In dieser Ausgabe
NORD-KATALONIEN
5. Patrick GifreuPatrick Gifreu wollte immer schon anders sein. Er ist keinesfalls zur katalanischen Sommeruniversität gegangen, um Katalanisch zu lernen, sondern nur, weil er gehört hatte, dass sich dort Mitarbeiter der Zeitschrift Tarot de Quinze treffen. Leider war das nicht der Fall, aber er ist trotzdem nach Barcelona gegangen, hat dort Kontakte geknüpft und Artikel für die genannte Zeitschrift und später für Éczema geschrieben.
Seine Arbeit beruht seit langem auf einer kontinuierlichen Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Organisationen, die sich unabhängig von den politischen Machtkämpfen in Katalonien entwickelt hat, von denen er nichts wissen will: 'Über bestimmte Dinge weigere ich mich zu sprechen, weil ich inzwischen weiß, was es für Konsequenzen haben kann'. Er möchte auch nicht über die soziolinguistische Situation in Roussillon sprechen, die er nebenbei bemerkt nicht so negativ einschätzt: 'Die katalanische Identität beruht hier nicht auf der Sprache, sondern eher auf einem Zusammengehörigkeitsgefühl, das auf Dingen wie Gastronomie, Rugby und Wesensart basiert. Es gibt Katalanen, die Katalanisch sprechen und andere, die das nicht tun'.
Gifreu wurde 1952 in Perpignan geboren und ist Übersetzer und Poet, der die Situation eher persönlich erlebt und seine Identität bei der Arbeit, mit Freunden und auf Reisen auslebt. In seinen Arbeiten kommt das Roussillon auch nicht als katalanisches Redukt vor, weil 'es diese Region auf etwas reduzieren würde'. Tatsächlich interessiert er sich für den Inhalt der Bücher, in denen der sprachliche Aspekt eine andere Rolle einnimmt: 'Mir geht es darum die Entsprechung nicht üblicher Wörter auf Katalanisch zu finden'.
Typisch ist dafür seine Übersetzung des Kamasutra catalá ins Katalanische, das er frech Mirall del fotre (Fickspiegel) nennt, und das von den Sprachwissenschaftlern nicht zur Kenntnis genommen wurde. Er hat dieses Werk ins Französische und Katalanische übersetzt und die klassische katalanische Literatur hält er für überzeugend, unbeachtet der Sprache, einfach was ihre Qualität angeht: 'Man kann über das Katalanische denken was man will, aber niemand würde die literarische Qualität eines Ramon Llull [Raimundus Lulius] anzweifeln'.
Gifreu ist heute einer der besten Übersetzer klassischer katalanischer Literatur ins Französische, Klassiker, von denen er weiß, dass sie in Nordkatalonien kaum gelesen werden. 'Ich sehe meine Aufgabe darin, katalanische Kultur einem breiten Publikum zugänglich zu machen, und ich bin stolz darauf, dass alle von mir übersetzten Werke Zuspruch gefunden haben'. Gegenwärtig übersetzt er Blanquerna, einen Roman, der bisher noch nicht ins moderne Französisch übersetzt worden ist, einer Sprache, 'gegen die er nichts hat, solange Ausdruckskraft vorhanden ist'. Das gleiche fordert er übrigens vom Katalanischen: 'Wie liegen irgendwie im hintersten Winkel von Frankreich und ich sehe die Situation wie ein Stratege. Denn wenn ich Werke wie die von Llull oder das Kamasutra ins Französische übersetze, bringe ich immer auch ein Stück Katalonien nach Paris und gleichzeitig schütze ich mich durch das Übersetzen ins Französische vor diesem Provinzialismus. Denn alles, was man hier auf Französisch macht, ist provinziell'. Seiner Meinung nach ist übrigens der katholische Glaube ein wichtiger Faktor beim Erhalt der katalanischen Sprache: 'Die Priester, mit den auf katalanisch gehaltenen Messen und den kirchlichen Ritualen, sind bis heute eine Art Widerstandskämpfer gegen die Dominanz des Französischen'.
© University of Wales, Aberystwyth 2002-2009
site by
CHL



