Ignasi Riera

Welches Europa?
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'Es ist dringend nötig, dass Europa eine eigenstandige Verteidigungspolitik entwickelt, die - ohne alle Anbiederung - ihre Verteidigungsabsichten ausschlieBlich auf das konzentriert, was ihre Streitmacht - nach dem Willen der Verfassung - eben zu tun hat.'
An einern eiskalten Mittag - es lag Schnee - kam ich einmal nach Reus, das ist eine Stadt nicht weit von Tarragona. Die Lehrer des IES / Baix Camp hatten mich eingeladen und ich sollte über die Zukunft Europas sprechen. Die Aufmerksamkeit, mit der die Schülerinnen und Schüler meinen Ausfuhrungen folgten, hat mich beeindruckt: Das Thema war ja nicht gerade fesselnd und auch nicht einfach.

Doch zugleich empfand ich, dass eben diese jungen Leute, die bald das Gymnasium verlassen, mit ihrer Stimme zu entscheiden haben werden, was für ein Europa sie entweder zu Gewinnern oder zu Opfern machen wird. Grundsätzlich ist festzustellen: Die Zukunft Europas wird unser aller Leben verändern und prägen. In Reus beispielweise bedeutete diese Tatsache: Wer von Europa sprach, musste zugleich von der Zukunft der Hülsenfrüchte reden und ob die Subventionen die Infrastrukturen stärken wird oder nicht; musste feststellen, dass diese Mädchen und diese Jungen auf dem Arbeitsmarkt mit Mädchen und Jungen konkurrieren müssen, die in Nordrhein-Westfalen ausgebildet werden, in Edinburgh oder in der Lombardei, ja sogar mit denen, die in Budapest, Prag oder Krakau leben.

Um das verständlicher zu machen, sage ich immer: Es gibt offensichtlich ein Europa der EU, der Europaischen Union und ein Europa der UEFA. Und das bedeutet, dass Barca, unsere Fußball- Mannschaft, sich mit Dynamo Kiev oder mit Besitkas von Istanbul messen muss, und dass eine gewisse Katalanin aus Súria, die in einem internationalen Wettbewerb zu Ehren Spaniens auftreten müsste, - so mit edlem spanischen Akzent und natürlich für Eurovision! - dies in Ländern tun müsste, deren Namen bei uns bisher nur in Kreuzworträtseln vorkamen: wie Estland, Lettland, Litauen ...

Tatsachlich - das wissen wir alle- hat Europa jetzt eine einheitliche Währung: Der Euro ist eine Metapher für das Europa, das wir haben, nicht aber für das Europa, das wir wollen. Denn: das Europa, das eine gemeinsame Währung hat, hat nicht einmal eine Verfassung! Was bedeutet das? Es hat wohl ein europaisches Parlament von hohem moralischem Gewicht, aber zugleich von geringem Gewicht, wenn es darum geht, Gesetze zu erfassen und Werte zu setzen, wie es der Regierung eines ganzen Kontinents wohl ansteht. Denn derzeit verhält es sich so, dass dasselbe Europa, das vor urlangen Zeiten die Demokratie in allen möglichen Regierungsformen erfunden hat, von seinem eigenen Parlament aus sein Handeln als Regierung weder in Gang setzen noch - gegebenenfalls- kritisieren kann.

Hinzu kommt, dass es kein Verfassungsgericht gibt, das ein verbindliches Urteil fällen könnte, wenn jemand wissen will, ob eine bestimmte Entscheidung der europaischen Regierung verfassungsgemäß ist oder nicht. Wenn wir das auf die gemeinsame Verteidigungspolitik übertragen, ist die Lage noch heikler: Es ist dringend nötig, dass Europa eine eigenständige Verteidigungspolitik entwickelt, die - ohne alle Anbiederung - ihre Verteidigungsabsichten ausschließlich auf das konzentriert, was ihre Streitmacht - nach dem Willen der Verfassung - eben zu tun hat. Die Einmischung der USA in die europaische Verteidigungspolitik wie die mangelnde europaische Loyalitat der Aznars, Blairs und Berlusconis höhlen Europa aus und verwandeln es schlechterdings in eine Kolonie! Dieses Europa, das selbst einst Kolonialmacht war - und was für eine!

Und weiter: Mich beunruhigt die Lage des Sozialstaats in Europa, wo es - nach Informationen des europaischen Parlaments - etwa fünfzig Millionen Arme gibt und wo Armut 'soziale Ausgrenzung' heißt, eine treffende Definition, die mehr umfasst als nur den finanziellen Aspekt. Mit der Eingliederung neuer Länder ins politische Europa wird es noch mehr Arme geben: Wie werden wir, die wir drin sind, Stellung beziehen gegenüber den Subventionsforderungen der neuen Armen?

Im gegenwärtigen europäischen Parlament gibt es viele offizielle Sprachen, die, wenn es um die gemeinsame Dokumentation geht, Scharen von Übersetzern und riesige Ausgaben erfordern. Zu Recht beklagen wir, dass einige nicht den Status einer ständigen Amtssprache haben: Dies betrifft das Katalanische, das im Alltag wie im kulturellen Leben nicht nur Kataloniens lebendig ist.

In Zukunft wird die Anzahl der Sprachen nicht wachsen! Wenn wir den ursprünglichen Gedanken der Ökologie - nämlich die Verteidigung der bedrohten oder sterbenden Arten- auf den Bereich der Sprachen ubertragen, dann hat Europa sich die Vermittlung dieser ganzen lebendigen Vielfalt zu eigen zu machen. Darin liegt sein kulturelles Erbe zur Bereicherung des vereinigten Europa: diesen geistigen Schatz zu verteidigen, zu pflegen und kunftigen Generationen weiterzugeben.

Schließlich: Wird das Europa der Zukunft aus längst überholten Staatsgebilden bestehen? Wird es ein Europa der Regionen sein? Der Gemeinden? Der Völker? Oder wird es tatsachlich ein ganz neues Europa, fasziniert vor allem, was neu ist, und zugleich verliebt in sein gemeinsames Erbe?

Viele Fragen, ja, in Zeiten eines eher kriegerischen Klimas. Aus dem Munde sehr junger Leute - Schuler - einer katalanischen Provinz, einer Stadt, wo es ein 'Haus des Lesens' gibt, die die Stadt unseres Generals Prim und unseres Philosophen Gabriel Ferrater ist - feine Zusammenhänge, die ich selbst mit Hochachtung wahrnehme.






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