DIE BRETAGNE

Moderne bretonische Literatur
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Der folgende Überblick über die bretonische Literatur des 20. Jahrhunderts behandelt Autoren, die ihren Ruf Werken verdanken, die auf Bretonische erschienen sind, im Gegensatz zu Autoren aus der Bretagne, die auf Französisch geschrieben haben, oder sowohl auf Französisch als auch auf Bretonisch. Während des 20. Jahrhundert haben eine Unzahl von Autoren bretonische Texte zu Papier gebracht. Transcript beschränkt sich auf diejenigen, deren Werk einzigartig in seinem aremorikanischen Kontext ist, und es wert ist, von einer internationalen Leserschaft zur Kenntnis genommen zu werden.

von Diarmuid Johnson





1. 1900 bis 1920
Tangi Malmanche und Yann-Ber Kalloc'h.
Unser erstes Kapitel beginnt um 1900 und endet mit dem Ersten Weltkrieg, einem Wendepunkt in der Geschichte der Bretagne. Zwei Literaten, die zwischen 1900 und 1920 auf Bretonisch geschrieben haben sind Tangi Malmanche und Yann-Ber Kalloc'h.

Tangi Malmache (1875-1953) verbrachte seine Kindheit in der Nähe von Brest und lebte als Erwachsener bei Paris, wo er als Schmied arbeitete. Die räumliche Nähe zu den Pariser Bibliotheken ermöglichte es ihm, sich mit bretonischer Literatur bekannt zu machen. In den ersten Jahren des Jahrhunderts schuf er einen wichtigen Korpus an Dramen auf Bretonisch. Darunter sind Marvailh an Ene Naonek, An Intanvez Arzur, und Gurvan ar Marc'hek Estranjour. Malmanche dramatisierte Themen und Motive aus der mittelalterlichen keltischen und bretonischen Literatur und seine Werke erreichten ihr größtes Publikum Anfang der vierziger Jahre, als sie von Radio Roazhon-Breizh ausgestrahlt wurden.

Der Dichter Yann-Ber Kalloc'h (1888-1917) wurde auf der Insel Groix vor der Küste der Süd-Bretagne geboren. Er hegte Ambitionen, Priester zu werden. Jedoch veranlasste ihn die Sorge um seine Gesundheit, das Priesterseminar in Vannes 1907 zu verlassen. Er unterrichtete einige Zeit und fand im Krieg den Tod in der Nähe von St. Quentin. Sein Hauptwerk ist Ar en Deulin. Zu seinen bekannteren Gedichten zählt eine langes Gedicht mit dem Titel 'Dihumamb', ein politisch-kultureller Appell, den er mit dem Pseudonym 'Bleimor' unterzeichnete. Aufgrund der Tatsache, dass sie vertont wurden, und dass sie seine Inselheimat feiern, gehören viele seiner Zeilen zu den meistzitierten des Jahrhunderts. Andere ergreifende Texte beschreiben den Schrecken des Krieges: 'Wie lange, mein Gott, wird dieser grausame Krieg fortfahren, die Wurzeln in den Wäldern zu kappen, die Wohnhäuser, überall?' Kalloc'h ist eine lyrische Stimme, religiös und patriotisch. Sein Tod mit 29 Jahren beraubte seine Sprache dieses ungesungenen Genies.






2. Zwischen zwei Kriegen
Gwalarn; autobiographische Literatur; Jakez Riou und Youenn Drezen.
Gwalarn war eine Zeitschrift, die zwischen den beiden Weltkriegen erschien. Sie stellt die einflussreichste Denkschule der bretonischen Literatur des 20. Jahrhunderts dar. Roparz Hemon (1900-1978) war die Vaterfigur der Gwalarn-Bewegung. In einem frühen Buch, Ur Breizhad oc'h adkavout Breizh, schreibt er: 'Wenn jedes der keltischen Völker gefragt würde: Was hast du zum Schatzkästlein der keltischen Literatur beigetragen? könnten wir nicht wie unsere Bruder in Wales oder Irland antworten. Unsere einzige Antwort wäre: ein paar Theaterstücke, und sonst wirklich sehr wenig' (138).

Hemon und die Erschaffer der modernen bretonischen Literatur versuchten diesen Zustand zu verändern. Sie hatten dabei zwei Ziele: eine standardisierte Literatursprache zu schaffen, und in dieser Sprache einen Korpus moderner Literatur zu produzieren.

