In dieser Ausgabe
Dichtung seit der 'Samtenen Revolution'
Petr KabesPeter Kabea wurde am 21.6.1941 in Pardubice geboren. Nach dem Abitur in seiner Geburtstadt absolvierte er in Prag die Hochschule für Ökonomie. Nach Ableistung des Grundwehrdienstes arbeitete er am Institut für Technische und Ökonomische Information in Prag. Von 1966 an leitete er die literarische Revue Seaity pro mladou literaturu (Hefte für junge Literatur), bis die Zeitschrift 1969 verboten wurde. Wegen angeblicher Veröffentlichung pornographische Texte wurde er strafrechtlich verfolgt, was aber nur ein Vorwand war, um eine ganze Gruppe nonkonformer Literatur zu isolieren. Später arbeitete er als Bademeister, Kellner, Nachtwächter. 1973 fand er eine Stelle in der Wetterwarte auf dem Berg Mileaovka (der übrigens schon Goethe beeindruckt hat) im Böhmischen Mittelgebirge, wurde aber entlassen, nachdem er die Charta 77 unterzeichnet hatte. Seit 1989 ist er Schriftsteller auf freiem Fuß. In den siebziger und achtziger Jahren war er an der Herausgabe von Büchern, Sammlungen und Zeitschriften in Samisdatform beteiligt, u.a. redigierte er zusammen mit Jirí Brabec, Jirí Grusa und Jan Lopatka das Slovník Ceských spisovatelo - Pokus o rekonstrukci dejin Ceské literatury 1948-1979 (Lexikon der tschechischen Schriftsteller - Versuch einer Rekonstruktion der tschechischen Literaturgeschichte 1948-1979), ersch. in Toronto 1982 u.d.T.: Slovník zakázaných autoro Lexikon der verbotenen Schriftsteller). 1995 wurde Petr Kabea der Jaroslav Seifert-Preis für Literatur verliehen.
Jirí Grusa erinnert sich an Petr Kabes
In den Jahren des kommunistischen Regims herrschte im Fall von Kabea Ebbe und Flut. Es gab Prager Wochen ganz ohne Kabea und Prager Wochen ganz übervoll mit Kabea, denn die Mileschauer Wetterwarte verschluckte den Dichter sozusagen wortwörtlich. Das bewirkte das Gesetz, daß über uns allen waltete. Wir, Nachkriegskinder der Tschechoslowakei, waren zum Glücklichsein verurteilt und es wurde uns eingeschärft, es sei unsere Pflicht und Schuldigkeit, uns diesem Glücke zu verschreiben.
Es ist wohl naturbedingt, daß es jede junge Generation schwer hat. Wenn sie sich von den 'Alten' abnabeln will, so geschieht das mit Hast, List, rebellierend oder maßvoll. Auch wir, die Tschechen der 'Kabeaschen' Generation, waren Rebellenblut. Auch wir wollten anders sein als unsere Väter - die Kollektivismusanhänger - die meisten von uns jedenfalls.
Aber im Unterschied zu den 'westdeutschen Achtzigern', die sich als Solitäre, verstreute Individuen, von der Basis verbinden mußten, um mit Fleiß, Müh' und Not an dem Anliegen der Allgemeinheit, res publica, zu schaffen, waren unsere Grübler Verfechter einer res exclusiva. Und die sollte von oben herab verordnet sein, von vornherein als Wunder definiert, einem kleinem Kreis Eingeweihter und Beherrscher der magischen Worte vorbehalten.
Rebellion nach Nüchternheit verlangend
Wie wir alle, lehnte auch Kabea ab, das zu glauben. Nicht aus Überzeugung, auch nicht aus bösem Willen. Nur aufgrund seiner physischen Erfahrungen. Das Paradies, das man uns - ohne uns zu fragen - versprochen hatte, entpuppte sich als ein höchst unwegsames Gelände. Zuerst betraten wir ein Stoppelfeld. Zahrady na boso (In Gärten barfuß) so hieß Kabeas zweites Buch. Die Beschreibung eines gewöhnlichen Tages im irdischen Paradies. Nüchternes Geschehenlassen dessen, was schmerzt - unter den Füßen. Nein, das war gewiß keine politische Poesie, keine um das Heil der Welt kämpfenden Aphorismen.
