Zeitgenössische tschechische Prosaautoren

Die Rolle der Literatur in den postkommunistischen Ära: Eine Fallstudie des tschechischen soziokulturellen Kontextes
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Siostra topol11
Lehni besti kratoch
Urmedved kratochvil
von Petr A. Bílek
Betrachtet man die Entwicklungen der tschechischen Literatur seit 1989, haben manche der Fragen die sich stellen, mehr zu tun mit Textanalyse als mit dem Status der Literatur und der Rolle, die sie in der tschechischen Gesellschaft spielt. Geschrieben in der Sprache einer Bevölkerung von gerade 10 Millionen Sprechern, die tschechische Literatur hat in der Vergangenheit unter einer Ghetto-Mentalität gelitten. Eine typische kleine Literatur, zog sie es vor sich mit spezifischen hausgemachten Problemen zu beschäftigen, anstatt Teil zu haben am internationalen literarischen Austausch.

Seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hat das Land wenig Frieden und Demokratie erlebt, und unter zwei diktatorischen Regimes gelitten: der Okkupation durch die Nazis von 1939-1945 und dem kommunistischen Regime von 1949-1989. Während dieser Jahre blickte die tschechische Literatur wieder auf das Paradigma, das während der Jahre des nationalen Wiedererwachens vorherrschte: Literatur wurde ein Mittel ohne literarischen Zweck, sie propagierte oder forderte offizielle Ideologien heraus. Zur gleichen Zeit war sie in drei Stränge geteilt, die von einander getrennt blieben und sich nicht mit einander vermischten. Einer war die offizielle Literatur, der zweite die unveröffentlichte Literatur, die in der Schublade blieb, und der im günstigsten Fall in 'Samisdat'-Editionen erschien; der dritte Strang war der der Literatur die im Exil geschrieben und veröffentlich wurde. Es wurden Bücher in bemerkenswerter Menge veröffentlicht, verkauft und gelesen, sie boten einerseits verschleierte Kommentare über die Realität und Anspielungen, die von den Zensoren übersehen worden waren, und andererseits eine einfache Flucht aus der täglichen Plackerei.

Seit der zweiten Hälfte der Fünfziger Jahre erschienen etwa 4000 Bücher pro Jahr. Die durchschnittliche Auflage pro Titel betrug 10 000 Exemplare in den 50ern, in den 80ern dann bis zu 20 000 Exemplare. Offiziell wurden natürlich ideologisch korrekte Autoren in unverhältnismäßig hohen Auflagen veröffentlicht, während andererseits Autoren wie Bohumil Hrabal an einem Tag 100 000 Bücher pro Tag verkaufen konnten. Die Epoche, die der 'Samtenen Revolution' folgte, führte zu einem bedeutenden Wechsel. Die erste Reaktion auf den Zusammenbruch des Kommunismus und sein institutionalisiertes Literaturmodell war ein Zuwachs auf dem Buchmarkt. Verlegen wurden nationales Hobby: Anstelle einiger weniger staatlich kontrollierter Verlage gab es plötzlich über 2000 registrierte private Verlage. Daten von 2001 lassen annehmen, dass von den 3136 registrierten Verlegern ein Drittel ein Buch pro Jahr herausbringen, und weniger als 100 Verlage publizieren mehr als 30 Bücher pro Jahr.

Am Anfang konzentrierten sich die meisten auf die vormals verfemten Autoren, entweder mit der guten Absicht, früher verbotene Ansichten zu verbreiten, oder in Erwartung großer Profite. Ohne Erfahrung und Kenntnis der Texte, die sie publizierten, überschwemmten sie den Markt mit Tausenden von Büchern früherer Dissidenten-Autoren, von denen einige Dutzende Manuskripte angehäuft hatten, die sie nun bei verschiedenen Verlagen unterbrachten. Gleichzeitig hatten viele dieser Bücher, die aus der Perspektive eines Lebens unter einem entmachteten Regime, den Lesern wenig zu bieten, die nach Orientierung suchten in einer neuen, sich verändernden Welt, die Verantwortung verlangt, individuelle Ansätze und eine Fähigkeit, Auswahl und Entscheidungen zu treffen.

In wenigen Jahren verlor die Belletristik, sowohl aus heimischer als auch ausländischer Feder ihre beherrschende Position und Mitte der 90er übernahm Sachliteratur, besonders die Genres Geschichte, Biographien und Autobiographien, den Markt. Fiktionale Genres, die beliebt blieben und am häufigsten veröffentlicht wurden, waren die, die unter dem Kommunismus am wenigsten gefördert worden waren: Romane, Thriller, Krimis und Fantasy. In der Literaturszene waren drei Generationen seit 1990 am Werk: Die älteste Generation - Josef Skvorecká, Ivan Klíma, Pavel Kohout, Ludvák Vaculák, Arnoat Lustig - wird von der Literaturkritik als nach ihrem Zenit stehend bewertet. Sie veröffentlichen immer noch, aber niemand erwartet Überraschungen von radikaler Bedeutung vom 32. Buch von, sagen wir, Ivan Klíma.

