- Zu dieser Ausgabe
- Essay: Vergangenheits-bewältigung in der Literatur, Cornelius Hasselblatt
- Eine Novelle: Jüri Ehlvest, Kruziania
- Eine Novelle: Eeva Park, Absolut meisterhaft
- Eine Novelle: Mehis Heinsaar, Der schöne Armin
- Eine Novelle: Maimu Berg, Baltic Dream
- Eine Novelle: Ervin Õunapuu, Die stinkenden Handschuhe des Chefs
- Auszug aus Roman: Mari Saat, Im Grunde
- Auszug aus Roman: Jan Kaus, Sie
- Lyrik: Hasso Krull
- Lyrik: Triin Soomets
- Lyrik: fs
- Lyrik: Elo Viiding
Zu dieser Ausgabe
Reise ins Herz der estnischen Literatur
Noch nie gab es in der estnischen Literatur einen solchen Stimmenreichtum wie heute. Bei einer Bevölkerung von etwa einer Million gibt es in Estland um die 500 Verlage, dazu kommen Zeitschriften, Zeitungen und die virtuelle Welt … Hier finden zahlreiche Lesungen, Performances und Happenings statt, Poetry-Slams und internationale Literaturfestivals wie das Prima Vista in Tartu oder das HeadRead in Tallinn, um nur zwei zu nennen. Niemand könnte es schaffen – wie sehr er sich auch bemühte – alle Veranstaltungen zu besuchen oder alle in Estland veröffentlichten Bücher zu lesen.
Die estnische Sprache, eine Angehörige der finno-ugrischen Sprachfamilie, unterscheidet sich stark von den meisten indoeuropäischen Sprachen wie dem Englischen, Französischen oder Deutschen, was den Spracherwerb und das Übersetzen nicht erleichtert. Die Esten selbst waren aber immer eifrige Übersetzer, so dass der Großteil der Weltliteratur in estnischer Sprache vorliegt. Für die Serie „Offenes estnisches Buch“ (auch die „Marmor-Serie“ genannt) wurden beispielsweise 111 philosophische Bücher ins Estnische übertragen. Das Projekt zog sich über einige Jahre und wurde von mehreren kooperierenden Verlagen durchgeführt. An dieser Stelle sei auch die seit über zehn Jahren aktive, kostenlose Onlinezeitschrift Ninniku angeführt, in der internationale Lyrik aus allen Epochen und allen Sprachen in estnischer Übersetzung veröffentlicht wird.
Die estnische Literatur hat also ihren Platz inmitten der Weltliteratur und estnische Schriftsteller sind im Allgemeinen sehr belesen. So konnte sich in dieser Ecke Europas eine interessante Art von 'Bonsai-Kultur' entwickeln: Eine relativ kleine Gruppe von Autoren deckt alle literarischen Genres ab und liefert Texte für fast jeden Geschmack. Unser Volksepos „Kalevipoeg“ („Der Sohn des Kalev”), das vor über hundert Jahren von Friedrich Reinhold Kreutzwald aufgeschrieben wurde, erfreute sich kürzlich einer zweiten Neuübersetzung ins Englische sowie Übertragungen ins Deutsche, Französische und in Hindi. Dennoch gab es über viele Jahre keinen „großen Roman“ von universaler Gültigkeit, der die Psyche des Landes repräsentativ erfasst hätte. Vielleicht ist dies auch ein allzu idealistischer Anspruch – die Esten sind vielmehr Meister der Selbstironie, wie recht viele Texte beweisen.
Der wahrscheinlich bekannteste estnische Schriftsteller ist Andrus Kivirähk (1970) mit seinem kennzeichnenden leicht grotesken aber sehr gesunden Humor. Er schreibt gleichermaßen für Erwachsene und für Kinder, für die Bühne, fürs Fernsehen sowie Kolumnen für Zeitungen. Ausgehend von seinen Geschichten entstanden kürzlich Zeichentrickfilme, die auf mehreren Filmfestivals gezeigt wurden. Zu den sehr einflussreichen Autoren gehört auch Mihkel Mutt (1953). Mutt ist sowohl Autor als auch Verleger und verbindet in seinen Kurzgeschichten, Romanen und Memoiren kulturelle Hintergrundinformationen sehr kunstvoll mit Witz und Stil. Eine weitere literarische Stimme, die viel Gehör findet, ist Jan Kaus (1971). Er meistert verschiedenste Genres und tritt auch als Vermittler für Kunst und Kultur in Erscheinung – in aufklärerischer Tradition. Seine Kritik reicht von geistreichem Sarkasmus bis zu warmer Empathie.
Natürlich behalten einige Autoren auch über den Tod hinaus Bedeutung und Einfluss – wie Mati Unt (1944-2005), ein legendärer, höchst umtriebiger Modernist, oder Juhan Viiding (Jüri Üdi) (1948-1995), ein tragischer Schelm, dessen geistreiche, umgangssprachliche, und trügerisch einfache Lyrik für zwei oder drei Generationen tonangebend bleibt. Viele Esten hoffen auch auf den Tag, an dem der Freigeist Jaan Kaplinski (1941) – ein berühmter Dichter, Schriftsteller, Übersetzer und Essayist – den wohlverdienten Nobelpreis verliehen bekommt.