Kabea wollte eine Sprache schaffen, ungeeignet, um sie auf die Fahne zu schreiben. Er wußte, es könnten beßre Zeiten, beßre Orte, beßre Menschen existieren, als unsere Zeit, unsere Orte, unsere Leute. Und ganz bestimmt eine beßre Gesellschaft als die sogenannte allerbeste, in der zu leben uns beschieden war. Auch wir träumten von einem Irgendwo-Nirgends, in utopischen Stimmungen lebend wie jede Jugend. Unsere Utopie hieß TOPOS. Was bedeutete: machen, was zu machen ist, finden was zu finden ist, das Unsagbare zu sagen. In einer Welt, die suchte, was nicht zu finden war, das Nichtmachbare machte, und das Unsagbare als Talk-Show darbot, war das eine Revolution.
Obwohl von Illusionen des messianistischen Sendungsbewußtseins der Dichtung befreit, nehmen wir nur mit Bedauern und zum Glück unvollkommen Abschied von der Vorstellung einer gegenseitigen Entsprechung zwischen dem Dichter und der Welt in ihrer Totalität, einfach gesagt, vom Erleben immer noch dieser Zivilisation, dieser Kultur. In diesem Sinne wage ich über den Generationenwechsel im Zeitraum von den Dreißiger bis zum Ende der Sechziger Jahre als über eine einzige, die letzte Generation zu sprechen.
Ich hege keinen Zweifel, daß wir Zeugen des unvermeidbaren Endes einer Zivilisation, eines organischen, nicht notwendig verheerenden, sind. Die Dichtung heute wie in fünfzehn Jahren wird ihrer Bestimmung gerecht, wenn sie bleibt, was sie in unserer Kultur immer war: Anrede. Die Anrede ist Gebet, Anrufung und Beschwörung. Auch Vermächtnis, d.h. Rückblick, Bilanz und Erbe, ist Anrede. Ich finde Teilsätze eines gemeinsamen Vermächtnisses in den Versen von Giorgos Seferis, Octavio Paz, Czeslaw Milosz genauso wie in denen meines russischen Altersgenossen Joseph Brodsky oder meines tschechischen Ivan Wernisch. Aus der Rede für die 14. Internationale Biennale der Dichtung 1984 in Liyge (Lüttich) zum Thema Dichtung im Jahr 2000. Die Teilnahme von Petr Kabea wurde durch tschechoslowakische Behörden verhindert.
Kernworte
In der fast fünfundzwanzigjährigen Sperrzeit, die eigentlich als eine lebenslängliche gedacht war und manche Lebenslänglichen tatsächlich ihr Leben kostete, schuf Kabea Werke, die sich in der Ära der Massenmedien selbst medialisierten. Er schrieb den Gedichtband Pesívec (in etwa: Angelegenheit für Fußgang, das Ding zu Fuß), der in seinem Titel diese Selbstmedialisierung deutlich macht. Man möchte fast sagen: Ding - Nichtding, Worte - Werte, bildendes Bild-Wort. Die Worte waren wie er selbst - karg, aber nie verspätet. Zart, aber nie ohne Kern. Schwermütig, aber nie ohne Lächeln. Der Meteorologe vom Mileaovka - deutsch auch Donnerberg genannt - schrieb einmal: 'Jedes Wort muß aus der Taufe gehoben werden.' So wurden die Worte von ihm eben getauft. 'Ich kann nicht Zahn um Zahn der Zeit unten geben/ Aug um Auge würde ich schon geben/ wenn ich nach dem Wetter spähe auf der Wendeltreppe/ aus Stein/ wenn ich meinen Namen eintrage/ in die Rubrik 'Beobachter', bekennt der Dichter. Und er war in der Tat vielen näher - auf dem entfernten Berg - als wir, die wir der Nähe den Vorzug gaben.
Darin liegt wohl der Grund, daß Kabea nie völlig und ungetrübt unsere Freude teilte, als der Augenblick da war, Keller, Wachstuben, Gefängnisse und Länder, die uns Asyl gewährten, zu verlassen. Von dem Gipfel des Mileaovka waren wohl tiefere geologische Schichten wahrzunehmen als aus der euphorischen Ebene der Zeit nach der Wende. Es muß doch eine Archäologie der Zukunft geben. An die Adresse Europas sagte er zu mir, dem 'von drüben': 'Es ist eine Narbe, die von ihrer Wunde träumt.' Zugegeben, mich machte diese Äußerung stutzig. Es war doch Zeit des Jubelns, und auch ich, sonst eher ein Spöttler, war geneigt, zu übertreiben. Je öfter ich aber seitdem an der Stelle der Demokraten Ethnokraten sehe, desto mehr denke ich an Kabea, meinen Freund und stürmischen Dichter. Er, dem ich in Trauer zuhöre, wenn er in Prag seine Verse stammelt und näselt, war politisch viel weitsichtiger als wir, die wir dachten, daß die Politik die Poesie nicht abtöte.
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