AUSSTELLERVERTREIBUNG IN FRANKFURT

Massive Preiserhöhung für Aussteller in Frankfurt
'Der bisherige Charakter der Frankfurter Buchmesse muss erhalten bleiben. Wir alle sind an der weiteren Existenz der Buchmesse interessiert und bereit, Vorschläge, Anregungen und konstruktive Kritik einzubringen.'

Aus: Autorensolidarität. Börsenblatt österreichischer Autorinnen, Autoren & Literatur, Nr. 2-3/03, S. 37-47.

Gemeinsame Erklärung österreichischer Verlage, Buchhandlungen, Medien, Kulturschaffender etc:

Die von der Messeleitung der Frankfurter Buchmesse vorgenommene massive Preiserhöhung für Aussteller betrifft uns alle: BuchhändlerInnen, VerlegerInnen, Bibliothekare/Innen, JournalistInnen, AutorInnen und LeserInnen. Bald wird es für kleinere und mittlere Verlage und andere kleinere und mittlere Aussteller kaum noch möglich sein, die Buchmesse als Kommunikationsplattform und Ausstellungsort zu nutzen. Die Frankfurter Buchmesse ist im Begriff, ihren eigenen Anspruch, nicht nur für 'global players', sondern auch 'for the smaller, the committed and the unusual publishing companies' zur Verfügung zu stehen, aufzugeben. Aber selbst große Verlage und Verlagskonzerne können - wie die bisherigen Reaktionen zeigen - mit der vorgenommenen Preisgestaltung nicht mehr problemlos mithalten. War in der jüngsten Vergangenheit davon die Rede, den Schwierigkeiten durch eine Übersiedlung der Buchmesse an einen anderen Standort zu begegnen, so befürchten inzwischen selbst die Verantwortlichen unter der Hand das endgültige Aus für die Frankfurter Buchmesse.
Auf die zahlreichen Stellungnahmen und Offenen Briefe haben die Leitung der Ausstellungs- und Messe-GmbH und der Vorstand des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels bis jetzt gar nicht oder nur mit vagen Hinweisen in Privatgesprächen reagiert. Wir stellen deshalb fest:

1. Die Tatsache, dass die Anmeldeunterlagen, die mit Februar 2003 datiert waren, so verschickt wurden, dass sie bei internationalen Ausstellern genau während der Buchmesse in Leipzig und bei den deutschen Ausstellern frühestens ab 18. März 2003 eingegangen sind, während der Anmeldeschluss zur Nutzung des Frühbucherrabatts mit 28. März datiert wurde, legt die Vermutung nahe, dass die Aussteller vor vollendete Tatsachen gestellt bzw. mit minimalen Rabatten geködert und überrumpelt werden sollten.

2. Die massive Preiserhöhung der Standmieten der Frankfurter Buchmesse schadet der gesamten Branche. Sie betrifft überproportional die Messestände der kleinen und kleineren Verlage, die sich die Teilnahme an einer so teuren Messe nicht mehr leisten werden können.

3. Die publizistische Vielfalt wird verringert und damit eindeutig die Attraktivität für andere AusstellerInnen, AutorInnen und BesucherInnen gesenkt.

4. Die Preiserhöhungen erfolgen zum Teil sehr versteckt, die neue Preisgestaltung ist rechnerisch schwer nachzuvollziehen. Die Preiserhöhung der FachbesucherInnenkarten ist kontraproduktiv und ein Schlag gegen kleine Buchhandlungen, weniger finanzkräftige Zeitschriften, Bibliotheken, wissenschaftliche Gesellschaften, Kunst- und Kulturinitiativen, NGOs und vor allem BesucherInnen aus nicht zahlungskräftigen Ländern. Die Behauptung der Messeleitung, dass sich die Verlage von InteressentInnen gestört fühlen könnten und deshalb die Eintrittspreise erhöht worden wären, ist Ausdruck einer dem Medium Buch nicht angemessenen Denkweise.

5. Von den Verteuerungsmaßnahmen der Messe sind nicht nur alle unmittelbaren 'Markt'-TeilnehmerInnen des Buchhandels- und Verlagswesen betroffen, sondern das gesamte 'Publikum'. Sie bedeuten eine weitere Schwächung der Möglichkeiten für Literatur, Kultur und den gesellschaftlichen Diskurs.