Es stellte sich als schwer heraus, den Literaturstandard zu verbreiten. Obwohl Bretonisch im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts die Muttersprache von einer Million Sprecher war, war die Sprache im Erziehungsystem nicht vorhanden, und die Bevölkerung konnte zum Großteil nicht lesen und schreiben. Bretonisch war dazu auch nicht Sprache der Regierung. So blieb der Literaturstandard die Sprache von spezialisierten Zeitschriften, und des vertrauten Kreises, der sie schrieb und las.

Eine wichtige Gestalt unter den frühen Gwalarnisten war Abeozen (1896-1963). Seine Istor al Lennegezh Vrezhonek a-Vreman, 1957 veröffentlicht, ist die detaillierteste und bestinformierte Darstellung der bretonischen Literatur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die je geschrieben worden ist. Abeozens bekanntestes schöpferisches Werk ist die Sammlung von Kurzgeschichten Pirc'hirin Kala Goañv. Die Geschichten spielen vor und während des Zweiten Weltkriegs. 'Rom an Aotroù Person' erzählt vom Hamstern von Lebensmitteln während der deutschen Besatzung. 'Un Danvez Den' ist die Geschichte von Kleindiebstählen und Steinwürfen, während ein kleiner Junge zu einem guten Christen heranwächst.

In den Jahren zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg wurde die herkulische Aufgabe der Übersetzung mittelalterlicher irischer Prosa ins Bretonische geleistet. Diese Übersetzungen erschienen in Gwalarn. So erschlossen die Gwalarnisten, neben dem vorrangigen Ziel, eine anspruchsvolle moderne Literatur zu schaffen, auch ein umfassendes mittelalterliches Erbe.

Viele Prosa des 20. Jahrhunderts ist autobiographisch, zum Beispiel E Skeud Tour Bras Sant Jermen von Yeun ar Gow. Ar Gows Buch ist ein wertvolles Sozialdokument dass Wehmut vermeidet. Er vermerkt über das Lesen des Bretonischen um 1910: 'Zu dieser Zeit hatten bretonische Zeitungen eine Leserschaft'. Jaques Priels Ma Zammig Buhez ist ein anderes wichtiges autobiographisches Werk. Darin beschreibt Priel das Leben in Russland.

Als wäre er sich des Gewichtes der autobiographischen Tradition bewusst, informiert Abherri den Leser, dass sein Evit Ket ha Netra ein 'Roman über die Liebe' ist. Er beginnt mit der Kindheit des Autors und fährt in Rückblenden fort. Eine Reihe Briefe trägt viel zum Buch bei. Evit Ket ha Netra markiert die Suche nach neuen Strukturen.

Zwischen 1930 und 1940 traten zwei hervorragende Autoren hervor, Jakez Riou und Youenn Drezen. Jakez Riou (1899-1937) kam in Lotei zur Welt und ging 1911 nach Spanien, um zum Missionar ausgebildet zu werden, wo er bis 1918 blieb. Er überlebte den Krieg, war aber von schwacher Gesundheit.
Während seiner Rekonvaleszenz kämpfte er damit, sich einer kirchlichen Karriere zu verschreiben oder sich doch dem Bretonischen zu widmen. Er unterrichtete einige Zeit, und begann dann zu publizieren. Er lebte in ziemlich ungesicherten finanziellen Verhältnissen bis zu seinem frühen Tod, dessen Bevorstehen seinem Werk Ergreifendes hinzufügte.

Jakez Rious An Ti Satanazet erschien 1944 als Buch. Es fängt die Leutseligkeit der ländlichen Bretonen ein, als Anekdoten, die sich um die Originale jedes Dorfes rankten. An Ti Satanazet besetzt in der bretonischen Literatur einen Platz zwischen Geschichten vom Tod und dem Okkulten, die man als 'marvailhoù' bezeichnet und der modernen Kurzgeschichte.

Die Kurzgeschichte war Rious Stärke. Ein dünner Band, seine Sammlung Geotenn ar Werc'hez, ist im modernen Bretonischen ohne Gegenstück geblieben. Die Titelgeschichte 'Geotenn ar Werc'hez' beschreibt, wie ein junges Mädchen zu kränkeln beginnt und ihr vorzeitiger Tod ihren Vater verfolgt: 'Tief in seinem Herzen konnte er deutlich die Stimme seiner Tochter Lotea hören, die ihren Tod auf seine Geiz zurückführte'. In 'Ur Barrad Avel' zerbricht ein Mann seinen Pflug. Um ihn zu ersetzen, muss er sein Pferd verkaufen und als er vom Markt zurückkommt, beschließt er, sein Geld noch einmal zu zählen. Ein Windstoß trägt die Banknoten in den Fluss. An diesem Abend 'atmete Yann ar C'hemeis tief ein, füllte seine Lungen mit dem Duft des Frühlings und erhängte sich'. Rious Geotenn ar Werc'hez zeigt eine ländliche Gemeinschaft in einem modernen Licht. Dadurch wirft er ein Schlaglicht auf die dunklen Seiten der Bretonen und der menschlichen Seele.

