- Zu dieser Ausgabe
- Essay: Vergangenheits-bewältigung in der Literatur, Cornelius Hasselblatt
- Eine Novelle: Jüri Ehlvest, Kruziania
- Eine Novelle: Eeva Park, Absolut meisterhaft
- Eine Novelle: Mehis Heinsaar, Der schöne Armin
- Eine Novelle: Maimu Berg, Baltic Dream
- Eine Novelle: Ervin Õunapuu, Die stinkenden Handschuhe des Chefs
- Auszug aus Roman: Mari Saat, Im Grunde
- Auszug aus Roman: Jan Kaus, Sie
- Lyrik: Hasso Krull
- Lyrik: Triin Soomets
- Lyrik: fs
- Lyrik: Elo Viiding
Lyrik: Hasso Krull
Das ist ein Regenbaum
„Dies
ist ein Regenbaum.“ So sagst du
und stapfst ganz
vorsichtig
über die lehmigen Bülten, den Hang hinauf.
Eine
lange Reihe baumelnder Glocken, dünner
Rohre, hängt zu beiden
Seiten des Stamms, die
stoßen von Zeit zu Zeit aneinander. Die
hältst du
jetzt in der Hand, scherzhaft,
vorsichtig
lächelnd, wenn der Fuß auf der Lehmbülte
ausrutscht
und der Klang des Regens ertönt. „Mirjam
sagte,
dies ist ein Regenbaum.“
Der Wind fährt
durchs Fichtengehölz. Es tropft
von den Ästen. Ich schaue den
Berghang hinab,
kling, klang, Lehm, Lindenbaum.
„Am
liebsten würd ich
in einem großen Garten leben, wo von allen
Bäumen
lange gelbe Blütendolden herabhängen
wie Haare.
Goldregen ist der Name.
Da wären viele von diesen Bäumen.
Tausende.
Da wäre sonst nichts als diese Bäume,
und ich
würde auf einem Baum wohnen, ich wäre
eine kleine Maus.
Aber
diese Bäume wären da zu Tausenden.
Gott Jehova wäre auch
da, der
aus der Bibel. Der wäre so ein Wurm, ganz dick.
Und
behaart. Der wäre, jawohl, ein Brauner Bär.“
Die Bären
Die Bären. Wachen auf und
fragen,
wo ist denn der Schnee geblieben? wo ist
der Winter
geblieben? das kalte Wetter? der Reif auf den Zweigen? Die
trockene
Höhle unterm Reisighaufen im Fichten-
wald, wo
sind die weichen kleinen Bärenkinder
die sich dicht an die Mutter
schmiegen, die langen
Serienträume, wo sind sie? Hat
eure
Flutwelle, eure Überschwemmung
unsern Schlaf mit sich geführt?
Fragen die schlaflosen
Bären und streifen im Wald umher,
über
glucksende Lachen, suchen
was zum Beißen, plündern
Autos
und Briefkästen, suchen nach einer
Zeitung mit Wettervorhersage.
Statt
dessen lesen sie: „Zur Person des Jahres hat die
Redaktion
den estnischen Soldaten im Irak gewählt.“ Was für
ein Jahr?
was für eine Redaktion? was für eine Person? hat es
da
denn überhaupt Bären? Wählt zum Jahr von mir aus
den
Irakkrieg, wählt zur Redaktion
Abu Ghraib, wählt zur Person
den
schlaflosen Bären, aber als Estland wählt
den weichen,
flaumigen, dicken und weißen
Schnee vom vergangenen Jahr.
Die Folter
Die
Folter. Schon die christliche Inquisition
kannte die
Mittel, wie man Geständnisse
erzwingt dabeigewesen zu sein, diese
Ungeheuer, die
Gedanken aus dem Kopf zu zwingen von jemand,
der
von klein an durch den Virus
des Monotheismus
geschwächt
ist.
Aber die unsichtbare Folter. Der schleichende
Wahnsinn,
die langsame Lähmung durch der Medien,
bis selbst die Gewebe des
Opfers
gespenstische Gestalt annehmen,
dieselben Ideen
erzeugen, vermehren,
verbreiten, verstärken?
Das
Unternehmen muss erfolgreich sein.
Sein Ergebnis kann nicht
geändert werden.
Es kommt auf ewig
wie das
Sonnensystem,
wie die Pyramiden, die Brandmale, Tätowierungen,
wie
die Beschneidung von Männern und Frauen,
die Atomtests, die
Vulkanausbrüche,
kommt auf tausende Jahre, aber währt
kaum
ein halbes,
hört plötzlich auf, als drehe man die Musik
ab,
knallt nicht und piept nicht, nur mit einem kaum
wahrnehmbaren
Knacks.
Der Flieder
Der
Flieder. Daneben weiße
Ebereschenblüten, das ist doch
nicht der Winter, oder?
Im Winter muss Schnee da sein,
früher
musste im Winter Schnee da sein.
Jetzt sind Blüten da,
die sind nicht wie
Schnee, die sind kaum wie
Schnee. Nur ein
bisschen. Wenn
du lange hinschaust, sind die Blüten
ein
bisschen wie Schnee, und wenn du ganz
lange hinschaust, sind
sie
ganz wie Schnee. Die Fliederblüten fliederfarbig,
die
Ebereschen sahneweiß. Ist das dennoch
der Winter? noch? wieder?
erst? Ich schau mir
nochmal die Blüten an, jetzt sind sie ein
bisschen wie Schnee
und Winter. Ich schaue länger hin.
Ganz
Schnee und ganz Winter.
Ich schaue noch länger hin. Jetzt sind
sie mehr
wie Blüten, es sind Flieder-
und Ebereschenblüten,
das ist kein Winter,
ich schaue noch länger hin, viel
länger,
jetzt sind sie noch mehr
wie Blüten, ja es sind
Blüten, fliederfarbige,
sahneweiße, man muss viel viel
länger
hinschauen, dann sind sie’s ganz richtig,
zwischen grünen
Blättern, das
ist nicht wie der Winter, früher
waren die
Blüten im Sommer da, zwischen grünen Blättern,
ganz grünen,
zartgrünen,
lenzgrünen, in zig verschiedenen Tönen,
zwischen
grünen, dutzenden, dutzendweise
verschiedengrünen Blättern.
Ganz
grünen. Das ist wirklich Flieder
und wirklich Eberesche wirklich
leuchtende Blüten.
Zwischen lenzgrünen Blättern. Das
ist
doch nicht der Winter, oder?



