In dieser Ausgabe
AUSSTELLERVERTREIBUNG IN FRANKFURT
Ausstellervertreibung in FrankfurtAn den Börsenvereinsvorsteher Dieter Schormann und an den Messe-Direktor Volker Neumann:
Mit plötzlichen und horrenden Preissteigerungen verunsicherte die Frankfurter Buchmesseleitung viele österreichische Verlage. Die IG Autorinnen Autoren wurde sogar mit einer Kostenexplosion bei den Standmieten in der dreifachen Höhe des Vorjahres konfrontiert. Zahlreiche Verlage, Institutionen und Einzelpersonen protestierten in Form einer gemeinsamen Erklärung.
Die IG Autorinnen Autoren, die seit rund 15 Jahren mit einem großen Gemeinschaftsstand an der Frankfurter Buchmesse zur Präsentation sämtlicher literarischer Neuerscheinungen in österreichischen Verlagen teilnimmt, zum Großteil von solchen Verlagen, die als Einzelaussteller noch nie oder allenfalls in Mehrjahresabständen mit Kleinstkojen an der Frankfurter Buchmesse teilgenommen haben, hat Ihre Anmeldungsunterlagen für das Jahr 2003 mit einem 'Angebot' erhalten, das wir weder glauben können noch für uns behalten wollen. Sie bieten uns, wie wir uns durch einen Anruf bei Ihnen am vergangenen Freitag noch einmal überzeugt haben, dieselbe Ausstellungsfläche wie im Vorjahr, inklusive Katalogeintragungen, mit einer fast 200prozentigen (!) Kostensteigerung an. In Geldbeträgen ausgedrückt, wollen Sie uns statt bisher 10.629, Euro (exkl. MwSt.) einen Betrag von 28.584, Euro (exkl. MwSt.) nur für die Standfläche und die Katalogeinträge in Rechnung stellen (Preiskategorie Reihenstand ab 12m2 pro Quadratmeter 387,50 Euro + bisher kostenlose zusätzliche Katalogeinträge der ausgestellten Verlage).
Zudem 'verbrauchen' wir als nicht vorsteuerabzugsberechtiger gemeinnütziger Verein die Mehrwertsteuer selbst, sodaß der Preisunterschied vom Vorjahr mit 12.329,64 Euro zum heurigen Jahr mit 33.157,44 Euro inklusive MwSt. (also den 16 Prozent, die Sie uns dafür im Vorjahr in Rechnung gestellt haben) insgesamt 20.827,80 Euro beträgt. Kommt Ihnen das nicht selbst abenteuerlich vor?
Äußerst irritiert von diesem Angebot haben wir zu recherchieren begonnen und mußten feststellen, daß die Klage der Buchmesse über den zu teuren Standort Frankfurt ganz offensichtlich auf dem Rücken der Aussteller ausgetragen werden soll. Äußerst ungleich, wie wir weiters feststellten. So berichten kleinere Verlage von bis zu 55prozentigen Kostensteigerungen oder schreibt etwa die 'Frankfurter Rundschau', angeblich fälschlicherweise, von bis zu 90prozentigen Erhöhungen der Standmieten, und sollen große Verlagshäuser nur mit 10 bis 14prozentigen Kostensteigerungen zu rechnen haben.
Wir haben natürlich die Standortdebatte aufmerksam mitverfolgt, aber mit solchen Effekten dennoch nicht gerechnet, denn schließlich hätte die Frankfurter Buchmesse nach dem erheblichen Rückgang von Ausstellern im Vorjahr doch allen Grund, ihre Teilnahmebilanz wieder verbessern zu wollen - möchte man meinen. Was aber passieren wird, und ohne daß uns das noch das Leistungs-Preis-Verhältnis Ihres Angebots an uns erklärt, ist: die Frankfurter Buchmesse wird eine große Zahl kleinerer Aussteller von der Frankfurter Buchmesse vertreiben. Vielleicht ganz ohne Eigenbeitrag der Buchmesse, weil die Kosten einfach nur weitergereicht werden, nur am Effekt ändert das nichts.
