Die Budapester Buchmesse

Die Budapester Internationale Buchmesse 2003
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Anna Paterson
Die Budapester Internationale Buchmesse 2003 wurde dieses Jahr als glanzvolle Jubiläumsfeier zum 10-jährigen Bestehen angekündigt. Die Erwartungen wurden größtenteils erfüllt, obwohl einige der Hauptattraktionen nicht ganz ins Programm passten. Macht nichts: Budapest war faszinierend. Anna Paterson berichtet für Transcript.
Ein schwedisches Flugblatt bezeichnete die Frankfurter Buchmesse jüngst als 'Spielplatz für hysterisches geschäftsmäßiges Beisammensein', mit der Frühjahrsmesse in London als ihre größte Rivalin. Die Messen in Paris, Moskau und - interessanterweise - Belgrad spielen ebenfalls in dieser Liga. Aber eine Unterart von literarischen Messen hat sich im Schatten des Kommerzes entwickelt: das Buchfestival.

Das Gleiche? Ganz und gar nicht. Buchfestivals vermarkten Bücher, genauso, wie es Buchmessen tun, aber die ersteren beinhalten literarische Event, die die allgemeinere Öffentlichkeit anziehen sollen - Live-Interviews mit großen Namen, Podiumsdiskussionen, Preisverleihungen, Lesungen Signierstunden und so weiter. Im Gegenzug bedeutet dies Medienaufmerksamkeit und, mit etwas Glück, höhere Verkaufszahlen.

In Mitteleuropa sind Buchmessen nach 1989 wie Pilze aus dem Boden geschossen, obwohl einige sich wie Belgrad auf jahrzehntelange Erfahrung im Buchverkauf berufen. Ein Manager der Englisch-Ungarischen Buchhandelsgesellschaft, Csaba Lengyel de Bagota, erzählte mir, wie am Anfang der 90er der ungarische Buchmarkt ein typischer Fall für die Zeit nach dem Ende des Warschauer Paktes war. Es wurde um die Privatisierung gerungen, und was die Besitzverhältnisse anging, war es war ein Minenfeld.

Noch schlimmer, die Buchläden und Verlage hatten gleichermaßen überfüllte Lager mit unverkäuflichen Büchern, gedruckt von Pressen für staatlich-genehme Literatur mit Auflagen von vielen Zehntausend (300-10000 sind heutzutage die Norm). Ein unternehmungslustiger Akademiker initiierte eine bescheidene Buchmesse um die Handelsbeziehungen anzukurbeln, aber sie endete in einem dermaßenen Verwaltungschaos, dass die Frankfurter Buchmesse um Rat und Hilfe gebeten wurde.

1995 hatte das Festival in etwa seine heutige Form angenommen. Seitdem ist es zu beeindruckender Größe angewachsen. 2003 werden 218 Strände vermeldet, die in etwa 40000 Titel präsentieren und fast 90000 lesewütige Besucher besuchten über 200 Veranstaltungen auf dem Messegelände und in Abteilungen der Universität, Museen und Cafés in ganz Budapest.

...Seit 2001 ist das große Themen-Event in Budapest das Europäische Festival des Debütromans. Die Organisatoren hoffen, dass es 'eine Möglichkeit für die heutigen europäischen jungen literarischen Talente, und auch für ihre Verleger , sich auszutauschen'. Zumindestens in diesem Jahr hat allerdings das Bühnenaufgebot von vierzehn neuen (eher als jungen, wie einige durchaus schon etwas reiferen Alters waren) Romanautoren eher verpasst, den Funken für ein bedeutendes Ereignis von öffentlichem Interesse zu zünden.

Der Abend der Weltliteratur war geplant als eine zweistündiges Gesprächssitzung über das rätselhafte Thema 'Sünder und Opfer', ein hochklassiges literarisches Ereignis mit einem Aufgebot dass ein volles Haus garantierte. Ungarns Minister für kulturelles Erbe, Gábor Görgey, selbst Journalist, Dramatiker und Dichter, sollte die Stars vorstellen: Imre Kertész, der ungarischen Literaturnobelpreisträger 2002, Günther Grass, Nobelpreis für Literatur 1999 und Per Olov Enqvist, Schwedens international bekanntester Schriftsteller. Als Imre Kertész sich wegen seines hohen Alters und wegen Erschöpfung entschuldigen ließ (er ist 1929 geboren, im gleichen Jahr wie Görgey), nahm der liebenswerte, erfindungsreiche Autor Péter Esterházy seinen Platz ein (von ihm ist ins Englische Ein bisschen ungarische Pornographie ins Englische übersetzt worden; sein jüngstes Werk, die Familiensaga Harmonia Caelestis, wurde in Deutschland 2001 veröffentlicht).

Also, Kertész war nicht da, aber der Raum war immer noch gerammelt voll. Grass jedoch, sowieso immer ein unzuverlässiger Gast, tauchte ebenfalls nicht auf, nach einer plötzlichen, nicht weiter benannten Krankheitsattacke, und Görgey schien wohl auch mit seinen Terminen durcheinandergekommen zu sein, und glänzte ebenfalls durch Abwesenheit. Die Bühne blieb nun zwei grandiosen Performern überlassen, Esterházy und Enqvist. Sie waren offensichtlich übereingekommen, das Thema 'Sünder und Opfer' zu vergessen. Anstelle dessen parlierten sie auf deutsch etwas mehr als eine Stunde über Enqvists Leben und sein Werk und speziell über seinen jüngsten Roman, Lewis Reise (2001), der vor kurzem ins Ungarische übersetzt worden ist.

Es geht etwas verloren, aber man gewinnt auch dabei. Eine Debatte über die Rolle des Intellektuellen - auch auf Französisch - war ein Vergnügen, obwohl jeder einzelne der ursprünglich vorgesehenen Teilnehmer des siebenköpfigen Teams, inklusive des Moderators, ersetzt worden war durch zweitrangige Namen. Nur die besten Literaturfestivals produzieren solche Überraschungen.








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