Lyrik: Hasso Krull

Das ist ein Regenbaum
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(c) Jüri J Dubov
Von Hasso Krull, zuerst erschienen in: Talv (Winter), Tallinn 2006, aus dem Estnischen von Irja Grönholm und Gisbert Jänicke

„Dies ist ein Regenbaum.“ So sagst du
und stapfst ganz vorsichtig
über die lehmigen Bülten, den Hang hinauf.

Eine lange Reihe baumelnder Glocken, dünner
Rohre, hängt zu beiden Seiten des Stamms, die
stoßen von Zeit zu Zeit aneinander. Die hältst du

jetzt in der Hand, scherzhaft, vorsichtig
lächelnd, wenn der Fuß auf der Lehmbülte ausrutscht
und der Klang des Regens ertönt. „Mirjam sagte,

dies ist ein Regenbaum.“

Der Wind fährt durchs Fichtengehölz. Es tropft
von den Ästen. Ich schaue den Berghang hinab,
kling, klang, Lehm, Lindenbaum.

„Am liebsten würd ich
in einem großen Garten leben, wo von allen Bäumen
lange gelbe Blütendolden herabhängen

wie Haare. Goldregen ist der Name.
Da wären viele von diesen Bäumen. Tausende.
Da wäre sonst nichts als diese Bäume,

und ich würde auf einem Baum wohnen, ich wäre
eine kleine Maus.
Aber diese Bäume wären da zu Tausenden.

Gott Jehova wäre auch da, der
aus der Bibel. Der wäre so ein Wurm, ganz dick.
Und behaart. Der wäre, jawohl, ein Brauner Bär.“




Die Bären
Von Hasso Krull, zuerst erschienen in: Talv (Winter), Tallinn 2006, aus dem Estnischen von Irja Grönholm und Gisbert Jänicke

Die Bären. Wachen auf und fragen,
wo ist denn der Schnee geblieben? wo ist
der Winter geblieben? das kalte Wetter? der Reif auf den Zweigen? Die trockene

Höhle unterm Reisighaufen im Fichten-
wald, wo sind die weichen kleinen Bärenkinder
die sich dicht an die Mutter schmiegen, die langen

Serienträume, wo sind sie? Hat
eure Flutwelle, eure Überschwemmung
unsern Schlaf mit sich geführt? Fragen die schlaflosen

Bären und streifen im Wald umher,
über glucksende Lachen, suchen
was zum Beißen, plündern

Autos und Briefkästen, suchen nach einer
Zeitung mit Wettervorhersage. Statt
dessen lesen sie: „Zur Person des Jahres hat die Redaktion

den estnischen Soldaten im Irak gewählt.“ Was für ein Jahr?
was für eine Redaktion? was für eine Person? hat es da
denn überhaupt Bären? Wählt zum Jahr von mir aus

den Irakkrieg, wählt zur Redaktion
Abu Ghraib, wählt zur Person
den schlaflosen Bären, aber als Estland wählt

den weichen, flaumigen, dicken und weißen
Schnee vom vergangenen Jahr.




Die Folter
Von Hasso Krull, zuerst erschienen in: Talv (Winter), Tallinn 2006, aus dem Estnischen von Irja Grönholm und Gisbert Jänicke

Die Folter. Schon die christliche Inquisition
kannte die Mittel, wie man Geständnisse
erzwingt dabeigewesen zu sein, diese Ungeheuer, die
Gedanken aus dem Kopf zu zwingen von jemand,

der von klein an durch den Virus
des Monotheismus
geschwächt ist.

Aber die unsichtbare Folter. Der schleichende
Wahnsinn, die langsame Lähmung durch der Medien,
bis selbst die Gewebe des Opfers
gespenstische Gestalt annehmen,

dieselben Ideen erzeugen, vermehren,
verbreiten, verstärken?

Das Unternehmen muss erfolgreich sein.
Sein Ergebnis kann nicht geändert werden.

Es kommt auf ewig
wie das Sonnensystem,
wie die Pyramiden, die Brandmale, Tätowierungen,
wie die Beschneidung von Männern und Frauen,
die Atomtests, die Vulkanausbrüche,

kommt auf tausende Jahre, aber währt
kaum ein halbes,

hört plötzlich auf, als drehe man die Musik ab,
knallt nicht und piept nicht, nur mit einem kaum wahrnehmbaren
Knacks.




Der Flieder
Von Hasso Krull, zuerst erschienen in: Talv (Winter), Tallinn 2006, aus dem Estnischen von Irja Grönholm und Gisbert Jänicke

Der Flieder. Daneben weiße
Ebereschenblüten, das ist doch nicht der Winter, oder?
Im Winter muss Schnee da sein, früher
musste im Winter Schnee da sein.
Jetzt sind Blüten da, die sind nicht wie
Schnee, die sind kaum wie
Schnee. Nur ein bisschen. Wenn
du lange hinschaust, sind die Blüten
ein bisschen wie Schnee, und wenn du ganz
lange hinschaust, sind sie
ganz wie Schnee. Die Fliederblüten fliederfarbig,
die Ebereschen sahneweiß. Ist das dennoch
der Winter? noch? wieder? erst? Ich schau mir
nochmal die Blüten an, jetzt sind sie ein bisschen wie Schnee
und Winter. Ich schaue länger hin.
Ganz Schnee und ganz Winter.
Ich schaue noch länger hin. Jetzt sind sie mehr
wie Blüten, es sind Flieder-
und Ebereschenblüten, das ist kein Winter,
ich schaue noch länger hin, viel länger,
jetzt sind sie noch mehr
wie Blüten, ja es sind Blüten, fliederfarbige,
sahneweiße, man muss viel viel
länger hinschauen, dann sind sie’s ganz richtig,
zwischen grünen Blättern, das
ist nicht wie der Winter, früher
waren die Blüten im Sommer da, zwischen grünen Blättern,
ganz grünen, zartgrünen,
lenzgrünen, in zig verschiedenen Tönen,
zwischen grünen, dutzenden, dutzendweise
verschiedengrünen Blättern.
Ganz grünen. Das ist wirklich Flieder
und wirklich Eberesche wirklich leuchtende Blüten.
Zwischen lenzgrünen Blättern. Das
ist doch nicht der Winter, oder?







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