Dichtung seit der 'Samtenen Revolution'

Die tschechische Dichtung in den 90er Jahren
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'In der Zeit der sogenannten Normalisierung nach der Niederschlagung des Prager Frühlings (1970 bis 1989) hatte das Regime jede Poesie systematisch ausgegrenzt und unterdrückt, die spiritualistisch oder existentialistisch orientiert und experimentell oder unkonventionell war.' Ein Artikel von Jirí Zizler. Aus dem Tschechischen von Christa Rothmeier.
Der November 1989 bedeutete für die tschechische Lyrik vor allem die Wiedergewinnung der Freiheit, der Möglichkeit, sich mittels der Massenmedien voll und unbeschränkt artikulieren zu können. In der Folge vereinten sich die drei Zweige der tschechischen Literatur (die offizielle, die Samisdat- und die Exilliteratur) wieder zu einer einzigen Linie. In der Zeit der sogenannten Normalisierung nach der Niederschlagung des Prager Frühlings (1970 bis 1989) hatte das Regime jede Poesie systematisch ausgegrenzt und unterdrückt, die spiritualistisch oder existentialistisch orientiert und experimentell oder unkonventionell war. Zugelassen und gefördert wurde hingegen besonders die sogenannte 'bodenständige Poesie', eine die materialistischen Seiten des Lebens und die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse unkompliziert preisende Dichtung. Nach 1989 betrat eine Reihe von Generationen und Autoren (von solchen, die schon um den Zweiten Weltkrieg herum debütiert hatten, bis zu den um 1970 geborenen) die literarische Szene. Diese Autoren deckten ein breites Spektrum an Richtungen - von katholischer Literatur bis zum orthodoxen Surrealismus - ab. In der ersten Hälfte der neunziger Jahre hatte die Lyrik in der tschechischen Literatur auffällig dominiert, dabei aber (während die Sammlungen Jaroslav Seiferts, des Nobelpreisträgers für Literatur, noch in Auflagen von mehreren zehntausend Stück erschienen waren) aufgehört, von einem Massenpublikum konsumiert zu werden. Auflagenzahlen und Werbemaßnahmen wurden drastisch gesenkt, und auch die gesellschaftliche Bedeutung und Wirksamkeit der Poesie nahmen ab. Das ist in Zusammenhang mit einer allgemein verbreiteten Skepsis gegenüber Ideologie, jedwedem Utilitarismus, Pathos, aber auch gegenüber dem sogenannten 'schönen Gesang', leeren Lyrismus, zu sehen. Stattdessen gibt es ein Nebeneinander von einer Vielzahl origineller individueller Poetiken, die sich allerdings nicht selten durch einen zweckentleerten Artifizialismus oder Exhibitionismus auszeichnen. Auch ein gewisses Chaos an Werten und Kriterien bildete sich heraus, die Verbindung zur Tradition ging verloren, und durch das Fehlen literarischer Gruppierungen kam es zu einem Mangel an Möglichkeiten des Meinungsaustausches und Dialogs über Impulse und ideelle Quellen des Schaffens. Der Abnahme des Interesses an Lyrik und dem Sinken ihres Ansehens entgegenzuwirken, haben sich in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre Jirí Kubena durch die Veranstaltung regelmäßiger Dichtertreffen auf der mährischen Burg Bítov und zuletzt der Verleger Martin Pluháek durch Organisierung internationaler Poesie-Festivals in Olmütz bemüht. Steigendes Publikumsinteresse verzeichnen Wettbewerbe für Nachwuchspoeten, und junge Schauspieler versuchen durch Straßenlesungen und Rezitationen in der Metro Lyrik populär zu machen. Trotz der niedrigen Auflagen erscheinen jährlich 300 bis 400 Gedichtbände; neben der Herausgabe der Werke der zahlreichen Debütanten konzentrieren sich die Verleger auf die Edition gesammelter Werke älterer tschechischer Dichter, die erst jetzt komplett erscheinen können (J. Kolár, O. Mikuláaek, J. Skácel, I. Jelínek, Z. Rotrekl, I. Slavík, B. Reynek, J. Zahradnícek). Zugänglich gemacht wird auch das Schaffen der Liedermacher (K. Kryl, V. Merta, V. Treanák, J. Hutka), die breiteren Leserschichten jahrelang wirkliche Dichter ersetzt hatten oder an deren Stelle getreten waren. In den neunziger Jahren kam es zu einer großen Renaissance der spirituellen Poesie, besonders von katholisch orientierten Autoren. Zu den bedeutendsten sind Ivan Slavík (1920-2002) und Zdenek Rotrekl (geb. 1920) zu rechnen, die bereits in den vierziger Jahren in die Literatur eingetreten waren, deren Oeuvre aber erst in den neunziger Jahren in vollem Umfang an die Öffentlichkeit kam. Gespeist wird ihre Poesie aus dem Mythos, aus biblischen Visionen