In dieser Ausgabe
- Leitartikel
- Jaan Kaplinski
- Die Budapester Buchmesse
- Die Kunst der Beleidigung
- Schreiben in zweisprachigen Welten
- Irland
- Fred Johnston
- Seán Ó Ríordáin
- Finlands Åland Inseln
- Ulla-Lena Lundberg
- Die Iberische Halbinsel
- Ignasi Riera
- Xosé Luís Méndez Ferrín
- Bernardo Atxaga
- WALES
- R.S Thomas
- Mihangel Morgan
- NACHRICHTEN
Mihangel Morgan
Melog
Gomer (1997)
211 Seiten
COPYRIGHT:
Gwasg Gomer
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Cymru/ Wales
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Niemand schlief auf dem bunten Sofa: es gab auch niemanden im ganzen Zimmer. Noch gab es irgendeinen Beweis dafür, daß irgend jemand da gewesen war. Auf dem Boden neben dem Sofa lagen in einem ordentlichen Haufen die Kissen, die sauberen weißen Bettlaken, die wollene Decke, in genau derselben Stelle, wo Dr. Jones sie, wie Briefumschläge gefaltet, dem Jungen am vorigen Abend überlassen hatte. Niemand hatte sie berührt. Es gab keinen Zettel, der Auf Wiedersehen geschweige denn Danke Schön gesagt hätte. Der Junge war weg, verschwunden.
Na ja, dann blieb ihm nichts anderes übrig, als sich dem Gwyddoniadur zuzuwenden. Er setzte sich an den Schreibtisch und versuchte, sofort anzufangen.
Adamant [Diamant], das Wort bedeutet soviel wie Unbesiegbar. Der Diamant ist der härteste und der glänzendste aller Edelsteine.... Im Allgemeinen hat er nur eine Farbe...
Aber der Doktor konnte nicht weiter arbeiten. Er spürte etwas Witziges, ungewollt Lächerliches in den Absätzen mit ihrer formelhaften Sprache. Normalerweise empfand er nur den größten Respekt vor der ganzen gewissenhaften Arbeit des Gwyddoniadur; zu anderen Zeiten, wovon gerade heute eine war, sah er das Ganze als eine Art monströsen Fehler, eine unverantwortliche Zeitverschwendung.
Dennoch war es jetzt wieder Zeit, in die Stadt zu gehen, um seine Unterlagen im Sozialsamt zu unterzeichnen, damit er Geld für sein Essen und seine Unterkunft für diese Woche bekam. Er haßte dieses Getue, hatte aber keine Wahl. Wie konnte er sonst das Geld bekommen, das nötig ist, um Schriftsteller und Gelehrter zu sein?
Er ging in die Stadt, durch die spielzeugartigen Straßen, an Reihen und Reihen von Häusern vorbei. Man kann die Städte in Wales keineswegs beschreiben, ohne die Wörter braun und grau zu benutzen. Die Häuser sind braun, die Dächer sind grau. Die Leute sind grau und ihre Kleider braun. Die Hügel sind braun, der Himmel ist grau. Grau sind die Straßen und der Bürgersteig, braun die Autos. Die Katzen sind braun, die Hunde grau. Die Vögel sind braun. Grau ist der Regen, braun die Pfützen.
Dr Jones ging ins Amt für Soziale Sicherheit und setzte sich auf eine der grauen Bänke im grauen Raum, um darauf zu warten, daß er an die Reihe käme. Vor ihm saß eine andere Reihe von grauen Leuten, die darauf warteten, einen Fetzen Papier zu unterzeichnen, um noch eine Woche vom Mitleid des Landes leben zu dürfen. Ein großer haariger Mann, der auf dem Boden spuckte, saß ganz vorn. Sein weiter Mantel war gleichfalls haarig, und der Mann glich einem Bären. Neben ihm saß ein junger dünner Mann; dünnes Haar, dünne Nase, dünner Mantel, dünner Schnurrbart, dünne Brille; ein dünner Bube hielt ihm die Hand. Waren dies wirkliche Menschen? Dr.. Jones hatte das Gefühl, Bilder in einem Kinderbuch zu sehen; Karikaturen, Comics. Andererseits konnte er die Wirklichkeit weder des grünen von der Nase des Buben herunterströmenden Rotzflusses noch die Tatsache, daß der Vater in seiner Nähe einen leisen, aber extrem übelriechenden Furz in seiner Nähe losgelassen hatte, noch die Dr.ohende Erscheinung, die aus jeder Bewegung und jedem Blick des großen Mannes strahlte, übersehen. Der Doktor konnte die anderen, die wohl alle glaubten, der Furz stamme von ihm, nicht sehen, ohne seinen Kopf absichtlich zu bewegen, was bestimmt gefährlich war, und die anderen aufregen könnte. Daher starrte Dr.. Jones wie die anderen den braunen Boden an. Er wußte genau, wie alles laufen würde, da er seit langem ein Stammgast des Amtes war. Der Bärmann ging zum Beamten hinter der Glasscheibe. Nur seine Hand und eine Art Schatten waren durch das trübe Glas, wie durch schmutziges Wasser, zu sehen.
