In dieser Ausgabe
JOHANNES UND DER WOLF IM KÜHLSCHRANK
Johannes und der Wolf im KuhlschrankJohannes ist ein vierjähriges Kind. Eines Tages lässt ihn Mama allein zu Hause. Ganz allein in der Küche.
»Ich bin gleich wieder da«, sagt sie. »Ich gehe kurz einkaufen. Nur auf einen Sprung, um Öl zu besorgen«.
Johannes kratzt sich am Kopf und denkt:
»Auf einen Sprung? Mit einem Sprung von hier zum Laden, einem einzigen Riesensprung?«
Johannes ist allein in der Küche.
Er kratzt sich an der Brust. Das Herz schlägt so laut, bum, bum!
Er streichelt sanft seine Brust, aber das Herz schlägt immer lauter: bum, bum!
Johannes´ Herz macht bum, bum, weil es sich fürchtet. Johannes´ Herz hat Angst vor dem Alleinsein.
Johannes hat ein sehr ängstliches Herz.
Das Herz von Johannes will nicht allein zu Hause bleiben.
Johannes streichelt und reibt seine Brust mit der Hand, aber das Herz beruhigt sich nicht.
Und weil das Herz sich nicht beruhigt, steckt es die Hand auch noch an.
Jetzt hat die Hand auch Angst davor, allein zu Hause zu sein.
Die ängstliche Hand sucht schnell ihre Freundin, die andere Hand. Die befreundete Hand hat auch Angst.
Die beiden Hände umfassen sich zitternd; sie streicheln und reiben sich gegenseitig. Die beiden Hände gemeinsam haben schon nicht mehr ganz so grosse Angst.
Aber das Herz von Johannes ist immer noch ängstlich, bum!, bum! Plötzlich sieht Johannes den Kühlschrank an.
»Oh, der Kühlschrank zittert ja!«
Ja. Es war ein sehr kurzes Zittern. Johannes hat es ganz deutlich gesehen.
»Der Kühlschrank hat gezittert. Ich habe es gesehen.«
Da hält er sich die Hände vor die Augen, um nicht hinzusehen.
Johannes hält sich die Augen zu, weil die Augen auch Angst haben und nicht hinsehen wollen.
Die Augen von Johannes wollen nicht den Kühlschrank ansehen, nicht mal ein kleines bisschen.
Die Hände streicheln die Augen. Allmählich öffnen sich die Augen und sehen durch die Finger hindurch.
Der Kühlschrank ist ganz ruhig.
Da kratzt sich Johannes am Kopf und denkt:
»Warum hat der Kühlschrank gezittert? Warum? Es ist ganz klar: weil er Angst hat. Der Kühlschrank hat Angst.«
Die Hände von Johannes kratzen wieder am Kopf.
Und er denkt an eine andere Frage:
»Wovor kann ein Kühlschrank schon Angst haben, na? Wovor?«
Er hat keine Angst davor, allein zu sein, weil er doch oft allein ist und ganz ruhig dabei bleibt.
»Wovor kann ein Kühlschrank schon Angst haben, na? Wovor?«
Die Hände kratzen kräftiger am Kopf.
»Was ist im Kühlschrank? Nun ja, Essen.«
Die Hände kratzen noch kräftiger am Kopf:
»Also, wovor hat der Kühlschrank Angst, na? Na, dass jemand ihm das Essen stiehlt.«
Die Hände von Johannes kratzen weiter am Kopf.
»Und wer stiehlt das Essen? Wer hat immer Hunger und sehr scharfe Zähne, na? Wer?«
Jetzt halten Hände den Kopf fest:
»Wer ist da im Kühlschrank und isst alles auf, na? Vor wem hat der Kühlschrank Angst?«
Die Hände von Johannes legen sich schnell auf den Mund, der schreit:
»Der Wolf! Da ist ein Wolf im Kühlschrank!«
Johannes macht einen grossen Sprung und rennt in sein Zimmer. Er macht die Tür zu und versteckt sich unter seinem Bett. Johannes legt die Hände auf die Ohren. Es ist nichts zu hören. Und wenn der Wolf kommt und auch Johannes auffrisst?
Johannes legt die Hände aufs Herz.
Das Geräusch einer Tür und Schritte sind zu hören.
Johannes stirbt vor Angst.
Aber es ist Mama:
»Johannes! Hänschen! Wo bist du? Ich bin schon wieder da!«
Johannes kommt unter dem Bett hervor und rennt blitzschnell zu Mama.
»Mama! Da ist ein Wolf im Kühlschrank!«, schreit Johannes.
»Was?« sagt Mama und reisst die Augen auf.
»Da ist ein Wolf im Kühlschrank! Der Kühlschrank hat vor Angst gezittert! Der Wolf frisst alles auf, und dann frisst er auch noch mich!«
»Was?« wiederholt Mama.
»Der Kühlschrank zittert vor Angst, und da ist ein Wolf drin!«
Mama geht direkt zum Kühlschrank.
»Mach ihn nicht auf! Nicht aufmachen!« schreit Johannes ihr zu. »Da ist ein Wolf drin!«
Mama lächelt und öffnet den Kühlschrank. Johannes versteckt sich unter dem Tisch. Mama ruft ihn.
»Komm, Johannes. Sieh mal, da ist kein Wolf.«
Johannes kommt heraus und stellt sich neben Mama. Wirklich: es ist kein Wolf im Kühlschrank. Da sagt Johannes:
»Also, ich habe gesehen, wie der Kühlschrank gezittert hat. Und wenn er zittert, hat er Angst. Und wenn er Angst hat, dann vor dem Wolf, weil der das Essen mit seinen scharfen Zähnen verschlingt und...«
Mama lächelt wieder und sagt:
»Dieser Kühlschrank zittert, wenn der Motor ausgeht, Johannes. Sieh mal.«
Mama dreht an einem Knopf, und der Kühlschrank geht an. Dann dreht sie den Knopf zur anderen Seite, und der Kühlschrank geht aus.
Und beim Ausgehen zittert er.
Dann geht Johannes hin und dreht an dem Knopf: der Kühlschrank geht an. Er dreht zur anderen Seite, und er geht wieder aus.
Er macht das fünf Mal. Dann ist Johannes sehr beruhigt.
Das Herz von Johannes ist auch sehr beruhigt. Es macht nicht mehr bum, bum, sondern schlägt sanft.
Da gibt Johannes Mama einen dicken Kuss. Dann kratzt er sich am Kopf und fragt:
»Mama, wie hast du es geschafft, mit einem einzigen Sprung vom Laden hierher zu kommen?«
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