Die Budapester Buchmesse

Frühstück mit Per Olov Enquist in Budapest
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Per Olov Enquist opferte mir eine Stunde während eines Frühstückskaffees im Hotel Gellert. Er war rund um die Uhr von den Organisatoren des Festivals und der Schwedischen Botschaft gehetzt worden; letztere hatte ihr Programm während des Festivals extra einen Gang höher geschaltet. Das berühmte Art-Déco-Hotel wirkte eher durchschnittlich, bis auf sein extravagantes Thermalschwimmbad... Die Enqvists liebten es - 'Es ist, als ob man in einer Kathedrale schwimmt'.

von Anna Paterson.

Ich war fest entschlossen, nicht Enquists beharrlicher Behauptung, 'nur ein Geschichtenerzähler zu sein', auf den Leim zu gehen. Ich hatte einige Köder dabei, 'Der Autor und die Politik', 'konzeptuelle Romane', sogar 'nichtfiktionale Fiktion'. Ich wollte ihn über sein Interesse an Ideen mit Massenwirkung befragen, heutzutage die evangelikale Bewegung, früher Sport und der Sozialismus der Arbeiterklasse.

Enquist umging das alles charmant und antwortete mit einer Anekdote. Beim Dinner anlässlich der Verleihung des Nobelpreises hatte ein hochklassiges Gespräch zwischen Enqvist, Imre Kértesz und dem Leiter des schwedischen Verlages Norstedt, Svante Weyler, stattgefunden Kértesz war wild darauf, dass auf dem Buchfestival in seiner Heimatstadt eine Diskussion zwischen den beiden stattfinden sollte...

Interessant, aber... was ist mit dem deutschen politischen Roman? Enquist hat einen der besten Dokumentarischen Romane Europas, Die Legionäre (Legionärerna) geschrieben. Was hält er von Alexander Kluge? Nicht viel, wie sich herausstellte. Steril, mit politischer Absicht, die durch schwache, fragmentarische Handlungslinien hindurchschimmert und von Details überfrachtet. Was sein eigenes Buch Die Legionäre anging, schien er es fast vergessen zu haben.

Wir waren einer Meinung über Kluge, also fragte ich ihn nach der Schwierigkeit, zwischen Fakten und Erfundenem in seinen zwei jüngsten historischen Romanen, Der Besuch des königlichen Arztes und Lewis Reise. Beide sind sorgfältig recherchiert worden, beide handeln von kraftvollen Gedankensträngen, die in Lebensgeschichten in Nordeuropa verwoben sind.

Ihm gefiel die Frage. Obwohl er schon Tage damit verbracht hatte, über Lewis Reise zu sprechen, wollte er darüber ausführlich sprechen. Er begann damit, das Buch mit seinem Vorgänger zu vergleichen. Die Geschichte des Hofarztes folgte einer klaren Folge historischer Ereignisse. Sie regte seine Fantasie an, bildete ein Rückgrat, das stark genug war, um das Imaginäre zu tragen. Als er dafür recherchiert hatte, war er in Christiansfeld an der deutsch-dänischen Grenze gewesen, immer noch erkennbar ein Dorf spätes 18. Jahrhundert, gegründet von pietistischen Brüdern und Schwestern Christi. Das Archiv, das die Lebensgeschichte jedes Dörflers enthielt, seinen oder ihren 'Lebenslauf', hatte ihn sehr bewegt.

Er schuf einen 'Lebenslauf' für einen erfundenen Kollegen der zwei Hauptpersonen in Lewis Reise, beide ziemlich real, der die Entwicklungen der Geschichte kommentiert. Der wissende, aber am Handlungsgeschehen nicht beteiligte Erzähler ist eine Figur, die oft in Enquists Romanen erscheint. Er beschrieb diese Figur als 'einen Fixpunkt, von dem aus er die Erzählungslandschaft übersehen könne'.
Ihm machte es Spaß, mit Lewis Reise anzufangen, aber es wurde schwierig. Er fing dreimal an, und warf tausende Seiten weg, während er weiterschrieb. Das Motiv der Reise wurde wichtig, teilweise - aber nicht nur - als Hilfsmittel, um 'mit dem schwarzen Loch in Lewis [Pethrus'] Geschichte' zurechtzukommen.

Mein letzter Versuch, Enquist dazu zu bringen, zuzugeben, dass er versucht, seine Leser 'aufzuklären', oder sie zumindest dazuzubringen Ideen zu diskutieren, schlug fehl. 'Ich bin zu 98% Geschichtenerzähler,' sagte er, und 'Ich denke nie an die Leser, oder an einen einzelnen Leser, das würde die Dinge nur komplizierter machen, und den Fluss der Erzählung behindern.'






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