- Zu dieser Ausgabe
- Essay: Vergangenheits-bewältigung in der Literatur, Cornelius Hasselblatt
- Eine Novelle: Jüri Ehlvest, Kruziania
- Eine Novelle: Eeva Park, Absolut meisterhaft
- Eine Novelle: Mehis Heinsaar, Der schöne Armin
- Eine Novelle: Maimu Berg, Baltic Dream
- Eine Novelle: Ervin Õunapuu, Die stinkenden Handschuhe des Chefs
- Auszug aus Roman: Mari Saat, Im Grunde
- Auszug aus Roman: Jan Kaus, Sie
- Lyrik: Hasso Krull
- Lyrik: Triin Soomets
- Lyrik: fs
- Lyrik: Elo Viiding
Lyrik: Elo Viiding
Persönliche Freiheit
Ich
kann tun was ich will,
sitzen wo ich will, fliegen wohin auch
immer,
wenn ich den Pass gezeigt, die Verdächtige gespielt,
beim
Zoll auch die Schuhe ausgezogen, und doch
wieder in der
Sicherheitsschleuse gepiept habe, dann
auch die Jacke ausgezogen
und so den Zollbeamten zufriedengestellt habe.
Komisch, dass man
im Flugzeug immer auf Kriminelle stößt –
wo wohnen die, über
welche Grenzen fliegen die?
Ich sehe wie ein Verbrecher aus in
meinem hellen Mantel und Schal,
ich fahre zum Poesiefestival,
anständig, mütterlich,
mitspielend und lebhaft, psychologisch
gesehen intelligent,
vielleicht sogar ein bisschen intrigant.
Komisch – immer
stößt man in diesen Flugzeugen auf
gefährliche Typen.
Selbst ich kann tun was ich will, wenn
ich
im Einkaufszentrum die Umfrage mitmache,
dann kriege ich
Rabatt, was will ich noch mehr,
wenn ich ihnen Adresse, Telefon
und Geburtstag,
den Namen des Ehegatten und die Höhe des
Einkommens anvertraue.
Den Zustand unserer Körper, die Höhe
unserer Ansprüche.
Ich kann wirklich tun was ich will! Komisch,
immer
stößt man auf die unter uns, die ihre richtigen Daten
verheimlichen –
wo wohnen die, über welche Grenzen fliegen
die?
Ich kann jetzt sogar kaufen was ich will!
Der
Kaufhausdetektiv schleicht hinter mir her, er ist schlau:
Vielleicht
ist tatsächlich meinesgleichen viel wahrscheinlicher
ein Dieb
als der kahlrasierte Galgenstrick, der gerade in den Laden kam,
von
ihm aber einfach übersehen wurde. Na er wird ihn schon sehen,
wenn
er hinter meinem Rücken seine Runde gedreht,
mit mir Versteck
zwischen den Regalen gespielt und dann die Schnauze voll gehabt
hat.
Komisch, daß trotz Überwachung Diebe im Laden
einbrechen,
die in einer Nacht das ganze Gebäude ausräumen. Wo
hausen die,
hinter welchen Gattern treiben die sich rum?
Ich
kann jetzt auch am Strand sitzen
und durchs Loch in einem Stein
gucken, während sich hinter mir
eine Gesellschaft niederlässt,
lautstark und plastikbepackt.
Sie nehmen an, dass ich gleich gehe,
denn ich habe hier
bestimmt schon lange gesessen. Ich habe
hier
seit Jahrzehnten gesessen, ich wechsle nur den Platz,
ich
bin eine deutliche Spur, unsichtbar. Sich über nichts wundernder
Sand.
Ringsherum der leere Strand, alle suchen sie dennoch die
Nähe.
Zum Glück.
Wegen zuviel Nähe muß ich aufstehen und
mir einen anderen Platz suchen.
Komisch, selbst aus dem Meer
steigen Wesen hervor, die in einer Nacht
unsere ganze Küste
leermachen können. Hier wohnen sie,
über diese Grenzen fliegen
sie.
Du und ich
In
Schweden entwischten im Zoo zwei Wölfe,
wühlten sich unterm
Käfig durch
und machten sich davon.
Die Polizei erklärte die
Wölfe zu steckbrieflich Gesuchten,
die Fotos der Wölfe wurden
ins Netz gestellt.
Wer hat zwei entsprungene Wölfe gesehen,
der
melde sich unverzüglich auf der nächsten Wache!
Am Sonntag,
wenn wir mit dem Auto in den Zoo fahren,
dann sind da keine Wölfe
mehr,
wir sind enttäuscht, aber
auf der Rückfahrt bessert
sich die Laune.
Mami kauft im Supermarkt eine Tüte voll zu
essen,
Papi tankt noch ein bisschen Benzin,
und wir schmeißen
die leere Chipspackung aus dem Fenster.
Wir machen am Waldrand
halt
und geraten uns alle in die Haare, denn der Sonntag ist so
toll
und nur einmal pro Woche,
so dass jeder ein bisschen
rummotzen darf,
den andern ein bisschen auf den Senkel gehen.
Es
heißt doch: Wir müssen handeln! Wir müssen schneller
handeln!
Aber wenn wir einen Moment lang allein sind im
Dickicht,
wird uns angst, denn im Grunde wollen wir keinen
Streit,
wir wollen alles,
was hell und licht ist, wir wollen
die alten und die neuen Freunde wiederhaben,
und unser Geld und
ein bisschen Freiheit.
Und wenn uns die Wölfe begegnen, dann
sagen wir einfach, wir hätten
sie nicht gesehen. Tun so, als
ob
wir nicht wüssten, dass es Wölfe sind.
Und sie sollen so
tun, als wüssten sie nicht,
dass wir Menschen sind.
Dass wir
nun mal
diejenigen welche sind.
Das Gedächtnis
Was
tun mit dem Gedächtnis,
das kein doppeltes Spiel treibt,
sollte
man sich
noch mehr erinnern,
oder an alles erinnern,
oder an
noch weniger,
oder gar nicht,
damit das Gedächtnis
endlich
frei ist?
Was tun mit dem verwundeten Gedächtnis,
dem
schutzlosen Gedächtnis,
was tun mit dem Gedächtnis,
das sich
nur an das Gute erinnert,
was tun mit dem Gedächtnis,
das
versiegt,
was tun,
was soll man machen mit diesem
katastrophal
kranken,
zartbesaiteten, überwachen Gedächtnis,
das sich
nicht einmal
an seinen Namen erinnert
und die Hausnummer,
an
seine Wurzeln,
den Ursprung,
seine Götter,
seine
Geburt,
das sein Leben lebt
in vollem Gange
von Supermarkt
zu Supermarkt,
was tun mit dem Gedächtnis,
das sich nicht
erinnern will,
an kein einziges Leben,
an keine einzige
Seele,
an keine fremde Erinnerung,
so fremd wie der andere,
so
fremd wie der Mensch?
Das nie und nimmer
auch nur einen
Verbindungsknoten
in der zerrissenen
Menschenperlenkette
knüpfen
will.