und aus einer zutiefst philosophischen Reflexion der menschlichen Existenz und der Zielsetzungen des Menschen. Auf sprachlicher Ebene charakteristisch für sie ist die Auffassung von der Sprache als einem magischen und geheiligten Instrument, das vom Eindringen in die Wirklichkeit inspiriert wird. Das Schaffen Ivan Slavíks ist der Suche nach Hoffnung und Glauben gewidmet in einer Welt, die bedroht ist von zwei totalitären Systemen, der Zerstörung konservativer Werte und der Ordnung, wie auch von der Ausbreitung einer entmenschlichenden Nivellierung und Mechanisierung des Lebens. Im Kern seiner Betrachtungsweise stehen die Wahrnehmung von der Welt als dem Raum eines unablässig wirkenden Geheimnisses und die Variierung des Phänomens der Zeit als Basis und Überhöhung der individuellen Existenz: Slavík hält eine Welt fest, die durch ein religiöses Opfer ständig vom Rande des Chaos und der Entropie losgekauft wird, wobei er stets von neuem die grundlegende Spannung zwischen Reinheit und Einzigartigkeit auf der einen Seite und Beschädigung und Entweihung auf der anderen Seite widerspiegelt. Auf diese Art und Weise wird die spirituelle Poesie zur unaufhörlichen Polemik mit dem Utopismus, einer widernatürlichen Konzeption des Menschen und auch zur Verteidigung der menschlichen Innerlichkeit. Zdenek Rotrekl hat dreizehn Jahre seines Lebens in kommunistischen Kerkern verbracht, eine Erfahrung, von der auch sein Schaffen gezeichnet ist, das an vorderster Stelle die Größe der Freiheit als Glaube, einem Akt der Wahl und als Mittel zur Findung einer unverwechselbaren Identität des Menschen angesichts von Verfall und Vernichtung unterstreicht. Sein dichterisches Gesamtwerk bis zum Jahre 2001 erscheint unter dem Titel 'Die ungemauerte Stadt'. Rotrekls komplizierte Poesie, die inspiriert von barocker Bildlichkeit mit einer allegorischen und apokalyptischen Sicht und stellenweise vom Surrealismus und der absurden Sprache der konkreten Poesie beeinflusst ist, öffnet das Tor zur Verschiebung eingebürgerter Beziehungen und Bedeutungen und schafft eine eigenständige Sensitivität. Rotrekl sucht 'Wörter mit sieben Füßen / siebenerlei Bedeutungen nämlich', und fängt den Kosmos der Dinge mit ihren Verflechtungen und nicht fassbaren und unterschwelligen Empfindungen ein, spannt mit seinen Gedichten eine Brücke zwischen äußerer und innerer Wirklichkeit. Die religiöse Einstellung begreift er als Anregung zu moralischer Entwicklung und hochgradigem Selbsterlebnis, das jedoch nicht idyllisch, sondern voll zugespitzter Konflikte ist: 'Glaube ist das Ringen um den Glauben'. Die jungen Autoren aus dem Umkreis der spirituellen Lyrik können dem Katholizismus nur mehr entfernt zugeordnet werden: Wohl von geistigen Konstanten und Fluchtpunkten des menschlichen Seins ausgehend, streben sie universelle dichterische Aussage an, wobei der Glaube für sie eine höchst intime Angelegenheit darstellt, die nach außen, in ihr Schaffen, zu transponieren, sie nicht das Bedürfnis haben. Erfindungsgeist und ein origineller Umgang mit der Sprache ist typisch für die Sammlungen des mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Petr Borkovec (geb. 1970), des derzeit wohl am meisten übersetzten tschechischen Dichters, dessen Fragmente des Seins und einen bestechenden Komplex der menschlichen Intimität einfangenden Verse manchmal den Charakter von Beschwörungen annehmen. Der ländlichen Wirklichkeit wenden sich in ihren Gedichten Pavel Kolmaka (geb. 1958) und Milos Dolezal (geb. 1970) zu, denen beiden die Suche eines geistigen Fundaments in der Befreiung von störenden Einflüssen der modernen Zivilisation, der Konsumgesinnung und eines fanatischen Egozentrismus gemeinsam ist. Eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der tschechischen Lyrik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Ivan Divia (1924-1999) gewesen, der mit seinem Werk auch in die neunziger Jahre wesentlich eingegriffen hatte. Divia's Poetik knüpft durch die Tendenz zum Transzendieren, aber auch durch Metaphorik und Bildhaftigkeit an Vladimír Holan an, und fesselt durch die starke Expressivität und den Appellcharakter. Prägend für Divia wurden Gefühle der Entwurzelung und das Erlebnis des Exils (seit 1969), das ihn zu einer unter den Vorzeichen von Katastrophen stehenden Sicht nicht nur seiner Heimat, sondern auch der modernen Welt als Ganzes brachte. Er stilisiert sich