Youenn Drezens An Dour en-dro d'an Inizi (1931) ist eine rassige Erzählung, die nur so von den Seiten strömt, wenn Herri Maheo, ein Künstler und Anna Bodri, Tochter eines erfolgreichen Unternehmers aus Douarnenez eine Romanze durchleben. Eine pragmatische, arrangierte Hochzeit trennt sie gewaltsam und lässt Maheo verzweifelt zurück. An Dour en-dro d'an Inizi ist die Tour de Force eines vorwärtsschauenden bretonischen Muttersprachlers.







3. Die Kirche, Exil und das Land
Maodez Glanndour, Youenn Gwernig, Per Jakez Hélias.
Der Dichter Maodez Glanndour (Loeiz ar Floc'h 1909-1986) wurde in Pontrieux in der Nord-Bretagne geboren. Er wurde 1932 zum Priesteramt zugelassen und studierte Theologie und Philosophie. Maodez Glanndours Dichtung beschäftigt sich vorrangig mit der Suche nach und der Definition und Bekräftigung des Göttlichen in der menschlichen Umwelt. Die Gesellschaft hat zu seinem literarischen Ausstoß wenig beizutragen: 'Lass den Lärm hinter dir, gib auf den Klatsch, das Kommen und Gehen, die tratschenden Leute, und steige auf, meine Seele!' Glanndours Komzoù Bev (1985), eine Zusammenstellung von Gedichten, die zu verschiedenen Zeiten seines Lebens geschrieben worden sind, ist eines der wichtigsten bretonischen Bücher des 20. Jahrhunderts. Der Grundton ist philosophisch. 'Lebewesen bestehen aus drei Teilen: Substanz, Lebenskraft, Gedanken'. Und: 'Gewinn ist kein Grund zu sein. Schönheit ist Grund genug für die edlen Dinge zu existieren'. Er schafft Momente von lyrischer Schönheit: 'Keine Schwäne, aber geflügelter Schnee sinkt auf die Insel hinab, und an der Flussmündung gibt es nur Felsen, die sanft unter ihrem Mantel aus Federn schlummern'.

Der erste Zyklus in Komzoù Bev, 'Dour' ('Wasser') etabliert einen poetischen Idiolekt. Dies ist Glanndours größte Errungenschaft. Er sieht das Göttliche als allgegenwärtig an: 'Gerufen von Gott aus dem Dunkel des Nicht-Seins, antworten ihm alle Dinge mit Freude'. Die Zeilen 'Ich möchte große Wälder auf Hügelkämmen und den taumelnden Flug der Schwalben, die sich leichtsinnig hin und her drehen, wiedergeben' sind ein Manifest.

'Imram' ist ein episches Gedicht, ein rhetorisches Werk, dessen Grundlage die Vorstellung von einem keltischen Eden ist. Die Darstellung der Kriegszeit ist apokalyptisch: 'Ich erbreche mein Herz angesichts des stinkenden Blutes und des verrotteten Fleisches, das von Fliegen und Maden verzehrt wird, angesichts der grünlichen Körper die in den Gruben verrotten, die geschwärztes Leichen getaufter Menschen'. Hieraus wünscht sich der Dichter zu fliehen: 'Ich habe gehört, dass es in der See ein geschütztes Eiland gibt, das nur Liebe und andauerndes Glück kennt'.

Glanndours Dichtung entstammt der christlichen Tradition, die seine Gedanken formt. Doch im Bestreben, sich einem bestehenden Dogma zu unterwerfen, läuft sein Werk Gefahr, banal zu werden. Nichtsdestotrotz ist Glanndours Anliegen das eines wahren Dichters und Denkers, eine Tatsache, die ihn von vielen anderen abhebt.

