In dieser Ausgabe
- Leitartikel
- Jaan Kaplinski
- Die Budapester Buchmesse
- Die Kunst der Beleidigung
- Schreiben in zweisprachigen Welten
- Irland
- Fred Johnston
- Seán Ó Ríordáin
- Finlands Åland Inseln
- Ulla-Lena Lundberg
- Die Iberische Halbinsel
- Ignasi Riera
- Xosé Luís Méndez Ferrín
- Bernardo Atxaga
- WALES
- R.S Thomas
- Mihangel Morgan
- NACHRICHTEN
Fred Johnston
Atalanta
Collins Press (2000)
Atalanta, Fred Johnstons zweiter Roman, basiert sowohl aus Ovids Geschichte der leichtfüßigen Jägerin Atalanta - deren Hand von dem einzigen jungen Mann errungen wird, der ihr im Rennen überlegen ist - als auf Georg Friedrich Händels Oper des gleichen Namens. Der in Belfast geborene Dichter, Kurzgeschichtenautor, Kritiker und Dramaturg, der auch das Cúirt Literaturfestival gegründet und Literaturmagazine herausgegeben hat, lässt seine ungewöhnliche Erählung in einem größtenteils evangelischen Fischerdorf an der nordirischen Küste in den sechziger Jahren ablaufen.
Während die sogenannten Troubles, die religiös-nationalen Unruhen Nordirlands, sich langsam von der Hauptstadt Belfast aus in den Rest des Landes ergießen, wartet der anonyme jugendliche Erzähler auf die Prüfungsergebnisse, die seinem Leben die Richtung geben werden: Student oder Arbeiter. Seine Mutter ist währenddessen im Krankenhaus zur Krebsbehandlung; sein Vater, ein schwermütiger Mensch, kümmert sich um seine Brotlieferungen. Der lesewütige Teenager, zuerst in die Dorfschönheit Agnes vernarrt, lernt bald Atalanta McKinley kennen, die im Ausland geborene Witwe eines vor Ort bedeutenden Papierfabrikanten.
In zeitloser poetischer (und jugendlicher) Art hebt er die kinderlose, hochkultivierte und exotische Frau romantisch in den Himmel. Sobald sie aber ihre körperlichen Reize hervorhebt, unter anderem ihre Vorliebe für exhibitionistischen Sex mit ihr unbekannten Männern, zögert er. Eine allgemeine Entropie, die sowohl Haupt- als auch Nebenhandlungen betrifft, setzt schnell ein.
Johnstons strukturell komplizierter Roman stellt diesem Unschuldsverlust an der Schwelle zur Volljährigkeit Auszüge aus Händels Leben und Oper gegenüber und produziert somit eine subtile Fassung einer archetypischen Problematik: Schmerz der jugendlichen Selbsterkennung und der Identitätsformulierung, erste Liebe und große Verluste. Sowohl Johnstons Roman als auch seine gleichnamige Heldin sind von der fieberhaften Fantasie des Erzählers durchwirkte, klangvolle Schöpfungen.
© University of Wales, Aberystwyth 2002-2009
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