nähe muß ich aufstehen und mir einen anderen Platz suchen.
Komisch, selbst aus dem Meer steigen Wesen hervor, die in einer Nacht
unsere ganze Küste leermachen können. Hier wohnen sie,
über diese Grenzen fliegen sie.




Du und ich
Von Elo Viiding, zuerst erschienen in: Sina ja mina, "Meie paremas maailmas", 2009, aus dem Estnischen von Irja Grönholm

In Schweden entwischten im Zoo zwei Wölfe,
wühlten sich unterm Käfig durch
und machten sich davon.
Die Polizei erklärte die Wölfe zu steckbrieflich Gesuchten,
die Fotos der Wölfe wurden ins Netz gestellt.
Wer hat zwei entsprungene Wölfe gesehen,
der melde sich unverzüglich auf der nächsten Wache!

Am Sonntag, wenn wir mit dem Auto in den Zoo fahren,
dann sind da keine Wölfe mehr,
wir sind enttäuscht, aber
auf der Rückfahrt bessert sich die Laune.
Mami kauft im Supermarkt eine Tüte voll zu essen,
Papi tankt noch ein bisschen Benzin,
und wir schmeißen die leere Chipspackung aus dem Fenster.

Wir machen am Waldrand halt
und geraten uns alle in die Haare, denn der Sonntag ist so toll
und nur einmal pro Woche,
so dass jeder ein bisschen rummotzen darf,
den andern ein bisschen auf den Senkel gehen.
Es heißt doch: Wir müssen handeln! Wir müssen schneller handeln!

Aber wenn wir einen Moment lang allein sind im Dickicht,
wird uns angst, denn im Grunde wollen wir keinen Streit,
wir wollen alles,
was hell und licht ist, wir wollen die alten und die neuen Freunde wiederhaben,
und unser Geld und ein bisschen Freiheit.

Und wenn uns die Wölfe begegnen, dann sagen wir einfach, wir hätten
sie nicht gesehen. Tun so, als ob
wir nicht wüssten, dass es Wölfe sind.
Und sie sollen so tun, als wüssten sie nicht,
dass wir Menschen sind.
Dass wir nun mal
diejenigen welche sind.




Das Gedächtnis
Von Elo Viiding, zuerst erschienen in: Mälu, "Meie paremas maailmas", 2009, aus dem Estnischen von Irja Grönholm

Was tun mit dem Gedächtnis,
das kein doppeltes Spiel treibt,
sollte man sich
noch mehr erinnern,
oder an alles erinnern,
oder an noch weniger,
oder gar nicht,
damit das Gedächtnis
endlich frei ist?
Was tun mit dem verwundeten Gedächtnis,
dem schutzlosen Gedächtnis,
was tun mit dem Gedächtnis,
das sich nur an das Gute erinnert,
was tun mit dem Gedächtnis,
das versiegt,
was tun,
was soll man machen mit diesem
katastrophal kranken,
zartbesaiteten, überwachen Gedächtnis,
das sich nicht einmal
an seinen Namen erinnert
und die Hausnummer,
an seine Wurzeln,
den Ursprung,
seine Götter,
seine Geburt,
das sein Leben lebt
in vollem Gange
von Supermarkt zu Supermarkt,
was tun mit dem Gedächtnis,
das sich nicht erinnern will,
an kein einziges Leben,
an keine einzige Seele,
an keine fremde Erinnerung,
so fremd wie der andere,
so fremd wie der Mensch?
Das nie und nimmer
auch nur einen Verbindungsknoten
in der zerrissenen
Menschenperlenkette
knüpfen will.







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