Soweit es uns betrifft, bedeutet jede Kostensteigerung ein Problem, da es sich bei unserer Ausstellungsbeteiligung um ein öffentlich finanziertes Projekt zur Förderung der Präsenz der Literatur österreichischer Verlage, darunter auch zahlreicher deutscher Autor/inn/en, und der Literatur österreichischer Autoren in deutschen und Schweizer Verlagen an wichtigen Messestandorten handelt und wir unseren Leistungsumfang bei solchen Teilnahmen (u.a. auch regelmäßig bei der mit immer stärkerer österreichischer Beteiligung soeben sehr erfolgreich zu Ende gegangenen Messe in Leipzig) trotz gekürzter Budgets aufrecht erhalten haben. Wir stellen die literarischen Neuerscheinungen von rund 150 österreichischen Verlagen aus, 80 bis 100 davon sind nicht mit eigenen Ständen auf der Frankfurter Buchmesse vertreten, mehrere hundert Autor/inn/en, Übersetzer/innen, Verleger/innen, Mitarbeiter/innen etc. würden ohne diese Präsenz unseres Gemeinschaftsstandes die Frankfurter Buchmesse nicht besuchen.
Um die Attraktivität dieses Standes für sonst verhinderte Aussteller/innen, Besucher/innen und das Publikum außerhalb zu erhöhen, sind wir überdies vor zwei Jahren eine Kooperation mit deutschen, Schweizer und österreichischen gemeinnützigen Hörfunksendern (zuletzt ca. 30) eingegangen, die den ganzen Tag von unserem Live-Studio aus über die und von der Frankfurter Buchmesse berichten. Auch diese Sender waren nie und werden nie als eigenständige Aussteller auf der Messe vertreten sein. Zusätzlich zu diesen Beteiligungen bei der Frankfurter und der Leipziger Buchmesse und bei österreichischen Messen bringen wir den einzigen österreichischen Neuerscheinungskatalog heraus, in dem auch alle österreichischen Neuerscheinungen in deutschen und Schweizer Verlagen und somit auch diese Verlage verzeichnet sind.
Selbst geringe Kostensteigerungen stellen angesichts der gekürzten öffentlichen Mittel ein solches Projekt wie unseres in Frage. Ein 'Angebot' wie Ihres zerstört es. Vielleicht halten Sie das für keinen allzu großen Verlust, vielleicht halten Sie es auch für keinen allzu großen Verlust, wenn hunderte und aberhunderte anderer Verlage angesichts dieser Preissteigerungen auf ihre Teilnahme verzichten. Es wird aber kein kleiner Verlust für die Frankfurter Buchmesse sein, sondern einer, der nicht wieder gutzumachen ist. Die Frankfurter Buchmesse wird ihren Ruf einer repräsentativen Branchenmesse einbüßen und zumindest die Nichtteilnehmer aus den deutschsprachigen Ländern werden ganz automatisch nach möglichst gemeinsamen und attraktiven Alternativen suchen müssen.
Die Idee der Rettung der Attraktivität der Frankfurter Buchmesse für Aussteller/innen durch die Zulassung des Buchverkaufs halten wir für keine Lösung. Was soll dabei herauskommen? Verleger/innen, die ihre Bücher 'ab Verlag' unter Umgehung des Buchhandels als Zubrot verkaufen können? Einzelbuchhändler/innen, die temporär Geschäftslokale eröffnen und sich von ihren Ganzjahresbetrieben wegorientieren? Ladenketten, die sowieso schon bereit sind, alles zu übernehmen, und auch das noch übernehmen würden? In einer Situation, in der es kleineren und weniger kapitalkräftigen Verlagen nicht mehr gestattet ist, an der Frankfurter Buchmesse teilzunehmen, kann das höchstens dazu führen, daß die nur wenige Prozent des gesamten Buchangebots ausmachenden Mainstreamangebote noch konzentrierter und noch schneller durchgeschleust werden können, zu sonst nichts.
Wir werden mit diesem Schreiben auch alle bei uns beteiligten Aussteller/innen über den aktuellen Stand der Dinge informieren und geben die Hoffnung nicht auf, daß uns Ihr Angebot nur irrtümlich unterbreitet worden ist sowie, daß sich die Frankfurter Messe und auch die sonstigen Zuständigen und Verantwortlichen in Frankfurt doch noch bereit finden, Preisstabilität zu garantieren, anstatt dem Trugschluß zu unterliegen, mit - noch dazu exorbitanten - Verteuerungen mehr Geld einzuspielen. Mit wesentlich weniger Beteiligten kommt unter dem Strich dasselbe heraus bzw. wird sich die Spirale weiterdrehen müssen, weil die Kosten auf immer weniger Beteiligte zukommen.
IG Autorinnen Autoren
Wien, 24.3.2003
© University of Wales, Aberystwyth 2002-2009
site by
CHL



