In dieser Ausgabe
- Leitartikel
- Jaan Kaplinski
- Die Budapester Buchmesse
- Die Kunst der Beleidigung
- Schreiben in zweisprachigen Welten
- Irland
- Fred Johnston
- Seán Ó Ríordáin
- Finlands Åland Inseln
- Ulla-Lena Lundberg
- Die Iberische Halbinsel
- Ignasi Riera
- Xosé Luís Méndez Ferrín
- Bernardo Atxaga
- WALES
- R.S Thomas
- Mihangel Morgan
- NACHRICHTEN
Seán Ó Ríordáin
Seán Ó Ríordáin
Seán Ó Ríordáin (1917-1977) wurde in Múscraí, Grafschaft Cork, im Südwesten von Irland geboren. Seine Heimatgegend war reich an irischsprachiger Literatur und Irisch war die Sprache von Ó Ríordáins Umgebung bis er mit 15 in eine englischsprachige Gegend nahe der Stadt Cork zog. Diese Umzug stand für den Dichter später für Verlust und Entfremdung.
Als junger Mann wurde bei ihm Tuberkulose diagnostiziert, und obwohl er bis zum Alter von 60 Jahren lebte, war er immer von schwacher Gesundheit und oft bettlägerig. Er arbeitete im Angesicht des Todes und sehnte sich nach einem Zustand kultureller, physischer und spiritueller Gesundheit.
Ó Ríordáin veröffentlichte vier Bücher. Ein bescheidener Umfang seines Werks, umfasst es Eireaball Spideoige ('Der Schwanz des Rotkehlchens', 1952, 1986), ein Band von einigen hundert Seiten, und drei nachfolgende Bücher, Brosna ('Eine Handvoll Zweige', 1964), Línte Liombó ('Zeilen aus dem Limbo', 1971) und das posthume Tar éis mo bháis ('Nach meinem Tode').
Sein Werk ist das Produkt einer geduldigen Destillierung von Gedanken, und das Ergebnis ist wohlklingend und kraftvoll. Ó Ríordáin schuf eine persönliche Sprache vollkommen unähnlich dem jedes anderen irischen Dichters. Es ist ein Idiom geschaffen aus Schlüsselwörtern, die Schlüsselideen repräsentieren, innovativen Wortschöpfungen und bombastischen Adjektiven, die vom Dichter teilweise neu geprägt werden. Sein aufschlußreicher Wortschatz wird verbunden mit einer sehr klaren Syntax.
Ó Ríordáins Gedichte zu lesen, enthüllt eine ständige Beschäftigung mit einer geringen Anzahl von Themen. Eines davon, wenn man es in einem einzelnen Satz ausdrücken kann, ist kultureller (weitaus deutlicher als politischer) Nationalismus. Die irische Sprache ist der Kelch, aus dem die Nation trinken muss, um ihr wahres Ich wiederzuentdecken. Dieses Thema ist grundlegend für einen Großteil der irischen Literatur.
Das zweite Hauptthema in Ó Ríordáins Werk ist der christliche Glaube. Sein Werk drückt diesen Glauben nicht direkt aus, obwohl es leicht wäre, es so zu konstruieren, sondern vielmehr ein Befragen und Prüfen des Glaubens. Ó Ríordáin, krank und schwach, sucht Anleitung und Inspiration im christlichen Glauben (eher als in der Institution der Kirche).
Ó Ríordáin bemüht sich in seinem Werk, die vergänglichen Erfahrungen des Wesens der Dinge aufzuzeichnen. Einige dieser Dinge sind fassbar: die Stimme des Flusses drückt das Wesen des Flusses aus. Andere sind abstrakt und schwerer zu greifen: wo findet sich das Wesen des Volkes, und wie kann es ausgedrückt werden? Auch ist die Welt voll von Äußerungen der Falschheit. Ó Ríordáin identifiziert und beschreibt diese ebenso, vielleicht um einen Weg zu bahnen, der zur Heiligkeit führen könnte.
In Irland wurde Seán Ó Ríordáin als 'europäischer' Dichter bezeichnet. Diese Beschreibung wurde gewählt, um zu vermitteln, dass sein Werk großartig ist. Dieser Anspruch ist nicht unbegründet, aber vage. In einem europäischen Kontext wurden seine Ideen mit denen der Existentialisten verglichen. Er scheint einerseits mit Kierkegaard übereinzustimmen, doch seine Kultur ist weit entfernt vom großstädtischen ennui der französischen Nachkriegs-Existentialisten. 'Europäische' Parallelen für Seán Ó Ríordáin sollte man am besten im katholischen, vorromantischen Frankreich suchen, z.B. in Pascals Pensées.
Neben seiner dichterischen Tätigkeit schrieb Seán Ó Ríordáin in seinen letzten Lebensjahren eine Kolumne in der Irish Times, in der er sich vehement zu nationalen Angelegenheiten äußerte. Ein Anzahl seiner Gedichte sind in englischer Übersetzung erschienen, z.B. in der Modern Irish Poetry: An Anthology (hrsg. von Patrick Crotty).
Die Auswahl, die in dieser Ausgabe ins Englische übersetzt zu finden ist, wird hier zum allerersten Male veröffentlicht.
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