Youenn Gwernig war einer von vielen Bretonen, die eine Zeit in New York verbracht haben. Die Emigranten richteten sich dort in der Mitte des Jahrhunderts ein, als sie in der Gastronomie arbeiteten und eine bretonischsprachige Gemeinschaft bildeten. Gwernig schrieb in den sechziger Jahren über sein Leben in New York. Ein Hauptthema in seinem Werk ist das Zurechtkommen der Emigranten mit einer neuen Umgebung, wobei sie sich nach der Vertrautheit und Schlichtheit der fernen Heimat sehnen: 'Umgeben vom Wasser schläft die Stadt, gelbes Wasser, gezähmtes Wasser, ruhiges und weiches Wasser, sprudelnd von magischen Lebewesen, lebendig und verborgen, stumme Welt der seltsamen Wesen, gnadenlos, kalt jungfräulich wie eine Wiege ohne Kinderschrei oder Wiegenlied, metaphysischer Frieden' (aus 'Am Ufer des Harlem-Flusses' 1963). Die steht im Kontrast zu: '...morgen wenn die junge Sonne auf die Blumen meines alten Tales scheint, wenn ich mich auf den Boden werfe unter dem Himmel, auf der Suche nach diesem langvergessenen Duft in einer Blume...' (aus 'Rückkehr'). Unter den Büchern von Youenn Gwernig ist An Diri Dir (Die Stahltreppe) hervorzuheben, ein dreisprachiges Werk auf Bretonisch, Französisch und Englisch, sowie An Toull en Nor.

Per Jakes Hélias (1914-1998) ist ein Gigant in der aremorikanischen Literatur im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Er schrieb sowohl auf Bretonisch als auch auf Französisch. Sein Werk umfasst mehrere Genres: Journalismus, Hörspiele, fiktionale Prosa und Dichtung. Le Cheval d'Orgueil, der französische Text aus seinem bekanntesten Werk Marh ar Lorh (1986), einer Autobiographie, hat einen phänomenalen Erfolg gehabt und Hélias den Status einer Berühmtheit eingebracht. Per Jakez Hélias literarisches Hauptwerk auf Bretonisch umfasst zwei Gedichtsammlungen, Ar Men Du (1974) und An Tremen-Buhez (1979). Ein Thema in seiner Dichtung ist das Faktum der Sprache und ihre Definitionskraft. 'Als Bretonischsprecher der ich bin, lebt mein Erbe in meiner Sprache, es wird niemals eures sein', schreibt er. Hélias verdankt seine Individualität seinem Aufwachsen in bescheidenen Verhältnissen zusammen mit einer strengen Erziehung. Sein Werk illustriert die Wichtigkeit des Regionalismus in der Bretagne. Sein Marh ar Lorh wurzelt in der Gegend von Bigouden, südwestlich von Quimper. Die Ortsgebundenheit des Werkes war ausschlaggebend für seinen Erfolg.





4. 1970 - 2000
Angela Duval, Mikael Madeg, Yann Gerven.
Während am Anfang und in der Mitte des 20. Jahrhunderts zwei Weltkriege ihren Schatten auf die bretonische Literatur werfen, sind Industrialisierung und Landflucht zentrale Anliegen in den späteren jahrzehnten des Jahrhunderts. Eine Flamme der Wiederbelebung brennt in den Siebzigern, aber die bretonische Literatur der Fünften Republik ist eine Literatur in der Krise.

Mikael Madeg (1950- ) tut sich als produktiver und selbstbewusster Autor hervor. Sammlungen seiner Kurzgeschichten sind Ar Seiz Posubl (1987), und Nozvez ar Hig-ha-fars (1988). Zwei Romantitel sind Tra ma vo Mor (1989) und Gweltaz an Inizi (1990). Madeg ist fest verwurzelt in der nordwestlichen Region von Leon, aber sein Werk transzendiert die lokale Begrenztheit. In Pemp Troad d'ar Maout (1987), einer weiteren Sammlung von Kurzgeschichten, findet sich der Leser zum Beispiel in Paris wieder.

Yann Gerven (1946- ) hat eine Anzahl Romane veröffentlicht. Sein Bouklet ha Minellet (1990) ist eine Reaktion auf einen immer konsumorientierteren Lebensstil. Lesen Sie unseren Beitrag über Yann Gerven.

Angela Duval ist synonym mit der bretonischen Literatur des späten 20. Jahrhunderts. Lesen Sie unseren Sonderbeitrag über Angela Duval.

Um zum Schluss zu kommen, kann man sagen, dass trotz Sprachwechsels und dem Zusammenbruch einer Zivilisation der Korpus der bretonischen Literatur den gesammelten Korpus der vergangenen Jahrhunderte bei weitem übertrifft. Aber das kann man natürlich auch über viele andere Sprachen sagen.









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