Zu den bekanntesten weiblichen Vertretern der estnischen Literatur gehört die hoch geachtete, viel gelesen und übersetzte Ene Mihkelson (1944). Ihr Werk ist mit der kollektiven Psyche der Esten eng verbunden. Selbst wenn ihre Texte nicht immer leicht zu lesen sind, wirken sie auf jeden Fall läuternd. Viivi Luik (1946) betrat die literarische Bühne bereits mit 16 Jahren, als Lyrikwunder. Die ebenso heitere wie düstere Kraft ihrer Dichtung durchfließt auch ihre drei Romane. Mari Saats (1947) Prosa enthält subtile und gleichsam psychologisch schwergewichtige Fragen zur Ethik. Maimu Berg (1945) ist genaue Beobachterin sozialer Prozesse und schreibt erfindungsreich, glanzvoll und kühn, während Eeva Park (1950) sehr bodenständige Prosa und Poesie verfasst, voll von Empfindsamkeit. Die auch als Übersetzerin, Dichterin und Essayistin bekannte Maarja Kangro (1973) besticht durch ihren breiten akademischen wie kulturellen Hintergrund und klugen Witz. Ihre Kurzgeschichten, genau wie die Gedichte, sind bissig, lichtdurchflutet und oft komisch.
In den eher dunklen Bereichen der estnischen Literatur ist Altmeister Jüri Ehlvest (1967-2006) mit seinem fiebrig wirren, komplexen und bemerkenswert kryptischen Schreibstil zu Hause. Ervin Õunapuu (1956), ein begabter Maler und Schriftsteller, findet ebenso Gefallen an dunklen Motiven. Seine Themen sind morbide und oft auch religiös geprägt. Der magische Realismus hat in Mehis Heinsaar (1973) seinen berühmtesten estnischen Vertreter. Seit der Veröffentlichung seiner ersten Kurzgeschichten wurde Heinsaar dank seines poetischen, phantasiereichen Stils für viele zum Vorbild. Neben ihm schlägt auch Indrek Hargla (1970) eine große Leserschaft in seinen Bann und vermischt in seinen Romanen auf faszinierende Art mittelalterliche Geschichte mit Krimi-Elementen und Science-Fiction.
Die Werke von Tõnu Õnnepalu (1962) verführen mit Stil und Eleganz. Õnnepalu veröffentlicht seine Romane unter mehreren Pseudonymen (Emil Tode, Anton Nigov) und verfasst wunderbare Essays und langsam fließende Lyrik über wechselnde Stimmungen und Jahreszeiten, die auch einer gewissen Portion Melancholie und Philosophie nicht entbehrt. Der Dichter, Essayist, Übersetzer und moderne Denker Hasso Krull (1964) verbindet seinerseits tiefsinnige Betrachtungen zur heutigen Kultur mit geschichtlichen Analysen. Seine Texte setzen höchste Maßstäbe. Jürgen Rooste (1979), ein Dichter par excellence, ist Motor und Herz seiner Generation. Sein dionysischer Blues voll Ekstase, Verzweiflung und Gelächter ist ebenso bekannt wie seine eigene Person: stets sprühend von Ideen und Empathie.
Triin Soomets (1969) ist eine der bemerkenswertesten Dichterinnen Estlands. Ihre psychologisch vielschichtige, melodiöse und erhebende Lyrik hat eine leichte, aber eindringliche metaphysische Note. Kristiina Ehin (1977) ist wahrscheinlich die bekannteste und vor allem in der englischsprachigen Welt beliebteste estnische Dichterin. Mit viel Geschick webt sie finno-ugrische Mythologie und Folklore in ihre sonst sehr zeitgenössischen und persönlichen Gedichte, sehr zum Genuss ihrer zahlreichen Fans.
Neben der poetischen und mystischen Richtung kann auch die Dichtung der Desillusion ihre Leser begeistern. Elo Viidings (1974) Texte schwanken zwischen Prosa und Lyrik, und nähern sich der absoluten Perfektion. Ihre klare und oftmals befehlende Stimme strotzt von Kraft und scharfer Ironie. fs (Indrek Mesikepp, 1971) gehört der Bewegung „Neue Ehrlichkeit, neue Offenheit“ an. Seine brillanten Dichtungen zeigen in all ihrer Einfachheit das Menschsein im Hier und Jetzt. Ein weiterer Wortkünstler ist Sven Kivisildnik (1963), der Meister des geistigen Draufgängertums, der nie sein Ziel verfehlt. Er ist der Autor sowohl des dicksten als auch des dünnsten estnischen Lyrikbands, in dem nur ein einziger Satz steht: „Komme zu Sinnen!“
Es erübrigt sich zu sagen, dass alle erwähnten Autoren mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und vielfach übersetzt wurden. Die estnische Literatur ist somit ebenso reichhaltig, vielseitig, aufregend und frisch wie die Literatur eines jeden anderen Landes. Wie lebendig sie ist, wissen die Übersetzer vielleicht am Besten – lesen Sie es nach! Denn auf unserer Reise ins Herz der estnischen Literatur gibt es viel zu entdecken. Bon voyage!
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