in seinen Kompositionen als unbarmherziger Richter, der seine Anklagen mit einer beinahe alttestamentarischen Diktion ausstößt. Der Sinn seiner Poesie konstituiert sich aus dem Erlebnis des Schmerzes, der Angst und der Verlassenheit und aus dem Drang, die unsichere Stellung des Menschen in der Welt und seine Beziehung zu Gott zu erkunden. Im Werk von Karel `iktanc (geb. 1928), der nach 1968 von öffentlichen Publikationsmöglichkeiten ausgeschlossen war, wird die Poesie zum Instrument eines magischen Rituals, mit dem die lebensspendende Kraft des Mythos und des Gedächtnisses der Vorfahren erweckt werden soll. Seine dramatisch aufgebaute Lyrik entfaltet ein Konzert von Metaphern und einen Tanz von Bedeutungen, die auf verschiedenartigstem Sprachmaterial mit einer Fülle an Bibelausdrücken, Archaismen und Neologismen, Elementen der Volkssprache und dem Stil von Litaneien begründet sind. Eine zentrale Rolle kommt der böhmische Landschaft zu, in der Schicksal, Liebe und Tod einander begegnen, die der Dichter mit der Geste des Sprachzauberers heraufbeschwört, um sich Verwüstung und Vergessen entgegenzustellen. Ivan Wernisch (geb. 1942), von dem eine Werkauswahl mit dem Titel 'Trottelpoesie' in Vorbereitung ist, konstruiert ungewöhnliche Welten (das 'Anderssein') eines autonomen Raums und einer ebensolchen Zeit, beherrscht von den Gesetzen der Imagination und Absurdität. Wernisch bedient sich systematisch der Mystifikation (so wie er auch, ohne das zu deklarieren, in seine Übersetzungen von Klassikern eigene Texte hineinmontierte), er paraphrasiert raffiniert den deutschen Expressionismus, russische Folkloredichtung, Traumbücher, Zen-Geschichten und japanische Haikus, arbeitet mit semantischen Wortspielen, dadaistischem Nonsens und Blasphemien. Seine Traumvisionen lassen in untergehende oder längst untergegangene Welten blicken, in denen bizarre Phantastik mit Melancholie und Traurigkeit verfließt und sich die Pluralität und Unselbstverständlichkeit der menschlichen und künstlerischen Weltsicht offenbaren. Zwischen Eros und Tod angesiedelt ist Zbynek Hejdas (geb. 1930) Poesie, die sich berauscht an der unbändigen Kraft der Sexualität und sich von der Hinfälligkeit des Lebens mit allen entsprechenden Symptomen und auch in brutaler Konkretheit fasziniert zeigt; alles im Leben Belangvolle enthüllt der Dichter zwischen 'Friedhof und Wirtshaus'. Zunehmend wird Hejdas Poesie auch durchdrungen von einer durch die Stereotypien des Lebens ausgelöste Ermüdung, aber auch von der Erwartung des Untergangs mit dem Abgrund oder der Hoffnung der Ewigkeit. Zu den markanten Persönlichkeiten der tschechischen Lyrik gehört auch Petr Kabea (geb. 1941), der in seinen dichterischen Aufzeichnungen Gesprächsfetzen, Traummomente, Zitate und literarische Allusionen mixt, um so die Möglichkeiten der dichterischen Sprache mit ihrer konkreten Gültigkeit zu konfrontieren. Seine experimentellen Kollagen aus Sentenzen, Aphorismen und Banalitäten haben den Wert eigenständiger Dokumente, sind aber auch ein skeptisches und beunruhigendes Zeugnis der menschlichen Existenz im Milieu der Worte. Der der gleichen Generation wie Kabea angehörende und seit seinem Abgang ins Exil deutsch schreibende Jirí Grusa (geb. 1938) nützt Sprachspiele aus, wechselt zwischen semantischen Ebenen, arbeitet mit Ironie, Sarkasmus und Persiflage - mit dem Ziel, die Sprache aus der versklavenden Macht plumper ideologischer Phrasen und dichterischer Klischees zu befreien. Zu den talentiertesten Autor/inn/en der jungen Generation zählt Katerina Rudenková (geb. 1976), deren Sammlungen (Ludwig, 2000, Nicht nötig, mich zu besuchen, 2002) zu literarischen Ereignissen wurden. Rudenková bildet das Leben als einen von Fallen und Absurdität begleiteten Stolperweg ab, den der um Anteilnahme und Mitteilung kämpfende Mensch durchschreitet. Sie bemüht sich, einen Ausgleich zu finden zwischen der eigenen Empfindsamkeit und der entfremdeten Welt, weigert sich vor Vereinnahmung, ist bemüht, ins Zentrum ihrer Einzigartigkeit vorzudringen und sich selbst in ihr wahres Antlitz zu schauen. Die Dichterin beweist beträchtlichen Sinn für die Nuancierung von Gefühlen und zarte, lyrisch wirkende Bilder. Ihr dichterischer Gestus ist Ausdruck des Bekennens und der Überantwortung: 'Ich lebe in der Sprache, in die | ich jegliches Geschehen lege.'





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