In dieser Ausgabe
Zeitgenössische tschechische Prosaautoren
Alexandra BerkováMagorie aneb Príbeh velké lásky (Horizont, 1991; Taifuuni, 1993)
Utrpení oddaného Vaiváka (Petrov, 1993; Taifuuni, 1995)
Temná láska (Petrov, 2000)
Die Prosaistin und Szenaristin Alexandra Berková (1949, Tren) studierte nach dem Besuch der Gewerblichen Mittelschule für Glaskunst die Fächer Tschechisch und Kunsterziehung in Prag. Sie arbeitete als Redakteurin in den Verlagen Svoboda und Ceský spisovatel. Zurzeit leitet sie gemeinsam mit Josef Skvorecký das Seminar Creative Writing am Josef-Skvorecký-Privatgymnasium und ist Leiterin des Departements Creative Writing an der Literarischen Akademie. Sie beteiligte sich an der Entstehung der freien Literaturgruppe 'Hejno
eských spisovatelo Mamut' (Schwarm tschechischer Schriftsteller Mammut), in der sich nonkonformistische Schriftsteller der zweiten Hälfte der 80er Jahren zusammenschlossen. 1989 half sie, das tschechische Zentrum des PEN-Clubs und die Gemeinde der Schriftsteller zu gründen. Sie ist auch in der feministischen Bewegung engagiert.
Die spezifisch weibliche Sichtweise der Welt und die erzählerische Spontaneität spiegeln sich schon in ihrem Erstlingswerk Knízka s Cerveným obalem (Das Buch mit dem roten Umschlag, 1986) wider. In der Novellensammlung legt die Autorin witziges Zeugnis über Abschnitte aus dem Leben ihrer Heldinnen ab. In den chronologisch geordneten Texten verfolgen wir ihre Schicksale von der Geburt über das Heranwachsen, die Hochzeit und Mutterschaft bis hin zum Tod. Alexandra Berková kommentiert das Geschehen in schnellen Schnitten, sie wechselt die Stilebenen und realen Studien sind häufig in Form einer verspielten Hyperbel dargestellt. Der Kritiker Milan Suchomel schrieb über ihre Erzählungen Veselka (Hochzeit) und Funus (Begräbnis): 'In den archetypischen Ritualen wie Hochzeit oder Begräbnis, die jedoch in einer Welt, die sich von ihren Fundamenten entfernt hat herabgesetzt werden, kreiseln die Leute in leichter Betörung, Verstörtheit und Sinnlosigkeit. Aus einer Trauerfeier wird so etwas wie Fasnacht, die Grenze zwischen dem Realen und dem Irrealen, Erdichteten und Phantastischen ist ebenfalls durchlässig.'
Die Ebene der poetischen Verspieltheit und Absurdität ist auch für das Prosawerk Magorie aneb Príbeh velké lásky (Magorie oder die Geschichte einer großen Liebe) charakteristisch, für das die Autorin 1991 den Egon-Hostovský-Preis erhielt und das ins Finnische übersetzt worden ist. Die Handlung dieses spöttischen Porträts der tschechoslowakischen Gesellschaft Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts vollzieht sich stockend und in grotesken Dialogen. Dadaistische Passagen wechseln mit lyrischen Aussagen. In einem ausdrucksvoll rhythmisierten Text spielen literarische Verweise, Zitate und Paraphrasen der Umgangssprache und offizieller Reden eine wichtige Rolle. Allegorische Elemente sind auch in der balladesken Prosa Utrpení oddaného Vaiváka (Das Leiden eines ergebenen Lausekerls) vorhanden, die ebenfalls ins Finnische übersetzt worden ist und in der Alexandra Berková anhand der Geschichte eines lyrischen Helden - eines unpraktischen Pechvogels - die Fallen darstellt, die uns die heutige Welt stellt.
Die Reflexion eines menschlichen Schicksals ist durch das Vermischen zweier Sprachebenen ungewöhnlich angelegt: Die verfallene Umgangssprache ist von Bibelzitaten durchzogen, im freien Redestrom klingt eine alttestamentarische Diktion durch. Die Schriftstellerin konzipierte ihr letztes Prosawerk Temná láska (Die Dunkle Liebe) als absurden Weg einer Frau durch das Zusammenleben in einer Partnerschaft. 'Sie verleugnet nicht ihre Neigung zur Fragmentierung, zur Nicht-Geschichte und zur Nichtbeschreibung, zur wuchernden Einbildungskraft...' Berkovás schmerzliches Lebensthema ist die volle Mündigkeit der Frau, ihre Identität, befreit von den psychologischen Mechanismen und gesellschaftlichen Strukturen, die den Männern bzw. ihrer angeschwollenen Maskulinität angepasst sind' (Josef Chuchma). Seit 1983 arbeitet Alexandra Berková mit dem Tschechischen Fersehen zusammen, das mehrere Werke, beispielsweise Pánská jízda (Herrenpartie), Bumerang (Bumerang), Dámská jízda (Damenpartie), Co ted' a co potom? (Was nun und was dann?), nach ihren Drehbüchern verfilmt hat.
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