6. Die Buchmesse nahm für sich immer in Anspruch, weltweiter 'internationaler Marktplatz' zu sein. Aufgrund der ökonomischen und politischen Entwicklungen in den letzten Jahren ist nicht nur die Anzahl deutschsprachiger Aussteller zuletzt zurückgegangen, sondern auch die Anzahl der internationalen Aussteller. Halbleere Hallen und leere Kojen waren schon letztes Jahr die Folge. Die neuen aberwitzigen Preise werden dazu führen, dass noch weniger AusstellerInnen aus dem Ausland und aus Übersee an der Messe teilnehmen werden können, und die Messe zusätzlich zu einem uninteressanteren Begegnungsort machen, was nicht nur noch weniger Publikumsbesuch, sondern auch die Abnahme von internationalen Kontakten zur Folge haben wird.

7. Die Messeleitung versucht die bestehenden Probleme einzig und allein durch Lukrierung zusätzlicher Einnahmen auf Kosten der Branche, des Publikums, der Wissenschaft und Literatur zu lösen. Außerdem wurden die seit Jahren anstehenden Probleme ständig steigender Kosten für Aufenthalt, Verpflegung und Infrastruktur höchstens halbherzig angegangen.

Wir fordern deshalb von den Verantwortlichen der Ausstellungs- und Messe-GmbH und des Vorstands des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels:

1. Die Zurücknahme der inakzeptablen Preiserhöhungen, die Offenlegung der Kalkulations- und Finanzierungsgrundlagen der Messe zur Diskussion von konkreten, inhaltlich sinnvollen und finanziell leistbaren Maßnahmen.

2. Die Deklaration versteckter und nicht nachvollziehbarer Preisgestaltung. Dies betrifft unter anderem
a) obligatorische Kosten wie die des Eintrags in das Verzeichnis um Euro 98, je AusstellerIn,
b) die allgemeine Bekanntgabe der geplanten Preise der Eintrittskarten für FachbesucherInnen, das Publikum sowie der Preise von zusätzlichen Ausstellerausweisen (erst auf der Website ist zu sehen, dass diese Euro 35, kosten sollen),
c) den deutlichen Ausweis von Zusatzkosten,
d) Pläne für Preissteigerungen in den nächsten Jahren, um Ausstellern Planungssicherheit zu ermöglichen.

3. Die Aufhebung der Bestimmung 4.4. der Geschäftsbedingungen, dass maximal vier Aussteller einen Stand mieten können, um kleineren Ausstellern die Möglichkeit zu Gemeinschafts- und Themenausstellungen zu geben, und zwar ohne dass es zu anderweitigen Aufschlägen kommt.

4. Die Verlängerung der Anmeldefrist bis zu dem Zeitpunkt, da diese Fragen vollständig geklärt sind, wobei es möglich sein sollte, die angebotenen Rabatte zu nutzen, und unter der Bedingung, dass die Aussteller, die versuchen, mit der Messe in Dialog zu treten, nicht benachteiligt werden. Aussteller, die sich bereits angemeldet haben, denen aber eine Teilnahme auf Grund der neuen Bedingungen nicht möglich ist, sollen von der Teilnahme zurücktreten können, ohne dass eine Rücktrittsgebühr (§ 4.5.) verrechnet wird. Die im Gespräch befindlichen "Rückerstattungsmodelle" schaffen nur neue Unsicherheiten.

5. Sollte es nicht möglich sein, die Existenz der Buchmesse am traditionellen Platz in Frankfurt zu sichern, so ist ein anderer geeigneter Messeplatz zu suchen. Entsprechende Gespräche, wie sie bereits mit den Messen in München und Köln stattgefunden haben, sind weiterzuführen und andere Standorte sorgfältig zu prüfen.

6. Die Aufnahme des Dialogs mit den wichtigsten Beteiligten an der Messe, nämlich den AusstellerInnen binnen kürzestem, mit dem Ziel, eine möglichst breite Übereinkunft zu erreichen und die Existenz der Buchmesse in Frankfurt oder an einem anderen geeigneten Messeplatz zu gewährleisten. Dazu gehört auch, dass Gesprächstermine so gewählt werden, dass AusstellerInnen und an der Entwicklung der Messe Interessierte teilnehmen können.

Der bisherige Charakter der Frankfurter Buchmesse muss erhalten bleiben. Wir alle sind an der weiteren Existenz der Buchmesse interessiert und bereit, Vorschläge, Anregungen und konstruktive Kritik einzubringen.


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Wien, 7.4.2003















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