Der dünne Mann und sein Kind gingen zum Kopfende der Bank. Er war der Nächste. Dr.. Jones bewegte sich. Er rutschte zu dem Menschen an seiner Seite, und jemand anderes nahm seinen Platz ein. Danach zwängten sich die anderen einander näher, bis die leere Stelle, die der Bär hinterlassen hatte, verschwunden war.
Später sahen sie den Bären das Amt verlassen, und dann ging der dünne Mann mit seinem Sohn auf die Glasscheibe zu. Der Rest Dr.ückte sich wie Sardinen auf der Bank zusammen.
Der dünne Mann redete mit dem milchigen Glas. Seine näselnde Stimme wurde lauter, bis sie in Geschrei umschlug. Er hämmerte wild, feurig, wütend mit den Fäusten auf das Glas ein. Das Kind fing zu heulen an. Dann glitt ein Stück Papier durch das dunkle Loch zwischen dem Unterrand der Glasscheibe und dem Schalter, von einer gleichgültigen Hand geschoben. Der dünne Mann hob das Papier, das ihn zu trösten schien, auf, machte auf dem Absatz kehrt und schleppte seinen Knaben aus dem Raum.
Später kam der Doktor an die Reihe. Er sollte zur Glasscheibe. Ehe aber er die Möglichkeit hatte, sich von der Bank zu erheben, brüllte eine Stimme hinter der Scheibe: DR.. JONES. Was jede Woche wieder geschah. Niemand sonst wurde mit Namen und Titel gerufen. Jedes Mal war es Dr.. Jones peinlich. Er errötete, als er dachte, alle schauten ihn an und dächten: Was macht wohl ein Doktor hier auf dem Sozialamt? Sie hielten ihn wohl für einen Arzt und zogen den voreiligen Schluß, er habe einen Patienten Unbeschreibliches angetan und sei daher arbeitslos.
'Na, Dr.. Jones, wie geht es Ihnen diese Woche?'
'Gut.'
Der Doktor konnte die Person hinter dem Glas nicht sehen, nur einen braunen Schatten in einem grauen Nebel. Aber jede Woche war es dieselbe Stimme. Herablassend, selbstzufrieden, ohne irgendein Interesse am Gesundheitsstand des Dr.. Jones, noch an irgend etwas anderem, was ihn betraf, trotz der gestellten Frage. Dr.. Jones guckte durch das Glas, und versuchte, den Besitzer der Stimme klar zu sehen, aber es war wirklich wie ohne Brille auszugehen und alles wie durch Rauch zu sehen.
'Sehr gut. Nun, haben Sie Arbeit gesucht?'
'Ja.'
'Haben Sie ernsthaft gesucht?'
'Ja.'
'Sich ehrlich bestrebt, Arbeit zu finden?'
Der Doktor nickte.
'Sie sind jetzt schon ziemlich lang ohne Arbeit. Lassen Sie mich mal nachsehen... Ja, es sind nun sechs Jahre. Nun gut, suchen Sie fleißiger, Dr.. Jones, suchen Sie gründlich. Eine Unterschrift hier, bitte.'
'Danke.'
'Danke, Dr.. Jones. Und wenn es Ihnen bis nächste Woche nicht gelingt, eine Stelle zu finden, dürfen Sie keineswegs zu spät hierher kommen. Sie sind allzu oft spät. Guten Tag.'
Dr Jones war immer glücklich, das scheußliche Amt zu verlassen. Es war eine Qual. Colditz. Als er ein paar Minuten Dr.außen gewesen war, spürte er die saubere, gesunde Luft, bis er wieder zu sich kam und sah, daß alles nur, wie gewöhnlich, grau und braun war.
Statt sofort nach Hause zu gehen, ging der Doktor ein Bißchen spazieren. Er ging zur alten Bahn hinunter, wo es nur Gebüsch und Klagen und Brombeergewächs gab, und an einigen Stellen auch Größe und schwarze Vögel. Es war eines der wenigen Gebiete der Stadt (außer dem Park), wo es ähnlich aussah wie auf dem Land, und der Doktor erwartete nicht, dort tagsüber vielen Leuten zu begegnen.
Er ging eine Meile, zwei Meilen, die alten Eisenschienen entlang, bis er zum Schrottplatz kam. Als er daran näherkam, hörte er einen schrecklichen Krach. Jaco Saunders, der Müllmann, ein Mann mit haarigen Armen, rechteckigen Fingern, einem blaubeschatteten Kiefer, brüllte seine zwei Rottweiler an.
'Satan! Satan! Hör doch auf! Würger! Hör auf! Komm bloß her!'
Offensichtlich hörten die Hunde ihm keineswegs zu. Dr.. Jones konnte kehrtmachen, und nichts wie weg, als er durch das Tor des Schrottplatzes blickte (da aus zwei großen, mächtigen, brauen Eisenstücken bestanden) und sah, wieso die Hunde bellten. In einer Ecke (von Fahrradteilen, Maschinen, Bettgestellen und anderen Metallstücken umringt) stand, von den Hunden gefangengehalten, in der Tat so weiß wie der sprichwörtliche Kalk, tatsächlich weißer als gewöhnlich, Melog.
Die Rachen der Hunde klappten mit dem Geräusch eines Fuchseisens zusammen. Die Augen waren teuflisch rot. Die Zähne stark wie Diamant, die Lippen höllisch rot. Es gab keinen Ausweg für den Jungen, die Hunde würden ihn in Stücke reißen.
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