Im Ausland aber werden diese Autoren immer noch als Kern der zeitgenössischen tschechischen Literatur angesehen. Eine paradoxe Ausnahme ist Milan Kundera, international als tschechischer (oder besser franko-tschechischer) Autor angesehen, dessen Bücher in der Tschechischen Republik immer noch selten sind: es hat bis heute noch keine offizielle Ausgabe von Das Leben ist woanders, Das Buch vom Lachen und Vergessen und Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins gegeben und dasselbe gilt für seine Essays und Romane, die auf Französisch geschrieben worden sind. Vielleicht, teilweise genau wegen seines Mangels an Interesse für sein Heimatland ist Kundera der einzige Autor, der ein starke Reaktion in beiden Extremen hervorruft: einerseits Hass (er verriet den antikommunistischen Kampf, um eine kommerzieller Autor zu werden) und Liebe und Stolz andererseits (er ist der einzige, der es wirklich in die internationale Liga von Rushdie, Marques, Fuentes und Grass geschafft hat).

Die mittlere Generation umfasst Autoren aus der sogenannten Grauzone: nicht wirklich verbannt aber auch keine wirklichen Dissidenten, hatten sie vielleicht ein oder zwei Bücher veröffentlicht, gehörten aber nicht zum kommunistischen Literaturkanon. Einige dieser Autoren kommentieren die gegenwärtige Realität mittels der Betonung positiver Werte (Daniela Fischerová), oder mittels hyperbolischer Zurückweisung (Alexandra Berková, Tereza Bouková), andere, wie Jirí Kratochvil, zeigen eine starke Tendenz, komplexe fiktionale Welten mit ihrer eigenen Logik zu schaffen, die in mancher Hinsicht die Wirklichkeit versinnbildlichen, und andere wiederum fordern den Leser heraus , nach jeglichen Bezügen auf die Realität zu suchen (Michal Ajvaz, Václav Jamek).

In der jüngeren Generation findet diese Tendenz, Texte zu produzieren, die auf internen Strukturen oder inner Textlogik basieren, einen Gegenpol durch einen autobiographischen Schwerpunkt (Iva Pekárková), der begeistert von den Medien aufgenommen wird. Die Aufmerksamkeit der Medien konzentriert sich speziell auf zwei Autoren der gleichen Generation: Jáchym Topol and Michal Viewegh, die beide den Stereotypen den 'good boy' und des 'bad boy' entsprechen. Viewegh, der 'Gute', wird immer als unfehlbar dargestellt, bereit, Interviews zu geben und ausgiebig über sein Privatleben zu plaudern (erste Heirat, Scheidung, Affären mit Teenagern, zweite Heirat, neues Eigenheim, politische Ansichten, Annahmen von Intrigen von Politikern gegen ihn usw.).

Topol, der 'Böse', trägt Jeans, raucht Kette, ist unhöflich, weigert sich, über sein Privatleben zu sprechen und kann gegenüber Interviewern sehr einsilbig sein. Viewegh ist ein kalkulierter Bestsellerautor. Seit seinem vielversprechenden Erstling Die wunderbaren Jahre, die nervten (1992) bieten seine Romane lineare Stories gewürzt mit Klischees und Stereotypen, und ihn zu lesen lohnt sich, wenn man sie bestätigt sehen will: ein 'neureicher' Charakter ist ungebildet und von Leibwächtern umgeben, aber er versteckt einen sensiblen Kern unter der rauen Schale; ein junger Autor ist männlich, schick, schön und schlau.

Topol im Gegenzug produziert vielschichtige Texte, die schwierig zu werten sind: er mischt verschiedene Stile und Erzählebenen, macht hunderte innertextlicher Anspielungen, destabilisiert jeden stabilen Ausgangspunkt. Die Tatsache, dass seine Bücher es auf die Bestsellerlisten geschafft haben, hat mehr damit zu tun, dass die Medien ihn zu Vieweghs Gegenspieler aufgebaut haben, als mit dem Bedürfnis der tschechischen Leser nach anspruchsvoller postmoderner Literatur. Gäbe es nicht die Aufmerksamkeit der Medien, wäre seine Leserschaft viel begrenzter.

Milos Urban, der dritte prominente Autor dieser Generation und der jüngste, steht irgendwo dazwischen. Sehr belesen in englischer und tschechischer Belletristik, ist er in der Lage, größere literarische Experimente zu gestalten und zu meistern. Gleichzeitig scheint er mehr und mehr besessen von der Idee zu sein, der Autor sei ein Wortführer, jemand der das Privileg besitzt, soziale und politische Realitäten zu kommentieren. In seinem Fall ist das Konzept der Autors als 'Kämpfer' eine neue Variante des alten Konzeptes des Autors als 'Gewissen der Nation'.
All diese drei Autoren sind in der einen oder anderen Weise immer noch in der Lage, eine Reaktion zu provozieren, die Aufmerksamkeit der Kritiker zu bekommen, und die Leser kaufen und lesen sie, was selten ist. Ansonsten scheint die tschechische Literatur immer noch gefangen zu sein in der plötzlichen Stille, die sich nach dem Trubel der 'Samtenen Revolution' herabsenkte. Wir schien in der Epoche des 'Katers' zu leben: wir haben die Literatur in der Vergangenheit mit zu viel Aufgaben befrachtet, jetzt zweifeln wir ihre Rolle im Ganzen an. Die Literatur hat ihre Rolle des Gurus des Alltagslebens verloren. Einige sagen, das sei ein Verlust. Andere sagen, es sei die Freiheit.






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